Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Zum Tahrir-Platz, bitte!

    Der Weltgeist muss beim Timing des Erscheinens der deutschen Ausgabe von Khalid Al Khamissis Im Taxi seine Finger im Spiel gehabt haben: Mit dieser Publikation haben wir das ultimative Buch zur ägyptischen Revolution vor uns.

    Khalid al-Chamissis Buch „Im Taxi“ ist ein Zeugnis, eine Mitschrift der ägyptischen Katastrophe, sondern auch eines der literarischen Werke, die ein Katalysator der Protestbewegung gewesen sein dürften. Tatsächlich engagiert sich der 1962 geborene Autor, ein studierter Politikwissenschaftler, der heute in Kairo eine Medienagentur betreibt, intensiv in der Protestbewegung, nicht zuletzt durch auch in deutschen Zeitungen publizierte Artikel. Sein 2007 in Kairo publizierter Erstling war ein Überraschungserfolg, der die bisherigen Lesegewohnheiten der Ägypter auf den Kopf stellte. Es ist noch nicht lange her, da galt ein Buch, dass sich in der arabischen Welt 5000 Mal verkaufte als ein Beststeller. Von Taxi wurden einige 10.000 allein in Ägypten verkauft, und seither zählt al-Chamissi wie etwa auch Alaa Al-Aswani, der Autor des Romans „Der Jakubian-Bau“ zu den Protagonisten einer neuen Autorengeneration, die im Begriff sind, das althergebrachte Verständnis ‚schöngeistiger’ Literatur zu überwinden. Inhaltlich zeichnet sich dieses neue Literaturverständnis dadurch aus, direkt, realistisch, ja fast dokumentarisch zu sein; stilistisch ist es geprägt von einer einfachen, schnörkellosen Sprache, die mit der hergebrachten arabischen Rhetorik bricht und für einen klassischen gebildeten Leser schmuck-, ja kunstlos wirken kann. Die aber für die moderne Literatur einen ganz neuen, an Internet und Fernseh gewöhnten Leserkreis erschließt. Eine wichtige Rolle spielt dabei, dass diese Bücher zum Teil, im Fall von „Taxi“ überwiegend im lokalen ägyptischen Dialekt statt in der Hochsprache geschrieben sind. Lässt sich das überhaupt angemessen übersetzen? Durchaus, und Kristina Bergmann, die Kairo-Korrespondentin der Neuen Zürcher Zeitung hat den richtigen Tonfall dafür gefunden, die einfache deutsche Prosa nämlich – richtig deshalb, weil der Dialekt für die Ägypter eben nicht nach Dialekt klingt, sondern die Alltagssprache ist, während die arabische Hochsprache oft gestelzt wirkt.
    Was aber erzählt uns al-Chamissi? Die Geschichten funktionieren nach einem ganz einfachen Muster. Der Erzähler hält eines der 80.000 Kairoer Taxis an und kommt mit einem der 250.000 Kairoer Taxifahrer ins Gespräch. Nach einem kurzen Beschnuppern, einer Beschreibung der oft kuriosen Typen und noch kurioseren Taxis kommt es schnörkellos zur Hauptsache: Wut, Trauer und Witz angesichts der eigenen Situation oder der des Landes sind die Themen dieser Taxigespräche. Da findet einer Aladdins Wunderlampe, reibt an ihr, der Geist erscheint ihm und stellt ihm einen Wunsch frei. Eine Million Ägyptische Pfund verlangt der glückliche Lampenbesitzer. Aber der Geist händigt ihm nur eine halbe Million aus. Warum? „Die Regierung ist mit fünfzig Prozent an der Lampe beteiligt!“ Ein Kinoticket, erfahren wir nebenbei kostet in Ägypten heute tausendmal so viel wie vor zwanzig Jahren. Ein Polizist in Zivil steigt ins Taxi, lässt sich zu seinem Ziel kutschieren, und statt zu bezahlen, verlangt er vom Taxifahrer Geld. Andernfalls müsse er ihm den Führerschein abnehmen. Irgendetwas beanstanden lässt sich immer. „Eigentlich sind wir alle illegal.“

