Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die ersten Jahre meiner Generation – Identitäten jenseits von Nation, Geschichte und Ideologie

    Die meisten 9/11-Attentäter kamen aus Saudi-Arabien – dennoch war Saudi-Arabien nur indirekt von den Attentaten betroffen. Der saudische Autor Ahmad al-Wasel gehört zu der Generation, für die 9/11 prägende Folgen hatte.

    Ich stehe unter der Dusche und er sagt: „Gott ist großartig”…

    Dienstag, 11. September 2001. Gemeinsam mit einem Freund kam ich in Bahrain an. Ich stand unter der Dusche und wusch den Schmutz der Reise von mir ab. Während ich meinen Körper abtrocknete, verließ ich das Badezimmer und fand meinen Freund vor, wie er wiederholt voller Bewunderung den Satz aussprach: „Gott ist großartig!“ Sein blinder Wahhabismus wurde deutlich, als ich hörte, wie er Amerika noch mehr Böses wünschte.
    Plötzlich verschwand alles aus meinen Gedanken. Kein Herumwandern mehr zwischen Buchläden und Kinos, kein Schlendern mehr an der Küste entlang. Ich war völlig von den Ereignissen in Anspruch genommen, bis zu dem Punkt, dass meine Empathie mit jedem, der aufgrund dieses Luftangriffs leiden musste, mich insgeheim zu der Frage veranlasste:
    Wie kann Ideologie – und in diesem Zusammenstoß zeigt die Ideologie eines ihrer hässlichen Gesichter – die Menschlichkeit von Personen vernichten, bis hin zu einem Punkt, an dem eine Person ihre eigene Menschlichkeit nicht mehr spürt, während sie die Menschlichkeit der anderen spüren sollte?
    Ich kann verstehen, wie dieses Amerika meinem Freund dargestellt worden ist. Es ist eine Darstellung, die darauf abzielte, einen politischen Konflikt zu verstärken. Er bezeichnet es als den Verbündeten des Teufels, eine Entität, die gegen seine Religion und Ideologie gerichtet ist, ungeachtet dessen, dass dieses christliche Amerika ein Bündnis mit seinem Wahhabismus gegen den Kommunismus geschlossen und viele unserer Jugendlichen dazu aufgefordert hatte, sich für den heiligen Anlass – den kommunistischen Krieg auf afghanischem Boden – zu erheben.
    Vielleicht gaben diejenigen von uns, aus denen die Gesellschaft besteht, vor, dass sie das, was unseren nachhausekehrenden Kriegern – den so genannten arabischen Afghanen – geschah, vergaßen; also denjenigen, die keinen Märtyrertod erlangten, als die Russen sie während des Krieges verfehlten. Was werden wir tun, um sie in die Gesellschaft zu reintegrieren? Wir sind nicht einmal eine Zivilgesellschaft, sondern vielmehr eine divergierende Anhäufung von Stämmen, zerstreuten urbanisierten Individuen und ansässigen Arabern verschiedener regionaler Herkunft.
    Vielleicht ist dies der Knackpunkt dieses komplizierten Problems. Die gesellschaftlichen, ökonomischen, politischen, religiösen und kulturellen Rechte und Verantwortungen befinden sich in einem starken Ungleichgewicht. Die Geschichte hat uns vorgeschrieben, basierend auf politischer Leere und Verschwörungstheorie, dass wir nicht zu ihr gehören. Wir sind nichts anderes als der Ort, der Öl für die Welt produziert; und der Ort, an dem sich die zwei Städte des islamischen Glaubens, Mekka und Medina, befinden.

