Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vermessung der Demokratie

    Kofferträger, Rote Hand und Schwarze Panther
    Ein Rückblick auf Algerien 50 Jahre nach der Unabhängigkeit

    Nach einem brutalen Kolonialkrieg entwickelte sich Algerien zu einem Rückzugsort für Revolutionäre aus aller Welt. Doch nach dem blutigen Bürgerkrieg in den Neunzigern ist vom arabischen Frühling in Algier noch nicht viel zu spüren.

    Landarbeiter, Arbeiter, Händler, Sonne. Viele Menschen. Deutschland hat kapituliert. Paare. Volle Cafés. Glocken. Offizielle Feier; Gefallenendenkmal. (…) Gegenkundgebung des Volkes. Genug versprochen nun. 1870. 1918. 1945. Heute, 8. Mai, ist’s nun wirklich der Sieg? (…) Ein Beamter der Sûreté, versteckt im Schatten eines Torbogens, schießt auf die Fahne. Maschinengewehrfeuer. (…) Die Leichen werden in der Sonne zur Schau gestellt. Seit dem 8. Mai sind 14 Menschen aus meiner Familie gestorben, ohne die standrechtlich Erschossenen mitzuzählen.
    (Kateb Yacine, Nedjma 1956)

    Der 8. Mai 1945 ist das zentrale historische Ereignis, um das der Roman Nedjma des algerischen Autors Kateb Yacine kreist. Es ist ein anderer 8. Mai, als wir ihn in Deutschland zu feiern gewohnt sind: In der algerischen Stadt Sétif finden sich nach der Kapitulation der Deutschen Tausende Algerier spontan zu einer Demonstration für ihre Rechte ein. Viele von ihnen hatten als Soldaten auf der Seite der Franzosen gegen Nazi-Deutschland, aber auch bereits im ersten Weltkrieg für Frankreich gekämpft und forderten nun Libération auch für sich ein. Die Demonstration in Sétif, an der auch Kateb Yacine teilnahm, bevor er verhaftet wurde, und die er in Nedjma beschreibt, ging als Tag des Massakers an mehreren zehntausend Algeriern in die Geschichte ein, verübt durch die französischen Sicherheitskräfte. Was Antifaschisten und die internationale Völkergemeinschaft als „Tag der Befreiung“ feiern, bedeutet für die Algerier keinesfalls Befreiung, sondern den Beginn einer langen Periode blutiger Unterdrückung und systematischer Folter. Viele Algerier fanden den Tod in den französischen Internierungslagern. Es beginnt ein Kampf um die Unabhängigkeit, der Beginn eines grausamen Kolonialkrieges, der von 1954 bis 1962 andauerte. Dabei entpuppt sich Frankreich, das Land der Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, noch vom Mythos der Résistance gegen den Hitlerfaschismus zehrend und lange vor der Aufarbeitung des Vichy-Regimes stehend, als zutiefst rassistisch gegenüber den zivilisatorisch unterlegenen „Eingeborenen“ des Landes. Die einzig angemessene Form, von dieser Zeit der selbst erlebten physischen und psychischen Gewalt zu erzählen, ist für Kateb Yacine das nicht-chronologisch geordnete, sondern zyklisch organisierte Erzählfragment. Zusammen gehalten wird der avantgardistische Roman durch die gemeinsame Suche der drei jungen Hauptpersonen nach Nedjma – das ist eine Frau, aber auch das zukünftige entkolonialisierte Algerien.

    Und so hält das historische Datum 1945 die Erinnerung wie zwei Seiten einer Medaille bereit – Befreiung für die einen heißt Unterdrückung für die anderen. Aus dieser fatalen zeitlichen Synchronie werden später besondere, fast vergessene, deutsch-algerische, aber auch internationalistische Geschichten entstehen, von denen im Folgenden die Rede sein soll.

    Grausamer Kolonialkrieg

    Zur Erinnerung: 1830 besetzt Frankreich Algier, Oran und Bône. Nach und nach erobert es ganz Algerien und macht es 1848 zu französischem Territorium. Es wird in drei Départements aufgeteilt und ist damit bedeutend enger an Frankreich gebunden als beispielsweise das Protektorat Marokko oder die Kolonie Senegal. Die Menschen erleben eine Enteignungs-, Vertreibungs-, Umsiedlungs-, Internierungs- und Sprachpolitik, die die Identität des algerischen Volkes zu tilgen versucht. Malek Alloula, geboren 1937 in Oran, erinnert sich: „Wir sprachen zu Hause Arabisch, lernten aber in der französischsprachigen Schule nur die Geschichte Frankreichs, Arabisch war für uns Fremdsprache im eigenen Land.“

    Die Ereignisse von Sétif führen in die algerische Revolution, die am 1. November 1954, geführt von der Front de Libération Nationale (FLN) und der Armée de Libération Nationale (ALN), begann. Der Algerienkrieg reicht bis nach Frankreich: Am 17. Oktober 1961 töteten französische Sicherheitskräfte fast 200 Algerier in Paris bei einer Demonstration, ihre Leichen warf man zum Teil in die Seine. Am 8. Februar werden ebenfalls während einer Demonstration für die algerische Unabhängigkeit an der Metrostation Charonne in Paris neun Menschen umgebracht. Am 5. Juli 1962 wird Algerien unabhängig.

