Foto: Kai Wiedenhöfer

    Von 9/11 zu den arabischen Revolutionen

    Editorial



    Als die vorliegende Ausgabe von „Fikrun wa Fann/Art&Thought“ im letzten November geplant wurde und wir damals als Themenschwerpunkt „10 Jahre nach 9/11“ festgelegt haben, hatte noch niemand geahnt, dass die arabische Welt ein halbes Jahr später in einer tiefgreifenden Umwandlung befindlich sein würde. Die Stagnation der arabischen Welt hielt schon so lange an und war durch die repressiven Staatsapparate so gut abgesichert, dass es unmöglich schien, einen Wandel von unten her zu bewirken. Wenn überhaupt, so dachten wir alle, würde nur ein langsamer, gelenkter Veränderungsprozess, der von den Regierungen selbst ausgehen würde, etwas ändern. Oder aber Druck von außen. Besonders im Westen fürchte man ferner, dass die größte Gefahr für die herrschenden Regime immer ein islamisch-motivierter Umsturz war. An einen demokratischen Umsturz, wie in Europa 1989 (siehe den Schwerpunkt unseres Heftes 92, 2009), glaubte niemand.

    Nun haben die arabischen Völker uns alle eines Besseren belehrt. Der Geist von Befreiung, Selbstbestimmung und Demokratie weht durch die arabische Welt, ohne dass der Westen dazu bislang Wesentliches beigetragen hätte; im Gegenteil stützten Europa und die USA allzu lange arabische Regime, die bei den Menschen selbst schon alle Glaubwürdigkeit verloren hatten. Auch der Westen selbst verlor dadurch weiter an Ruf in der islamischen Welt. Der spät beschlossene militärische Einsatz gegen Gaddafi wird diesen über Jahre angewachsenen Vertrauensverlust nicht wettmachen können. Die Menschen und meisten Intellektuellen im Westen aber haben anders als ihre Regierungen die Umbrüche im Nahen Osten früh und mit großer Begeisterung begrüßt. Das gilt natürlich auch für die Redaktion von Fikrun wa Fann /Art & Thought, zumal viele unsere Mitarbeiter sich selbst für die Umwälzungen eingesetzt haben und direkt von ihnen betroffen sind.

    Die arabischen Revolutionen verändern das gesamte Verhältnis von Westen und islamischer Welt, wie es spätestens seit dem 11.9.2001 bestanden hat. Sie markieren eine Epochenwende, die gleichzeitig diejenige, die 2001 begann, abschließt. Diese Veränderung spiegelt sich auch in unserem Heft. Wir schlagen einen Bogen von 9/11 zu den arabischen Revolutionen. Wie blicken wir zehn Jahre nach den Anschlägen von New York auf die in der islamischen Welt und im Umgang mit den Muslimen im Westen besonders spürbaren, fast durchweg negativen Auswirkungen zurück? Was bedeuten vor diesem Hintergrund die jüngsten Ereignisse in der arabischen Welt? Über die Veränderungen in Pakistan, einem besonders betroffenen Land, spricht der Schriftsteller Aatish Taseer, der Sohn des ermordeten Gouverneurs von Punjab, Salman Taseer, der sich für mehr religiöse Toleranz ausgesprochen hatte. Aus den USA berichtet die Irakerin Yasmeen Hanoosh für uns über ihre Erlebnisse nach 9/11, und über die negativen Veränderungen auf das westliche (und deutsche) Islambild schreibt die Islamwissenschaftlerin Sonja Hegasy, während der saudi-arabische Schriftsteller Ahmad al-Wasil die Veränderungen in seiner Heimat skizziert. Mit den Gefahren des politischen Islams im Unterschied zu einem friedlich verstandenen setzt sich der iranische Theologe Hassan Youssefi Eshkevari auseinander, ebenso wie die Schriftstellerin Alawiyya Sobh aus Libanon. Die iranische Exilperspektive wird in diesem Heft von Bahman Nirumand und Abbas Maroufi vertreten, während der junge afghanische Schriftsteller Taqi Akhlaqi über die Veränderungen in seiner Heimat berichtet und Ali Badr über die Schwierigkeit, nach 9/11 Araber und Muslim zu sein.

    Die arabischen Revolutionen aber sind noch in vollem Gang. Wir versuchen, über die bloße Momentaufnahme hinauszugehen und eine vorsichtige, erste Bilanz zu ziehen: Aus Tunis, von wo aus der Schriftsteller Hassouna Mosbahi für uns schreibt, der in den achtziger bereits für Fikrun wa Fann gearbeitet hat. Aus Jemen, wo Ali al-Muqri für uns die Situation einordnet, aus Ägypten, wo der Dichter Girgis Shukri seine Eindrücke festgehalten hat, und schließlich schildert uns Ulrich Beck, einer der bekanntesten deutschen Soziologen, wie er die Veränderungen sieht.

    Aber nicht nur die arabische Welt, auch Fikrun wa Fann/Art&Thought selbst, die in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, geht neue Wege, wie unsere Leser am Layout sofort erkennen werden. Wir hoffen, dass Ihnen neben unseren spannenden Inhalten auch unsere neue Gestaltung gefällt.
    Anregende Lektüre wünscht Ihnen Ihre

    Redaktion Fikrun wa Fann/Art&Thought