Foto: Kai Wiedenhöfer

    Musik zwischen den Kulturen

    Die Anfänge des Islams
    Ein Gespräch mit dem deutschen Islamforscher Josef von Ess

    Was genau können wir über den frühen Islam und die ersten islamischen Sekten und Glaubensrichtungen wissen? Das Lebenswerk des Islamwissenschaftlers Josef van Ess ist diesen Fragen gewidmet.

    Der Journalist und Nachwuchsislamwissenschaftler Christian Meier hat ihn interviewt.

    Christian Meier: Herr van Ess, seit wann gibt es den Islam?

    Josef van Ess: Diese Frage ist überhaupt nicht zu beantworten. Zumal man ja schon unterschiedlicher Meinung darüber ist, seit wann es den Koran gibt. Eines aber ist klar: Als es den Koran gab, gab es noch lange nicht den Islam.

    Wie ist das zu verstehen?

    Josef van Ess: Eine Religion braucht Generationen, bis sie weiß, warum sie da ist. Ich habe dafür einmal den Begriff „Optionen“ eingeführt. Als Offenbarungsreligion hat der Islam genau wie das Christentum bestimmte Grundvoraussetzungen: einerseits ein Gottesbild – überhaupt die Existenz eines Gottes, das ist ja nicht selbstverständlich – und andererseits einen Stifter. Wie Letzterer diese Rolle ausfüllt, ob als Prophet oder als Gottes Sohn, ist letztendlich egal. Aus diesen Voraussetzungen folgen „Optionen“. Jede Religion hat zu Anfang zahlreiche Optionen – aber nicht unendlich viele. Im Gegenteil, dadurch, dass es sich um eine Offenbarungsreligion handelt, ist die Zahl schon einmal begrenzt.

    Dennoch: Es müssen Entscheidungen gefällt werden. Und das braucht Zeit – man hat zum Beispiel Jahrhunderte gebraucht, bis man sich dazu entschlossen hatte, von der stilistischen Unnachahmlichkeit des Koran zu sprechen. Heute tut man so, als sei das im Koran schon vorgegeben – das stimmt aber gar nicht. Durch diese Entscheidungen wird der Entscheidungsspielraum immer weiter eingegrenzt – bis man beim modernen Fundamentalismus landet, wo alles eigentlich von vornherein festgelegt zu sein scheint und kaum noch Bewegungsfähigkeit vorhanden ist. So sehr natürlich auch der Fundamentalismus in sich variabel ist.

    Häufig heißt es im Westen, der Islam brauche eine Reformation – einen „islamischen Luther“, um die Erstarrung aufzuhalten.

    Josef van Ess: Ach, das ist doch ein alter Hut. Der Gedanke taucht schon im späten 19. Jahrhundert bei den Muslimen auf, und man hört ihn auch jetzt immer wieder. Dahinter steht der etwas amorphe Wunsch nach Reform, weil man mit der Gegenwart unzufrieden ist. Das gilt aber wohl für jede Gegenwart. Dass dann der Name Luther auftaucht, hängt natürlich mit dem protestantischen Geschichtsbild zusammen, das nicht nur in Deutschland lange Zeit sehr ausgeprägt war.

    Stimmt es überhaupt, dass es im Islam nie eine Reformation gab?

    Josef van Ess: Ich halte schon den Koran für eine reformatorische Schrift: Ich sehe im Koran eine reformatorische Intention insofern, als die älteren Religionen als Irrwege abgetan werden und man im Grunde nur zurückkehren will zu den Anfängen.

    Was natürlich eine Illusion ist: Der Koran ist nie zu den Anfängen zurückgekehrt, die ganze Geschichte mit dem Abraham ist ein Konstrukt. Aber dahinter steht vermutlich die historische Erfahrung, dass das Christentum abgewirtschaftet hat. Denn die Zeitgenossen des Propheten und die ersten Generationen nach ihm erlebten das Christentum nicht als einheitliche Religion, sondern als drei verschiedene „Kirchen“, die sich wüst beschimpften.

