Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Überlegungen und Stellungnahmen zu den neuen arabischen Revolutionen
    Eine tunesische Sichtweise

    Die weitverbreiteten Aufstände in vielen arabischen Ländern haben tiefgehende Veränderungen geschaffen. Sie haben die arabische Geschichte aus ihrer Benommenheit und Lethargie herausgestoßen.

    Am Samstag, dem 18. Dezember 2010, gerade einmal zwei Tage nach meiner Rückkehr aus Kairo, wo ich an der Arabischen Tagung über den Roman teilnahm, die dort alle zwei Jahre stattfindet, war ein Treffen mit dem tunesischen Dichter Awlad Ahmed – zur Zeit einer der renommiertesten Dichter aus Tunesien – angesetzt, den ich am Internationalen Kulturzentrum von Hammamat vorstellen sollte. An diesem Tag war alles ruhig. In der Stadt Hammamat, die ein beliebter Touristenort ist, war das Wetter wunderschön; es schien, als sei der Frühling in diesem Jahr ungewöhnlich früh eingetroffen. Ausländische Touristen verschiedener Nationalitäten lagen auf dem weichen Sand des schönen Strandes, wärmten sich in der Sonne, während die meisten ihrer Heimatländer von Schneestürmen heimgesucht wurden.
    Vor der Literaturveranstaltung saß ich mit Awlad Ahmed in einem Restaurant namens Le Condor, wo wir in eine innige Diskussion über Dinge verfielen, die nichts mit Lyrik zu tun hatten. Es war mir ein Vergnügen, Awlad Ahmed am Internationalen Kulturzentrum in Hammamat vorzustellen, denn er ist der Dichter, der seit Beginn der achtziger Jahre über soziale und politische Angelegenheiten in Tunesien schrieb und noch immer schreibt. Seine Gedichte, seine bissigen, satirischen Essays und seine gewagten Positionen im Bezug auf einige politische Ereignisse haben ihm ein hohes Ansehen unter jungen Lyrik-Liebhabern eingebracht, besonders unter denen, die die mummifizierte, offizielle Kultur zurückweisen.
    Awlad Ahmed, geboren in Sidi Bouzid, einer Stadt in der Mitte des Landes, kam zu Beginn der achtziger Jahre in die Hauptstadt. Von Anfang an schaffte er es, sich in der tunesischen Lyrik- und Kulturszene hervorzuheben. Die Essays und Gedichte, die er in Tageszeitungen und Zeitschriften veröffentlichte, kritisierten das korrupte politische Leben des Landes und attackierten Regierungsbeamte und ihre repressiven und despotischen Behörden klar und unzweideutig. Im Jahre 1993, sechs Jahre nachdem er die Macht ergriffen hatte, ernannte Ben Ali Awlad Ahmed zum Direktor des Hauses der Dichtung von Tunesien. Im Jahre 1998 wurde er allerdings von diesem Posten entfernt, weil Beamte des Kulturministeriums sein Benehmen als „abweichend“ ansahen, nachdem sich seine oppositionelle Einstellung gegenüber dem Regime von Ben Ali verschärft und er begonnen hatte, es offen zu attackieren.

