Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Die zusammengesetzte Vergangenheit der Zukunft
    Ein Interview

    Vor fünfzig Jahren, am 5. Juli 1962, wurde Algerien offiziell ein unabhängiger Staat. Der Befreiungskrieg von 1954 bis 1962 und der Bürgerkrieg der 1990er Jahre waren extreme kollektive Gewalterfahrungen, die die algerische Gesellschaft bislang kaum aufarbeiten konnte.

    Die in Berlin lebende franko-algerische Künstlerin Dalila Dalléas Bouzar zeigt seit 2011 unter anderem ein Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Die zusammengesetzte Vergangenheit der Zukunft“. Im Sommer 2012 ist in Algier ein zweisprachiger englisch-französischer Essayband zur Ausstellung unter dem Titel „Algerien, Jahr Null“ erschienen. Martina Sabra hat in Berlin mit Dalila Dalléas Bouzar gesprochen.

    Martina Sabra: Sie wurden 1974 in Oran in Algerien geboren. 1976 zogen Sie mit Ihren Eltern nach Frankreich. Sie sind französische Staatsbürgerin. Wann haben Sie begonnen, sich mit Ihrer algerischen Familiengeschichte zu beschäftigen? Welche Rolle spielte der Bürgerkrieg der 1990er Jahre dabei?

    Dalila Dalléas Bouzar: In unserer Familie wurden keine Fragen gestellt, Politik war kein Thema. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe mich zum ersten Mal intensiv mit der Geschichte Algeriens befasst, als der Bürgerkrieg längst vorbei war. Auslöser war ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2004, „Algerie(s)“ von Patrice Barrat, Malek Bensmail und Thierry Leclerc. Der Film beschreibt den Verlauf des Bürgerkrieges der 1990er Jahre. Der Film wirkte auf mich wie ein Elektroschock. Ich hatte in den 1990er Jahren wie die meisten Normalbürger die Nachrichten in den Medien verfolgt. Aber ich hatte nicht bewusst mitbekommen, dass dieser Terror, diese Massaker tausende und abertausende von Menschen betrafen.

    Das kann man sich kaum vorstellen…

    Ja. Ich war fassungslos über mich selbst und habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass ich all das nicht bewusst miterlebt habe, obwohl ich zu Beginn des Bürgerkrieges schon achtzehn war? Die einzige Antwort war, dass ich mich selbst zensiert hatte. Ich denke, das betrifft nicht nur mich. Man weiß, dass es ein Geheimnis gibt, und man will sich nicht damit befassen, weil das alle bisherigen Überzeugungen in Frage stellen würde. Dem wollte ich auf den Grund gehen. Dabei wurde mir auch schlagartig bewusst, dass mein Vater 1962 bei der Unabhängigkeit Algeriens zwanzig Jahre alt gewesen war. Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage: Was hat er während des Krieges getan? Warum sind wir damals nach Frankreich gegangen?

    Sie haben Ihren Vater im Rahmen Ihres Kunstprojektes „Algerien Jahr Null“ interviewt. Was hat er Ihnen erzählt?

    Mein Vater wurde Anfang der 1960er Jahre, kurz vor dem Ende des Unabhängigkeitskrieges von der französischen Armee zwangsrekrutiert. Ich wollte von ihm wissen: Du warst offiziell Soldat der französischen Armee, auf wessen Seite standest du? Hast du dich auf Seiten Frankreichs gesehen oder Algeriens? Hast du jemals darüber nachgedacht, dass du gegen dein eigenes Land kämpftest, gegen dein eigenes Volk? Was ist der Unterschied zwischen dir und einem Harki? An diesem Punkt war mein Vater empfindlich: Nein, er sei kein Harki und kein Verräter. Man habe ihn gezwungen, zur Armee zu gehen. Ich habe ihn gefragt: „Hast Du Algerier getötet?“ Er verneinte das, und erklärte, er habe die tunesisch-algerische Grenze bewacht, aber niemals die Waffe auf einen Algerier gerichtet. Irgendwann meinte er: „Es reicht jetzt, warum fragst du mich das alles?“ Er hatte einfach keine Lust zu antworten.