    Den algerischen Unabhängigkeitskampf nennt Benjamin Stora, Historiker und Experte für den französischen Kolonialkrieg, in einem Atemzug mit dem Indochina-Krieg den „härtesten Entkolonialisierungskrieg des 20. Jahrhunderts.“ Diese traumatische Geschichte, die von der systematischen und institutionalisierten Folter, Hinrichtungen und Vergewaltigungen durch französische Offiziere in ganz Algerien bis zu Ermordungen von Algeriern in Paris reicht, wird in Frankreich erst seit zehn Jahren aufgearbeitet. Noch bis zu Beginn dieses Jahrtausends wurde der Algerienkrieg in Frankreich als „Operationen zur Wiederherstellung der Ordnung“ verharmlost, während er in Algerien „Revolution“ genannt wurde. Aber auch in Algerien ist die Konstruktion der Erinnerung jenseits der postkolonialen Glorifizierungen schwierig – mit Albert Camus beispielsweise, dem Sohn einer armen Siedlerfamilie in Algerien mit antikolonialer Haltung und für ein kosmopolitisches Algerien schwärmend, täte man sich bis heute schwer, so Dan Diner.

    Albert Memmi fasst die Psychodynamik des Kolonialismus treffend zusammen, wenn er schreibt, dass zwischen Kolonisiertem und Kolonisator eine Herr-Knecht-Wechselbeziehung herrscht. Stora untermauert die These einer gemeinsamen traumatischen franko-algerischen Geschichte mit Zahlen: Der Algerienkrieg trifft nahezu sechs bis sieben Millionen Männer und Frauen persönlich: Die französischen Soldaten und deren Kinder, die „pieds-noirs“, d. h. die europäischen Siedler aus Algerien und deren Kinder, die Juden Algeriens, die algerischen Muslime und deren (in Frankreich geborene) Kinder – die „beurs“.
    Französischer Kolonialismus und die postkoloniale Phase ziehen sich also bis in die Gegenwart, denn sie haben große Migrationswellen ausgelöst. Nach dem Ende des Algerienkriegs siedelten eine Million „pieds noirs“ und „harkis“, d. h. Algerier, die auf der Seite der Franzosen gegen ihre eigenen Landleute gekämpft hatten, nach Frankreich um. Seit über fünfzig Jahren wandern nicht nur Algerier nach Frankreich ein, sondern deren Nachkommen sind in Frankreich geboren, also meist französische Staatsbürger, die häufig dennoch antimuslimischen Rassismen ausgesetzt sind.

    So weit die franko-algerische Kolonialgeschichte in Kürze. In Frankreich wandten sich nur einige Intellektuelle, wie Jean-Paul Sartre, gegen den Kolonialismus und traten – oft unter Lebensgefahr – für die Unabhängigkeit Algeriens ein.

    Deutsch-algerische Solidarität

    Im Nachkriegsdeutschland wurde der antikoloniale Unabhängigkeitskampf der Algerier zum politischen Identifikationsangebot der Linken – ehemalige Widerstandkämpfer, KZ-Häftlinge, Kommunisten, Trotzkisten, Jusos – sie alle einte das „Algerien-Projekt“. Claus Leggewie, der in seinem bis heute einzigartigen gleichnamigen Buch 1984 die solidarischen Aktionen der sogenannten deutschen „Kofferträger“ nachzeichnet, nennt diese Einzelkämpfer, noch ganz fern einer „Bewegung“, treffend die ersten Internationalisten – lange vor der Anti-Vietnam-Bewegung und lange vor der Pro-Nicaragua-Solidarität der Achtziger. Sein Band eröffnet auf der Grundlage von Interviews einzigartige Einblicke in illegale Geldtransfers für die Algerische Befreiungsfront, getarnte Waffenproduktionen und Falschmünzerringe im spießigen Adenauer-Nachkriegsdeutschland. Auf diese Weise verbinden sich, so Leggewie, „die ‚klassische‘ Arbeiterbewegung der Weimarer Zeit mit antifaschistischer Kampferfahrung und antikolonialem Engagement“. Eine zentrale Rolle in der BRD als Hinterland des FLN kommt dabei „Ben Wisch“, dem sozialdemokratischen SPD-Abgeordneten Hans-Jürgen Wischnewski zu, der damit die Genossen in Frankreichs sozialistischer Schwesterpartei mehr als ärgerte.

    „Algerien ist überall“ – so der Titel von Hans-Magnus Enzensbergers Eröffnungsrede für die erste, von Studenten zusammengestellte Ausstellung zu den Gräueltaten der Franzosen, aber auch der FLN in Algerien. Für eine kleine Gruppe deutscher Aktivisten und Intellektuelle war klar: Deutschland ist Komplize in diesem Krieg und es ist eine historische Verpflichtung, keine Lager, wo auch immer, zuzulassen – womit wir wieder beim 8. Mai angelangt wären. Der Regisseur Volker Schlöndorff, als Austauschschüler mit den Repressalien gegen Algerier in Paris konfrontiert, drehte 1960 seinen ersten kurzen Film Wen kümmert’s über aus der französischen Armee desertierte algerische Soldaten, die nach Deutschland geflohen waren und von der „Roten Hand“ des französischen Geheimdienstes verfolgt wurden.

