Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Popmusikalischer Aufbruch und sozialer Protest
    Soundtrack der Revolte

    Die Volksaufstände in der arabischen Welt werden von vielen Künstlern der Region musikalisch begleitet und in ihren Songtexten reflektiert. Ihre rebellischen und politischen Klänge sind ein Sprachrohr für die ausgegrenzte urbane Jugend. Doch diese Protestkultur ist kein neuartiges Phänomen.

    Wenn sich in den vergangenen Monaten des „arabischen Frühlings“ viele politische Beobachter im Westen ungläubig die Augen gerieben haben über die Wucht und Intensität der Volksaufstände gegen die Despotien in der arabischen Welt, wirft dies ein Schlaglicht darauf, wie wenig man von der weit verbreiteten Unzufriedenheit der arabischen Zivilgesellschaften wahrhaben wollte. Das gilt besonders für die jüngere Generation, die sich vehement gegen die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, der künstlerischen Freiheit und der sozialen Misere in ihren Ländern auflehnt. Und das nicht erst seit gestern. Junge Menschen, die heute das Gros der Bevölkerungen in den arabischen Staaten stellen, sind bereits seit Jahrzehnten – wie in Ägypten – die Hauptleidtragenden von „Mubaraks Kriegen im eigenen Haus“, wie es der ägyptische Soziologe Saad Edin Ibrahim formulierte. Sie sind die Opfer von Notstandsgesetzen, Medienzensur, Polizeifolter und juristischer Willkür. Diese Wut einer jahrzehntelang unterdrückten Jugend hat nun das Fass zum Überlaufen gebracht.

    Karim Kandeel, Frontmann und Gitarrist der Punkband Brain Candy aus Kairo ist einer von jenen Verzweifelten, die schon zu lange unter dem System Mubarak gelitten haben. „Wir waren hirntot. Wir krepierten hier – langsam, aber sicher“, sagt der 23-Jährige rückblickend auf die bleierne Ära der ägyptischen Kulturpolitik unter Mubarak. „Die Hälfte unserer Lieder handelte denn auch von all den negativen Erlebnissen, die wir in den letzten Jahren hatten, von dem Frust und dem Gefühl, auf immer hier gefangen zu sein.“ Gefangen im System Mubarak, ohne Chance, ihre Musik einem größeren Publikum vorzustellen, da ihre rebellischen Klänge zu sehr bei den politischen Obrigkeiten am Nil anecken und angeblich auch die religiösen Gefühle der Menschen verletzen könnten. Doch mit dem unerwartet schnellen Fall des Pharao schöpft er neue Hoffnung: „Eigentlich haben wir alle nicht mehr daran geglaubt, dass so etwas jemals passieren könnte. Wir atmen zum ersten Mal nach einer halben Ewigkeit die Luft der Freiheit.“

    Die Jungs vom Tahrir-Platz

    Genau wie Kandeel geht es vielen unangepassten Rock- und Popmusikern, die vom Staat jahrzehntelang drangsaliert und schikaniert wurden. Und die während des 18-tägigen Aufstandes zum Kairoer Tahrir-Platz strömten, um ihrem Unmut über das Regime Luft zu machen. Mit Tablas, Tambourinen, Gitarren und Flöten unterstützten sie lautstark die Anti-Mubarak-Chöre der Demonstranten auf dem zentralen Platz der Befreiung.

    Unter ihnen war auch der 27-jährige Mohammed El Deeb aus Kairo, einer der gegenwärtig populärsten Hip-Hop-Künstler Ägyptens. Mit dem Mikrofon in der Hand und sarkastisch-bissigen Wortspielen gegen das Regime zog der junge Shooting-Star der ägyptischen Rap-Szene all jene Jugendliche auf dem Tahrir-Platz in den Bann, die bereits seit langem die Nase voll haben von den gesellschaftlichen Zwängen und der autoritären Gängelung in der Mubarak-Ära. Bereits seit dem ersten Tag der Protestveranstaltungen auf dem Tahrir-Platz war Deeb mit von der Partie und verlieh mit seiner Stimme der revoltierenden Jugend Wort und Klang. In seinem Song „Übergangsphase“ (fatra enteqaleyya) lässt der Poet und MC die euphorische, revolutionäre Stimmung während der Proteste auf dem Tahrir-Platz in Kairo und im ganzen Land bildhaft Revue passieren:

    Wir haben den verhassten Diktator, den verdammten Pharao vertrieben/Dank Twitter und Facebook haben junge Revolutionäre in Ägypten die Sprache der Wahrheit gefunden/Sie sagen uns: Nein, kein Stein wird sich bewegen, Inshallah, bis die Erde untergeht/Unsere Revolution kommt aus dem Volk, friedlich und patriotisch!/Wir wollen Freiheit, Würde und Gerechtigkeit/Das Volk steckte in der Umklammerung einer eisernen Faust/Benutzt und ausgenommen von persönlichen Interessen/Sie haben uns mit aller Gewalt misshandelt/Aber am 11. Februar haben wir ein Fest mit Millionen gefeiert/Hoch sollst du leben, tapferes Ägypten, wir haben die Freiheit erkämpft!/Übergangszeit, Werbepause, Tee und Cleopatra-Zigaretten!/Gelbe Gesichter schwärmen von diesen Nachrichten!/Strafstoß – und das Publikum wartet auf den Treffer/Jeden Tag lesen wir in der Zeitung über einen neuen Typen, der das Land beraubt hat/Schau in den Spiegel, gib das Gold zurück, bist du nicht auch verantwortlich für die Lage im Land?/Muss man sich über all die falschen Versprechen etwa wundern?/Von Problemen infiziert wurde Geschichte geschrieben/Und denkt bloß nicht, das Volk sei müde!/Das Volk jubelt, 50 Jahre war es unterdrückt/Der wahre ägyptische Revolutionär hat schon vor seiner Befreiung über den Mann hinter Omar Suleiman gelacht/Der wahre ägyptische Revolutionär hat nach der Befreiung, nach dem Feiern die Straßen und Plätze sauber gemacht.

    Seit Beginn des Aufstands gegen das Mubarak-Regime fiel die bleierne Last der vergangenen Jahrzehnte schlagartig vor allem jungen Popmusikern und Bands von den Schultern – Gruppen, die sich durch das politische Erdbeben ermutigt fühlten, zum ersten Mal offen ihren Protest gegen das Regime in ihren Songs zu formulieren.

    Neben Deeb thematisierten auch andere Hip-Hop-Bands wie die Arabian Knightz aus Kairo den Aufstand gegen das Mubarak-Regime. In ihrem Song „Not your prisoner!“ geht es um die Brutalität der ägyptischen Polizeikräfte bei der versuchten Niederschlagung des Aufstandes. Als die Proteste gegen Mubarak ihrem Höhepunkt entgegensteuerten, rief die auf Arabisch und Englisch rappende Crew in ihrem Song „Rebel!“ unverblümt zum Sturz des Regimes auf. Das Kairoer Hip-Hop-Trio beschreibt das Stück als „emotional aufbauenden Song, der das Herz, den Mut und den Geist des ägyptischen Volkes ausdrückt, das gegenwärtig in einer Revolution gegen ein unterdrückerisches Regime kämpft“.

    Die Rapper von The Narcicyst etwa (feat. Amir Sulaiman, Ayah, Freeway, Omar Offendum) lassen in ihrem Musikvideo „25. Januar", dem Beginn des Aufstandes gegen Mubarak, im Stil US-amerikanischer Vorbilder den blutigen Verlauf der Revolution Revue passieren.

    „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt!“

    Die Zeiten, als unangepasste Rock- und Popmusiker in Ägypten, wie etwa die Heavy Metal-Musiker in Kairo, noch von der Staatssicherheit beschattet, inhaftiert, gefoltert und öffentlich als Satanisten und Junkies diffamiert wurden, scheinen nunmehr endlich vorbei zu sein. Doch während Ägyptens geschasste Undergroundmusiker und Bandformationen ihren Protest aus Furcht gegen das Mubarak-Regime bis zum Ausbruch des Aufstandes nie wirklich offen artikulierten, war die Entwicklung in den benachbarten Maghrebstaaten eine völlig andere.

    In Algerien – und seit jüngster Zeit auch in Tunesien – hat sich eine Generation junger Musiker mit politischem Bewusstsein etablieren können, die mit Hilfe des Rap und des Mikrofons die herrschenden Missstände, die Korruption und Vetternwirtschaft der politischen Eliten in ihren Ländern konsequent anprangert. So avancierte in Tunesien im Verlauf der Jasminrevolution der Protestsong „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt!“ (Rais Lebled) des Rappers Hamada Ben Amor (auch „El Général“ genannt) auf einen Schlag zum Revolutionssong und begeisterte die tunesische Jugend.