    Welche Schlüsse haben Sie daraus für sich gezogen?

    Ich habe begriffen, dass die Dinge nicht so einfach waren, wie ich gedacht hatte. Wenn heute von offizieller Seite behauptet wird, dass das ganze algerische Volk hinter der Befreiungsfront FLN stand, dann ist das nicht die Wahrheit. In Wahrheit waren längst nicht alle im Maquis. Diese Komplexität wollte ich besser verstehen, aber mir wurde bald klar, dass mein Vater nicht auf meine Fragen antworten wollte. Und auch von anderen Interviewpartnern in Algerien habe ich keine Antworten bekommen. Das ganze Thema ist in Algerien immer noch ein großes Tabu. Man gibt ungern zu, dass viele sich opportunistisch verhalten und ihr Mäntelchen nach dem Wind gedreht haben und dass die Geschichte nicht so schwarz-weiß abgelaufen ist, wie man sie gern darstellen will.

    Die Unfähigkeit zu trauern

    Welche Beziehung sehen Sie zwischen dem Befreiungskrieg und dem Terror der 1990er Jahre?

    Der Bürgerkrieg der 1990er Jahre ist für mich eine direkte Folge des Umgangs mit der Gewalt des Unabhängigkeitskrieges. Die Tatsache, dass man nicht offen über die inneralgerische Gewalt sprechen konnte, bedeutet, dass viele Menschen nicht trauern konnten. Das führte dazu, dass in der algerischen Gesellschaft ein latentes Gewaltpotential schwelte.

    Wie sind die Ausstellung und das Buch „Algerien, Jahr Null“ entstanden? Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?

    Alles hat mit diesem Dokumentarfilm angefangen, „Algérie(s)“. Der Film machte mir klar, dass es vom algerischen Bürgerkrieg im Ausland kaum Bilder gab. Man wusste, dass in Algerien Massaker geschahen, man wusste, dass es diesen Schrecken, diesen Terror gab, aber man konnte es nicht sehen. Ich fand das schockierend und schwer verständlich. Wir sind in einer Gesellschaft, die permanent von Bildern überflutet wird, aber hier geschehen die schlimmsten Verbrechen und doch gibt es keine Bilder. Ich habe also erst einmal nach Bildern über den Krieg geforscht, in den Medien, die für mich zugänglich waren. Es ging mir auch darum, einen Teil meiner persönlichen Geschichte zu konstruieren. Es gab da einfach eine Riesenlücke.

    Nach welchen Kriterien haben Sie die Bilder ausgesucht?

    Ich habe die Fotos nicht nach historischen, sondern nach ästhetischen und emotionalen Kriterien ausgewählt. Die Bilder, die mich künstlerisch interessierten, habe ich partiell auf Papier abgezeichnet und mit Farben, Konturen und verschiedenen Maltechniken verändert. Ich habe meistens nicht das komplette Bild übernommen, sondern immer nur einen Ausschnitt, der mich besonders interessierte. Parallel habe ich geschrieben. Das war sehr spannend für mich, dieses Hin und Her zwischen Zeichnen, Malen und Schreiben. Es ergab sich ganz unwillkürlich und war doch systematisch. Dann habe ich andere Autoren gebeten, ebenfalls etwas zu schreiben, denn ich wollte über die Erinnerung sprechen, aber im Austausch mit anderen. Insgesamt haben wir zu sechst an dem Buch geschrieben.

    Viele Ihrer Bilder wirken fließend, durchsichtig, transparent, fragmentiert – ein starker Kontrast zu dem heroischen Duktus, mit dem die algerische Befreiungsgeschichte oft dargestellt wird. Wie haben die Besucher in Algerien auf Ihre Ausstellung reagiert? Waren sie bereit, sich einzulassen?

