Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Über die Erinnerung stolpern
    Das NS-Dokumentationszentrum in Köln

    Seit 1979 gibt es in Köln eine einzigartige Gedenkstätte und Forschungseinrichtung, die an eine spezifische Form des nationalsozialistischen Machtapparates erinnert: den bürokratischen und physischen Terror der Geheimen Staatspolizei.

    „Sei gegrüßt meine Frau, aus der Ferne / schreibt dein Mann. / Weit hinter der Mauer, bei der Gestapo / Quält er sich, wenn er zum Fenster schaut. / Aber die Freiheit und das liebe Töchterchen sind weit von ihm entfernt. / Vergeblich beschmiert er die Wände, / Indem er Briefe an seine liebe Frau verfasst (...)“

    Eine Gruppe junger Schüler geht vorüber, studiert diese und andere Inschriften hinter der Glastür und auf den Informationstafeln, lauscht den Worten der Museumsführerin. Die Jungs und Mädchen tuscheln vereinzelt, lachen leise, machen betretene Gesichter, blicken verstohlen auf ihre Handys – offensichtlich Abstand suchend von den gesprochenen Worten der Pädagogin, von den geschriebenen Worten der über 1.800 Inschriften und Zeichnungen hier an den Wänden der Gefängniszellen im Kellergeschoss des EL-DE-Hauses in Köln. Geschrieben mit Kreide, Kohle, Lippenstift oder Bleistiften, eingeritzt mit Nägeln, Schrauben oder Fingernägeln, zeugen die vielen Gedichte und Briefe von den Ängsten und Hoffnungen der Inhaftierten, sind oft letzte Grüße an die Außenwelt. Manche dieser Worte grüßen aus der Namenlosigkeit heraus. Denn nur wenige Namen der Tausenden Insassen, die bis zum Ende des nationalsozialistischen Regimes von der Gestapo hier tage- oder monatelang festgehalten und anschließend oft deportiert oder ab 1944 auch hingerichtet wurden, sind heute vollständig bekannt.

    Doch beginnen wir von vorne. 1933.

    Terror in Köln

    Nach der Machtübernahme Hitlers wurde im gesamten Reich die Gestapo – die Geheime Staatspolizei – zu einem der gefürchtetsten und mächtigsten Instrumente der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ausgebaut. Zu ihren Aufgaben gehörte die Überwachung der Bevölkerung sowie die Bekämpfung und Verfolgung von Gegnern des Naziregimes. Seit 1935 wurde das Gebäude in der Kölner Innenstadt – genannt EL-DE-Haus, nach den Initialen des Bauherrn, dem Kölner Großhändler Leopold Dahmen – von der Kölner Gestapo angemietet und genutzt. Der Keller wurde zu einem Gefängnis ausgebaut, bestehend aus 10 Zellen, einer Dunkelzelle, einem Luftschutzbunker, einem Waschraum und diversen Räumen für die Wachleute. Eine Tür führte in den Innenhof des Gebäudekomplexes. An einem portablen Galgen fanden Hinrichtungen statt – in der Endphase des Krieges starben hier über 400 Menschen.

    Weitgehend angewiesen auf Denunziationen aus der Bevölkerung, führte die Gestapo Befragungen, Inhaftierungen, Folterungen und Deportationen durch. Ihre Opfer waren nicht nur Personen, die unmittelbar im Verdacht standen, an Widerstandsaktionen gegen das Regime beteiligt gewesen zu sein, sondern auch andere Personengruppen, die während des Nationalsozialismus aufgrund von rassistischen Motiven gewalttätigen Verfolgungen ausgesetzt waren, darunter Juden, Homosexuelle, „Asoziale“, Sinti und Roma, vor allem aber unzählige „einfache Leute“, die wegen tatsächlicher oder vermeintlicher Vergehen (etwa Abhören von „Feindsendern“, defätistische Äußerungen) vorgeladen und verhört wurden. Seit Kriegsbeginn waren ausländische Zwangsarbeiter die größte Gruppe der im EL-DE-Haus Inhaftierten. Die Kölner Gestapo war verantwortlich für die Deportation Tausender Juden aus Köln und der Region: Nachdem in den dreißiger Jahren vom nationalsozialistischen Regime Hunderte von Konzentrations- und Vernichtungslagern errichtet worden waren, führten ab 1941 Massendeportationen von Köln aus in Richtung Osten.

    Die Inschriften an den Wänden der Zellen, verfasst auf Deutsch, Polnisch, Russisch, Französisch und in weiteren Sprachen, sind oft letzte Grüße an Angehörige – Nachrichten, die jahrzehntelang unter einer Schicht Wandfarbe verdeckt waren und erst im Jahre 1979 mühsam freigelegt, restauriert und entziffert wurden.

