Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Kabul, Napoleon, Hühnerhaut

    Für Afghanistan brachte der 11. September die einschneidensten Veränderungen, positive und negative. Der junge afghanische Schriftsteller Taqi Akhlaqi beschreibt das neue Leben in Afghanistan aus einer ganz persönlichen Sicht.

    Von Napoleon erfuhr ich erst durch Krieg und Frieden des großen russischen Schriftstellers Tolstoi. Krieg und Frieden befasst sich mit den Ereignissen der Jahre 1805 bis 1812. Die Zeit, als das Leben der Europäer und vieler anderer Völker der Welt von dem Namen Napoleon geprägt wurde. Am Anfang des Romans erfahren wir, dass die Russen über die Nachricht der napoleonischen Eroberungen in Europa besorgt sind und fürchten, dass die französische Armee auch in ihr Land einmarschieren wird. Dies geschieht schließlich im letzten Teil des Romans. Napoleon dringt mit seiner Armee bis Moskau vor. Krieg und Frieden ist die Geschichte der Kriegsfolgen nach der Französischen Revolution aus der Sicht der Russen.
    Der Drachenflieger von Khaled Hosseini, dem afghanisch stämmigen Schriftsteller in Amerika, ist aus dieser Sicht eine kleinere Version von Krieg und Frieden. Auch im Drachenflieger wird der Versuch unternommen, uns die Härten des Krieges ins Bewusstsein zu rufen und die historischen Tatsachen für die kommenden Generationen zu erhalten. Es sind nur zehn Jahre seit der Taliban-Herrschaft vergangen. Wir befinden uns weiterhin im Kriegszustand, und die Erinnerungen an den Krieg sind noch frisch. Doch dieses Buch hält für die kommenden Generationen wertvolle Einsichten und Tatsachen bereit. Krieg und Frieden ruft uns den Wert und die Bedeutung des Friedens ins Gedächtnis.

    Den Wert des Friedens schätzen

    In unserem Land haben wir jahrelange Unruhen und anhaltendes Blutvergießen erlebt und wissen nunmehr den Wert des Friedens mehr denn je zu schätzen. Die Afghanen leben seit drei Jahrzehnten mit politischer Instabilität, Staatsstreichen, Diktatur, Besetzung und Terror. Unsere jüngste Geschichte ist voller blutiger Ereignisse, die selten in die Geschichtsbücher Eingang gefunden haben. Was junge Leute wie ich über diese Vergangenheit wissen, sind allgemeine Informationen, die unter Zensur überliefert worden sind, meistens parteiisch, nicht wahrheitsgetreu und gehen auf die Einzelheiten nicht ein. Wir wissen immer noch nicht genau, was in den letzten Jahrzehnten mit unserem Land geschehen ist und warum wir heute in so einen Zustand geraten sind. Wir und unsere Väter haben jahrelang für unser Land gekämpft, können aber merkwürdigerweise heute nicht besonders stolz darauf sein. Nach neun Jahren blutigem Krieg haben wir die sowjetischen Truppen aus dem Land gejagt, doch heute bedauern viele Afghanen, insbesondere die jungen, den Abzug der sowjetischen Truppen und kritisieren die Mujaheddin wegen ihres Dschihad, denn sie glauben, dass mit dem Abzug der Roten Armee und dem Zusammenbruch des Regimes von Dr. Nadschib die Situation des Landes noch schlimmer geworden ist.
    Wir haben zahlreiche Tote und Kriegsversehrte zu beklagen und fragen: „Wofür dies alles?“ Es ist die Frage aller Enttäuschten, die den Krieg hassen.
    Es gibt natürlich auch eine kleine Minderheit von Kriegsherren und Vaterlands-Verrätern, die in diesen Krisen eine wichtige Rolle spielten, heute noch ins politische Geschäft aktiv eingreifen und ihren Gewinn in der Fortsetzung der Gewalt sehen. Nach jahrelangem Spiel mit allen Seiten wissen sie, wie sie ihre Rolle in der afghanischen Politik erhalten und das Geschäft in ihrem eigenen Interesse weiter betreiben können. Sie sind die Mafia der Macht, und deren Ausrottung ist der Schlüssel zur Sicherheit Afghanistans. Ein Schlüssel, den wir so leicht nicht in die Hand bekommen werden.
    Unsere Generation, die sich weniger an die Bürgerkriege und die Taliban erinnert und mehr oder weniger nur Karzai im Fernsehen erlebt hat, sehnt sich nach einer besseren Zukunft für ihr Weiterkommen. Doch es gibt keine Grundlagen für dieses Weiterkommen. Die Weltgemeinschaft hat noch keine Zeit gefunden, sich um die jungen Menschen und die Förderung ihrer Begabungen zu kümmern. Ihre Prioritäten sind der Kampf gegen die Taliban, die Reduzierung der Produktion und des Schmuggels von Drogen sowie die Herstellung der Sicherheit. Während die Begabungen afghanischer Jugend auf wissenschaftlichen, künstlerischen und literarischen Gebieten verkümmern, verfangen sich die afghanische Regierung und die Weltgemeinschaft in den Widersprüchen des Alltagsgeschäfts und zeigen keine langfristigen Perspektiven auf.

