Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Die Kernschmelze des Rechtsstaats

    In seinem Buch beschreibt Bernd Greiner, warum die westlichen Staaten durch ihren Kampf gegen den Terror immer mehr Terror provozieren und dabei das aufs Spiel setzen, was sie stets so hoch preisen: ihre Vernunft.

    Bereits wenige Monate nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 auf das World Trade Center und weitere wichtige Regierungsgebäude in den Vereinigten Staaten wurden die ersten Bücher veröffentlicht, die auf unterschiedlichste Art und Weise versuchten, die Ereignisse zu beschreiben, zu erklären, aber auch umzudeuten. Neben Sammelbänden, Thrillern, Chroniken und Verschwörungstheorien in mehr oder minder seriöser Sachbuchform gibt es nur wenige Werke, die dem Thema auch vom wissenschaftlich-sachlichen Standpunkt aus gerecht werden. Vor allem die zeitliche Nähe verhinderte in den letzten Jahren eine hinreichende Untersuchung der Ereignisse, die über eine Zusammenfassung des Tathergangs und der Ursachen für die Anschläge hinausgeht und auch die mittel- und langfristigen Folgen mit in den Blick nimmt. Jetzt – 10 Jahre nach den Anschlägen – ist gerade so viel Zeit verstrichen, um auch die ersten Entwicklungen, die 9/11 nach sich zog, mit in die Analyse einzubeziehen. Der Historiker und Gewaltforscher Bernd Greiner liefert mit seinem im März erschienenen Buch 9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen eine „erste Bilanz über die Hintergründe und Folgen des 11. September 2011“.

    Die Erosion der Vernunft

    Doch Greiner schrieb kein Buch über 9/11, auch wenn dies der Titel suggeriert. Dies ist in erster Linie ein Buch über Machtmissbrauch, politischen Größenwahn, ans Irrationale grenzende Angst und das daraus entstehende schrittweise Ersetzen der Vernunft durch Meinungen, Gefühle und Vorurteile – konkretisiert am Fall des amerikanischen und allgemein westlichen Umgangs mit dem Terror, der seinen Höhepunkt in den Anschlägen an jenem Dienstag im September 2001 in New York und Washington fand. Dem Ereignis selbst, den wenigen Stunden (zwischen 7.59 Uhr und 10.28 Uhr), in denen die Flugzeugentführungen, der Zusammenprall und der Einsturz der Twin Towers erfolgten, sind nur die ersten Seiten des Buches gewidmet. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der amerikanischen Militär- und Außenpolitik der letzten Jahrzehnte, darunter die millionenschwere finanzielle Unterstützung der Gotteskrieger in Afghanistan gegen die UDSSR in den achtziger Jahren und die Bereitstellung der amerikanischen Invasionsstreitmacht in Saudi-Arabien gegen den Irak im Zweiten Golfkrieg. Greiner arbeitet heraus, dass die 9/11-Täter nicht nur religiöse, sondern auch säkulare Gründe für die Anschläge hatten, oder konkreter gesagt: Ihre religiösen Rechtfertigungen konnten nur Fuß fassen aufgrund einer durch die spezifische koloniale Vergangenheit und die machtpolitischen Interventionen geschürten Abneigung gegen den Westen – Interventionen, die viele zivile Todesopfer forderten und durch ihr heilsversprechendes Auftreten eine Antwort geradezu provozierten. Die schließlich am 11. September gegebene Antwort war radikal und maßlos und widerstrebte jeglichen Vernunftgeboten – aber sie war eine Antwort, eine Reaktion auf das Gebaren des Westens.

