Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Das universale Kürzel – Das Post-9/11-Jahrzehnt und der Krieg gegen den Terror

    Wie hat eine in die USA eingewanderte irakische Christin die Anschläge von 9/11 erlebt und was folgte für sie daraus? Yasmeen Hanoosh schildert, wie die Geschichte ihr Leben verändert hat.

    Es gab Terror.
    Einen facettenreichen Terror.
    Es gab eine absurde Verknüpfung zwischen Bin Laden und Saddam Hussein. Es gab eine schwer nachvollziehbare Rechtfertigung für einen Krieg gegen den Terror, der das Ziel – die Terroristen – gewaltig verfehlte. Es gab eine immense Anstrengung von der einen Hälfte der Welt, eine kolossale politische Farce ernst zu nehmen, und es gab eine immense Anstrengung von der anderen Hälfte der Welt, zur Kenntnis zu nehmen, was da vor sich ging.
    Dies war der Beginn meines Terrors: Ich saß an meinem Schlafzimmerfenster im amerikanischen mittleren Westen, tausende Meilen entfernt von meinem Bezugspunkt, den ich irgendwo im zerfallenen Irak gelassen hatte. Ich saß an meinem mittelwestamerikanischen Fenster, mitten in der Geschichte und war doch eine bloße Beobachterin der Geschichte. Mein Fenster befand sich zufällig im Staat Michigan, wo am 17. September 2001 die ersten Verhaftungen im Zusammenhang mit dem Terror erfolgt sind; wo ein Jahr später die erste amerikanische Stadt ein eigenes Büro für Homeland Security errichtete; und wo zwei Jahre später die größte Anti-Terror-Ermittlung in der Geschichte der Vereinigten Staaten stattfand.
    Dies bedeutete für viele der sechs Millionen Einwohner des Landes, die im Jahre 2001 als Araber oder Muslime erkannt wurden, Terror. Aber nicht alles bedeutete für mich Terror. Manches war völlige Ironie, die sich mir in Form von Vorteilen und Gewinn offenbarte. Wie viele andere profitierte auch ich durch 9/11.