    Die Ameisen essen die Kuchen

    Ich wurde in den späten siebziger Jahren in Folge des Wohlstandes geboren, der nach dem Öl-Embargo von 1973 entstanden war. Vom historischen Standpunkt kollidierte dieses Ereignis mit anderen regionalen und politischen arabischen Ereignissen, wie zum Beispiel dem Mord an König Faisal im Jahre 1975 und dem Gewähren der Amnestie für politische Gefangene verschiedener politischer Zugehörigkeiten, wie dem Baathismus, dem Nasirismus und dem Kommunismus. Trotzdem gelang es den verschiedenartigen Strömungen des islamischen Widerstandes, mit absoluter Macht zu regieren. Der politische Islam durchdrang alle armen Länder in Asien und Afrika, bevor er sich schließlich auch in die ärmlichen und ausländisch geprägten Viertel von Europa und Amerika hineinschlich.
    Enorme Summen Geld sind ausgegeben worden, Quantitäten, die die Anzahl der Sandkörner auf der arabischen Halbinsel übertreffen. Sie hätten für wichtige Entwicklungsprojekte verwendet werden können, und dies hätte uns zu einer Traumnation gemacht. Stattdessen wurden die Moscheen mit Missionierern, schreienden Kassettenbändern und bissigen Pamphleten gefüllt. Sie traten in unsere Gesellschaft ein, um Menschen, Familien und Freunde voneinander zu trennen.
    Ich verbrachte viele Jahre in der Schule, einem Platz voller Ameisen.
    Ja, ich war Zeuge eines Konfliktes, aber die so genannte islamische Rechtleitung war mit ihren Verboten nicht in der Lage, mich zu überzeugen. Die Drohungen, die sie machte, machte mir die von mir geliebte Kunst nicht abspenstig. Vielmehr ließ sie die Drohungen selbst abscheulich erscheinen. Meine Leidenschaft für Literatur, Musik, Kino und Theater blieb bestehen.