    Nach der Unabhängigkeit keimte die Hoffnung auf ein neues algerisches „Projekt“ auf. Und das war nicht nur eine Vorstellung der deutschen Linken: Auch international wurde Algerien – wie andere ehemals kolonisierte Länder – zur Projektionsfläche sozialistischer Utopien.

    Wie für viele von der Fremdherrschaft befreite „junge“ afrikanische Nationen stellte sich auch für Algerien die Frage: Wohin orientieren? Nach Westen, in die USA, oder nach Osten, in Richtung Sowjetunion? Der ehemalige FLN-Kopf Ben Bella wird 1962 Staatspräsident und strebt einen arabischen Sozialismus an, ähnlich dem Nassers in Ägypten, und schaut in Richtung Sowjetunion. Die FLN wird 1964 zur Staats- und Regierungspartei. Algerien will seinen eigenen Weg gehen, einen sozialistischen, aber anders als die Vorbilder, wie etwa Kuba. 1974 schloss man mit der DDR ein Arbeitskräfteanwerbeabkommen ab, viele algerische Studenten wurden in die Deutsche Demokratische Republik geschickt. Und so finden sich heute – auch ein Stück deutsch-algerischer Geschichte – viele Algerier im ehemaligen Ostberlin, aber auch die Nachkommen von ostdeutsch-algerischen Paaren, auf der Suche nach ihren Vätern, die ausgewiesen wurden.

    Große Vergangenheit, traurige Gegenwart

    Algier wurde in den siebziger Jahren zum symbolträchtigen Ort, aber auch zum realen Exil-Ort für verfolgte „Revolutionäre“ aus aller Welt, insbesondere aus Afrika, aber auch aus Nordamerika. Im Zuge der „Wiederentdeckung“ des afrikanischen Kontinents und des schwarzen Nationalismus las man in den USA Frantz Fanons Die Verdammten dieser Erde (1961) und seine Analysen aus Schwarze Haut, weiße Masken, welche den Zusammenhang zwischen „weißer Überlegenheit“ und Kolonialismus herstellen, aber auch die psychischen Traumata der Kolonisierten thematisieren. Fanon wurde damit zu einem wichtigen Impulsgeber der Blackness und Black Power Bewegung in den USA. Der Psychiater aus Martinique arbeitete selbst in einer psychiatrischen Klinik im algerischen Blida, bevor er sich der FLN anschloss. Im Juli 1969 fand in Algier der Panafrikanische Kulturkongress statt, der von Präsident Boumedienne eröffnet wurde – prominenter Gast war Eldridge Cleaver, Informationsminister der Black Panther Partei, der über Kuba aus den USA, wo er verfolgt wurde, geflüchtet war. Die Black Panther bezogen ein Büro im Herzen Algiers und organisierten eine Ausstellung – man fühlte sich der algerischen Revolution nahe und kämpfte für ähnliche anti-imperialistische Ziele. Aus dem Büro wurde 1970 die Internationale Sektion der Black Panther, die Anlaufstelle für aus den USA geflohene Angehörige der radikalen schwarzen Bürgerrechtsbewegung war und diplomatischen Status zugebilligt bekam.

    Heute, im 50. Jahr nach der Unabhängigkeit, ist vom arabischen Frühling in Algerien unterdessen nicht viel zu spüren: Nachdem die Front Islamique du Salut (FIS) 1991 die Wahlen gewann, die von den Militärs annulliert wurden, fielen dem Bürgerkrieg seit den neunziger Jahren insgesamt 150.000 Menschen, darunter zahllose Zivilisten und Intellektuelle, zum Opfer. Die staatlichen Sicherheitskräfte griffen brutal durch. Die Algerier sind heute, in einer Zeit des nur scheinbaren inneren Friedens, des Kämpfens müde. Man schaut zwar mit gebanntem Interesse auf die Demokratiebewegungen in den arabischen Nachbarländern, die algerische Zeitung El Watan organisiert Debatten usw. – doch in Algerien herrscht nach all den Jahren des Kampfes für die Unabhängigkeit und des Terrors der Neunziger eine seltsame Ruhe. Doch es gäbe ähnliche Gründe für eine Demokratiebewegung wie in den anderen arabischen Ländern. Denn die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und es herrschen mafiös-autoritäre Strukturen. Aber Präsident Bouteflika gelang es, mit dem Zugeständnis eines neuen Parteiengesetzes Ruhe zu halten. Warten wir den Verlauf des Jahres 2012 ab, denn für die anstehenden Parlamentswahlen will der Präsident internationale Beobachter zulassen. Auch Algerien wird sich verändern müssen.
    Susanne Stemmler
    war Programmleiterin des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2012

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