Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Fundamentalisten im Winterschlaf

    Wie ist der religiöse Fanatismus entstanden, der schließlich zu den 9/11-Anschlägen geführt hat? Die libanesische Autorin Alawiyya Sobh macht klar, dass salafitische Fundamentalisten zu Unrecht im Namen des Islams sprechen.

    Durch den Terrorangriff des 11. September begann das 21. Jahrhundert mit neuen Formen des Barbarismus und rassistischen Praktiken, erzeugt von Böswilligkeit und Fanatismus. Dieser abscheuliche, kriminelle Vorfall offenbarte dem Westen die Glaubensvorstellungen, Mordmethoden, blutigen Gewohnheiten und Ansichten der Fundamentalisten. Er trug außerdem die Vorboten und Hinweise in sich, die auf unseren Eintritt in ein neues Zeitalter der Tyranneien, Massaker und vernichtenden Explosionen hindeuteten, die auf all diejenigen Menschen in unseren Ländern gerichtet sind, die anders sind. Wir hatten geglaubt, dass eine Gewalt wie diese in die Vergangenheit zurückgewichen sei, zusammen mit dem Rest der Gedanken, Glaubensvorstellungen und Revolutionen des zwanzigsten Jahrhunderts. Wir hatten geglaubt, dass verschiedene Formen demokratischer Regierungen angenommen werden und alle Menschen einander als Brüder und Schwestern ansehen würden. Im vergangenen Jahrhundert herrschten in allen politischen, kulturellen und sozialen Bereichen unserer Länder als Resultat einer Öffnung in Richtung Westen Strömungen kultureller Aufklärung und ein Verlangen nach Modernität vor. Enttäuschungen, Niederlagen und das Misslingen des Vorhabens, unsere arabische und islamische Welt zu modernisieren, haben dennoch diese Art der Bewegungen hervorgebracht, die sich in der Regel in Zeiten des Zerfalls stark ausbreiten, wenn Ignoranz und Aberglaube die Macht ergreifen, während Verstand, Wissenschaft und Kultur abwesend sind. Dann wird die alleinige Autorität zur Religion. Wenn doch bloß die autoritäre Obrigkeit die Religion wäre, und nicht der Fanatismus und die salafitischen und Takfir-Strömungen, die reflexartige Gewalt und Blutvergießen – anders gesagt: das Schlachten Unschuldiger – begrüßen, solange es das Blut der Fremden ist, das vergossen wird, das Blut von all denen, die anders sind! Es ist außerdem wichtig zu erwähnen, dass diese fanatischen, salafitischen Tendenzen sich aus den autoritären Regimes herausgebildet haben, die ihr Volk unterdrücken. Außerdem entwickelten sie sich aus der Schwäche des Aufklärungsprojektes heraus und aus seinem Versagen, Träume in die Realität umzusetzen. Ebenfalls glaube ich, dass das Entstehen dieser Arten des Fundamentalismus ein Resultat der Krise der Philosophie ist, die aus unseren Ländern verschwunden ist. (Philosophie ist ein Tabu und wird daher an Universitäten und Schulen in zahlreichen arabischen und islamischen Ländern nicht studiert.) Viele gebildete Leute haben zudem die Philosophie, die ehemals ihre Autorität war, durch die Religion ersetzt. Also haben Gedanken, Überzeugungen und die Sprache sich verändert. Fundamentalistische Strömungen haben beispielsweise den „Klassenkampf“ durch den „religiösen Kampf“ ersetzt. Die Armen werden nicht länger als unterdrückt angesehen, denn vom religiösen Standpunkt aus ist der Fremde der Unterdrücker. In ähnlicher Weise sind Länder, die früher „imperialistisch“ waren, nun „die Welt der Arroganz“. Auch die kulturellen Konzepte derjenigen Fundamentalisten, die bis vor kurzem noch Säkularisten waren, haben sich geändert. Lernen und Infragestellen nehmen nicht länger einen Ehrenplatz ein; jetzt geht es nur noch um Antworten, die von der Religion inspiriert sind. Hinzu kommt, dass die Religion für Fundamentalisten problematisch ist und sie in ihren Augen eben keine Gläubigen schafft, die jeden willkommen heißen, der anders ist. Stattdessen schaffen sie rassistische Mörder.