    Beklemmungen in der Wüste

    Die schockierenden Nachrichten erreichten uns an jenem Abend – ich erinnere mich, dass es Abend war – durch meinen Schwiegeronkel, der zu der Zeit der Geschäftsleiter der kuwaitischen Zeitung Alanbaa war. Es war Donnerstag Abend, der 2. August 1990. An diesem Abend griff Saddam Hussein Kuwait an. Wir sahen uns gerade eine irakische Seifenoper namens Black Candles an. Die Sendung wurde ohne jede Bemerkung einfach unterbrochen, wie es oft geschieht.
    Die Okkupation Kuwaits war lediglich eine Variante der Okkupation des Landes meiner Verwandten. Ich war schockiert von der Okkupation der Armee Saddam Husseins. Dieses Ereignis nährte ein politisches Bewusstsein in mir, als ich noch nicht älter als fünfzehn Jahre alt war.
    Wir verfolgten alle Nachrichten, an die wir herankamen. Es gab politische Bekanntmachungen, Stellungnahmen von Funktionären und widersprüchliche Rechtfertigungen für diese Okkupation. Letztendlich ging es immer um das Öl!
    Nach seiner Pensionierung teilte mein Großvater seine Zeit so ein, dass er eine Hälfte des Jahres in Kuwait blieb, und die andere Hälfte in Riad und seiner Heimatstadt Unaizah in der al-Qassim Provinz verbrachte.
    Diese Okkupation war wie ein Eisen, das auf meinen kleinen Kopf einschlug. Sie veranlasste mich, meine Aufmerksamkeit auf die politische, ökonomische und religiöse Geschichte dieser arabischen Halbinsel zu richten, deren Bild in eine Mischung von Staaten unterschiedlicher Größe aufgeteilt wurde, ohne dass es eine historische Rechtfertigung dafür gibt.
    Es ist die Weisheit der Sykes-Picot-Brüder!
    Die saudische Gesellschaft blieb nicht an Ort und Stelle. Religiöse Protestbewegungen kamen zum Vorschein, charakterisiert durch die Nachfolger der Wahhabi-Brüder. Zu jener Zeit riefen sie durch eine Reihe von Predigten und Zusammenkünften, die sie von öffentlichen Kanzeln aus hielten, zu einer Erweckung auf. Sie bemühten sich darum, die Regierung zur Rede zu stellen und sie für ihre Zusammenarbeit mit der amerikanischen Armee im Befreiungskampf Kuwaits in Verlegenheit zu bringen, als hätten sie Aramco und dessen Mitarbeiter nicht bemerkt!
    Und da tauchte die Regierung in einen Krieg mit ihrem Erweckungs-Nachwuchs ein, den sie auf ihrem eigenen Boden aufgezogen hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Nachwuchs, der aus Afghanistan zurückkehrte, andere Überraschungen mit sich bringen würde.
    Hinzu kam außerdem, dass unaufhörliche nationale Forderungen sich nun Gehör verschafften, veranschaulicht an der Bewegung des 6. November (dem Feminismus-Streik). Er begann, indem 47 Frauen mit ihren Autos durch die Straßen von Riad fuhren. Sie forderten dieselben Rechte, die auch kuwaitische oder amerikanische Frauen genossen, und zwar: in ihrem eigenen Land Auto fahren zu dürfen. Außerdem gab es eine Bewegung für die Forderungen, die seit den 1960er Jahren aufgeschoben worden waren. In den neunziger Jahren wurde diese Bewegung im Rahmen der Fragen nach einer Verfassung, nach Reformen im Gerichtswesen und der Errichtung eines Parlaments wiederholt. Es waren hauptsächlich Gruppierungen von Kommunisten und Nationalisten, die diese Forderungen hervorbrachten. 
    Nach der Befreiung von Kuwait gab es diejenigen, die flüchteten, und diejenigen, die ins Gefängnis kamen. Die Atmosphäre war wieder angespannt. Wir wussten nicht, was uns erwartete. Zu jener Zeit verschlang ich Bücher, die sich politisch und historisch mit der Region befassten, und hielt mich so weit wie möglich von den vergilbten Seiten der alten Bücher mit ihren Skandalen und ihrer orientalistischen Neigung fern.
    Meine unterdrückte Wut auf die Geschichte und ihre Macher wandelte sich in eine chronische Migräne. Mehr als einmal suchte ich einen Psychiater auf, vielleicht aus mehr als nur einem Grund. Meine jugendlichen Beklemmungen nahmen einen heftigen Anfang, sie zogen mich zwischen ideologischen, sexuellen und sozialen Wahlmöglichkeiten hin- und her, die vielleicht mit dem Gedeihen meiner Talente in Verbindung standen, welche vom Schreiben über das Singen bis hin zum Tanzen reichten.
    Ich schaffte es, früher als meine Gleichaltrigen in die Welt des Journalismus einzutreten. Ich wurde nicht von den Spielen der männlichen Pubertät abgelenkt, spielte nicht Fußball in der Nachbarschaft, fuhr nicht durch die Gegend, um mit meinem Auto anzugeben, und flirtete nicht mit Mädchen auf den Märkten oder in den Einkaufszentren.
    Schnell wandelte ich mein Schreibtalent in eine produktive Energie um. Schon während der High School war ich journalistisch tätig, und nach dem College wurde der Journalismus zu meinem Beruf.
    Meine erste Gedichtsammlung veröffentlichte ich während meines dritten Collegejahres. Die Veröffentlichung meiner Bücher wurde von dem bahrainischen Dichter Qasim Haddad und dem libanesischen Dichter Unsi al-Hajj gefördert. Zuerst waren es libanesische Verlage, später dann auch die kuwaitische Journalismusbranche, die mir den Raum boten, der es mir ermöglichte, mich von den regionalen Gepflogenheiten zu befreien und die Qualität meines Schreibens durch Freiheit, ästhetische Wertschätzung und die Grundsätze der Kreativität anzuheben. Meine Präsenz in der arabischen Welt erlaubte mir dies, aber gleichzeitig beraubte sie mich auch meiner Präsenz in Saudi-Arabien, weil ich die Anforderungen des Wahhabi-Zensors nicht erfüllte.
    Vielleicht hat er Recht: Denn ich rebellierte gegen seinen Stock und zerbrach ihn.