    Darin kritisiert der 22-jährige Hip-Hop-Youngster aus der tunesischen Hafenstadt Sfax aufs Schärfste die Verschwendungssucht und Selbstbereicherung der Präsidentenfamilie Ben Ali und dessen Entourage sowie die grassierende Armut in seinem Land. Via Facebook, Youtube und Twitter erlangte „El Général“ rasch Popularität bei vielen jungen Tunesiern, die genauso dachten wie er. Mit „Rais Lebled“ schaffte es Ben Amor vor kurzem gar ins Time Magazine auf die Liste der 100 einflussreichsten Personen der Welt. Die Resonanz auf den Song in Tunesien war jedoch schon vor dem Ausbruch des Aufstands gegen Ben Ali gewaltig – zu gewaltig, weshalb ihn die tunesische Geheimpolizei am 6. Januar flugs zum Verhör aufs Revier zerrte und vorübergehend inhaftierte. „Ich habe einfach erzählt, was sich in Tunesien abspielt“, erzählt Ben Amor. „Ich habe alles in einen gerappten Brief an den Präsidenten gepackt. Dafür bin ich im Knast gelandet. Sie haben mich drei Tage verhört. Gefoltert haben sie mich nicht – der Präsident wollte keine Märtyrer schaffen. Er wusste, dass wir Rapper das Sprachrohr der tunesischen Jugend sind.“

    Und auch der tunesische Rapper Balti – alias Dragonbalti – gilt wegen seiner sozialkritischen lyrics als Ikone der jugendlichen Hip-Hop-Subkultur. Auch er war Ben Alis Polizeistaat lange ein Dorn im Auge.

    „Sprich und stirb!“

    Das große Vorbild für Tunesiens Rapper ist zweifellos die seit Langem präsente Hip-Hop-Kultur in Algerien, von wo sich das Virus bereits Ende der 1990er Jahre in die gesamte arabische Welt ausbreitete.

    Algerien gilt als die Wiege des arabischen Hip-Hop. Dort lief der Rap dem bis dahin bei der algerischen Jugend so populären Rai-Pop den Rang ab und entwickelte sich während des sogenannten „schwarzen Jahrzehnts“, wie die Algerier den langjährigen Bürgerkrieg in ihrem Land nennen, zum politischen Sprachrohr der Jugendlichen in den Metropolen von Algier, Annaba und Oran.

    „Während des schwarzen Jahrzehnts spielte es in Algerien keine Rolle, ob man Künstler oder Polizist war. Alle hatten Angst vor den Extremisten oder den Aktionen der Armee“, erinnert sich Touat M’Hand, Musiker der Hip-Hop-Gruppe Le Micro brise le Silence („Das Mikrofon bricht das Schweigen“), eine der populärsten Pionierbands der algerischen Rap-Szene. „Der große algerische Schriftsteller Tahar Djaout, der während des Bürgerkriegs 1993 ermordet wurde, hatte einmal gesagt: ‚Wenn du schweigst, dann stirbst du, wenn du sprichst, stirbst du auch; also sprich und stirb!‘ Dieser Satz ist für uns zum Lebensmotto geworden: Zu sagen was ist, das Schweigen zu brechen und das Unrecht zu benennen – trotz der Bomben, des Terrors und der Gefahr für das eigene Leben“, berichtet M’Hand.

    „Glokalisierung“ und Hip-Hop

    Was an Hip-Hop fasziniert, sind die Bilder und Sounds der amerikanischen Musikindustrie und die Adaptionen lokaler Akteure und Themen gleichermaßen. Trotz, oder gerade wegen der äußerst widrigen Bedingungen, die im Algerien der letzten 20 Jahre herrschten, hat sich Hip-Hop überwiegend als Ausdrucksform der Jugend durchgesetzt.