    Im Übrigen ist die Devise des Koran ja sehr einfach mit seinem Monotheismus. Auch das ist ein Versuch, Überflüssiges abzustreifen. Und man darf nicht vergessen, dass auch im Koran der Begriff des „Bundes“ mit Gott eine Rolle spielt. Und so wie das Christentum sich als „neuer Bund“ gegenüber dem „alten Bund“ des Alten Testaments verstand, versteht der Koran sich im Grunde als „dritter Bund“.

    Und als was sahen die frühen Muslime sich selbst? Wie ist der Islam zum Islam geworden?

    Josef van Ess: Der Frühislamforscher Fred Donner geht in seinem neuen Buch Muhammad and the Believers: At the Origins of Islam davon aus, dass der Islam von Mu?ammad oder im Koran noch gar nicht intendiert war. Da wird bloß eine Gemeinde gebildet, die sich eines besonders sittlichen oder frommen Lebenswandels befleißigen soll und die sich als „die Gläubigen“ bezeichnet: al-mu?minun. Für ihn ist mu?minun die eigentliche Selbstbezeichnung der Muslime.

    Die Bezeichnung „Muslim“ kommt erst viel später in Gebrauch...

    Josef van Ess: Ja, in der Tat. Der Begriff muslimun steht zwar schon im Koran, meint aber nur ganz bestimmte Leute: die alten heidnischen Kaaba-Verehrer aus Mekka, die sich dem Islam „unterwerfen“ oder „hingeben“. Während unter den mu?minun, der Urgemeinde, auch Juden und Christen sind. Die werden dann später ausgesondert – für Donner vollzieht sich das in der Zeit des Kalifen ?Abd al-Malik. Und so wird Ende des 1. Jahrhunderts nach der Hidschra der Islam zum Islam. Die Frage ist natürlich nicht ausdiskutiert, und ich selbst stelle es mir ein ganz klein wenig anders vor... Aber dass das eine Zeit dauerte, das halte ich für selbstverständlich.

    Wäre vor diesem Hintergrund nicht eine engere Zusammenarbeit zwischen Spätantike- und Frühislamforschern erwünscht?

    Josef van Ess: Das ist sogar ein Desiderat, gerade Deutschland befindet sich da etwas im Rückstand. Was die Zeit der Entstehung des Islams angeht und die Jahrhunderte vorher, so ist die Perspektive, unter der man das sieht, etwa in der englischsprachigen Welt etwas anders. Charakteristisch dafür ist der Begriff „Late Antiquity“. Dort wird spekuliert mit Bezug auf die Chronologie, die Epochengrenzen. Der Begriff „Spätantike“ ist eigentlich von den Deutschen oder besser gesagt: einem Kunsthistoriker aus Österreich, erfunden worden, der Objekte aus dem ersten Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung – also nach der Antike – in einen gemeinsamen Begriff einspannen wollte, so dass etwa auch koptische Kunstwerke und orientalische Produkte anderer Art eine Rolle spielen konnten.

    Mich hat das deswegen schon immer interessiert, weil ich aus Aachen stamme und mir das Geld für mein Studium als Fremdenführer verdient habe. Dort gibt es im Dom die so genannte Heinrichskanzel, die kurz nach dem Jahr 1000 von Heinrich II. gestiftet worden ist, auf der sich koptische Plastiken befinden, die ganz antikisch sind: Elfenbeinschnitzereien von nackten Körpern. Für Heinrich II. war das wohl vor allem etwas exotisch Schönes. Man fragt sich aber natürlich, wo das herstammt. Und offenbar sind diese Dinge in frühislamischer Zeit in Ägypten entstanden und dort von Kopten angefertigt worden. Da hilft der Begriff „Late Antiquity“ ein bisschen weiter.

    Die Ausläufer der Antike reichen also bis in die islamische Zeit hinein...