    Ein sehr später König

    Die Ereignisse, die wie ein Auftakt zu König Abdullahs Thronbesteigung in Saudi-Arabien erschienen, rüttelten einige Anliegen wieder wach, die hinausgezögert oder gestoppt worden waren. Dasselbe war Anfang der Neunziger Jahre passiert, als König Fahd im Jahre 1992 das Grundgesetz der Regierung (die Verfassung) und das Shura-Gremium gebildet hatte.
    Der jihad-Sektor, der so genannte „Qaida“, führte seinen Krieg in Saudi-Arabien mit Bombenanschlägen fort, die 1995 begannen und bis 2003 andauerten. Weder ausländische Wohnsiedlungen mit ihren britischen und amerikanischen Auswanderern noch viele Saudis und Araber, die während dieser Angriffe getötet oder verletzt wurden, blieben verschont.
    Die Ankunft König Abdullahs brachte ein Stück politischer Mobilität nach der ziemlich lange andauernden Benommenheit in der Politszene, die der Krankheit König Fahds folgte. Er war so schockiert davon gewesen, was al-Qaida seinem Land angetan hatte, dass er krank geworden war!
    Die Kommission für die Förderung der Tugend, die von der saudischen Gesellschaft verabscheut wird, wurde nach dem Jahre 2002 mit einer entschiedenen Haltung von Seiten König Abdullahs konfrontiert. Dies geschah, nachdem einige Mitglieder der Kommission den Schulmädchen in Mekka verboten hatten, während eines Brandes hinauszugehen, ohne ihre abayas zu tragen. Das Resultat dieses Vorfalls war eine Tragödie. Fünfzehn Mädchen im Alter von zwölf bis siebzehn starben an Erstickung, wurden von Autos überfahren oder starben, nachdem sie sich selbst aus den Fenstern einer Schule gestürzt hatten, deren Dach nach einem elektrischen Kurzschluss heruntergebrannt war. Fünfzig weitere Schülerinnen dieser Schule wurden verletzt.
    Dies stimmte den König traurig. Daraufhin erließ er eine Verfügung, die die Verschmelzung des Hauptamtes für die Mädchenbildung mit der anderen Bildungsinstitution für Jungs veranlasste. Gemeinsam wurden sie zum Bildungsministerium. Dies brachte außerdem die Schmutzwäsche der Kommission ans Tageslicht, die in den Medien ein nie dagewesenes Interesse fand!
    Ein weiterer positiver Schritt, den der König unternahm, war die Schaffung eines Ortes für einen nationalen Dialog im Jahre 2003. Er beabsichtigte damit, die Teilnahme zu erhöhen, aber nur innerhalb einer gesetzlichen Rahmenordnung. Angeregt wurde ein Dialog über Themen, die Frauen, Jugendliche, Kinder und Sekten betrafen. Außerdem wurde im Jahre 2005 eine regionale Organisation für Menschenrechte gegründet, gefolgt von einer amtlichen Kommission, um diese Belange zu bearbeiten.
    Die Gründung des Bay’ah-Gremiums (Loyalitäts-Gremium), um Nachfolgeregelungen in Saudi-Arabien zu treffen, resultierte im Jahre 2007 in einer landesweiten politischen Mobilisierung, die von der regierenden Familie angestiftet wurde. Inwieweit sie erfolgreich sein wird, das wird sich mit der Zeit zeigen. Im Jahre 2008 nahm der König am Religionsdialog teil, und 2009 versuchte er, den Leiter des Gerichtswesens aus seinem Amt zu entfernen. Zum ersten Mal wurde eine Vize-Ministerin im Bildungsministerium angestellt!
    Nichtsdestotrotz warfen nach wie vor viele andere politische, soziale, ökonomische und weitere Ereignisse einen trüben Schatten. Eines dieser Ereignisse war die US-amerikanische Invasion des Iraks im Jahre 2003, und die Schaffung verschiedener „Staaten innerhalb des Staates“, von denen al-Qaida der aktivste war, indem er seine Mitglieder aus der Jugend des Landes heraus rekrutierte und danach strebte, seinen Krieg in Saudi-Arabien weiterzuführen und von allen möglichen Grenzen aus einzudringen.