    Afghanen für Demokratie oder für die Taliban?

    Napoleon schaffte es, auf spannende Weise den Gipfel der Macht zu erklimmen, auf den Wellen der Revolution zu reiten und französischer Kaiser zu werden. Er marschierte mit der Parole der Freiheit in verschiedene Länder ein und wurde in vielen Ländern von den Menschen begrüßt – genauso wie der Einmarsch der Vereinigten Staaten in Afghanistan von der Bevölkerung begrüßt wurde. Der amerikanische Angriff war uns willkommen, weil er uns von den Taliban befreite. Napoleon wurde nach einigen Jahren mit den negativen Gefühlen der Menschen konfrontiert, die glaubten, dass die Parole der Freiheit nur ein Vorwand war, um ihr Land zu besetzen. Dieselben Menschen, die seinen Einmarsch feierten, griffen zu den Waffen, um ihn zu vertreiben. Ich glaube, die Afghanen haben dieses Stadium noch nicht erreicht und unterstützen weiterhin die Anwesenheit internationaler Streitkräfte in ihrem Land, denn deren Abwesenheit bedeutet die Rückkehr der Taliban nach einer Serie von blutigen Kriegen. Die einfache Tatsache ist, dass wir kriegsmüde sind und die Taliban hassen.
    Die Afghanen waren im Laufe ihrer Geschichte in Bezug auf ihre Unabhängigkeit und Würde stets empfindlich, und das sind sie heute noch. Warum aber erheben sie sich zurzeit trotz zahlreicher Luftschläge der Koalitionskräfte und großer Verluste unter der Zivilbevölkerung nicht zum Dschihad? Warum haben sie nach zehn Jahren Anwesenheit von 150.000 ausländischen Soldaten in ihrem Land nicht das Gefühl, dass ihr Land besetzt worden ist? Worin besteht der Unterschied? Obwohl es aus der Sicht der traditionell muslimischen Bevölkerung keinen Unterschied zwischen Amerikanern und Russen gibt, weil sie beide keine Muslime sind.
    Der Unterschied ist bei den Afghanen selbst zu suchen. Die Afghanen, die eine bittere Zeit von Krieg und Blutvergießen mit Dschihad-Parolen hinter sich gelassen haben, warten, beladen mit einer riesigen Last von historischen Erfahrungen, müde und kraftlos auf den Frieden und wollen endlich zur Ruhe kommen. Die Menschen bereuen es im Allgemeinen, dass sie sich haben in den Krieg hineinziehen lassen und haben begriffen, dass Frieden auch im schlimmsten Falle besser als Krieg ist. Die  kriegerische Bevölkerung meines Landes ist äußerst friedlich geworden. In einigen Provinzen wird die Bevölkerung Tag und Nacht von ausländischen Agenten zum „Dschihad gegen die Ungläubigen“ ermutigt, doch die Zahl meiner Landsleute, die sich unter dem Eindruck der Propaganda diesen Kriegstreibern anschließen, ist erstaunlich gering. Und das sind meistens Leute, die für ein Monatsgehalt von 300 Dollar zu den Waffen greifen und sich den Taliban anschließen, weil die Afghanen mehrheitlich arbeitslos sind und den Hunger ihrer Kinder nicht ertragen können.
    Offensichtlich haben die Regierung und die Koalitionskräfte auch diese Tatsache begriffen und wollen den Taliban unterer Ränge Vorteile einräumen, wenn sie ihre Waffen niederlegen. Das Verhalten der heutigen schwachen Regierung und die grassierende Korruption spielen eine große Rolle bei der Stärkung der Taliban, die von den Nachbarländern unterstützt werden und auf keinen Fall als Protagonisten einer nationalen Bewegung betrachtet werden dürfen. Die Zentralregierung ist bei der Herstellung von Gerechtigkeit, Sicherung der elementarsten Bedürfnisse der Bevölkerung und Arbeitsbeschaffung äußerst erfolglos und genießt daher nicht ihre Unterstützung. Sie glaubt, dass die Unterstützung der Kriegsherren und der ethnischen Führer ausreichen würde, um die Bevölkerung an sich zu binden und es keine weiteren Anstrengungen braucht, um die Nöte der Menschen zu beseitigen. Darüber hinaus leben wir in einer sensiblen Region und haben keine guten Nachbarn. Die Nachbarn sehen es gerne, wenn sich Afghanistan stets in Kriegen und Unsicherheit befindet. Auch in der Vergangenheit haben sie die Kriegstreiber in Afghanistan unterstützt.
    Von der Demokratie haben die Afghanen bislang nur gefälschte Wahlen und Drohgebärden bei der Meinungsäußerung erlebt und nichts mehr. Trotzdem stehen sie zu dieser unvollständigen Demokratie und ziehen sie dem Taliban-Regime vor. Die einfache Tatsache ist, dass wir kriegsmüde sind und das Taliban-Regime hassen. Doch brauchen wir dringend Hilfe auf diesem Wege.