    Der erste Funke

    Wir – Awlad Ahmed und ich – bereiteten uns darauf vor, zum Internationalen Kulturzentrum von Hammamat zu gehen, als sein Telefon klingelte. Der Schock und die Beängstigung standen ihm in sein Beduinen-Gesicht geschrieben, daher wusste ich, dass er gerade schlechte Nachrichten erhielt. Als sein Gespräch endete, sagte Awlad Ahmed zu mir: „Hör zu: Es finden schwerwiegende Unruhen in meiner Heimatstadt, Sidi Bouzid, statt. Ein junger Mann namens Mohamed Bouazizi hat sich umgebracht, um gegen den Mangel an Arbeitsplätzen zu protestieren. Jetzt sind die Menschen aufgebracht. Sie sind auf den Straßen und geraten mit den Polizisten aneinander.“
    Dieser schmerzvolle und tragische Vorfall – der Selbstmord des Jugendlichen Mohamed Bouazizi, der sich selbst vor einem Regierungsgebäude in Sidi Bouzid angezündet hatte – war der erste Funke dessen, was nun Jasmin-Revolution genannt wird. Tatsächlich dachte zu diesem Zeitpunkt eine überwältigende Mehrheit der Tunesier, dass in Sidi Bouzid schnell wieder Ruhe einkehren würde, besonders nachdem Präsident Ben Ali der Familie des jungen Mannes, der sich umgebracht hatte, sein Beileid ausgesprochen hatte, politische Reformen versprochen und angeboten hatte, für die Arbeitslosen Arbeit zu finden, besonders für diejenigen mit höheren Abschlüssen. Aber dies war nur eine Fantasie. Die Flamme des weitverbreiteten Zorns griff schnell auf andere Dörfer und Städte im Gouvernement von Sidi Bouzid über, dann erreichte sie die Region Kasserine (in der Mitte des Landes) sowie al-Mahrouma und schließlich weitere Gebiete des Landes. Seine Flamme fuhr fort, sich weiter auszubreiten, bis sie die Hauptstadt und ihre Vororte erreichte, die die „Armutsgürtel“ genannt werden. Als sich der Aufstand ausdehnte, schien das Regime ihm gleichgültig gegenüberzustehen. Tatsächlich mochten Ben Ali und seine Berater geglaubt haben, dass sie – die Intifada – so schnell erlöschen würde wie der Aufstand, der unter dem Namen „Die Revolte der Bergbauregion von Gafsa“ bekannt geworden ist, der drei Jahre zuvor in Gafsa ausgebrochen und streng und gewalttätig unterdrückt worden war, während die öffentliche Meinung der Tunesier stumm verblieb.
    Die Revolte breitete sich weiter aus, aber die offiziellen Informationsdienste, die sich verschiedener Medien bedienten, ignorierten sie weiterhin, während die jungen Leute die täglichen Ereignisse durch das Internet und insbesondere durch Facebook offenlegten. Die Tageszeitungen behielten ihren normalen Ablauf bei und veröffentlichten jeden Tag dasselbe Foto von Ben Ali, der mit einem lächelnden und relaxten Gesichtsausdruck neben seiner Ehefrau Leila posierte, die für Tunesier aller Altersgruppen das Subjekt von Klatsch und Tratsch war. Es wurde über sie, über ihre Skandale, ihre Intrigen und ihre Spielereien diskutiert, aber auch über die Korruption, die sie angeregt hatte und die begonnen hatte, die staatlichen Behörden zu untergraben. Manche Leute verglichen sie mit Imelda Marcos oder auch mit Eva Perón. Andere bezogen sich auf die Antike, insbesondere auf die Byzantinische Ära, um jemanden zum Vergleich heranzuziehen: Die Schauspielerin Theodora, Ehefrau des Kaisers Justinian I. (482-565 n. Chr.). Diese schöne Frau begann ein Leben als Tänzerin. Als Justinian I. sie heiratete, begann sie damit, die Angelegenheiten des Kaisers so zu lenken, wie sie es für angemessen hielt; sie entließ hohe Kirchenfunktionäre von ihren Posten und tauschte Gedanken und Meinungen mit gelehrten Männern und Prälaten aus. Sie führte einige Verschwörungen gegen ihren Mann, der ihr völlig unterwürfig war und niemals eine ihrer Bitten oder Befehle zurückwies. Ben Ali heiratete Leila Anfang der neunziger Jahre nach einer Affäre, die schon viele Jahre gedauert hatte. Leila, die aus einer armen Familie stammte und ihren beruflichen Werdegang als Assistentin in einem Frisiersalon begonnen hatte, nahm eine direkte Rolle in den politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten des Landes ein. Sie schlug Kapital aus ihrem immensen Einfluss, den sie zunehmend genoss, und öffnete die Türen für ihre Brüder und für die Mitglieder ihrer großen Familie, indem sie ihnen gestattete, den Wohlstand des Landes auszubeuten und die Kontrolle über entscheidende Bereiche, wie das Bankwesen und den Tourismus, zu übernehmen. Die Stimmen der Tunesier erhoben sich von Zeit zu Zeit, um das Benehmen derer zu kritisieren, die sie „die Trabelsis“, die Mitglieder von Leilas Familie, nannten – doch Präsident Ben Ali schenkte ihnen nicht viel Gehör.