    Die neuen Eier der Ameisen  

    Etliche von denen, die ihre Glaubenssätze änderten, bemühten sich darum, das Beispiel des Denkers Abdullah al-Qasimi (1906-1997) als Rechtfertigung für ihren persönlichen Wandel zu nutzen. Dennoch war der Fall des al-Qasimi nicht das, was sie sich vorgestellt hatten. Tatsächlich handelte es sich hierbei um einen fundamentalen Wandel prachtvoller Ideen, die Gott, die menschliche Natur und das Universum betrafen.
    Etliche neue Namen tauchten auf. Einige von ihnen versuchten, die Unschuld ihrer dogmatischen Geschichte zu demonstrieren, schafften es aber nur, einige persönliche Rechnungen mit ihrer Vergangenheit zu begleichen. Ein paar Denkschriften zirkulierten in einzelnen Gesellschaftsklubs. Manche von ihnen wurden zu Büchern, während andere Autoren verlangten, sich von ihrer anfänglichen dogmatischen Perspektive aus an der politischen Analyse zu beteiligen. Sie begannen, die neue Illusion auszuleben, dass sie sich von Terrorismusexperten, Sozialanalysten und Politikern in Intellektuelle verwandelt hätten. Sie begannen damit, ihre allzu simplen Artikel in Büchern zu sammeln – in Büchern, die sie nicht verkaufen konnten!
    Vielleicht trifft al-Qasimis Theorie der Sprachevolution unter Arabern auf sie zu: Zuerst haben sie Geräusche, dann Wörter und dann Wörter und Bedeutungen. Dies ist eine Theorie, die unter dem Titel Arabs: A Speech-Phenomenon (1977) bekannt wurde. Dahinter steckt die Idee, dass es keine Gesellschaft ohne Gedanken gebe. Und diese Menschen schreiben, ohne zu denken. Es es eine instinktive Art des Schreibens, die in der Gestalt endlosen Gequatsches erscheint.
    Es gibt am Rande stehende Stimmen, die weise und neue Gegen-Diskurse bereitstellen. Manche dieser Diskurse sind aus dem Protest heraus entstanden, andere aus Kritik und der Überprüfung von Ideen und Situationen heraus.
    Ich kann auf Hassan al-Maliki hinweisen, dessen verschiedene Arbeiten historisch und dogmatisch das Phänomen der Wiedergutmachung nach Art der hanbalitischen Rechtsschule kritisieren. Diese Rechtsschule wurde von der wahhabitischen Rechtsschule geerbt, die in ihrer Mobilisierung der Menschen Gebrauch von ihr machte. Al-Maliki hat mehr als nur ein Buch veröffentlicht, beginnend mit Readings in Dogma Books: the Example of the Hanbali Way (2000). In einem weiteren Werk, An Advocate, Not a Prophet (2004), übt al-Maliki Kritik an Muhammed Abdul Wahhab, dem Gründer des Wahhabismus. Die religiöse Institution und ihre Ameisen, die die Gänge des Bildungsministeriums bevölkern, belästigten ihn, um ihn unter dem Vorwand der Abwesenheit im Jahre 2003 aus seinem Amt zu entfernen (obwohl das Ministerium ihm den Auftrag eines Bildungsplan-Entwicklungsprojektes erteilt hatte). Sie versuchten, ihm einen Verwaltungsposten zuzuweisen, aber er gewann den Fall im Jahre 2009.  
    Vom gegenteiligen Standpunkt aus beobachte ich eine neue Tendenz, Geschichte und Erfahrungen auf eine besinnliche Art und Weise zu überdenken. Einige Abgeordnete der vielfältigen Nationalbewegung tun genau dies. Zum Beispiel der politische Denker Turki al-Hamad, der zur Ba’ath Partei gehörte und seine Autobiographie als Trilogie publizierte.
    Ebenso wurde die Geschichte der kommunistischen Bewegung in Saudi-Arabien in den Fünfzigern und Sechzigern, als sie sich noch in ihren frühen Phasen befand, von einem ihrer Denker kritisch überprüft. Ishaq al-Sheikh Yacoub, der eine zweibändige Autobiographie veröffentlichte, sprach über die Arbeiterbewegung seit den fünfziger Jahren und über seine Flucht aus dem Gefängnis bis in arabische und europäische Länder, wo er seine Ausbildung sowie seine politische und journalistische Arbeit fortführte, bis er eine politische Begnadigung erhielt. Dies geschah im Jahre 1975, als König Khalid nach der Ermordnung von König Faisal sein Amt antrat. Später veröffentlichte al-Sheikh Yacoub außerdem das Buch Intellectual Questions über seine Festnahme, sein Verhör und seine Erfahrungen im Gefängnis. Er denkt darüber nach, möglicherweise einen dritten Band seiner Autobiographie zu schreiben.
    Ihm folgte jemand aus der zweiten Generation der kommunistischen Bewegung: Der Dichter und Romanautor Ali al-Dumaini veröffentlichte seine erste Autobiographie indirekt, in der Gestalt eines Romans namens The Grey Cloud. Seine Memoiren über seine Festnahme und Gefangenschaft veröffentlichte er in A Time for Prison, Times for Freedom. Außerdem leitet er ein Online-Forum für Diskussionen und Kreativität, in dessen Rahmen die Zeitschrift Branches veröffentlicht wird. 