    Was waren die Fortschritte?

    In 2003 begegnete ich einem hausierenden Wahrsager. Von Zeit zu Zeit erschien er mit seinen Utensilien vor unseren Haustüren, um uns unsere Zukunft vorherzusagen. Er war ein Mann mittleren Alters, eine merkwürdige und eindrucksvolle Erscheinung. Für 50 Afghani las er dem Kunden aus der Hand und erzählte ihm allgemeine Dinge über seine Zukunft. Eines Tages klopfte er an unserer Tür. Als ich die Tür öffnete, war ich überrascht, ihn vor mir zu sehen. In einem gebieterischen Ton sagte er: „Gib 50 Afghani und erfahre deine Zukunft“. Ich fügte mich ohne Widerstand, gab ihm die 50 Afghani, und er betrachtete meine linke Handfläche. Dann sagte er: „Du bekommst eine gute Frau, hast viele Reisen vor dir und wirst reich“.Das gefiel mir und ich bat ihn um Einzelheiten. Daraufhin sagte er, dass ich bald meine Lebenspartnerin finden und sie heiraten werde. Aber von den Reisen und dem vielen Geld sei ich noch weit entfernt. Vielleicht erst in zehn Jahren oder viel länger. Ich fragte: „Was ist die größte Schwierigkeit meines Lebens?“ Er dachte nach und sagte: „Sehr große Schwierigkeiten wirst du in deinem Leben nicht haben. Pass aber auf, dass du nicht lügst. Das Lügen wird dir große Schwierigkeiten bereiten.“
    Mit diesen allgemeinen Phrasen beeindruckte er mich. Er behauptete sogar, dass er mir den Namen meiner künftigen Frau sagen könne, wenn ich ihm mehr Geld gebe. Doch das machte ich nicht. Vielleicht weil mir einfach der Mut dazu fehlte. Er sagte nämlich, dass er imstande wäre, außer dem Wahrsagen auch einige Probleme zu lösen. Er behauptete sogar, dass er Geister beschwören könne. Später hörte ich, dass ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft von ihm ein Amulett bekommen habe, um den Mann zu bekommen, den es liebte. Nach sechs Monaten heirateten die beiden tatsächlich. Er soll sogar einer Frau beim Auffinden eines verlorenen Halsbandes geholfen haben, und das Herz eines Mannes, der seine Frau nicht liebte, für sie wieder erweicht haben.
    Danach kam der Wahrsager noch einmal an einem heißen Sommertag an unsere Tür und verschwand für einige Zeit. Bei meiner Hochzeit dachte ich an diesen Mann und seine Worte, dass ich bald meine künftige Frau finden werde. Tatsächlich fand ich meine Frau früher als ich gedacht hatte. An dem Tag fand ich den Wahrsager dem Weisen Melchiades in dem Roman Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez sehr ähnlich. In dem Verhalten des Wahrsagers lag eine Magie, die der Wahrheit entsprach.
