Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Marwan Abado
    „Für mich ist Exil ein Ort der Begegnung, der Entwicklung“

    Marwan Abado, 1967 in Beirut geboren, gründete die Band Abado & Co. Das Ensemble vermischt orientalische und abendländische Musikelemente, aus Fremdem und Eigenem entsteht Neues.

    „Kunst hat die Aufgabe, das Leben zu verlangsamen“, sagt Marwan Abado. Bereits in Beirut hatte er angefangen, sich für Musik zu interessieren. Dort wurde er 1967 als palästinensischer Flüchtling geboren. Er erhielt Musikunterricht und kam so mit neuen musikalischen Formen, mit Theater und Sprechgesang in Berührung. Von seinen Ersparnissen kaufte er sich die erste arabische Laute, einen Oud, und wurde 1983 Mitglied in einer Gruppe, mit der er zwei Jahre lang gemeinsam auftrat.

    In Beirut konnte er nicht länger bleiben. Im Libanon tobte der Bürgerkrieg und es wurde dort vor allem für die Palästinenser immer gefährlicher. Abado beschloss 1985, nach Europa zu gehen, und landete in Wien. Er fühlte sich dort sofort wohl. Er fand eine multikulturelle Atmosphäre vor, die seine Musik später entscheidend prägte.

    Als er in Wien ankam, konnte er kein Wort Deutsch. Aber er hatte viele Pläne. Als er erfuhr, dass vor allem klassische Musik in dieser Stadt eine große Rolle spielte, entschloss er sich, hier Musik zu studieren. Zwar hatte er noch keine genaue Vorstellung davon, wie sich ein Studium mit seinen beruflichen Plänen verbinden könnte. Aber er schrieb sich am Konservatorium ein und wollte Oud studieren, was in Wien damals aber nicht möglich war. So meldete er sich für Gitarre an.

    „Hier habe ich das Glück gehabt, dass ich den irakischen Oudmeister Assim Al Schalabi getroffen habe. Er war für mich ein wichtiger Lehrer. Von ihm habe ich viel gelernt, technisch und auch die irakische Art und Denkweise beim Oudspiel.“

    Schon bald nach seiner Ankunft gründete er seine Band Abado & Co. Das Ensemble vermischt orientalische und abendländische Musikelemente, aus Fremdem und Eigenem entsteht Neues. Wien war für ihn das „Tor zur Welt“, der ideale Ort, sich musikalisch weiterzuentwickeln. Sein erstes Album „Kreise“, zeigt deutlich, dass er von der westlichen Musik inspiriert wurde. „Kreise“ ist hauptsächlich Instrumentalmusik für Oud, Kontrabass, Sopransaxophon und Schlagzeug.

    Neben solchen instrumentalen Alben kehrt Marwan Abado immer wieder zu seiner großen Liebe, der Lyrik, zurück. Texte moderner arabischer Autoren sowie eigene Gedichte stehen zum Beispiel in seinem Programm "Kabila" im Zentrum.
    Zusätzlich zu der musikalischen Zusammenarbeit im Ensemble strebt Abado weiterhin solistische Programme an. Auf der Solo-CD „Sohn des Südens“, veröffentlichte er eigene Lieder, die er im Laufe der Jahre komponiert hatte. Sie wollte er nicht in einer großen Formation darbieten.

    Marwan Abado ist zum Grenzgänger zwischen den Kulturen geworden. Aus dem Geist der Improvisation schafft er mit seiner Gruppe eine rhythmisch dominierte Musik vor dem Hintergrund traditioneller arabischer Melodien.

    „Meine Musik ist ein Teil meines Lebens, besteht aus einem Ursprung, aus einer bestimmten Biografie, und sie besteht auch aus einem Leben im schönsten Exil, in Wien. Für mich ist Exil ein Ort der Begegnung, der Entwicklung. Diese Begegnungen sind auch Teil dieser Kompositionen.“

    Zu einem wichtigen Einfluss in seiner Musik wurde auch der Jazz. Improvisation heißt das Zauberwort, das beide Musikstile, den Jazz und die orientalische Musik, gemeinsam verbindet. Denn auch für die orientalische Musik gilt ihr Reichtum an Improvisationen als typisches Charakteristikum.

    Dem heute in Zeiten der „World Music“ oft gängigen Trend zur musikalischen Vermischung, zu einem bunten Klangbrei, setzt Abado eine Musik entgegen, in der die einzelnen Klangwelten hörbar bleiben und noch zu unterscheiden sind.

    Abado wurde für seine interkulturelle Arbeit mit dem Bundesehrenzeichen für Interkulturellen Dialog vom österreichischen Ministerium für Unterricht, Kunst und Kultur geehrt.
    Suleman Taufiq
    stammt aus Syrien und lebt seit Ende der sechziger Jahre in Deutschland. Er ist freier Schriftsteller und stellt im Westdeutschen Rundfunk den Hörern in Deutschland regelmäßig orientalische Musik vor.

    Übersetzung aus dem Arabischen: Suleman Taufiq
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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