    „Ich verstehe euch und eure Forderungen“

    Innerhalb weniger Tage breitete sich die Revolte, die in Sidi Bouzid begonnen hatte, bis in alle Regionen des Landes aus, darunter auch in wohlhabende und privilegierte Gebiete wie al-Sahel und al-Watan al-Qibli. Die jungen Leute begannen in Konkurrenz mit der mündlichen und visuellen Propaganda der Regierung von Stunde zu Stunde und sogar von Augenblick zu Augenblick Informationen über den Aufstand und seine Entwicklungen über das Internet und insbesondere über Facebook auszutauschen, auf die Fortführung des Aufstandes zu drängen und Gedichte und Texte auf Arabisch und Französisch zu posten, um den Aufstand zu preisen und ihm Loblieder zu singen. In Anlehnung an Bouazizi und aus Loyalität ihm gegenüber, selbstopferten sich weitere junge Männer. Mit dieser gefährlichen Situation konfrontiert, machte Ben Ali einen weiteren Schritt und hielt am 9. Januar 2011 eine Ansprache, die für ihn und sein Regime einer Katastrophe gleichkam: Denn das tunesiche Volk sah auf dem Fernsehbildschirm, dass er nicht nur mürrisch und angespannt, sondern sogar desorientiert aussah. Zu Beginn seiner Rede drohte Ben Ali damit, Gewalt gegen die Demonstranten einzusetzen und diejenigen, die er „verschleierte Terroristen“ nannte, hart zu bestrafen. Dann präsentierte er einige Reformmaßnahmen und versprach, der arbeitslosen Jugend Arbeitsplätze anzubieten, den sozial benachteiligten inneren Gebieten des Landes besondere Aufmerksamkeit zu widmen und sowohl die Überwachung der Presse als auch die Zensur zu beenden. Die Tunesier waren allerdings nicht von diesen Versprechen überzeugt. Vielmehr wurden sie immer wütender auf Ben Ali und sein Regime. Am nächsten Tag gingen sie wieder auf die Straßen, um gegen die Anwendung von Gewalt, mit der Ben Ali in seiner Rede gedroht hatte, zu protestieren. Die Umstände verschlimmerten sich, nachdem die Trade Union Federation, die nach der Regierungspartei die zweitmächtigste Gruppe des Landes ist, einen Generalstreik androhte. Andere politische Größen, darunter oppositionelle politische Parteien, Bürger- und Jugendorganisationen und kulturelle und künstlerische Gemeinschaften, verkündeten ihre uneingeschränkte Unterstützung für den Volksaufstand und forderten Ben Ali und sein Regime auf, aufrichtige und radikale Reformen in allen Bereichen – politischen, wirtschaftlichen und kulturellen –, ebenso wie in den Medien einzuleiten. In dem Versuch, sich selbst und sein Regime aus dieser Tag für Tag kritischer werdenden Situation zu retten, erschien Ben Ali am Donnerstag, dem 12. Januar 2011, ein drittes Mal im Fernsehen, um den Tunesiern – auf Arabisch mit tunesischem Dialekt – zu sagen, was schon De Gaulle den Rebellen in Algerien gesagt hatte: „Ich verstehe euch und eure Forderungen.“ Er versprach, radikale Reformen in seiner Regierung zu vollziehen, eine unabhängige Kommission zur Untersuchung von Korruption und Bestechung einzusetzen und den Medien absolute Freiheit einzuräumen. Anhänger der Regierung nahmen an, dass der moderate, friedfertige Ton Ben Alis in seiner Ansprache die Flamme des Aufstandes löschen würde. Also gingen sie in der Hauptstadt und ein paar anderen Städten auf die Straßen und riefen: „Lang lebe Ben Ali!“ Die treibende Kraft der Revolte – die Jugendlichen – begegnete Ben Alis Rede jedoch mit Spott und Missgunst. Indem sie die verlogenen Versprechen zitierten, die er wiederholt in Umlauf gebracht hatte, seit er am 7. November 1987 die Macht übernommen hatte, schafften sie es, die Mehrheit der Tunesier davon zu überzeugen, wieder auf die Straßen zu gehen, und zwar unter den Slogans: „Tunesien ist frei und Ben Ali ist weg“ und „Ben Ali, dégage, hör auf!“ Am Abend des 14. Januar 2011 brach das Regime zusammen und Ben Ali floh in Begleitung seiner Familie nach Saudi-Arabien.
    Es ist eine Tatsache, dass das Regime, das zusammengebrochen ist, die Lehren der modernen tunesischen Geschichte nicht beachtet hat. Diese Lehre besagt, dass die Volksaufstände, die seit dem neunzehnten Jahrhundert bis in die Gegenwart in Tunesien stattgefunden haben, fast alle gleich gewesen sind – ungeachtet der Verschiedenheit der Epochen –, sowohl in ihren Zielen als auch in ihren Auslösern und in ihren Ursachen. Der rote Faden, der sie alle miteinander verbindet, ist die Tatsache, dass diese Revolten explodierten, als das Volk des Landes – besonders die Bewohner der zentralen und südlichen Regionen – das Gefühl hatte, dass der Staat es vernachlässigte und sich so verhielt, als seien seine Probleme, Anliegen und Leiden ihm gleichgültig.