    Josef van Ess: Die Epochengrenzen werden verschoben. Wann die Spätantike anfängt, ist immer schon umstritten gewesen. Viel wichtiger ist aber, wann sie denn aufhört. Lange Zeit hat man gesagt: Irgendwann im 6. oder 7. Jahrhundert – jedenfalls vor dem Islam – geht ihr auch im Orient die Luft aus. Die Leute, die jetzt mit diesem Begriff arbeiten, meinen dagegen: Nein, es geht weiter bis zum Ende der Dynastie der Umayyaden-Kalifen. Das Aufkommen des Islams ohnehin, aber auch noch das so genannte „Arabische Reich“ der Umayyaden ist in seinen Strukturen noch Spätantike. Der Bruch kommt mit der abbasidischen Revolution. Die ist gleichzeitig auch eine geographische Gewichtsverschiebung: hin zum Irak, der ja das Zentrum des alten persischen Sassanidenreiches war.

    Lassen Sie uns zur Entstehung des Islams zurückkehren. Sie sagten, Sie haben eine eigene Vorstellung davon, wie sich die neue Religion entwickelt hat.

    Josef van Ess: Wenn wir von „dem Islam“ sprechen, dann stimmt das natürlich für den heutigen Islam nicht. Es stimmt aber genauso wenig für die Anfänge des Islams. Wir stellen uns immer so vor: Da ist eine Gruppe von Leuten, die denken sich etwas aus und machen eine neue Religion auf. Aber so war das ja nie. Natürlich hat es die „Gläubigen“ gegeben. Aber die wurden durch die Eroberungskriege in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Die Folge war ein Konglomerat verschiedener Nuklei. Vor allem in den neuen Garnisonsstädten – Basra und Kufa, Fustat in Ägypten, Hims in Syrien. Da sitzen dann ein paar so genannte Prophetengenossen, die später auch verehrt werden und um die herum sich eine Sorte Islam gruppiert. Aber ich bin überzeugt, dass das in Kufa ganz anders aussah als in Hims oder in Fustat.

    Aus welchem Grund? Waren diese Gebiete voneinander isoliert?

    Josef van Ess: Die Kommunikation zwischen den Zentren war schwach. Natürlich sind die Leute gereist, und natürlich hatten sie irgendeinen Koran-Text, an den sie sich hielten – soweit es den schon gab. Aber das Entscheidende ist ja die Exegese, die Frage, wie man den Text versteht. Die Frage ist überhaupt, ob der Koran schon im Mittelpunkt stand. Aus meiner Sicht: Nein. Was die Gemeinde einte, war vielmehr die Art des gemeinschaftlichen Gebets. Diese merkwürdige Gymnastik, die man dabei treibt, die Proskynese oder arabisch sugud – das ist ja singulär. Und das fiel jedem anderen auf. Gleichzeitig bezeugte man mit diesem performativen Akt seine Unterwerfung unter den einen Gott. Auch dieser Ritus brauchte natürlich seine Zeit, um sich zu entwickeln. Aber das hatten diese einzelnen Nuklei gemeinsam. Bezeichnenderweise wurde das Gebet ja geleitet von dem Statthalter oder dem gerade anwesenden General – sozusagen in militärischer Disziplin. Was da an Überbau hinzukam, also was wir heute unter Islam verstehen – das weiß der Himmel. Das kann man vielleicht mit viel Liebe herausfinden, aber es dauert lange, bis man definieren kann, was beispielsweise in Kufa überhaupt los war.

    Heißt das, in den Städten haben sich jeweils eigene Islam-Richtungen entwickelt?

    Josef van Ess: Ja. Selbst an Orten wie Kufa oder später Bagdad würde ich nicht von einem einheitlichen Islam ausgehen. Bagdad war dafür ja auch viel zu groß, es hatte unter Umständen eine Million Einwohner. Dass man da in jeder Moschee den Islam gleich verstanden hätte, halte ich für völlig unmöglich. Was Kufa angeht, so haben wir ja Berichte von diesen verrückten Gnostikern aus der frühislamischen Zeit. Dort gerieten offenbar vor allem schiitische Gedanken in Blüte und haben die merkwürdigsten Fantasien erzeugt. Die müssen ja irgendwo ausgesprochen worden sein, und es müssen sich auch Anhänger gefunden haben. Ansonsten hätte man das gar nicht schriftlich niedergelegt. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, dass in vielen Moscheen der Islam jeweils anders aussah – wenn auch nicht unbedingt in jeder Moschee und natürlich gewiss nicht in der Hauptmoschee, wo man freitags hinging und wo einem der Gouverneur sagte, wo es langgeht.