    Den Wahrsager sah ich nicht wieder, bis mir meine Frau im Jahre 2009 an einem schönen Frühjahrsabend eine Visitenkarte zeigte. Sie gehörte einem Mann namens Amir Asad. Er behauptete, alle Probleme lösen zu können. Die Visitenkarte gehörte also demselben Wahrsager. Er hausierte nun nicht mehr, residierte in einer Praxis, hatte sich Visitenkarten drucken lassen und Sekretär, Dienstmädchen, Bodyguard und Fahrer eingestellt. Die Kundschaft musste sich eine Woche vorher Termine geben lassen, und die Visite kostete nun 500 Afghani. Die Entwicklungen in seinem Leben und in seiner Arbeit waren erstaunlich.
    Ein Wahrsager, der für 50 Afghani hausieren ging, hatte nun diesen Lebensstandard erreicht. Einige Tage beschäftigte ich mich in Gedanken mit ihm und versuchte, eine Erzählung über ihn zu schreiben. Über die Veränderungen in seinem Leben, über seine magische Persönlichkeit, die er an die moderne Welt angepasst hatte. Dabei erkannte ich auch, dass die Geschichte der erstaunlichen Veränderungen in seinem Leben, die Veränderungen wiedergab, die auch in meinem und im Leben vieler Afghanen stattgefunden hatte. Wir alle haben uns verändert. Wir in Kabul haben alle Fernseher und Mobiltelefone zu Hause. Unsere Wirtschaftskraft hat sich erhöht. Wir haben Facebook, twitter, Thomas Anders und Taylor Swift kennen gelernt, bringen den Frauen mehr Respekt entgegen und anerkennen ihre Rechte als autonome Menschen mehr als früher. Doch der Anschluss an die moderne Welt und umfassende Veränderungen brauchen eine lange Zeit. Die Veränderungen im Leben der Afghanen haben meistens in den großen Städten stattgefunden und nicht auf dem Lande. In Kabul ändern wir mit großer Geschwindigkeit unsere Lebensweise und lassen mit  Aberglauben behaftete Sitten und Gebräuche hinter uns, während sich die Menschen auf dem Lande weiterhin an die alten Traditionen gebunden fühlen und die Veränderungen ablehnen.
    Nach einem Jahrzehnt gehen mehr Kinder und Jugendliche in die Schule, jedes Jahr schnellt die Zahl der Anwärter auf das Hochschulstudium in die Höhe, mit anderen Worten, die Afghanen werden gebildeter und selbstbewusster. Doch sie müssen weiterhin unterstützt werden, um ihr Land aufbauen zu können. Veränderungen sind zwar auf den Weg gebracht worden, müssen aber Bestand haben. Die Helfenden dürfen nach zehn Jahren Anwesenheit und Unterstützung nicht ungeduldig werden und ihre Errungenschaften gering erachten. Sie dürfen nicht vergessen, dass dieser Fortschritt mit enormen Kosten an Menschenleben und Material erzielt worden ist.
    Wo sie auch hinsehen, werden sie Fortschritte feststellen. Der Wahrsager erweitert seine Aktivitäten, hat beschlossen, weitere Filialen in Kabul zu eröffnen und spricht davon, dass er beschlossen habe, eine Homepage in beiden Sprachen (Dari und Paschtu) einzurichten. Ich bin sicher, wenn vollständiger Friede im Lande herrscht, wird er seine Aktivitäten auf weitere Provinzen ausdehnen.