    Takfir-Fundamentalismus

    Die Ereignisse des 11. September zeigen, dass die Takfir-Ausprägungen des Fundamentalismus nicht alle Menschen als Brüder und Schwestern betrachten; der Westen wird als der Fremde gesehen – als christlich, ungläubig und arrogant. Daher ist kein Abendländer schuldlos, und es ist zulässig, Blut zum Nutzen der fundamentalistischen Gemeinschaft, die als schwach angesehen wird, zu vergießen. Der Bezugspunkt der Fundamentalisten in ihrem Umgang mit dem Fremden ist nicht die Religion, sondern ein Vertrauen auf Glaubensgemeinschaften, Sekten, Überzeugungen und extremistische Gruppierungen, die im Wandel der Zeiten überlebt haben. Sie sind abhängig von all diesen Bezugspunkten, um sich selbst von dem Fremden und um die Identität vom Zerfall unterscheiden zu können. Daher wird die Identität des Selbst im Bezug auf den Fremden rassistisch, sektiererisch und terroristisch. Viele islamische Gemeinschaften und sogar ein paar arabische Regierungen sehen den Brief von Umar ibn al-Khattab als ihren Bezugspunkt für den Umgang mit Christen, die sie als Ahl al-Dhimma, als „geschütztes Volk“, ansehen, anstatt sie als Landsleute anzuerkennen. Im Folgenden werden nun einige Abschnitte aus diesem Brief zitiert, den die Christen in Syrien an den Kaliphen Umar schickten, und der Umars Vertrag mit ihnen anregte:

    Wir garantieren, dass wir kein Kloster, keine Kirche, keine Mönchszellen und Eremitagen in unserer Stadt oder in ihrer Nähe bauen werden.
    Wir werden keine [der oben genannten] reparieren, die zerstört wurden, und werden keine benutzen, die in muslimischen Vierteln gelegen sind. Wir werden unseren Kindern nicht den Koran lehren.
    Wir werden Muslimen mit Respekt begegnen und uns von unseren Plätzen erheben, wenn sie sich setzen möchten. Wir werden weder Hüte, Turbane oder Sandalen tragen, die den ihren gleichen, noch werden wir unser Haar wie sie scheiteln, ihre Sprache sprechen, ihre Namen verwenden oder dieselben Sättel verwenden wie sie.
    Wir werden uns nicht mit Schwertern umgürten, jegliche Art von Waffen anwenden oder sie mit uns führen, und wir werden keine arabischen Inschriften in unsere Siegelringe eingravieren.
    Wir werden uns das Haar aus unserer Stirn schneiden, unverwechselbare Kleidung tragen, wo auch immer wir sind, und wir werden den Zunnar-Gürtel um unsere Taille legen.
    Wir werden unsere Kreuze und unsere Kirchen nicht an Straßen oder Märkten zur Schau stellen, die Muslime häufig besuchen. Wir werden an unseren Kirchen keine Kreuze aufhängen und werden unsere Glocken in Anwesenheit eines Muslims nicht läuten.
    Wir werden keine Prozessionen im Freien an Palmsonntag oder Ostern veranstalten, wir werden unsere Stimmen nicht erheben, wenn wir die Toten beklagen, werden ihnen kein Feuer an Orten anzünden, an denen Muslime vorbeikommen, und wir werden unsere Toten nicht in ihrer Nähe begraben.
    Wir garantieren, dass wir und die Menschen unserer religiösen Gemeinschaft diesen Dingen Folge leisten werden. Im Austauch erhalten wir eine Sicherheitsgarantie für uns und unsere Besitztümer. Wenn wir irgendeine dieser Übereinkünfte, die wir uns selbst auferlegt haben, missachten, dann ist dieser Vertrag ungültig und ihr seid befugt, uns wie ein aufrührerisches und störendes Volk zu behandeln.

    Ich glaube, dass das Problem vielmehr kulturell als politisch ist. Das Problem ist in der Kultur eingeschlossen, die durch solche Gruppierungen hervorgebracht wird, während die säkularen Intellektuellen mit ihren Krisen, Marginalisierungen und Zünften beschäftigt sind.
    Während der aufklärerischen, modernisierenden Entwicklung, die das zwanzigste Jahrhundert dominierte, war der Westen der Fremde, der sich am Dialog beteiligte und die intellektuelle Kultur, die Literatur, die Künste und die Kreativität im Allgemeinen beeinflusste. Für die Islamisten ist der Westen nun aber der arrogante Ungläubige, der in die Luft gejagt und getötet werden muss.