    Sprache in Zeiten des Terrors

    Auch nach zehnjährigen Debatten und Forschungen über die Hintergründe der Anschläge weiß eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Amerika und in den europäischen Staaten nichts über den Anteil, den diese provokative vergangene und gegenwärtige westliche Außenpolitik an den Terrorbedrohungen hat – oder sie will es nicht wissen. Nach wie vor wird das Fanatisch-Religiöse, wird der Islam als einzige Ursache gesehen; und seit der Bekanntgabe der Terrororganisation al-Qaida als Drahtzieher und der ausnahmslos arabisch klingenden Namen der Attentäter wenige Tage nach den Anschlägen entstand sogleich ein Feindbild, das längst nicht mehr einfach nur ein harmloses Vorurteil ist und sich in den letzten Jahren in vielen Teilen der westlichen Gesellschaft in eine nicht mehr zu leugnende Islamophobie gesteigert hat.
    Bernd Greiner liegt nun daran, diese herrschenden Meinungen zu revidieren; er zeigt auf, wie selten die Stimme der Vernunft mittlerweile noch Handlungen und Meinungen beherrscht – und wie diese Entwicklung zu Zeiten des Kalten Krieges eingeleitet und schließlich von der Administration Bush auf einen Höhepunkt getrieben wurde. Durch die weltweiten Terroranschläge in den neunziger Jahren, die schließlich in den Kulminationspunkt 9/11 mündeten, wurde ein Zeitalter eingeleitet, in dem es keine Bewertungskriterien im interkulturellen und internationalen Umgang mehr gibt, sondern nur noch Misstrauen und schnelles, unhinterfragtes Handeln ausschlaggebend sind.
    Neue Paradigmen bringen nicht selten neue Begriffe mit sich und damit auch eine neue Sprache. Greiner deckt auf, was sich hinter der Rhetorik amerikanischer Politiker verbirgt und welche Bedeutungsverschiebungen stattgefunden haben. Zumeist sei es die Angst, die Schritte wie die „One Percent Doctrine“, (die die bloße Wahrscheinlichkeit von Terroraktivitäten anstelle von Beweisen zur Grundlage von militärischen Handlungen macht), nach sich zog. Doch die Angst ist nur die emotionale Seite. Ohne die langjährige Taktik amerikanischer Regierender wie Richard Cheney, Donald Rumsfeld und natürlich George W. Bush, die Legislative zu umgehen und ihre eigenen Machtbereiche zu erweitern, ohne die Etablierung des Feindstrafrechtes als Teil des berüchtigten „Patriot Act“ und ohne die medial äußerst wirksam inszenierte „Permanent Preparedness“, die die ungemütliche „totale Mobilisierung” in ein sanfteres Wortgewand hüllt, wäre das Feindbild „Muslim“ sicher nicht so gewaltig – und so gefährlich – geworden und das „Rechtsverständnis der westlichen Moderne“ würde noch auf einer stabilen Grundlage stehen. Dies beweisen nicht zuletzt die völlig haltlosen Argumente, die Anfang 2002 von der amerikanischen Regierung für einen Krieg gegen den Irak angeführt wurden, sowie die Unterwanderung, ja das völlig bewusste Ignorieren der Genfer Konventionen durch die Doktrin des Präventivkrieges und schließlich die erlaubten Folter- und Verhörmethoden und die damit einhergehende Errichtung eines rechtsfreien Raums in Gefängnissen wie Guantanamo oder Abu Ghraib.
    Und bei all dem, führt Greiner aus, offenbart die Geschichte ihr ironisches Gesetz: Der maßlose Krieg gegen den Terror hat dem Feind selbst weitere Kraft beschert, denn jeder Getötete führt zur Rekrutierung weiterer Gotteskämpfer auf Seiten al-Qaidas.
    Eines wird deutlich: Die Terroranschläge vom 11. September haben es geschafft, eine Zeitenwende einzuleiten, Grenzen zu verschieben, neue Kategorien und Paradigmen zu schaffen, in denen mächtige, rechtsferne Gesetze gelten und eine ständige Habachtstellung die Grundlage jedweder Außenpolitik bildet. Das „nervöse Jahrzehnt“ hatte begonnen.

    Fazit

    9/11 ist in der Absicht geschrieben worden, ein vorwiegend unwissendes Publikum aufzuklären und herrschende Vorurteile zu hinterfragen. Es liefert keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, es verleiht aber den von einer Mehrheit der Bevölkerung im Westen ignorierten Tatsachen eine kompetente Stimme. Sein Wert besteht aus der Fülle der Informationen, der leicht nachvollziehbaren Vermittlung schwieriger Sachverhalte, der Einordnung des Kriegs gegen den Terror in eine Erbfolge der bereits während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktizierten „Machtüberdehnung der Exekutive“ in der US-amerikanischen Politik, und schließlich der Zuspitzung der Thesen auf die Gefahren und Auswirkungen des Vernunftsverlustes. Ein Buch mit aufklärerischer Absicht, das durch seine seriöse, wissenschaftliche Grundlage und die ausführlichen Argumentationen und Darstellungen der Sachverhalte einen sinnvollen Beitrag leisten kann, vorherrschende Meinungen zu revidieren und – so redundant es auch klingen mag – der Vernunft, diesem „Relikt einer untergegangenen Epoche“, ein wenig mehr Platz im Prozess des Beurteilens von Sachverhalten einzuräumen.

    Simone Falk
    ist eine in Köln lebende Übersetzerin und Journalistin.
    Bernd Greiner: 9/11: Der Tag, die Angst, die Folgen. C.H. Beck Verlag 2011, 280 Seiten.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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