    Das ist natürlich bloß ein persönliches Bild, das ich mir mache, aber ich halte das für eine Möglichkeit, die Sache ein bisschen besser in den Griff zu kriegen. Denn damit lässt sich die ganze Frage nach dem Ursprung des Islams etwas entzerren, weil man sie überall separat neu stellen muss.

    Sie zeichnen ein fast schon atomistisches Bild vom Islam.

    Josef van Ess: Oder ich stelle das gängige Bild auf den Kopf. Die Pluralität steht am Anfang, die Einheit kommt später. Ein Fundamentalist würde es genau umgekehrt sehen. Und auch im Studium läuft es natürlich andersherum: Zuerst ist der Koran da, damit wird der Islam definiert, und dann kann man mal gucken, was daraus wird.

    Was war das einigende Band all dieser lokalen Gruppen und Islam-Varianten – jenseits der Gebetsgymnastik?

    Josef van Ess: Auf Dauer war das natürlich der Koran: Überall wo man den Koran als Grundlage akzeptierte, war man Muslim. Es brauchte etwas Zeit, bis er zusammengestellt und den Leuten zu Bewusstsein gekommen war. Aber in dem Augenblick, wo man den Koran als verbindliche Grundlage herausstellte, da gab es Islam. Vermutlich begann das mit ?Abd al-Malik und den Inschriften am Felsendom in Jerusalem, wo der Koran zitiert wird – nicht ganz wörtlich, übrigens. Ab diesem Zeitpunkt hatte man etwas, woran man sich festhalten konnte. Später kam dann das islamische Recht hinzu.

    Wenn das Gebet den Muslimen also ihre soziale oder rituelle Identität gab, dann gab der Koran ihnen die spirituelle?

    Josef van Ess: Die Muslime verstehen den Koran ja nicht als „heilige Schrift“, sondern als Lebensordnung, als „Verfassung“. So wie die Amerikaner an die „Constitution“ glauben, glauben die Muslime an den Koran, weil sie aus ihm herauszulesen meinen, wie man sich in bestimmten Situationen verhalten soll, wie man leben soll – ethisch und meinetwegen auch juristisch. Ich glaube, das ist den Leuten sehr wichtig gewesen, obwohl sie es nie so richtig ausgesprochen haben. Wenn es innerhalb des Islams Widerstand gegen die Religion gab, von den „Ketzern“ oder arabisch mul?idun, dann fällt auf, dass der Widerstand sich nie gegen das islamische Gesetz richtete. Wir würden es genau umgekehrt erwarten: Denn wenn uns etwas widerlich am Islam ist, dann ist es doch das islamische Gesetz, dass man bei Diebstahl gleich die Hand abhackt und so. Aber das wird nie zum Problem gemacht. Wenn Ketzer oder so genannte „Zweifler“ auftreten, dann stellen sie Mu?ammads Prophetie oder seine Person in Frage – ähnlich wie Salman Rushdie es in den Satanischen Versen beschrieben hat.

    Ich würde daraus gerne schließen, dass der Koran sein Ansehen dadurch gewann, dass er den Leuten eine feste Lebensgrundlage gab. Das ist im Grunde auch der Anlass für zahlreiche Konversionen, die sich heutzutage vollziehen. Das Neue Testament ist da ganz anders: Dort finden Sie Gleichnisse, die im Stil viel schöner sind als die im Koran. Aber Sie müssen erst einmal lange heruminterpretieren, bis Sie herausgefunden haben, was gemeint ist.

    Das heißt, der Islam hat sich auch deshalb erfolgreich ausgebreitet, weil er konkrete Regeln in Form des Koran besitzt?