    Es gibt viele kulturelle Repräsentationen, die wir loben könnten, da sie die meisten der sozialen, politischen und ökonomischen Probleme ansprechen. Dazu gehören neue Autoren, die in ihren Romanen nicht auf das Kriterium der Kreativität verzichtet haben. Yousef al-Mohaimeed, Omaima Alkhamis, Layla Aljuhani und Seba Al Herz sind einige von ihnen. 
    Die Romane dieser Autoren präsentieren Problemfelder wie den Rassismus gegenüber nicht-arabischen Rassen, die unter uns leben; Diskriminierung gegenüber denen, die nicht den einflussreichen Stämmen angehören; Frauenrechte – darunter voreheliche Affären und die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen –; die Korruption religiöser Institutionen und die Diskriminierung von religiösen Minderheiten.
    Ich führte Recherchen über „Die Großen Frauen von Unaizah“ durch, um Beispiele weiblicher Personen zu besprechen, die vom zwanzigsten Jahrhundert bis heute der Abschottung und Gefangenschaft widerstanden haben. Durch diese Nachforschungen führte ich die Arbeit meiner Lehrerin Thurayya al-Turki fort, die eine Studie mit dem Titel „Unaizi-Frauen in einer erschütternden Ära“ fertigstellte. Ihre Arbeit beschränkte sich auf die 1920er Jahre; außerdem hing sie von den Schriften westlicher Reisender ab. Im Gegensatz dazu griff ich auf die mündlichen Überlieferungen zurück, die ich in Prosatexten und Gedichten fand. Ich rekonstruierte diese Texte und analysierte sie auf der Grundlage des Wissens, das mir mein Großvater väterlicherseits übermittelt hatte, der ein vorbildlicher Geschichtenerzähler war. Ich schloss meine Studie mit einem Blick auf eine organisierte, allumfassende Regression, basierend auf einer Ideologie der Unterdrückung und einer Vorherrschaft, die in den 1930ern begann, Wurzeln zu schlagen; also mit einem Blick auf die Bildung des Staates, die dazu geführt hat, dass die ökonomische Rolle der Frau herabgesetzt wurde. Ihre Rolle im Kauf, Verkauf, Eigentum und in der Pfandleihe nahm ab, bis zu dem Punkt, da die traditionelle Erziehung in den Häusern von Lehrerinnen abgebrochen wurde, und öffentliche Plätze, an denen Frauen und Männer sich traditionsgemäß während des Tages getroffen hatten, geschlossen wurden.
    Nichtsdestotrotz forderten die liberalen und aufgeschlossenen Teile der Gesellschaft die Befehle, die Ausbildung von Mädchen und Frauen einzustellen, heraus, indem sie ihre Töchter zum Studieren ins Ausland schickten, bis im Jahre 1963 die Ausbildung von Mädchen und Frauen wieder erlaubt wurde. Dennoch sind die Frauen seit der Gründung des Königreiches keine Staatsbürger. Ihnen werden keine Ausweise bewilligt. Sogar ihre Reisen hängen von den Männern ab: Vom Vater, Bruder oder Ehemann. Eine Frau fährt und besitzt kein Auto, sie sucht sich ihren Ehemann nicht selbst aus und sieht ihn nicht vor der Hochzeitsnacht. Diese Praktiken können auch in bestimmtem Maße variieren, abhängig von den jeweiligen sozialen Konventionen.
    Was haben sie den Frauen angetan? Ich frage mich, was sie meiner Großmutter, meiner Mutter und meiner Schwester angetan haben. Es ist das Problem einer gesamten Gesellschaft.
    Die Regierung und ihre Institutionen, mitsamt den regimekritischen Strömungen, die als eine Quelle des Gegendrucks auf die Gesellschaft weiterbestehen, haben ständig trotz des Verlustes ihrer Glaubwürdigkeit versucht, sich allem in den Weg zu stellen, was eine Gelegenheit zur Diskussion über Angelegenheiten im Bezug auf Frauenrechte bieten könnte. Wir schämten uns sogar für die Forderungen, die wir auch im 21. Jahrhundert noch äußern. In diesem Land, das die größte Menge an Öl weltweit produziert, besitzen Frauen nicht einmal Autos. Es ist so, als könnten sie für sich selbst keine Verantwortung tragen! 
    Diskussionen über Frauen finden weder bei der Frage des Autofahrens ein Ende noch bei dem Zusammenschluss des Hauptamtes für die Mädchenbildung mit dem Informationsministerium, das ehemals verantwortlich für die Aufsicht der Erziehung der Jungs war. Sie hören auch nicht auf bei der Frage nach einer Erlaubnis für Frauen, ohne einen männlichen Verwandten in einem Hotel zu übernachten, oder bei der Entscheidung, ob man die Anstellung von Frauen in Geschäften des Einzelhandels, in denen Frauenkleidung verkauft wird, erlauben soll. Die Diskussionen beschäftigen sich auch mit den Fragen, ob ihnen Bürgerausweise ausgestellt, ob Sportclubs für Frauen gegründet und ob Sportfächer dem Stundenplan von Mädchen hinzugefügt werden sollen.

