Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Ein Poet unter den Musikern
    Ein Interview mit Abed Azrié

    Abed Azrié ist mit einer unvergesslichen Stimme gesegnet worden. Sein Bariton ist expressiv und emotionsreich und weist eine eindringliche Stärke auf. Suleman Taufiq sprach mit ihm über Musik und Poesie.

    Der syrische Sänger und Komponist Abed Azrié wurde 1945 in Aleppo geboren. „Ich wollte Poesie und Musik vermischen. Im Buch waren die Worte gefangen. Ich wollte sie durch die Musik befreien.“ So begründete er seinen Entschluss, 1967 nach Paris zu gehen, um Musik zu studieren, wo er bis heute geblieben ist. Bei seiner Beschäftigung mit den Ursprüngen arabischer Kultur fand er dichterische Schätze, zum Teil jahrtausendealt. Es gelang ihm, antike, aber auch neue Texte auf eine Art zu vertonen, die in der arabischen Musik ohne Vorbild ist. Inzwischen umfasst sein Oeuvre eine Vielzahl an Vertonungen von Texten aus dem alten wie dem neuen Orient: angefangen beim Gilgamesch-Epos bis hin zu zeitgenössischer arabischer Poesie.

    Er selbst, von der Musikalität des Nahen Ostens geradezu magisch angezogen, sieht sich als Mensch der Freiheit, der visionären Texten des Orients durch seine Melodien zu einer modernen Existenz verhilft. Die französische Zeitung L’Express schrieb einmal: „Fragen Sie ihn nicht nach seiner Nationalität. Abed Azrié hat sein ganzes Leben damit verbracht, sich von solchen Festlegungen zu befreien. Er ist Musiker. Seine Partituren sind seine einzige Identität; die Texte, die er singt, sind Instrumente seiner eigenen Suche.“

    Abed Azrié ist mit einer unvergesslichen Stimme gesegnet worden. Sein Bariton ist expressiv und emotionsreich und weist eine eindringliche Stärke auf. Diese emotionale Intensität ist wie geschaffen für seine Vorliebe für die Musik und Poesie und deren ausgeprägte mystische Lehre.

    Mit ihm sprach Suleman Taufiq.

    Es gibt eine fast organische Verbindung zwischen Poesie und Ihrem melodischen Ausdruck. Sind Sie von der Poesie besessen?

    Abed Azrié: Ich liebe die Lyrik. Ich wuchs in einer Atmosphäre auf, in der ich unbewusst das Gefühl hatte, die arabische Sprache ausdehnen zu wollen. Seit meiner Kindheit bevorzuge ich die Lyrik, weil ich die Poesie und vor allem die poetische Sprache als ein Sammelbecken für das menschliche Gedächtnis betrachte. Es ist ein ästhetischer Resonanzraum und es enthält etwas Melodisches. Ich habe immer an einem Material gearbeitet, das dieses Sammelbecken durch die verschiedenen Epochen hindurch zusammenfasst.

    Das heißt, Sie arbeiten nicht direkt an einem Text, sondern an einem Thema?

    Abed Azrié: Ja, denn das Thema umreißt eine zeitliche Epoche, die hundert Jahre, manchmal zweitausend Jahre umfasst. Die Erfahrung der Menschheit kann man nicht in einem Tag oder in einer journalistischen Arbeit bewältigen. Sie braucht viel Zeit, bis sie umfassend zum Ausdruck kommt. Ich arbeite nicht an dem musikalischen Erbe oder an dem, was man die traditionelle Musik nennt, sondern ich arbeite am kulturellen Gedächtnis. Das Gedächtnis ist zeitlos. Es ist nicht gebunden an eine bestimmte historische Phase. Es ist der Ausdruck einer Region. Dieser Ausdruck repräsentiert immer die Seele dieser Region. Ich glaube, dass alle Regionen der Welt sich in ihrem Ausdruck ähneln, aber durch ihre Methoden   unterscheiden sie sich voneinander.

    Sie sind nicht nur ein Sänger der Lyrik, sondern auch der Sprache. Kann man sagen, dass Sie der arabischen Sprache verfallen sind?

    Abed Azrié: Die Sprache ist sozusagen das Becken des Gedächtnisses, des Bewusstseins und des Unterbewusstseins. Die Poesie verdichtet diese Teile zu einem Ganzen. Sie versetzt die Sprache am ehesten in Leidenschaft. Ein Dichter drückt manchmal seine große menschliche Erfahrung in nur zehn Zeilen aus.

    Sie haben einmal gesagt, dass die arabische Sprache für Sie einen heiligen Tempel darstellt. Was meinen Sie damit?