    Wie an vielen Orten weltweit bietet Hip-Hop in Algerien den Beleg für ein Phänomen, das die Cultural Studies mit dem Begriff „Glokalisierung“ beschreiben – globale und lokale Erscheinungen sind hier nicht einander gegenübergestellt, sondern werden kombiniert, beeinflussen sich gegenseitig und bilden Synthesen. Scheint die Hip-Hop-Kultur gerade im Ursprungsland nur noch für hemmungslosen Hedonismus, für Illusionen von Sex und Gewalt zu stehen, wird in Ländern wie Algerien – aber heute auch in Ägypten, Tunesien und Palästina – ein schon beinahe vergessenes Potenzial des Hip-Hops hörbar: Rap heißt hier Sprechen über die Realität, über den oftmals deprimierenden Alltag, über politisches Unrecht, Terror und Krieg.

    Mehr denn je trifft Hip-Hop heute das Lebensgefühl der algerischen Jugend, die heute wieder gegen das Regime Bouteflika aufbegehrt. Denn auch Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs haben sich ihre Lebensbedingungen nicht wesentlich gebessert. Vom Rohstoffreichtum des algerischen Rentierstaats, den hohen Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasgeschäft, profitiert vor allem nur die kleine wirtschaftliche und politische Elite des Landes. Der Großteil der Bevölkerung geht leer aus, allen voran die algerische Jugend.

    Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, Bildungsmisere und generelle Perspektivlosigkeit bestimmen ihren Alltag, wie Nabil Bouaiche von der algerischen Hip-Hop-Formation Intik berichtet: „75 Prozent der algerischen Bevölkerung sind jung – eigentlich wären das genug Jugendliche, um ein wunderbares Land aufzubauen. Aber das Gegenteil ist der Fall! Die Jugend rackert sich ab und kämpft ums tägliche Überleben. Es gibt junge Leute mit Hochschulabschlüssen, die sich als Kellner durchschlagen müssen.“

    Auch fehlen den meisten jungen Musikern die finanziellen Mittel, um Musikaufnahmen machen zu können. „Wir waren zum Beispiel gezwungen, ständig unser eigenes Geld aufzuwenden, um produzieren zu können“, so Nabil Bouaiche. „Ein Bandmitglied musste sogar einmal seine Schuhe verkaufen, um das Studio zu bezahlen!“

    Die Fortsetzung der algerischen Tragödie

    Und die soziale Misere der Jugend hält an. Sie droht auch in Algerien in einen Aufstand der Entmündigten gegen das ancien régime umzuschlagen. Während der Brotunruhen 1988 standen sie auf, um gegen die Diktatur der FLN-Einheitspartei unter Chadli Benjedid zu demonstrieren. Und schon damals galt das verarmte Arbeiterviertel Bab El-Oued als Zentrum des Widerstands. In Bab El-Oued war es dann auch, wo sich zum ersten Mal in der arabischen Welt in den 1990er Jahren eine vitale politisierte Hip-Hop-Bewegung zu formieren begann. Heute stehen die demonstrierenden Jugendlichen aus Bab El-Oued erneut im Fokus der Weltöffentlichkeit, um mit dem Mikrofon oder dem Stein in der Hand gegen dieselben sozialen Missstände aufzubegehren wie schon vor über 20 Jahren. Nichts hat sich geändert.
     
    Und so bewahrt sich auch heute, was Le Micro Brise le Silence (MBS) bereits vor Jahren in ihrem Kult-Song „Monsieur le Président“ beklagten, nämlich die Fortsetzung der „algerischen Tragödie“:

    Monsieur le Président hat gesagt: Algerien ist ein Haus aus Glas!/Kommt, schaut her: Alles klar, wir sind doch Freunde!/Von der Terrasse bis zur Garderobe alles voller Leichen!/Die ganze Welt weiß es! Wozu noch darüber im Fernsehen reden!/Diese Leute töten nicht mehr, also lasst sie doch!/Unsere Generäle haben sich die Taschen vollgestopft, na und?/Wem nützen schon die Namen und die Nummern der Schweizer Konten?/Man ist auf den Kaimaninseln/Unsere Emigranten gehen ein bisschen in Urlaub, voran mit ihrem Schwarzgeld/Den Dorfbewohnern kann’s ja egal sein, die werden gar nicht erst gefragt/Im schlimmsten Fall heißt es nur: ‘Ihren Rücktritt, Herr Präsident, Danke schön!‘
    Arian Fariborz
    ist Politik- und Islamwissenschaftler. Zuletzt erschien 2010 im Palmyra-Verlag Rock the Kasbah – Popmusik und Moderne im Orient.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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