    Josef van Ess: Häufig bringt man als Erklärung für die Verbreitung des Islams nur die Eroberungskriege. Das ist mir ein bisschen wenig. Denn eigentlich ist der Islam keine missionarische Bewegung gewesen – das ist er erst heute, und selbst heute haben viele Muslime Bedenken dabei. Die Araber, die damals in Kufa oder anderswo saßen, hatten jedoch vermutlich gar keine Lust, Leute in ihre Gemeinde aufzunehmen, die dann zwar fromme Muslime wurden, aber keine Steuern mehr zahlten – und unter Umständen Spione waren. Auch in den Garnisonsstädten hielten sie sich von allen anderen fern, um sich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Da waren Konvertiten erst einmal gar nicht so erwünscht.

    Konvertiten und Spione sind das eine – das andere sind Ketzer. In Ihrem nächsten Buch Der Eine und das Andere beschäftigen Sie sich mit islamischen Sekten und dem Umstand, dass man über die meisten von ihnen vor allem durch die Schriften ihrer Gegner Bescheid weiß.

    Josef van Ess: Das Buch ist zuerst einmal eine Geschichte eines literarischen Genus, nämlich dessen, was wir als „Häresiographie“ bezeichnen. Es gibt massenhaft Texte dieses Genus im Islam, in denen die so genannten Sekten aufgezählt werden. Dieses Genus ist sehr lebenskräftig gewesen, es hat über ein Jahrtausend bestanden: vom 2. Jahrhundert nach der Hidschra bis in das 19. Jahrhundert. Dahinter steht aber bei mir eine These: die vom „denominationalism“ – also in etwa Konfessionalismus, vom englischen „denomination“. Der Grundgedanke ist der, dass es eine Religion als solche nie gibt. Es gibt immer bloß einzelne Gemeinden. In diesem Fall hieße das, dass es gar keine Häresien in unserem Sinne gegeben hat, sondern nur verschiedene Gemeinden.

    In den von Ihnen untersuchten Büchern wird das sicherlich etwas anders dargestellt...

    Josef van Ess: Mir scheint, dass diese Bücher vor allem eine Bestandsaufnahme dessen sind, was es im Islam überhaupt an Konfessionen gibt. Zwar wird manchmal dazu gesagt, dass die Lehre dieser oder jener Konfession sich nicht gehört – aber damit sind sie noch lange keine Häresie. Der Begriff Häresie setzt eine Orthodoxie voraus. Das klappt im Christentum, weil wir da Kirchen haben – aber nicht im Islam. Wie wollen Sie Orthodoxie im Islam definieren? Es hat Versuche immer wieder gegeben, und es hat auch Orthodoxien in unserem Sinne gegeben, aber sie waren immer lokal und zeitlich begrenzt. In dem Augenblick, wo ein Herrscher oder die maßgeblichen Theologen irgendwo eine bestimmte Islam-Interpretation als verbindlich definierten, gab es natürlich Gruppen, die als abartig bezeichnet wurden und nach unserem Vokabular dann Häresien wären. Aber grundsätzlich und überall verabscheut wurden nur ganz wenige Gruppen. Etwa die Ismailiten, in dem Augenblick vor allem, wo sie als Assassinen auftraten.

    Wie ging man mit solchen „abartigen“ Gruppen um?

    Josef van Ess: Selbst die Ismailiten wurden nicht ausgerottet: Ismailiten gibt es auch heute noch. Sie haben sich in Rückzugsgebiete flüchten müssen, aber sie haben überlebt. Noch viel mehr gilt das für frühe Gruppen, die sich gegen den Staat erhoben hatten. Beispielsweise iranische Gruppen, etwa der „verschleierte Prophet“ Al-Muqanna? im 8. Jahrhundert, der eine größere Anhängerschaft hatte. Er selbst wurde mit seiner Gemeinde verfolgt und tötete sich, als er sah, dass seine Sache scheiterte. Aber noch Jahrhunderte später fanden sich Anhänger dieses Mannes in den Bergen Turkestans. Und wenn Reisende, die das interessierte, dorthin fuhren und fragten: ‚Seid ihr Muslime, oder seid ihr keine mehr?’, dann sagten die Leute: ‚Ja, so genau wissen wir das auch nicht. Aber wir zahlen Steuern.’ Und das war das Entscheidende. An Aufstand dachten sie nicht mehr, dazu waren sie auch nicht mehr zahlreich genug. Nur wenn sie in der Stadt auftauchten und dort eine Gemeinde bildeten, wurde es kritisch – denn da waren sie natürlich Außenseiter. Aber solange sie irgendwo auf dem Land lebten, hatte man nichts dagegen.