    Tsunami des Hasses

    Sie hassen und verachten jeden, der anders ist – egal ob es der Westen ist oder irgendeine Gruppierung, die ein anderes Glaubenssystem hat. Sie hassen alles, was politisch, kulturell oder ideologisch anders ist. Sie hassen das Leben und die Frauen und all das Schöne auf der Welt. Sie erklären alles für ungläubig: den Westen, die Säkularisten, die Künstler, die Intellektuellen und jeden menschlichen Gedanken. Ihr Hauptgedanke ist es, jeden zu töten, der anders ist, und zwar egal wie. Unser Kampf hier oder im Westen richtet sich gegen alle übereifrigen Fundamentalisten, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören, denn ein wirklich religiöser Gläubiger ist weder fanatisch noch rassistisch. Für diese fundamentalistischen Eiferer ist jeder liberale, säkulare Denker, jeder Intellektuelle, jeder Künstler, jede gebildete Person, jeder Maler, jeder Musiker und Sportler ungläubig und unanständig. Sie sehen jeden als Spion an, der nach Zivilisation und nach der Freiheit des Glaubens, des Rechts, der Gesetze, der Religion, der Person und des Körpers verlangt. Jeder, der vom Leben träumt, ist ein Ungläubiger. Sie denken, dass sie Gottes Soldaten seien, die sich selbst in die Luft sprengen, um die Wahrheit zu verteidigen, und dass das Blut der Ungläubigen die gemeinschaftliche Schuld wegspülen und ihnen den Eintritt ins Paradies erlauben würde. Das Seltsame daran ist: Da es doch der Himmel ist, den sie wollen, warum treten sie dann nicht die Erde an uns ab? Es scheint ihr ganzes Projekt zu sein, das Leben einer Kultur des Todes zu unterwerfen, einer Kultur, die das Leben fürchtet. Ihnen zufolge sind Menschen, die Partei für das Leben ergreifen, Ungläubige, ebenso wie die Verteidiger der individuellen Freiheit und des Säkularismus Ungläubige sind.
    Angesichts der Tatsache, dass sie den Westen für ungläubig erklären, finde ich es seltsam, dass sie dorthin gehen und sein säkulares System unterwandern wollen, um dem Westen ihre Überzeugungen aufzuzwingen, indem sie beispielsweise in Frankreich den Frauen erlauben, einen Niqab-Gesichtsschleier und ein Kopftuch zu tragen, während die französischen Zivilgesetze dies verbieten. Ihre Vorgehensweise ist exzentrisch: Warum suchen sie den Westen auf, den sie als ungläubig ansehen – während sie ignorieren, dass die westlichen Gesellschaften muslimische Migranten empfangen haben, ihnen erlaubten, ihre Rituale und Zeremonien auszuüben, und muslimische Gotteshäuser schützten? Wenn der Säkularismus der westlichen Gesellschaften als ungläubig erachtet wird, warum gehen sie dann in den Westen? Es ist erstaunlich, dass sie – wenn sie es könnten – die Luft und die Natur dem Islam unterwürfig machen würden; sie wollen das Leben, seine Naturgesetze und Lebensarten dem Islam anpassen, und behaupten, dass die islamische Religion dies erfordere. Allerdings repräsentieren sie nicht den Islam, denn dieser erkennt im Gegensatz zu ihnen alle himmlischen Religionen an, bezeichnet keine anderen Völker als ungläubig und verbietet es, einen Menschen zu töten und unschuldige Menschen in die Luft zu sprengen. In der islamischen Religion ist die einzige Art, auf die zwei Muslime voneinander unterschieden werden können, der Grad der Frömmigkeit, und nicht die Frage, ob einer von ihnen Araber ist oder nicht.