    Es ist diese Arroganz der Macht, die die Taxifahrer in immer wieder neuen Anekdoten beklagen, aber die sich um ihre Klagen nie schert. Wenn man ein Auto mit Anschnallgurten nach Ägypten einführt, muss man diese wie einen Luxusartikel eigens verzollen. Aber auf einmal galt dann die Anschnallpflicht: Alle mussten sich Gurte kaufen, die doch jeder nur zum Schein anlegt. Das Monopol für die Gurte hatte aber zufällig ein der Regierung der Regierung nahestehender Geschäftsmann.
    Wollte man einem hiesigen Politiker, oder einem der das Volk nicht hörenden Mächtigen, kurz die Situation in Ägypten erklären, man müsste ihm nur dieses Buch auf den Nachttisch legen.
    „Das ist mir aber zu wenig literarisch“, würde jetzt Marcel Reich-Ranicki sagen, wenn er aus Versehen al-Chamissi gelesen hätte. Ist es das? In der Tat, muss man das hergebrachte Verständnis von Belletristik ein wenig aufbrechen lassen, um einen Sinn dafür zu bekommen, was der Autor hier leistet. Dann aber gibt man zu: Al-Chamissi hat mit eine resoluten Schlag den gordischen Knoten der arabischen Gegenwartsliteratur durchtrennt. Dieser bestand darin, dass nämlich die Probleme, deren sich Schriftsteller in ihren Werken annehmen sollten, viel zu groß sind, um literarisch handhabbar zu sein. Ihnen aber auszuweichen, wäre literarischer Defaitismus. Al-Chamissis Lösung ist die vollkommene Trennung von Inhalt und Form. Man lässt das Ungeheuerliche, literarisch Inkommensurable dieser Gesellschaft, statt es auf dem Eselskarren in den Musentempel zu peitschen, unverschnörkelt für sich selber sprechen. Auch so hat das Erzählte eine genuine, und heute möchte man sagen revolutionäre, Wucht.
    Und auf einmal begreift man, dass dieser Text natürlich viel mehr ist und sein will, als Literatur. Es ist ein politischer Essay. Es ist eine Fallstudie. Es ist, in dem Land, in dem Umfragen ohne Genehmigung der Staatssicherheit verboten sind, ein Datenmaterial, gesammelt, um endlich einmal alles das zur Sprache zur bringen, was schiefläuft, und wie die Leute darüber denken – nämlich ohne jede Illusion. Und zu diesen Leuten gehören nicht nur die Taxifahrer, einfach oder studierte, sondern auch der Autor, der Politologe, der Medienexperte, der Schalk, oder andere eigene Ansicht und Analyse, wie man vermuten darf, mit in das Buch eingeschmuggelt hat. Wenn demnächst Europa, Hüter der Demokratie, anbieten wird (die lustige Idee Italiens Polizisten für Tunesiens Küsten gab einen Vorgeschmack darauf) Wahlbeobachter zur Unterstützung der jungen, aber natürlich noch unreifen ägyptischen Demokratie an den Nil zu schicken, so ist die Antwort darauf in Taxi schon nachzulesen: „Wir könnten zum Beispiel fordern, die Wahlen in Amerika zu beobachten, weil wir nicht glauben, dass sie einwandfrei ablaufen. Wir würden sagen, wir müssen die Demokratie verteidigen und ägyptische Richter schicken, um sicherzustellen, dass der demokratische Prozess sauber abläuft. Wissen Sie, wenn wir das täten, würden sie endlich verstehen, was sie den Menschen antun. (…) Das wichtigste wäre, wir würden aufhören, von ‚Amerikanern’ zu sprechen und stattdessen ‚weisser protestantischer Irisch-Amerikanischer’ oder ‚schwarzer muslimischer Americaner’ oder ‚Hispanic’ sagen, wie es bei ihnen immer heißt: ‚Sechs irakische Schiiten und zwei irakische Sunniten sind ums Leben gekommen.“
    In einem fort könnte aus diesem Buch zitieren. Die Weisheiten der Kairoer Taxifahrer, von al-Chamissi gekeltert, sind unerschöpflich. Sollte es Ägypten einst besser gehen, wird es dank diesem Buch immer wissen, wie es einst in ihm zuging. Und wenn nicht, dann ist die Wahrheit wenigstens einmal gesagt: „Wir leben in einer einzigen Lüge. Die Regierung ist nur dazu da, zu überprüfen, ob wir die Lüge schlucken.“

    Stefan Weidner
    ist der Chefredakteur von Fikrun wa Fann / Art & Thought.
    Khalid Al Khamissi: Im Taxi. Unterwegs in Kairo. Lenos Verlag, Basel 2011. Aus dem Arabischen von Kristina Bergmann. 187 S., geb.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2011

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