    Die Errichtung einer Gedenkstätte

    Es ist dem Zufall zu verdanken, dass das EL-DE-Haus als eines von wenigen Kölner Gebäuden in der Innenstadt den Krieg unbeschädigt überstanden hatte. Schon bald wurden die Räumlichkeiten vermietet und teilweise für Verwaltungsarbeiten genutzt, hier befanden sich unter anderem ein Standesamt und die Rentenstelle. Die Aufarbeitung der Kölner NS-Geschichte und des EL-DE-Hauses ließ auf sich warten. Erst nachdem in den siebziger Jahren verschiedene begünstigende Faktoren zusammenkamen – darunter die Ausstrahlung der US-amerikanischen Serie „Holocaust“ sowie der Prozess gegen den SS-Obersturmbannführer und Kölner Leiter der Gestapo Kurt Lischka und andere NS-Täter – verstärkte sich der Ruf nach einer Aufarbeitung der Kölner Geschichte und nach der Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Gestapo-Gebäude. 1979 fasste der Rat der Stadt Köln den Beschluss, neben einer Gedenkstätte im ehemaligen Gestapo-Gefängnis auch ein Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus in Köln zu errichten. 1981 wurde das ehemalige Gestapo-Gefängnis, nun in Form einer kleinen Gedenkstätte, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Es sollte aber bis zum Jahre 1987 dauern, bis schließlich ein wirkliches Zentrum entstand, das sich innerhalb weniger Jahre zur größten lokalen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik entwickelte.

    Authentischer Ort

    Betritt man heute das EL-DE-Haus, so sieht der Besucher sich beim Anblick der kargen, bis auf den Putz freigelegten Wände, der steinernen Böden, der alten Heizkörper und Oberlichter mit einer Atmosphäre konfrontiert, wie sie größtenteils auch schon vor mehr als 70 Jahren bestand. Die Räume im historischen Teil des Gebäudes, in denen sich seit 1997 die umfangreiche Dauerausstellung „Köln im Nationalsozialismus“ befindet, gehören bewusst zur Ausstellung dazu, sie geben ebenso intensiv wie die zahlreichen Bilder, Informationstafeln und Medienstationen die Geschichte des Hauses wieder, anschaulich und vor allem berührbar – unmittelbar. In diesen oberen zwei Stockwerken des Hauses, die ehemals als Zentren des bürokratischen Gestapo-Terrors fungierten, ist die Authentizität aber nicht so aufdringlich, unausweichlich wie in den Keller- und Gefängnisräumen. Hier ist der ehemals physische Terror spürbar, greifbar, aus den Wänden heraus lesbar – es ist nicht zuletzt daher verständlich, wenn vor allem die jüngeren Besucher der Gedenkstätte, die oft erst seit Kurzem mit dem Thema des Nationalsozialismus konfrontiert sind, den Blick auf das Handy oder das Herumalbern mit den Klassenkameraden als willkommene Ablenkung und Möglichkeit zur rettenden Distanz ergreifen. 

    Das Ausstellungskonzept beabsichtigt genau das: Distanz und Reduktion, sofern man sie braucht, Konfrontation und Nahbarkeit, sofern man sie sucht. Es werden nicht gezielt die Emotionen angesprochen, „Betroffenheitspädagogik“ wird hier vermieden. Schautafeln, Text und Bilder halten sich im Hintergrund, nichts drängt sich dem Besucher auf; wer die „Nähe“ sucht, dem stehen 31 Medienstationen mit über 300 Stunden Ton- und Bildmaterial zur Verfügung, darunter viele Interviews mit Zeitzeugen aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen.

    Über die Gedenkstätte und das Museum hinaus ist das EL-DE-Haus heute ein wichtiges Forschungs- und Dokumentationszentrum. Sechs Historiker und weitere Mitarbeiter sind hier angestellt, werten Zeitzeugeninterviews, Fotobestände und Dokumentensammlungen aus, forschen zu einem vielfältigen Themenspektrum, publizieren sowohl für die Wissenschaft als auch für ein allgemeines Publikum, u. a. in einer eigenen Schriftenreihe im Kölner Emons Verlag. Über hundert Veranstaltungen finden jährlich in den Räumlichkeiten des NS-Dokumentationszentrums statt, darunter Lesungen, Diskussionsrunden, Vorträge, Workshops und Kulturveranstaltungen; mindestens vier Sonderausstellungen pro Jahr erweitern die Dauerausstellung „Köln im Nationalsozialismus“ um vertiefende Aspekte zu wechselnden Themen.

    Bildungsstätte und Lernort

    Doch die Arbeit des NS-Dokumentationszentrums beschränkt sich nicht nur auf die Vergangenheit; ein wichtiger Aspekt des Selbstverständnisses des Zentrums ist neben der Funktion als Gedenk- und Forschungsort auch die Bedeutung als Bildungsstätte und Lernort. Hier werden Lehrerschulungen durchgeführt, um die Pädagogen dabei zu unterstützen, ihren Schülern das komplexe, von diesen nicht selten als problematisch empfundene Thema Nationalsozialismus näherzubringen. Die in das NS-Dokumentationszentrum eingegliederte Info- und Bildungsstelle gegen Rechtextremismus (kurz: ibs) führt kostenlos Veranstaltungen und Workshops an Schulen, Jugendzentren oder Betrieben durch, um über Rechtsextremismus und Gewalt aufzuklären und Präventionsarbeit zu leisten.