    Der „Beduinen“-Aufstand

    Der „Beduinen“-Aufstand, im Jahre 1864 geführt von Ali Ben Ghedhahem gegen den Bey, war von diesem roten Faden abgeschnitten. In diesem Jahr hob der Bey die tunesische Verfassung auf, die 1858 zum ersten Mal verkündet worden war. Er betrieb eine tyrannische, autokratische Politik, indem er den Bürgern nachteilige Steuern auferlegte und seine Soldaten aussandte, um diejenigen zu foltern, die sich zu zahlen weigerten. Diese ungerechte Politik spornte einen Volksaufstand an, der von einem Stammeshäuptling namens Ali Ben Ghedhahem in der Region Kasserine (im Zentrum des Landes) angeführt wurde. Der Bey attackierte die Rebellen energisch und brutal.
    Der Aufruhr endete mit der Hinrichtung von Ali Ben Ghedhahem und seinen Anhängern und der totalen Unterdrückung dieser Revolte, die den Bey fast von seinem Thron geworfen hätte. In den 1960er Jahren rebellierten Anwohner der zentralen, südlichen und an der Küste gelegenen Regionen gegen die sozialistische Politik der Genossenschaften, die von der Regierung angeordnet waren. Als er mit diesem weitverbreiteten Aufstand konfrontiert wurde, entschied sich Präsident Bourguiba, den Minister Ahmed Ben Salah zu entlassen, der in erster Linie für diese Politik verantwortlich war und der anschließend wegen Hochverrats angeklagt wurde. Im Jahre 1978 fand eine gewalttätige und blutige Konfrontation zwischen der Regierung von Premierminister Hédi Nouira und der Trade Union Federation statt. Dies war eine Antwort auf den abfallenden Lebensstandard der Tunesier und den Mangel an öffentlichen Freiheiten; es gab Hunderte von Todesopfern. Weil die Regierung den Brotpreis erhöht hatte, explodierte Anfang 1984 ein weiterer Volksaufstand, der ebenfalls Hunderte Todesopfer forderte. Der Aufstand, der Tunesien Ende 2010 und Anfang 2011 erschütterte und der zu einer mächtigen Revolution wurde, die Ben Alis Regime stürzte, unterschied sich nicht sehr von den Aufständen, die ihm vorausgegangen waren. Nach 23 Jahren uneingeschränkter Herrschaft, konnte keine Fraktion der Tunesier die falschen Versprechen, die Politik der Verzögerung, die Autokratie, die blindwütige Korruption in allen großen und kleinen staatlichen Einrichtungen, die Kontrolle von Ben Alis Familie und der Familie seiner Frau über wesentliche Bereiche der Wirtschaft des Landes länger ertragen. Die Tunesier hatten außerdem die Nase voll von dem Mangel an Freiheiten und der Arroganz der Präsidentengattin, die sich so verhielt, als sei Tunesien ein privater Landbesitz, den sie ausbeuten konnte, wie auch immer sie es für angebracht hielt. Darüber hinaus waren die Tunesier nicht mehr länger an den offiziellen Stellungnahmen interessiert, die sie verachteten und von denen sie zurückgestoßen wurden, besonders als sie feststellten, dass diese Reden ihre bloße Existenz ignorierten. Die diversen Medien waren in ähnlicher Weise nicht in der Lage, mit den Geschehnissen Schritt zu halten, die auf tunesischem Boden vor sich gingen, mit all seinen Eilmeldungen und facettenreichen Entwicklungen. Deshalb erwähnten die Zeitschriften, Zeitungen sowie private und öffentliche Fernseh- und Radiosender nur selten die Probleme und Angelegenheiten, mit denen die Menschen im täglichen Leben konfrontiert sind. An die Bürger wurde nur bei nationalen Anlässen gedacht, wo sie als dankbare Unterstützer des wohltätigen Regimes portraitiert wurden. Die sozialen, ökonomischen und politischen Ereignisse, die die Gesellschaft mit all ihren Bestandteilen beschäftigte, fehlten und wurden verschwiegen. So grub das Regime von Ben Ali sich sein eigenes Grab, wie die Tunesier selbst sagen.