    Vorteile durch 9/11

    Es vergingen zehn Jahre, um dies zu bestätigen; es wird ein Leben lang dauern, bis man sich damit abgefunden hat.
    Die Anschläge auf die Twin Towers des World Trade Centers erfolgten, als ich an einem Kurs zur arabischen Literatur teilnahm. Dies ereignete sich während meiner ersten Woche als Promotions-Studentin der Arabistik an der Universität von Michigan. Zu jener Zeit lebte ich mit einer Gruppe (nicht-arabischer) Studenten zusammen, die sich zu ultra-liberalen Werten bekannten. Als ich aus dem Kurs zurückkehrte, entging mir die Art und Weise, wie meine Mitbewohner ihre Blicke abwandten. Auch ihre passive Feindseligkeit nahm ich nicht wahr. Ich hatte den Anschlägen dieses Tages für uns alle dieselbe Ernsthaftigkeit zugeschrieben, da wir alle fern von New York lebten, dieser Stadt dennoch nah waren, da wir in demselben Land lebten und dieselben Grundsätze der Toleranz teilten. Für ein oder zwei Tage entschlüpfte mir die Tatsache, dass ich Araberin war, jemand mit einer unabwendbaren Verbindung zum feindlichen Fremden. Deshalb war ich durch irgendeine Eigenart des Schicksals weniger ein Opfer als meine Mitbewohner, und vielmehr eine Angeklagte in den Augen der Welt.
    In den darauf folgenden Wochen nahm ich außerdem die Bedeutung der vorsichtigen Erkundigungen über mein Wohlergehen, ausgesprochen von meinen Freunden und ihren Bekannten, nicht wahr. Die folgenden Monate brachten eine Sturzflut von Variationen der Frage „Erlebst du Schikanierungen aufgrund deiner arabischen Herkunft?“, ausgesprochen von Menschen, die aufrichtig besorgt waren; aber auch ausgesprochen von denen, die bereit waren für einen verbalen Angriff. Diese Erkundigungen waren eine ständige Erinnerung an eine Identität – wenn nicht gar deren Heraufbeschwörung –, die ich bisher nur passiv angenommen hatte. In den Vereinigten Staaten nach 9/11 eine arabische Identität aufrechtzuerhalten, erforderte eine neue Positionierung. Eine Positionierung, die ich ständig zu wahren vergaß, um aus dem Zusammenhang profitieren zu können, die aber irgendwie für mich durch die strategisch vorteilhaften Absichten Anderer aufrechterhalten wurde. Araber zu sein in Zeiten der Herrschaft des Patriot Act wurde zu einer Gelegenheit. Nicht gerade zu einer Gelegenheit, ein Sieger zu werden, aber zu einer Gelegenheit, als Opfer zu posieren, das eine vernehmbare Stimme hat. Manchmal gelang dies trotz der eigenen Ambivalenz gegenüber identitätsbildenden Bemühungen. 
    „Erlebst du Schikanierungen aufgrund deiner arabischen Herkunft?“ Noch Jahre später war meine Antwort auf diese Frage ein kategorisches „Nein“. Und es war ein aufrichtiges „Nein“. Kulturell identifizierte ich mich weder mit arabischen Traditionen noch mit den monotheistischen Institutionen des Mittleren Ostens. Intellektuell fühlte ich mich weit von der hyper-politisierten Szene des arabischen Amerika entfernt. Ich lebte in den Erinnerungen an den Irak meiner Kindheit, in den fiktiven Rekonstruktionen, die von einer Nostalgie für verlorene Wesenszüge und Empfindsamkeiten erzeugt wurden; lebte in fiktionalen arabischen Texten und Textanalysen, die kaum oder keinen Einfluss auf meinen unmittelbaren sozialen oder politischen Verbleib hatten. Dennoch wurde die Anziehungskraft meiner subjektiven Welt während des 9/11-Jahrzehnts nur noch gesteigert. Es schien als beabsichtigte die theatralische Sturzflut der Homeland Security-Maßnahmen nicht nur, die Telefone und Emails derjenigen Araber und Muslime abzufangen, die etwas zu sagen hatten, sondern auch die Gefühle und Erinnerungen von denjenigen, die nichts zu sagen hatten. All dies wurde zu etwas Fremdem. Und „fremd“ zu denken wurde zu einem ernsthaften Eingliederungsprojekt.
    Diese Einmischung machte mir nichts aus. Ich hatte keine Gedanken, die ich zu verbergen wünschte; nur Gedanken, die aufgrund ihrer Zusammenhanglosigkeit oder ihrer Irrelevanz zu schwierig waren, um sie mitzuteilen. Dennoch bestand die Welt weiter darauf, zu verstehen; wenn nicht zu verstehen, dann wenigstens zu wissen; wenn nicht zu wissen, dann wenigstens zu veröffentlichen.  
    Der Patriot Act ordnete folglich an: All das, was arabisch oder anti-arabisch war, war es wert, sich damit zu befassen. Die Post-9/11-Ära leitete eine nie dagewesene Aufmerksamkeit auf meine Person und meine persönlichen Leistungen. Es wurde allgemein angenommen, dass ich etwas zu sagen hatte, aber nicht aus Gründen, die meine Persönlichkeit betrafen. Es geschah aus dem einfachen Grund, dass ich eine arabische Frau war, die in den Vereinigten Staaten lebte. Als im Jahre 2003 in den Irak eingefallen wurde, verdoppelte sich die Aufmerksamkeit. Meine scheinbare Bedeutung als kulturelle Informantin stand immer mehr im Mittelpunkt. Es ist unnötig zu sagen, dass mein christlicher Hintergrund als eine irakische Frau in den Vereinigten Staaten meine sowieso schon vorhandene große Anziehungskraft als eine Wortführerin intensivierte. Die Vermutungen über meine ethno-religiöse Zugehörigkeit grenzten an mystisches Exotentum: Die Welt lauschte gespannt meiner Geschichte.