    Das neue Feuer greift um sich

    „Die Angehörigen der neuen Generation tragen ein entschiedenes Gefühl ihrer nationalen Identität in sich. Sie wollen für ihr Land Wohlstand. Parallel dazu wollen sie einen Raum innerhalb der saudischen Gesellschaft, um ihre Positionen und Gedanken zu entwickeln, ohne die despotische totalitäre Gegenwart des Staates und der religiösen Autoritäten.“
    Dies ist ein Ausschnitt aus dem Ergebnis einer Studie von Mai Yamani, der Tochter des ehemaligen Ministers für Erdöl, Ahmed Zaki Yamani. Sie schreibt über die Perspektive der saudischen Jugend, über meine Generation. Meiner Meinung nach zeigt sie viele der Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, deutlich auf.
    Die Studie spricht viele kontroverse Problemfelder der saudischen Gesellschaft an. Sie basiert auf Feldforschungen und persönlichen Interviews mit Vertretern aus vielfältigen Bereichen der Gesellschaft: jungen Männern und Frauen in Saudi-Arabien aus vielen verschiedenen Regionen, sozialen Klassen, religiösen Glaubensgemeinschaften sowie sozialen und politischen Orientierungen, darunter liberale, konservative und extremistische Überzeugungen.
    Gibt es neue Orte des Exils für die saudi-arabische Jugend?
    Ich werfe diese Frage auf in der Annahme, dass einige arabische, europäische und amerikanische Länder Exile sind, die von Leuten aufgesucht werden, die ihre Wünsche und ihre Begierden erfüllt haben wollen und Ablenkung und Freizeit suchen. Jetzt gibt es neue Plätze des Exils in den Golfstaaten und andernorts, um Qualifizierungen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Fachkenntnisse durch Bildung, Arbeit und vielleicht auch durch dortigen Wohnsitz zu erwerben.
    Einige meiner jungen Freunde und Kollegen, sowohl Liberale als auch Konservative, freuen sich auf liberale Arbeitsaussichten, die ihnen erlauben, außerhalb des Landes zu leben, wenn auch nur in den angrenzenden Golfstaaten – und zwar trotz ihres Bedauerns, dass ihr Land hinter der Zeit zurückbleibt und dass es ihnen die Gelegenheit verweigert, ein neues Leben zu leben, das ihre Forderungen erfüllt und ihre Wünsche und Bedürfnisse respektiert.

    Die Facebook-Nation

    Das World Wide Web lieferte, mehr als man glauben mochte, eine Möglichkeit, das was in den Köpfen der Angehörigen der saudischen Gesellschaft vor sich ging, zu publizieren und zu verbreiten. Gemeinsam mit der kontinuierlichen Entstehung von Webseiten und Online-Foren und dem Anwuchs der Mitglieder, Anhänger und Voyeure, stellt das Internet eine ehemals nicht vorhandene Gelegenheit für die Menschen bereit, in Erscheinung zu treten und ihre Probleme öffentlich zu diskutieren, während ihre Identitäten im Verborgenen bleiben.
    Vielleicht ermutigte der Sender Al-Jazeera dies durch sein bekanntes Programm Opposite Direction mit dem redseligen Moderator Faisal al-Qasim. Sein Beispiel regte Diskussionen an, die voller rhetorischer Ausdrucksstärke waren, aber denen es an Ernsthaftigkeit, ausführlichen Analysen und der Suche nach Lösungen mangelte. 
    Die Staatssicherheit jagte weiter nach einigen Webseiten und deaktivierte sie, bis sie kürzlich dazu in der Lage war, persönliche Blogs und Webseiten der Massenkommunikation wie YouTube, Twitter und Facebook zu kontrollieren.
    Das Internet bleibt das Inkubationszentrum für eine Generation männlicher und weiblicher Autoren. Webseiten wurden zu einem Schauplatz, der von Zensoren kontrolliert wurde, denen es an Fachkenntnis und an Professionalität fehlt. Einige von ihnen wurden als Seiten angesehen, die den Mangel an Gelegenheiten, im realen Leben Menschen des anderen Geschlechts zu treffen, kompensierten. Als Nebenprodukt daraus entstanden die neuen Persönlichkeiten, die jetzt die saudische Kultur besiedeln.
    Erwähnenswert ist, dass dieses Spinnennetz die saudische Kultur und den saudischen Journalismus mit Meinungsschreibern und Kommentatoren angereichert hat, die mit täglich und wöchentlich erscheinenden Seiten beschäftigt sind, die sich mit allgemeinen Themen befassen. Manchmal wird der eine oder andere Artikel von ihnen zensiert, oder einem von ihnen wird das Schreiben verboten und er wird dadurch veranlasst, in sein altes Nest zurückzukehren, bis es die Umstände erlauben und er wieder zurückkommt.
    Diese Seiten wurden ebenfalls geschaffen, um Geschichten zu erzählen, die zuvor nicht möglich gewesen waren. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hing die erzählende Literatur in Saudi-Arabien vom Symbolismus in der Form der Kurzgeschichte ab. Der Roman wurde nicht als ernstzunehmende Arbeit angesehen. Im Vergleich mit arabischen Romanen in anderen arabischen Ländern wie Ägypten, Libanon oder Irak, wurde der saudische Roman weiterhin als ein unerwünschter Zustand des Deliriums betrachtet.
     