    Es ist seltsam, dass wir bis zu den Anschlägen des 11. September  nicht realisiert haben, wie gefährlich sie für unsere Gesellschaften sind. Es ist merkwürdig, dass es fanatische Organisationen in der arabischen Welt gibt, die die Abschaffung von Fächern wie Kunst, Theater, Schauspiel und Musik an unseren Universitäten und Schulen fordern. Wer weiß, vielleicht werden sie sich bemühen, das Unterrichten sämtlicher kreativer oder geistreicher Leistungen unseres dichterischen Erbes oder der großartigen Kultur unserer Sufi-Mystik ungesetzlich zu machen.
    Sie sind Rassisten – entstellte, böswillige, eifersüchtige und kranke Erben des Rassismus und der Kultur des Genozids in dieser Welt, der scheinbar zunehmend gewalttätiger, blutiger und rassistischer wird. Über dieser Welt bricht ein Tsunami des Hasses zusammen, des Hasses fundamentalistischer Eiferer – kein Tsunami der Flüsse, Meere, der Sonne oder der Wut der Natur.
    Diese Fundamentalisten mit ihrem hochgradigen Rassismus scheinen unsere Welt bis zu den Heiligen zurückzubefördern, zu den Schläfern von Ephesus, die aus einer Höhle hervorkamen. Diese Fundamentalisten sind wie tote Männer, die wollen, dass wir ihre Höhle betreten und darin für Jahrhunderte schlafen, genau wie sie es taten. Unsere Welt ist Zeugin einer Auferstehung der Toten, die mehr als tausend Jahre lang im Dreck geschlummert haben. Sie erwachten von den Toten, um den Verstand aus unserer Geschichte und unserem Leben, zusammen mit allen menschlichen und aufklärerischen Ideen auszulöschen.
    Die Opfer des Anschlags vom 11. September sind Zeugen eines – gelinde gesagt – kriminellen Terrorismus. Der Opfer willen müssen wir über dieses Zeitalter, unsere Welt und auch über die Völker unserer Region nachdenken. Hier vermehren sich die Extremisten wie Gifte und tödliche Viren, und ihre Opfer – in Algerien, Jemen, Irak, Somalia, Afghanistan, Pakistan und in vielen anderen Ländern – vermehren sich ebenfalls. In Algerien metzelten sie junge Schulmädchen nieder, lediglich weil sie Sportkleidung trugen. In Somalia drohten sie damit, jeden zu töten, der die Fußballweltmeisterschaft ansah, mit der Begründung, dass das Ansehen des Spiels ein Akt des Unglaubens sei und Ungläubige getötet werden müssten. Sie haben Tausende unschuldiger Menschen – wenn nicht mehr – in Algerien und in Irak getötet und diese Opfer schlossen eine Elite kultureller, intellektueller und künstlerischer Gruppierungen sowie Universitätsprofessoren, Physiker, Psychologen und Sportler mit ein. Sie nahmen sich jeden zur Zielscheibe, der sich aktiv an Bereichen der modernen Zivilgesellschaft beteiligte.
    Ich war entsetzt, als mir ein junger Schriftsteller während eines kurzen Besuches in Algerien erzählte, dass seine Familienmitglieder, die in einer ländlichen Gegend leben, ihre Nacken mit Öl einschmieren, bevor sie schlafen gehen, damit sie weniger Schmerzen fühlen, falls in der Nacht ein islamischer Fundamentalist kommt und sie ermordet, während sie schlafen – wie es schon vielen Menschen passiert ist.