    Wer ist der nächste?

    In dem Moment als das Regime von Ben Ali in Tunis zusammenbrach, begannen die Menschen in allen anderen Teilen der arabischen Welt sich zu fragen: „Wer ist der nächste?“ Sie waren sich sicher, dass die Flamme der tunesischen Revolution bald auch andere arabische Staaten erreichen und ihre korrupten Regierungen stürzen würde, deren Herrscher sich seit langer Zeit an die Macht klammerten, sich weigerten ihr Amt loszulassen und denen jedes – auch illegale – Mittel Recht ist, um ihre Macht zu erhalten. Tatsächlich griff die Flamme der tunesischen Revolution noch im selben Monat des Sturzes von Ben Alis Regime auf Ägypten über und entfernte Präsident Husni Mubarak von der Macht, nachdem er 31 Jahre daran festgehalten hatte. Dann griff die Flamme auf Bahrain, Jemen und schließlich Libyen über, wo ein Despot in der ursprünglichen antiken orientalischen Bedeutung des Wortes seit über vierzig Jahren herrschte. Ich bezweifle, dass die anderen arabischen Länder es schaffen werden, sich diesen rasanten und tiefgreifenden Veränderungen zu entziehen, die momentan stattfinden. Denn die Herzen aller arabischen Völker hängen nun an Freiheit, Würde und an einer Zukunft, die ihnen erlauben wird, eine aktive Rolle im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben des jeweiligen Landes zu spielen, nachdem ihnen diese Teilnahme durch sämtliche Formen der Unterdrückung, Gewalt, Informations-Blockade, Behinderung und Deportation vorenthalten wurde, die ihre Regierungen – egal ob republikanisch oder monarchisch – betrieben haben. Aus diesem Grund denken einige arabische und ausländische Intellektuelle und Politiker, dass es jetzt ligitim sei, von dem „Zeitalter der arabischen Revolutionen“ am Anbruch des neuen Jahrtausends zu sprechen. Insbesondere im Westen war die Diskussion bis dahin auf den Terrorangriff der jungen fundamentalistischen Extremisten von al-Qaida gerichtet, der gegen das World Trade Center in New York und das Pentagon in Washington geführt worden war.
    Dieser Angriff, der die Vereinigten Staaten von Amerika und seine westlichen Verbündeten terrorisierte und in Angst und Schrecken versetzte, veranlasste die Mehrheit der Menschen dazu, zu behaupten, dass der nächste Kampf zwischen dem Islam und dem christlichen, kapitalistischen Westen stattfinden würde. Dies ist es auch, was der amerikanische Denker Huntington in seinem Buch Kampf der Kulturen zu beweisen suchte. Befürworter dieser neuen Theorie waren noch stärker von ihr überzeugt, als terroristische Operationen in einer Vielzahl von Staaten gang und gäbe wurden, darunter auch in arabischen und islamischen Ländern. Im Verlauf der ersten zehn Jahre des 21. Jahrhunderts fuhr der Westen damit fort, die arabische und islamische Welt durch die Brillengläser von extremistischen Jihad-Organisationen wie al-Qaida zu sehen, und glaubte daran, dass diese Welt unfähig sei, sich zu wandeln oder irgendetwas zu produzieren, das diese Sichtweise anzweifeln oder widerlegen