    Öffne deinen Mund nicht, bis wir es dir sagen!

    Die arabische Region erlebt einen ungewollten Krieg in Irak, Sudan und Libanon. Darüber hinaus befanden wir uns seit den 1990ern und bis zu unserem Eintritt in dieses Jahrhundert unter der Bedrohung von salafitischen und Jihad-Gruppierungen, veranschaulicht am Beispiel al-Qaidas und ähnlicher Organisationen, durch Bombenanschläge, die neben denjenigen, die sie als ihre Ziele ausgeben, auch auf uns zielen.
    Von 2003 bis 2011 veröffentlichte die Regierung Listen von gesuchten Leuten, die der Zugehörigkeit zu al-Qaida verdächtigt wurden. Angeblich planten sie Bombenanschläge in Saudi-Arabien oder andernorts in der Welt. Die Regierung jagt noch immer diesen Nachwuchs, mahnt ihn ab, ruft diejenigen an, die in der Lage sind, seine Verstecke zu verraten, und fordert, dass er Buße tut und zurückkehrt. Er hat sich in eine Maschine verwandelt, die ihre suizidalen ideologischen Güter erschöpft hat. Und schließlich haben die Macher die Schlüssel zu der Maschine verloren. Ihr Nachwuchs entkam, der Nachwuchs der alten Ameisen, die sich immer weiter ausbreiten.
    Vielleicht zogen die Kriege nach der Informations- und Kommunikationsrevolution ins Internet. Wenn auch diese Regierungen tatsächlich nicht wussten, wie sie ihr Reich der Erde und des Himmels regieren sollten, so ist das Spinnennetz ein Reich, das sie nicht in der Lage sein werden zu kontrollieren, außer mit den Mitteln des Stromausfalls.
    Ahmed al-Omran, der Autor des bekannten englischsprachigen Blogs Saudi Jeans, sagte, dass die Idee, elektronische Veröffentlichungen zu organisieren, sowieso schon schlimm genug sei, da es theoretisch und praktisch schwierig sei, zu überwachen, was im Internet vor sich geht.
    Was Fuad Farhan betrifft, den die saudischen Blogger einheitlich „König der Blogger“ nennen: Er wurde festgenommen, weil er eine Liste mit Namen von in der Öffentlichkeit stehenden Personen publiziert hatte, die er nicht mochte. Er drückte seine Zweifel daran aus, dass diejenigen, die er auf die Liste gesetzt hatte, wissen, was neue Medien wirklich sind, und bewies dies, indem er sagte, die Definitionen der Art der elektronischen Veröffentlichung, die auf der Liste erwähnt wurden, seien ungenau und unwissenschaftlich.  

    Ahmad al-Wasel
    ist ein saudi-arabischer Dichter, Romanautor und Kritiker. Er wurde 1976 geboren. Er hat bisher fünf Gedichtbände und zwei Romane veröffentlicht.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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