    Öffne niemals das Fenster

    Sie sind an einem ständigen Verlauf von Fatwas interessiert. Jede dieser Fatwas ist so häretisch wie die vorherige und zielt auf den Verstand und die Frauen ab, die oft von ihnen missbraucht werden. Es ist skurril, dass einige ihrer Gruppierungen, beispielsweise in Somalia, nicht nur befehlen, dass die Frauen den Niqab-Gesichtsschleier tragen müssen, sondern ihnen auch vorschreiben, dass er aus grobem Stoff bestehen muss, um ihn anständiger zu machen. Außerdem befehlen sie, dass in Häusern, in denen Frauen leben, niemals die Fenster geöffnet werden dürfen. Das Beängstigende daran ist, dass die Frauen dieses Bild, das ihnen von der Unterdrückung und ihrer schwachen Stellung aufgezwungen wird, verinnerlichen. Ich stellte fest, dass jemenitische Frauen, die den Niqab trugen, sich weigerten, wählen zu gehen, da dies unsittlich sei.
    Am meisten schmerzt es mich, zu sehen, wie Frauen ausgepeitscht und geschlagen werden. Einige Fernsehsender zeigten Filmmaterial eines Mädchens im Sudan, das von drei bärtigen Männern aus islamistischen Gruppierungen geschlagen wurde, weil sie Hosen getragen hatte. Sie schrie. Ihre Stimme war vom Schmerz entstellt, als sie wie eine zu Tode geängstigte Henne von einem Mann zum nächsten floh, ihre Füße griff und sie anflehte, aufzuhören sie auszupeitschen. Stattdessen wechselten sie sich damit ab, sie erbarmungslos zu schlagen. Die Fernsehsender strahlten außerdem eine ähnliche Szene eines weiteren Mädchens aus, einer Pakistanerin, die von einer Gruppe Männern geschlagen wurde, auch aus dem Grund, weil sie Hosen getragen hatte. Als ich diese Szenen sah, hatte ich das Gefühl, dass sie mich geschlagen hatten, und hatte noch tagelang Alpträume. Ich war voller Zorn und fragte mich im Stillen, ob das Leben noch eine Bedeutung für eine Person behielt, die der Freiheit beraubt worden war. Was für eine Bedeutung hat das Leben noch, wenn solch eine grausame Unterdrückung von diesen Irren und Wahnsinnigen angewandt wird, die das Leben vernichten, während sie sich an seinen Zügeln festklammern.
    Salafitisches Gedankengut zerstört das Leben und die Sprache der Entwicklung und Zivilisation. Es schafft den demokratischen Sozialkampf und jeglichen Dialog oder jegliche Begegnung zwischen den Kulturen ab und ersetzt sie durch böswilliges Verhalten, Terrorismus und die Dämonisierung des Fremden als Ungläubigen. Es erteilt Genehmigungen zum Töten und Blutvergießen von unschuldigen Menschen. Und das Gefährlichste von allem ist die Annahme, dass ein solches Verhalten erforderlich ist, um in das Paradies zu kommen.
    Eine gebildete Person, die am Lernen, an der Menschheit, am Leben und an der Schönheit interessiert ist, muss tyrannischen Kräften begegnen; und unsere Länder mit ihren zahlreichen ethnischen und religiösen Gruppen müssen ein Projekt der Säkularisierung angehen, damit die Religion vom Staat getrennt wird und zeitgenössische demokratische Formen, mit ihrer tiefgehenden humanistischen und zivilisatorischen Bedeutung, akzeptiert werden. Ein Projekt der Säkularisierung, das keinen Mangel an Glauben mit sich bringt, sondern von ihm abhängt aufgrund der Akzeptanz der Verschiedenheit, der Akzeptanz des Fremden, wer auch immer dieser sein mag. Der Dialog mit dem Fremden und dessen Anerkennung sind ein untrennbarer Teil der Identität jeder Kultur und jedes Volkes. Denn Identität ist nicht – im Gegensatz zu dem, was sie vermuten – in der Vergangenheit erstarrt. Sie ist etwas, das sich kontinuierlich weiterentwickelt und ihre Existenz in der Vergangenheit und in der Zukunft realisiert, so dass ihre Dynamik und Wirksamkeit vollkommen offenbart werden kann.        
    Jeder, dem etwas an der Kultur liegt, muss die liberale Demokratie verteidigen, die – trotz all dem Schaden, den sie verursacht hat – eine Antwort, eine Notwendigkeit bleibt, denn sie bringt politische Diversität, Zusammenleben, Toleranz, Menschenrechte, Respekt dem Fremden gegenüber, Selbstdarstellung, Kritik und einen friedlichen Übergang der Macht mit sich. Anders gesagt: Sie beinhaltet all das, was uns aus der Barbarei gezogen und uns einem guten Leben näher gebracht hat; einem Leben, das wir nicht verdienen, es sei denn wir gestalten es, indem wir darüber schreiben und lesen, wie der Schriftsteller Mario Vargas Llosa in seiner Dankesrede bemerkte, als er in diesem Jahr den Nobelpreis für Literatur erhielt. Wir müssen dem tödlichen Fanatismus, dem abscheulichen Terrorismus, der den Fremden zur Zielscheibe macht, und dem Irrsinn ins Gesicht sehen. Denn indem wir dies tun, verteidigen wir uns selbst, unsere Humanität, unser Recht auf ein schönes Leben und unser Recht darauf, Träume in die Realität zu verwandeln.

    Alawiyya Sobh
    ist eine bekannte libanesische Schriftstellerin und Journalistin. Ihr Roman Marjams Geschichten wurde in viele westliche Sprachen übersetzt.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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