könnte. Der Westen stützte sich in seinem Versuch, seinen Glauben zu bekräftigen, auf viele Argumente. Das erste und wichtigste war, dass arabische und islamische Völker hilflos mit der Vergangenheit vermählt seien, daher völlige Interesselosigkeit an der Zukunft zeigten und dass sie unterwürfige Speichellecker und durchgängig unfähig seien, ihr Schicksal zu gestalten oder ihre eigenen Maßstäbe zu setzen. Die Regimes, die diese Völker regierten, waren wirklich korrupt, tyrannisch und autokratisch, aber es schien so, als würden sie für immer andauern. Nur eine ausländische Macht konnte sie stürzen – wie es die Vereinigten Staaten taten, als sie Saddam Husseins Regime ein Ende setzten. Eine Kooperation mit diesen Regimes war daher eine Notwendigkeit, die von politischen und wirtschaftlichen Belangen auferlegt wurde, besonders da arabische und islamische Länder wie Libyen und die Golfstaaten einen gigantischen Reichtum an Öl und Gas besitzen, den die globale Wirtschaft benötigt, nicht zuletzt um ernsthafte Krisen zu vermeiden, die zu Insolvenz und finanziellem Kollaps führen könnten. Die arabischen Revolutionen, die kürzlich in Tunesien und Ägypten stattgefunden und die ihren Einfluss auf andere arabische Staaten ausgebreitet haben, haben dennoch die politischen und intellektuellen Eliten im Westen dazu gebracht, ihre Positionen und Meinungen im Bezug auf zahlreiche wichtige Angelegenheiten, die die arabische und islamische Welt betreffen, zu überdenken. Aus diesem Grund sehen diese Eliten diese Welt nicht länger durch die Brillengläser extremistischer Jihad-Organisationen, sondern durch die Brille ihrer Völker, die urplötzlich aus ihrer Lethargie und Passivität erwacht sind, um ihre korrupten Regimes innerhalb weniger Wochen zu stürzen, um für Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit einzutreten.
    Dies sind die wichtigen Charaktermerkmale der neuen arabischen Revolutionen. Vor allem wurden diese Revolutionen nicht von den herrschenden Regierungen, den Völkern oder den großen westlichen Mächten wie den Vereinigten Staaten von Amerika und den Ländern der Europäischen Union vorhergesehen. Im Gegensatz zu früheren Revolutionen wie der bolschewistischen, chinesischen und kubanischen Revolution wurden diese arabischen Revolutionen nicht im Vorhinein von ihren Führern, Strategen und Soldaten entworfen. Stattdessen explodierten sie plötzlich und überrumpelten alle. Ihre Führer und Organisatoren waren junge Leute aus neuen Generationen, die von den neuen Technologien, wie dem Internet und insbesondere Facebook, begeistert sind. Indem sich sich diese zu Nutzen machten, waren junge Leute in Tunis und Kairo und anderen tunesischen und ägyptischen Städten in der Lage, Nachrichten und Informationen auszutauschen, Befehle zu erteilen und sich auf die Straße zu begeben, um den Sicherheitskräften gegenüberzutreten, die mit den modernsten Waffen ausgerüstet waren – während die Protestierenden Hymnen zum Lob von Freiheit und Würde sangen.