    Habe eine Meinung, selbst wenn du keine hast!

    Weiblich, irakische Herkunft, christlich: In Übereinstimmung mit der plötzlich auftauchenden Gegendarstellung des arabischen Detroit, schien jeder begierig meine Meinungen anzuhören, aufzunehmen und verbreiten zu wollen. Die Befragungen erfolgten oft mit großer Ungezwungenheit. Literaturzeitschriften erbaten Erzählungen und Artikel, Colleges und High Schools luden zu „Kultur“-Gesprächen ein und Wissenschaftler mit nur entfernt ähnlichen Interessen beeilten sich, zusammenzuarbeiten und den Moment in Anthologien festzuhalten. Es war nicht nötig, mich oder meine (irrelevante) Arbeit zu kennen. Es war ein großer Druck, eine Meinung haben zu müssen, als ich oft keine hatte. Dies war das kongeniale, unpersönliche Gesicht des Kriegs gegen den Terror.
    Eine weiterer großer Druck lag darin, eine ethno-religiöse Identität zu behaupten. Die Post-9/11-Ära wurde zu einem Zeitalter der kollektiven Neudefinierungen. Wenn man ein Opfer mit einer vernehmbaren Stimme war, musste man gleichzeitig Wortführer der Identität sein, wenn nicht gar ein Musterexemplar der Identität selbst. Michigan wurde in den Mittelpunkt gerückt, und seine „größte arabische Bevölkerung außerhalb der arabischen Welt“ wurde mikroskopisch genauen Blicken ausgesetzt. Dank der Bemühungen, die Gemeinschaft der 9/11-Flugzeugentführer zu entwirren, kamen fein säuberliche, sich wechselseitig ausschließende Identitätskomponenten an die Oberfläche: Muslim, Nicht-Muslim, Araber, Nicht-Araber, Schiit, Sunnit, Kurde, Chaldäer, Assyrer und Maronit schafften es in die Top Ten-Liste der von den lokalen Medien gelisteten Identitäten, in ihrer Bemühung, der Bevölkerung deutlich zu machen, „wer arabische Amerikaner wirklich sind“. (Eine im Jahre 2003 vom Institute for Social Research an der Universität von Michigan durchgeführte ausführliche Umfrage zielte darauf ab, zu zeigen, dass die demographischen Realitäten des arabischen Detroit viel komplexer waren, als die Regierung und die Medien ursprünglich angenommen hatten. Sie zeigte, dass 58 Prozent aller Araber in Michigan Christen waren – im Gegensatz zu den Flugzeugentführern –, dass die Muslime unter ihnen hauptsächlich Schiiten waren – im Gegensatz zu den Flugzeugentführern – und dass die arabische Bevölkerung vorwiegend aus Staatsbürgern der Vereinigten Staaten bestand – ebenfalls im Gegensatz zu den Flugzeugentführern.)
    Im September 2001 schien meine berufliche Zukunft im besten Falle nebulös. Da meine wissenschaftlichen Interessen sich vorwiegend um arabische Literatur und Literaturübersetzung drehten, hatte ich schon frühzeitig akzeptiert, dass die Berufsaussichten zur Zeit meines Studienabschlusses unbeständig sein würden. Ich begann mein Studium mit der Überzeugung, dass das Interesse an arabischer Sprache und Literatur einer kleinen Schar Auserwählter vorbehalten war: den hoch Politisierten, den religiös Indoktrinierten oder den im Herzen Antiquierten. Jetzt, eine Dekade später, kann ich bestätigen, dass 9/11 meine Zukunft als Gelehrte für Arabisch umgestaltet hat.  
    Die arabische Sprache, die ich 2001 zu lehren begann, war bis dahin als eine der „eher selten gelernten und studierten Sprachen“ angesehen worden. Ein Jahr später hatten sich die Einschreibungen an den Hochschulen innerhalb des Landes verdoppelt. Kurz darauf verdreifachten und vervielfachten sie sich. Die bundesstaatlichen Finanzierungen, die bis dahin nur getröpfelt hatten, überfluteten nun die Hochschulen. Die Fördermittel für das Bilanzjahr 2002 beinhalteten eine 26-prozentige Erhöhung für akademische Bildung und internationale Studien, den Studienzentren des Mittleren Ostens im Land wurden somit $20,5 Millionen zur Verfügung gestellt. Immer mehr Universitäten und Colleges begannen nun überall im Land arabische Sprach- und Kulturseminare anzubieten, oder ihre bereits bestehenden Programme auszubauen. Es wurden mehr Stellen für Experten der Arabistik geschaffen. Diese neuen Stellen waren zahlreicher als die Kandidaten, die wirklich qualifiziert waren, um dieser sich stark vermehrenden Nachfrage nachzukommen. Als ich meine Doktorarbeit im Jahre 2008 abgeschlossen hatte, konnte ich mit relativer Leichtigkeit aus einem Dutzend von Universitäts-Anstellungen landes- und weltweit wählen (während beispielsweise etwa 300 Doktoren der Spanischen Literatur um 200 Stellen pro Jahr gegeneinander antreten). Dies sagte wenig über meine wirklichen Qualifikationen und über die anderer Spezialisten, Informanten und Autoren aus. Es sagte hingegen viel über Rahmen und Kategorien aus. Neben weiteren 9/11-Institutionen waren es die Hochschulen, die an meiner Herkunft (Irakerin), meiner Staatsbürgerschaft (Vereinigte Staaten) und meinem Titel (Ph.D. aus den Vereinigten Staaten) interessiert waren.