    Unterdrückte und Frauen
     
    „Gegen Mittag betrete ich das Haus einer Witwe. Es riecht nach Essen. Ich frage sie: ‚Was hast du gekocht?’ Sie sagt: ‚Unser Nachbar ist krank. Er isst nur Hühnerfleisch. Ich kann es mir nicht leisten, richtiges Essen für meine Kinder zu kochen. Ich lasse mir von dem Nachbarn die Haut der Hühner geben, koche sie und wir essen sie.’“
    Dies schrieb im vergangenen Jahr eine unabhängige afghanische Menschenrechtskommission in einem schockierenden Bericht über die Lebenssituation der afghanischen Witwen. Dort heißt es, dass die meisten afghanischen Witwen, deren Zahl in dieser Gesellschaft nicht gering ist, ihren Körper verkaufen, für wenig Geld schwere Arbeit leisten und doch hungern und ihre Kinder alles entbehren müssen.
    Afghanische Frauen sind im Allgemeinen weiterhin Entbehrungen und Unterdrückungen ausgesetzt. In ländlichen Gebieten stehen ihnen keine Gesundheitsdienste zur Verfügung. Sie gebären jedes Jahr Kinder, haben kein Recht auf Bildung und Arbeit, leiden ständig unter Hunger und wissen nicht, wie sie ihre Kinder satt bekommen sollen. Die Sitten und Gebräuche, die seit Jahrhunderten herrschen, bleiben bestehen und verwehren den Frauen jegliche Rechte. Gleichzeitig aber verbessert sich die Lage in den Städten. Immer mehr Mädchen und Frauen gehen zur Schule, finden Arbeit und verteidigen zunehmend mutiger ihre Rechte. Auch diese Fortschritte lassen sich nicht verallgemeinern. Sie sind eher sporadisch und langsam.
    Viele afghanische Frauen haben in den vergangenen vier Jahrzehnten ihre Männer in den Aufständen und Kriegen verloren. Das Leben ohne Männer ist in Afghanistan für Frauen unvorstellbar schwer. Wie kann eine ungelernte Frau mit sechs Kindern, die Miete bezahlen muss und nicht frei nach Arbeit suchen kann, ihren Lebensunterhalt bestreiten?
    Viele afghanische Frauen, insbesondere die Witwen, die jahrelang unter Hunger, Mangelernährung, Blutarmut und Vitaminmangel gelitten haben, sterben meistens infolge einfacher und heilbarer Krankheiten oder bei der Entbindung. Viele Männer halten ihre Frauen und Töchter für Menschen zweiter Klasse. In ländlichen Gebieten ist es üblich, dass zuerst die Männer essen und nach ihnen die Frauen.
    Mädchen, die in solch einer Atmosphäre aufwachsen, haben eine erniedrigte Persönlichkeit und glauben tatsächlich, dass sie weniger wert sind als Männer und bringen nicht den Mut auf, für ihre Rechte einzutreten.
    Die Weltgemeinschaft und das so genannte Ministerium für Frauenangelegenheiten haben es nicht geschafft, die Lebenssituation der afghanischen Frauen zu verbessern. Ihre einzige Errungenschaft ist, dass immer mehr Frauen in den großen Städten unter Gesundheitsschutz stehen und weniger Frauen bei der Entbindung sterben.
    Afghanische Frauen erziehen ihre Kinder unter großen Opfern und setzen ihre ganze Hoffnung in deren Zukunft. Sie wollen ihre bittere Vergangenheit durch das Glück ihrer Kinder vergessen. Werden ihre Kinder eine bessere Zukunft haben als sie selbst?

    Taqi Akhlaqi
    lebt als Autor in Kabul.

    Übersetzung: Charlotte Collins
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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