    Abed Azrié: Die Sprache umfasst alle menschlichen Erfahrungen. Deswegen ist sie wie ein Tempel. Aber sie ist kein Ort für die Angst, sondern ein Ort der Freude, der Konzentration, der Ruhe und Begegnung mit anderen, ein Ort zum Tanzen und  zum Feiern.

    Obwohl Sie schon lange in Europa leben, haben Sie sich von der arabischen Sprache überhaupt nicht entfernt. Das merkt man vor allem in Ihrem perfekten Gesang.

    Abed Azrié: Ich habe die arabische Sprache nie verlassen. Als ich nach Frankreich kam, kannte ich kein Wort Französisch. Ich beschloss, die französische Sprache genauso wie die arabische zu beherrschen. Ich sagte mir: Wenn du in einem Land lebst, musst du dich an dieses Land anpassen und ein Bürger dieses Landes werden. Aber dein eigenes inneres und geistiges Leben kannst du natürlich weiterleben. Man muss die Regeln der Gesellschaft befolgen, und eine Regel ist die Sprache. Ich habe die Schönheit der Sprache durch die Poesie kennengelernt, im Französischen wie auch im Arabischen.

    Was unterscheidet Ihre Art zu komponieren von derjenigen der anderen arabischen Musiker?

    Abed Azrié: Heute gibt es ein Missverständnis beim Komponieren in der arabischen Sprache: Die Komponisten tun alle das Gleiche. Für mich muss der Komponist viel über die Sprache wissen, und er muss den Text, den er komponiert, genau verstehen, weil die sprachlichen, menschlichen und atmosphärischen  Erfahrungen sich voneinander unterscheiden. Für mich ist die Poesie immer aktuell in ihrer Zeit, weil sie eine menschliche Erfahrung zum Ausdruck bringt. Die Probleme der Menschheit sind immer gleich. Nehmen wir beispielsweise die Erfahrungen von Gilgamesch, seine Rebellion gegen den Tod und die Götter. Das ist ein Problem, das wir noch heute haben. Liebe, Hass, Schwäche, das sind großartige menschliche Themen. Jeder Dichter kommt zu seiner Zeit und versucht auf seine Art diese Themen zu behandeln. Jeder Musiker versucht auf seine Art, sie zum Ausdruck zu bringen. Die Renaissance-Musiker in Europa schrieben ihre Kompositionen anders als die Musiker aus dem 19. Jahrhundert. Bei uns Arabern komponieren wir immer noch auf die gleiche Art und Weise.

    Ist die Rebellion für Sie etwas Ästhetisches? Sprechen Sie deswegen solche Texte an?

    Abed Azrié: Eines Tages sah ich in Paris ein Theaterstück von Racine. Racine war ein Hofdichter, gleichzeitig hatte er jedoch auch eigene Ideen. Er notierte diese Ideen am Rande seines Arbeitsblattes, konnte sie aber nicht veröffentlichen. Der Regisseur sammelte alle diese Notizen, die Racine aus Angst vor dem König nicht veröffentlicht hatte, und machte daraus ein Theaterstück. Diese Art der Texte in der arabischen Sprache liebe ich. Ich mag Texte, die in der Schule nicht behandelt wurden und verboten waren, weil sie offen über die Freiheit des Menschen, über die Freiheit des Glaubens und seiner Existenz in dieser Welt sprechen. Diese große Freiheit bedeutet, dass der Mensch als Individuum denkt und sich nicht nur als Teil einer Gesellschaft oder Sippe begreift.

    Der deutsche Lyriker Jean Paul sagte einst „Musik ist die Poesie der Luft.“ Gilt das auch für Sie? Wollen Sie auch mit Musik Poesie schreiben?

    Abed Azrié: Im Johannes-Evangelium heißt es „Am Anfang war das Wort.“ In anderen Kulturen heißt das „Am Anfang war der Ton.“ Jedem Wort in einer Sprache kann man durch die Musik eine große Bedeutung zukommen lassen. Beim Komponieren versuche ich dem Text zu folgen, wohin er auch immer geht. Ich versuche hinter den Worten, den Vokalen und Konsonanten Melodien zu finden. Ein musikalisches Werk zu komponieren bedeutet nichts anderes als neue Formen zu erschaffen. Manchmal kann man auch verschiedene Formen miteinander verbinden, damit man sie an das Gedicht, das ein alter oder neuer Dichter erschaffen hat, anpasst.

    Das Wort hat immer eine Bedeutung und einen symbolischen Gehalt. Ein Ton hat eine allegorische Bedeutung. Wenn wir Musik mit dem Wort verbinden, erschaffen wir eine bestimmte Atmosphäre, die zeitlos ist und keine unmittelbar zu begreifende Bedeutung hat.