    Der Terror von Sprachzeugnissen und Empfehlungsschreiben

    Das, was ich oben beschrieben habe, sind nicht die einzigen Gesichter des Kriegs gegen den Terror in den Vereinigten Staaten. Eines seiner schlimmsten Gesichter ist es seit dem Jahre 2002, jungen, beeindruckbaren Männern und Frauen Arabisch beizubringen, im vollen Wissen ihrer Finanzierungsmittel und kurzfristigen Pläne. Der Terror erscheint in der Form von Sprachzeugnissen und Empfehlungen, die geschrieben werden, und besteht darin, abseits zu stehen und meine Arabisch-Studenten der US-Army im Irak beitreten zu sehen, nur um ihr Leben zu verlieren oder es im Kampf gegen den „feindlichen“ Fremden zu gefährden.
    Dies ist Terror.
    Ein facettenreicher Terror.
    Es gab den Anfangsterror, der wahrscheinlich der eindringlichste und elementarste von allen war, den aber niemand von uns, die wir in der Post-9/11-Ära leben, erfassen konnte. Dieser Anfangsterror erstarb mit seinen 3000 Opfern, die in den Gängen verbrannten, die in ihren Büros erstickten, die von den Dächern und Fenstern sprangen. Und dann begann der offizielle Terror. Er begann direkt nach 9/11 – oder hatte vielleicht schon lange davor begonnen. Er beanspruchte für sich den hochmütigen Namen „Krieg gegen den Terror“. Er verursachte einen auf ihn folgenden, dauerhaften und kollektiven Terror. Patriotischer Terror gärte in den Köpfen der Araber und Muslime in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus. Ein Terror der Irrationalität und Wahllosigkeit war geboren, als die größte Weltmacht auf irrelevante und unbeabsichtigte Objekte zu zielen schien: auf die Menschen in Irak und Afghanistan und auf ihre eigenen, hier geborenen oder eingebürgerten US-Bürger arabischer oder muslimischer Abstammung.
    Vielleicht war der Krieg gegen den Terror kein Akt der Rache. Vielmehr war er ein Akt, der darin bestand, sich an der Rache abzureagieren. So schien es zumindest.

    Yasmeen Hanoosh
    ist eine aus dem Irak stammende Literaturübersetzerin und Assistenzprofessorin für Arabisch und Literatur an der Portland State University.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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