    Mit bloßen Händen

    Eine weitere charakteristische Besonderheit der arabischen Revolutionen ist die Tatsache, dass sie Revolutionen gewesen sind, in denen bloße Hände den Kräften von Rücksichtslosigkeit und Tyrannei begegneten, denn im Großen und Ganzen haben die jungen Demonstranten es vermieden, Zuflucht in der Gewalt zu suchen, sogar als die Sicherheitskräfte scharfe Munition auf sie abfeuerten. Dies ist es, was die jungen Menschen in Tunis am Freitag, dem 14. Januar, taten – nur wenige Stunden bevor das Regime von Ben Ali zusammenbrach. Polizisten feuerten auf die Demonstranten – auf junge Männer und Frauen in den Zwanzigern, die riefen „Ben Ali, dégage!“ („Ben Ali, tritt zurück!“). Sie entblößten ihre Brust, bereiteten sich darauf vor, um der Freiheit und der Würde willen zu sterben. Folglich beobachtete der berühmte französische Journalist Jean Daniel in seinem wöchentlichen Leitartikel für Le Nouvel Observateur (veröffentlicht am 23. Februar 2011) zutreffend: „Das Eindrucksvollste dieser Intifadas sind die bloßen Hände.“ Was die Revolutionäre des arabischen Frühlings vollbringen, wird ohne den Rückgriff auf Waffen erreicht, besonders in Libyen, wo sie den Gewehrkugeln mit der bloßen Brust begegneten. „Wir haben es hier weder mit Kamikaze-Kämpfern zu tun noch mit begeisterten Anhängern von Selbstmordangriffen. Sie bringen niemanden um, und überlassen daher ihren Feinden die Sünde des Mordens. Ihre Taten scheinen auf einer Bemerkung zu basieren, die Albert Camus für einen seiner Helden schrieb: ‚Jedes Mal, wenn eine unterdrückte Person die Waffen im Namen der Gerechtigkeit ergreift, hat sie einen Schritt in Richtung Ungerechtigkeit getan.’“ Die Revolutionäre des arabischen Frühlings „bieten eine immense kollektive Kraft durch ihre bloße Gegenwart auf. Dies ist genau das, was uns von extremistischen Rittern unterscheidet.“
    Die Volksaufstände in Tunesien, Libyen und anderen arabischen Ländern haben tiefgreifende und wichtige Veränderungen gebracht, die sicherlich nicht vorhergesehen worden waren. Sie haben korrupte autokratische Regierungen gestürzt und die arabische Geschichte aus ihrer Benommenheit und Lethargie wachgerüttelt, um stattdessen eine sich entfaltende Geschichte zu schaffen, die mit dem gegenwärtigen Zeitalter und seinen Veränderungen interagiert, und um die Hoffnungen junger Generationen, die von Freiheit und Würde träumen, widerzuspiegeln. Dennoch bleibt die Zukunft angespannt und voller Gefahren. Das zerstörerische Chaos, das sein hässliches Gesicht hier und da von Zeit zu Zeit zeigt, kann die Träume der Revolution vernichten und seine Verteidiger frustriert und verzweifelt zurücklassen. Radikale, fundamentalistische Bewegungen könnten die Atmosphäre der Freiheit und Offenheit ausnutzen, um dieses oder jenes arabische Land in Bürgerkriegen sowie ideologischen und sektiererischen Kämpfen zu versenken. Es gibt viele andere Möglichkeiten, die vorsichtig beobachtet werden müssen, um all das zu vermeiden, das den vorwärts gerichteten Fluss der arabischen Geschichte umdrehen könnte. Dennoch existiert die Hoffnung aus gutem Grund. In Tunesien, Ägypten, Libyen und anderen arabischen Ländern sind die politischen und intellektuellen Eliten in der Lage, den schwierigen Prüfungen, die auf sie warten, zu begegnen. Eliten wie diese sind der „Sicherheitsgürtel“, wenn neue arabische Revolutionen ihre Ziele und Absichten erreichen. Dies ist es, was ihre unschuldigen Märtyrer erwarten, und der erste von ihnen war ein verarmter junger Mann aus Sidi Bouzid, der den Namen Mohamed Bouazizi trug.

    Hassouna Mosbahi,
    geboren 1950 in Kairouan in Tunesien, ist ein berühmter tunesischer Romanautor und Intellektueller. Viele seiner Werke wurden ins Deutsche, Englische und Französische übersetzt. Von 1985 bis 2000 lebte er in München. In den Achtzigern war er einige Jahre lang der arabische Herausgeber von Fikrun wa Fann / Art and Thought.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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