    Bevor Sie nach Paris kamen, waren Sie in Beirut. Dort knüpften Sie Kontakte zu der poetischen Avantgarde-Bewegung, zur Gruppe um die legendäre Zeitschrift Schiir, „Poesie“. Sie waren auch der erste Musiker, der diese Texte vertonte und vortrug. Warum wagten Sie sich an solche Texte? Hatten Sie keine Bedenken?

    Abed Azrié: Ich kam mit dieser Dichtung schon in Aleppo in Berührung. Es war damals nicht einfach, diese Zeitschrift zu finden, weil sie schon fast ins Antiquariat gehörte. Wenn ich in Beirut war, wartete ich Anfang des Monats immer auf ihr Erscheinen. Meine Altersgenossen lasen damals Fußballzeitschriften, Abenteuergeschichten oder etwas über Spiele, und wir, ein paar verstreute Leute, waren von dieser Zeitschrift fasziniert. Wir fanden darin Schätze: Gespräche über Poesie, Philosophie und andere intellektuelle Themen. Für mich waren die Texte schon damals als Jugendlicher etwas Neues. Sie suchten nach einer offenen, universalen und intellektuellen Welt.

    Ihr jüngstes Werk widmeten Sie der Poesie von Adonis. Mitte Mai dieses Jahres erlebten Ihre Vertonungen die Premiere im Pariser Institut du Monde Arabe.

    Abed Azrié: Der Name von Adonis war ständig anwesend in dieser Zeitschrift Schiir. Er gehörte zu den Gründern und schrieb auch öfter Gedichte und Artikel dafür. Später kam dann seine Zeitschrift Mawakif heraus. 1968 habe ich ihn dann  persönlich kennengelernt. Das war ganz am Anfang meiner musikalischen Entwicklung. Ich vertonte vier Gedichte von ihm, nahm Kontakt zu ihm auf und besuchte ihn im Libanon. Es war eine schöne Begegnung. Ich war positiv überrascht von seiner Bescheidenheit und Wärme, die er ausstrahlte. So begann unsere Freundschaft.

    Fühlten Sie sich von der Wärme, aber besonders auch vom rebellischen Geist der Texte von Adonis angezogen?

    Abed Azrié: Seine Gedichte kennen keine festgelegten Grenzen. Adonis lehnt alle Einschränkungen, die man vorher in der arabischen Literatur kannte, ab. Seine Gedichte waren nicht formal, wie wir die arabische Dichtung in der Schule kennengelernt hatten. Die Araber bevorzugten vorher eine festgelegte Form, einen Reim und einen festen Rhythmus. Bei Adonis war der Rhythmus etwas Neues. Es war ein freier Rhythmus. Dann war auch die Atmosphäre in seiner Lyrik anders. Seine humane Haltung hat mich sehr fasziniert. In einem Werk gibt es immer eine Ästhetik, aber es muss auch ein humanes Ziel haben.

    Adonis’ Gedichte sind etwas Neues in der modernen arabischen Poesie. Sie gehören nicht zur Tradition, sind kurz und für mich wie eine Wolke, die vorüberzieht. Dieses poetische Moment in den Gedichten interessiert mich. Jedes Kunstwerk ist ein Kampf gegen die Zeit, gegen die Begrenzung, gegen die Aktualität. Diese Gedichte erzählen von diesem Kampf. Man spürt die Zeit, die  Bestandteil seiner Dichtung ist. Diese kurzen Gedichte sind der Versuch, über die Zeit zu philosophieren.

    1970 entdeckten Sie für sich das Gilgamesch-Epos. Sie sagten, dass Sie darin etwas gefunden haben, wonach Sie schon lange gesucht hatten. Schließlich schrieben Sie Ihre Fassung auf Arabisch und schufen eine eigene Musik für das  Gilgamesch-Epos. Was hat Sie an diesem Text begeistert?

    Abed Azrié: Als ich das Gilgamesch-Epos komponierte, lebte ich bereits in Paris. In Frankreich war es zu dieser Zeit sehr schwer für mich, poetische Texte auf Arabisch zu finden. Dann stieß ich auf einige Zeilen aus diesem Epos. Da ich nicht wusste, wer der Verfasser war, habe ich gedacht, dass es aus der Feder eines modernen Dichters stammte. Die Verse waren so aktuell, als wären sie heute geschrieben. Dann aber entdeckte ich, dass diese Verse mehr als vier Jahrtausende alt waren. Das interessierte mich, und ich besorgte mir den ganzen Text in verschiedenen Sprachen. Ich war von diesem Text sehr ergriffen. Er war sicherlich auch eine Wende in meinem Leben.