    Auf der Webseite des NS-Dokumentationszentrums Köln kann der Interessierte seinen Besuch in der Gedenkstätte und im Museum vor- und nachbereiten. Man trifft hier auf eine große Vielfalt an Hintergrundinformationen über die Einrichtung, über die diversen Projekte und Veranstaltungen. Nicht zuletzt sind es die Datenbanken, die Schülern, Studenten und Interessierten leichten Einblick in die Quellen ermöglichen. Der Bibliotheksbestand des EL-DE-Hauses ist hier zugänglich, in einer weiteren „Gedenkbuch“-Datenbank sind sämtliche jüdischen Opfer aus Köln verzeichnet. Vor allem das Projekt „Erlebte Geschichte“ ist ein besonderes: Hier sind mittlerweile über hundert Videointerviews mit Kölner Zeitzeugen hochgeladen, die ihre Lebensgeschichte, ihre Kriegserfahrungen schildern. Diese „Art kollektives Gedächtnis in Form eines Videoarchivs“ ist sowohl für Historiker als auch für historisch Interessierte ein wertvoller Schatz und ermöglicht einen lebendigen, emotionalen Einblick in die Erfahrungen über den Nationalsozialismus in Köln.

    Wider die Namenlosigkeit: Stolpersteine

    Historische Forschungs- und Gedenkstättenarbeit ist stets eine Mischung aus Namenlosem und Benennbarem, aus Interpretation und Fakten. Den Opfern ein Gesicht zu geben, ihre Namen herauszufinden, zu nennen und zu erinnern, ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gedenkstätten. Besonders das Projekt „Stolpersteine“, das seinen Ursprung in Köln hat und vom NS-Dokumentationszentrum unterstützt und gefördert wird, hat mittlerweile internationalen Rang und gehört zu einem der bekanntesten Projekte der europäischen Gedenkkultur. Der Künstler Gunter Demnig begann mit diesem Projekt in den neunziger Jahren. Die 10 x 10 x 10 cm großen Stolpersteine sind Betonquader, die in den Bürgersteig vor den ehemaligen Häusern und Wohnungen von während des Nationalsozialismus Deportierten und Ermordeten eingelassen werden. In die oben aufliegende Messingplatte ist der Schriftzug „Hier wohnte ...“ eingearbeitet, anschließend werden der Name und weitere bekannte Daten, wie das Deportations- oder Todesdatum und ggf. der Deportationsort genannt. Etwa 34.000 Stolpersteine wurden schon überall in Deutschland verlegt, aber auch international erfreut sich das Projekt zunehmender Nachfrage und großer Unterstützung.

    Dies ist eine Art des Erinnerns, die außerhalb der Mauern eines Museums oder einer Gedenkstätte stattfindet, fest eingelassen in das Stadtbild der jeweiligen Orte des Geschehens. Eine Art des Erinnerns, die zum Stolpern auffordert: Zum Stolpern über Namen, über Schicksale – über Geschichte.

    Vielleicht. Eine Aussicht

    Die Namenlosigkeit der Urheber einiger Inschriften an den Wänden der Zellen im Keller des ehemaligen Gestapogefängnisses hinterlässt eine Ungewissheit, Unabgeschlossenheit – das haben vermutlich auch die Schüler bei ihrem Besuch im EL-DE-Haus gespürt. Das, was damals geschehen ist, geht auch sie noch an, es ist noch da, es ist unmittelbar, wenn auch durch sieben Jahrzehnte von ihnen getrennt. Vielleicht haben sie nach diesem Museumsbesuch schulfrei, vielleicht müssen sie doch noch einmal zurück ins Klassenzimmer, vielleicht ist es gerade die Deutschstunde, die sie dort erwartet. Vielleicht ist ihnen der Themenwechsel willkommen, vielleicht vertiefen sie sich in die Grammatiklektion der Lehrerin, und vielleicht werden sie an diesem Tag zwei verschiedene Wahrheiten gelernt haben – eine an der Tafel im Klassenzimmer, die andere an den Wänden der Zellen des Gestapogefängnisses niedergeschrieben:

    Entgegen den unumstößlichen Regeln der deutschen Grammatik haben sie an diesem Tag erfahren, dass es Sätze gibt, die nicht einfach mit einem Punkt abgeschlossen werden können – sei es eine Inschrift an einer Zellenwand, sei es ein Satz, der vor über 70 Jahren begann und der diese große Namenlosigkeit einleitete, die noch heute in Europa und vor allem in Deutschland Gedenkstätten-, Forschungs- und Aufklärungsarbeit so dringend notwendig macht.
    Simone Falk
    ist eine in Kiel lebende Übersetzerin, Lektorin und Journalistin. Sie hat einen Abschluss in Geschichtswissenschaften von der Universität Bremen.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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