    Ähnlich lief es auch mit so merkwürdigen Leuten wie den Nusairiern – in Syrien nennt man sie Alawiten –, die reine Gnostiker sind und vom Koran überhaupt nichts halten. Die gibt es auch noch, und sie haben sich auf dem Weg über die Armee heutzutage sogar durchsetzen können. Die Christen hätten die schon im Mittelalter ins Jenseits befördert. Wenn Sie an die Katharer denken – die hat man gnadenlos bekämpft und mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Das ist im Islam anders gelaufen, und darum geht es mir: Erstens darum, den Häresie-Begriff ein bisschen aufzulösen und zu fragen: Was ist denn überhaupt Orthodoxie? Und zweitens zu versuchen, von der Ketzerei wegzukommen und die Praxis, also den Umgang mit diesen Leuten, in den Vordergrund zu stellen.

    Das klingt beinahe zu harmonisch, um wahr zu sein.

    Josef van Ess: Natürlich ist es manchmal ausgesprochen rabiat zugegangen. Ma?mud von Gazna etwa hat viele einfach einen Kopf kürzer gemacht – aber ganz bestimmte Leute, die ihm auch politisch im Weg standen. Doch zu anderen Zeiten hat man halbwegs friedlich nebeneinander her gelebt. Insofern bietet der Islam ein bunteres Bild als die christliche Welt. Bis jetzt in der Gegenwart durch die Macht der Medien die Sache umschlägt.

    Die Medien befördern nicht die Meinungsvielfalt, sondern die Standardisierung von Inhalten?

    Josef van Ess: Durch die Medien ist es viel leichter möglich, ein verbindliches Bild vom Islam unter die Leute zu bringen und etwa mit Geld durchzusetzen. Der Umschwung begann schon unter den von uns so hoch geschätzten Reformatoren des späten 19. Jahrhunderts wie Mu?ammad ?Abduh. Die ja auch eine Rückkehr zur Schrift, zum Heiligen Buch, und zugleich eine Abkehr von der Mystik propagierten – und damit auf einen Einheitsislam hinauswollten. Die Ironie der Geschichte hat dann dazu geführt, dass schließlich der moderne Fundamentalismus daraus geworden ist.

    Widerspricht nicht die Vielzahl unterschiedlicher Islam-Interpretationen heute – etwa fundamentalistisch oder progressiv – der Vorstellung vom verbindlichen Einheitsislam?

    Josef van Ess: Wenn ich von einem erstarrten Islam rede, dann denke ich an Entwicklungen, wie sie sich etwa in Saudi-Arabien vollzogen haben und dann mit modernen Mitteln verbreitet worden sind. Allerdings muss man immer dazusagen: Auch das, was sich im so genannten Fundamentalismus abspielt, ist etwas Neues. Da steckt ja viel mehr Moderne drin – auch europäische Moderne –, als wir so denken. Genauso wie im islamischen Terrorismus zuerst einmal europäische Moderne steckt, denn wir haben schließlich mit so etwas angefangen. Wenn wir also moderne Ansichten, wie sie von Fundamentalisten vertreten werden, auf den Koran zurückführen, dann tun wir zwar den Fundamentalisten damit einen Gefallen, aber historisch gesehen ist das falsch. Dennoch: Im Grunde habe ich keine Angst um die islamische Welt. Ich bin sicher, dass auch die Fundamentalisten es nicht zu einer Orthodoxie schaffen werden. Das ist einfach in der Religion nicht angelegt.
    Josef van Ess (76)
    gilt als einer der weltweit bedeutendsten Forscher auf dem Gebiet der islamischen Theologie, Philosophie und Mystik. Sein Hauptwerk Theologie und Gesellschaft im 2. und 3. Jahrhundert Hidschra erschien zwischen 1991 und 1997 in sechs Bänden. Im Juli 2010 wurde der 1934 geborene van Ess auf dem dritten „World Congress for Middle Eastern Studies“ in Barcelona für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2011

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