    Durch diesen Text entdeckte ich, dass die Geschichte der Menschheit nicht mit der Entstehung der monotheistischen Religionen beginnt. Es gab schon vorher wichtige Ideen in den sumerischen, babylonischen und pharaonischen Kulturen. Alle diese Ideen sind an den Ufern dreier Flüsse entstanden, am Nil, am Euphrat und am Tigris. Ich begann, mich mit dieser vergangenen Zeit intensiv zu beschäftigen.

    Das Gilgamesch-Epos ist die bedeutendste literarische Schöpfung und das erste niedergeschriebene, literarische Werk der Menschheit überhaupt. Es erzählt vom Schicksal des Menschen und nicht der Götter, wie es in den religiösen Texten sonst immer der Fall war. Es erzählt von einem Menschen aus Fleisch und Blut, wie er lebt und dann stirbt.

    Wie in allen Ihren Arbeiten setzen Sie die Schönheit der arabischen Poesie in mitreißende Melodien um. In Ihrer der Mystik gewidmeten CD gehen Sie auf eine Reise durch mehrere Jahrhunderte mittelalterlicher arabischer Sufi-Poesie. Was fasziniert Sie an der arabischen Mystik?

    Abed Azrié: Die Gedichte stammen von verschiedenen Dichtern. Sie ergänzen einander und sprechen alle von existenziellen Fragen: von der Leidenschaft der Liebe, von der Einheit der Religionen, von der Einheit der Existenz und davon, dass Gott in allen drei Religionen, im Judentum, Christentum und im Islam, anwesend ist. Für die Sufis ist die Beziehung zwischen Mensch und Gott eine Liebesbeziehung und keine Unterwerfung. Gott ist sowohl in den spirituellen als auch in den weltlichen Fragen anwesend. Diese intensive Beziehung zwischen Gott und Mensch spiegelt sich auch in den Beziehungen der Menschen untereinander wider. Diese Idee der sufischen Dichter ist wunderbar, denn dadurch kann der Mensch einen anderen Menschen lieben, wenn er Gott liebt und keine Angst vor ihm hat.

    Alle Gedichte, die Sie vertont haben, sind Beispiele für etwas, was man nicht berühren kann. Dennoch haben sie die Menschen beschäftigt. Sie auch?

    Abed Azrié: Ich glaube, dass der Mensch von Beginn seiner Existenz an den Glauben, die Religion und die Philosophie erfunden hat, weil er bestimmte Dinge nicht erreichen konnte. Die Kunst, die Musik und die Poesie sind entstanden, um etwas auszudrücken, was man nicht berühren kann. So sagt der Dichter Quais zu seiner Geliebten Laila: Deine Liebe ist wie Wasser in meinen Händen, das zwischen den Fingern zerrinnt. Die Kunst ist wie die Liebe zu Laila: Sie existiert und spielt in deinem Leben eine Rolle, aber du kannst sie nicht berühren, sondern nur fühlen.

    Eine CD widmeten Sie dem großen persischen Dichter Omar Khayyam. Was motiviert Sie, immer wieder solche umfangreichen lyrischen Projekte in die Welt zu setzen?

    Abed Azr: Als Kind wurde Omar Khayyam Zeuge einer Invasion, die seine Stadt zerstörte. Vielleicht entdeckte er durch diese frühen Erfahrungen die Bedeutung des Hier und Jetzt und die Vergänglichkeit der Dinge. Im Alter von dreißig Jahren war Omar Khayyam ein vielseitig gebildeter Wissenschaftler: Er war sowohl Spezialist für Geometrie als auch Physiker, Mathematiker, Philosoph und Mediziner. Im Jahr 1074 reformierte er den Kalender, etwa fünf Jahrhunderte bevor der Gregorianische Kalender in Europa eingeführt wurde. Er war Autor zahlreicher wissenschaftlicher Werke. Für ihn gab es nur diese eine Welt, die er in all ihren Facetten erfahren wollte, an der er sich betrinken wollte. In Zeiten, in denen die Orthodoxie herrschte, waren Weinstuben die Orte, in denen Freigeister und unabhängige Männer wie er ihre Zuflucht fanden. Khayyams Wein ist ein Wein der Revolte, eine Revolte gegen die Institutionen, die Bigotterie und die Unterwerfung der Natur. Sein Wein ist wahrhaftig und berauschend, er erzeugt eine Trunkenheit, die einen Traum entstehen lässt, der die Welt noch einmal erschafft.