    Ich hatte Furcht, dass man mir das Recht absprechen würde, an dem Thema zu arbeiten, weil ich als Algerierin nicht in Algerien lebe und weil ich das alles nicht persönlich erlebt habe. Doch ich wurde positiv überrascht. Die meisten Leute fanden es gut, dass sich jemand künstlerisch mit dem Thema befasst. Das ist ja immer noch sehr selten. Und die Leute haben auch wertgeschätzt, dass ich mich um politische Neutralität bemühe. Ich verurteile niemanden, stelle niemanden an den Pranger. Niemand wird angegriffen oder muss sich verteidigen. Ich wollte damit auch all denjenigen die Ehre erweisen, die in totaler Anonymität gestorben sind, die man vergessen hat, und um die man nicht trauern kann, weil man sie nicht begraben konnte.

    Das Gedächtnis entschleiern

    Im Buch sprechen Sie davon, das Gedächtnis zu entschleiern. Gibt es die eine Realität hinter dem Schleier? Suchen Sie nach der Wahrheit oder ist das eher ein Prozess für Sie?

    Ja, es gibt einen Schleier, den ich lüften möchte. Denn eines ist doch klar: Algerien ist formell eine Demokratie, aber in Wirklichkeit ist es ein autoritärer Staat, der sehr viel versteckt und verheimlicht. Vor allem verheimlicht man den Algeriern ihre eigene Geschichte. Ein Blick in die Schulbücher reicht, um das zu erkennen. Mir ging es aber wie gesagt nicht darum, irgendjemanden an den Pranger zu stellen oder gar zu verurteilen. Ich wollte einfach nur darauf hinweisen, dass es eine andere Wahrheit gibt. Diese Wahrheit ist nicht subjektiv, sondern sie beruht auf Fakten, auf Ereignissen, die sich nachweislich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zugetragen haben. Wir wissen alle, dass in einem Krieg viele Fehler gemacht werden, dass man manchmal die eigenen Werte über Bord werfen muss, um zu überleben. Aber man muss sich der eigenen Vergangenheit stellen.

    Sie leben seit 2010 in Berlin – eine Stadt, die von Geschichte und kollektiven Traumata geprägt ist. In welchem Maß hat die Interaktion mit dieser Stadt und ihren Bewohnern Ihr Leben und Ihre künstlerische Arbeit geprägt?

    Sehr, sehr stark. 1995 war ich zum ersten Mal in Berlin. Man hatte mich zu einem Workshop für Kunststudenten eingeladen – in die Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, also an jenen Ort, wo im Januar 1942 die sogenannte ‚Endlösung’, die Vernichtung der europäischen Juden, beschlossen worden war. Damals studierte ich noch in Paris Biologie, meine Teilnahme an dem Workshop war eher zufällig. Aber in jenen Tagen in einer Villa habe ich mich entschieden, Kunst zu studieren. Und ich wusste schon damals, dass ich irgendwann länger in Berlin leben wollte. Die Stadt hatte eine unglaubliche Kraft, ich war hingerissen. Seit 2009 bin ich nun wieder hier, und ich glaube, das Algerien-Projekt wäre ohne Berlin nicht entstanden. Die Art der Deutschen, mit ihrer Geschichte umzugehen, hat mich tief beeindruckt. Ich habe mir sehr bewusst die Ausstellung „Topografie des Terrors“ angesehen. Ich fand auch die „Stolpersteine“ sehr gut und ich habe angefangen, deutsche Künstler kennenzulernen, wie Jochen Gerz, der sich ebenfalls mit Kunst und Erinnerung beschäftigt. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft auch in Algerien solche kreativen Ansätze zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit entwickeln. Im Moment gibt der politische Kontext das nicht her. Aber allein darüber nachzudenken ist für mich schon ein Schritt vorwärts.
    Martina Sabra
    arbeitet als Journalistin mit Nahost- und Nordafrika-Schwerpunkt.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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