    Für Sie ist die Zusammenarbeit und das Verschmelzen verschiedener Musiken aus unterschiedlichen Kulturen eine wichtige Erfahrung. Ihre CD „Suerte“ (Schicksal) realisierten Sie mit spanischen, arabischen und französischen Musikern. Ist das Ihre persönliche Annäherung an die arabo-andalusischen Zivilisationen?

    Abed Azrié: Die Texte sind neunhundert Jahre alt und könnten ein Beispiel für heutige Fusionen und Berührungen verschiedener Musiken und Kulturen sein. Die andalusische Dichtung, die andalusische Kunst überhaupt, dieses größte Experiment in der Geschichte der Völker, wo Religionen, Musiken und Kulturen sich miteinander verbanden, ist beispielhaft für mich, denn ich liebe die Vermischung und die Berührung der Kulturen. Wenn man andere Kulturen liebt – und Liebe heißt hier das Wissen, die Poesie, die Musik und die Kultur der anderen kennenzulernen –, dann ist eine echte Verbindung möglich.

    Diese Arbeit komponierten Sie für die arabische und die spanische Sprache. Wollten Sie die beiden Sprachen vermischen?

    Abed Azrié: Zwischen beiden Sprachen ist im Laufe der Geschichte etwas Einmaliges geschehen. Jede Sprache akzeptierte die jeweils andere. Auch die Menschen der jeweils anderen Sprache akzeptierten sich gegenseitig. Sie haben miteinander etwas Neues geschaffen. Für mich ist die arabisch-andalusische Zeit wie ein kurzer Traum, der schnell vorüberging. Aber dieser Traum ist möglich geworden, und man könnte ihn jederzeit wieder verwirklichen. Deshalb nenne ich jeden Moment, in dem die Menschen zusammenkommen und sich in Toleranz begegnen, einen andalusischen Moment. Deshalb musste ich zwei Sprachen benutzen und drei verschiedene Ensembles. Wofür drei Ensembles? Die arabische Sprache braucht arabische Instrumente, die spanische die Gitarre und das rhythmische Klatschen. Gleichzeitig leben wir aber alle in Frankreich, in Europa. So brauchte ich auch noch die Instrumente eines Kammermusikensembles. Denn ich liebe die Kammermusik sehr. Zwei Sprachen, zwei Sänger und drei Ensembles bilden für mich ein kleines Andalusien, das nur in der Musik existiert.

    Ein großes Projekt war die Vertonung des Johannes-Evangeliums auf Arabisch. Sie haben dieses Oratorium mit dem Chor und einem Ensemble für traditionelle Musik aus Damaskus sowie mit dem Orchester des Jeunes de la Méditerranée aus Frankreich durchgeführt. Die Uraufführung fand im Mai 2009 im Opernhaus von Damaskus statt; es folgten Aufführungen in Fez, Marseille und Nizza. Warum haben Sie dieses Werk in arabischer Sprache vertont?

    Abed Azrié: Ich wollte diese Geschichte erzählen, die Geschichte eines Menschen, der im Orient geboren ist und heute im Westen lebt. Er erinnert sich an seine Kindheit. Ich gehe mit dieser Arbeit zurück in meine Kindheit, aber ich reise auch in Richtung Westen. Ich arbeite an Texten, die die Kultur des Vorderen Orients bestimmt haben. Auch das Johannes-Evangelium gehört dazu. Jesus, zugleich Mensch und Gott, ist hervorgegangen aus dem Fruchtbarkeitsglauben der Sumerer, der Babylonier, der Kanaanäer und der Phönizier. Mit seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung nimmt er ein sehr altes Thema wieder auf und verknüpft damit eine jahrtausendealte Mythologie, die im gesamten Mittelmeerraum zu Hause ist. Sie stellt damit einen Teil des gemeinsamen Fundaments dieses kulturellen Raumes dar.

    Ich selbst bin nicht gläubig. Aber ich hatte das Bedürfnis, diesen Text auf die Bühne zu bringen. Für mich sind die Figuren in diesem Evangelium normale Menschen. Ich sehe sie auch heute in den Gesichtern der Menschen im Orient vor mir. Ich habe moderne Musik geschrieben, als ob die Geschichte und die Menschen aus dem Evangelium heute lebten.
    Suleman Taufiq
    stammt aus Syrien und lebt seit Ende der sechziger Jahre in Deutschland. Er ist freier Schriftsteller und stellt im Westdeutschen Rundfunk den Hörern in Deutschland regelmäßig orientalische Musik vor.

    Übersetzung aus dem Arabischen: Suleman Taufiq
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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