Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Der Kampf um das historische Gedächtnis in Ägypten

    Mit der Absetzung Mubaraks im Februar 2011 wurde der Kampf um die Geschichtsschreibung eröffnet. Dieser Kampf wird vorwiegend im Hinblick auf die Ereignisse seit dem Ausbruch der Revolution des 25. Januar geführt. Aber es sind auch Bemühungen daran beteiligt, die ägyptische Geschichte der vergangenen sechzig Jahre neu zu schreiben.

    In diesem Artikel geht es um die folgende Frage: Wie haben die Hauptakteure des Überganges in Ägypten die Prozesse der Geschichtsschreibung und des Gedenkens dazu genutzt, ihre mannigfaltigen Pläne seit dem Sturz Mubaraks voranzutreiben? Ich will zeigen, dass der offenkundig unvollendete Wandel in Ägypten sich in andauernden Bemühungen des Staates, den Zugang zu Informationen und historischen Quellen zu kontrollieren, und in Kontroversen um die Interpretation der ägyptischen Zeitgeschichte manifestiert. Außerdem liefert dieser Beitrag Beispiele für vier verschiedene Prozesse, mit Hilfe derer Erinnerung von einfachen Menschen geschaffen, manipuliert und übermittelt wird: die Sammlung und Speicherung von Materialien mittels digitaler Technologien; Demonstrationen, Märsche und Gedenkveranstaltungen; die Umbenennung öffentlicher Plätze und Straßen sowie der künstlerische Aktivismus.

    Gedächtnis und Konflikt: Ein zweischneidiges Schwert

    Vor nahezu einem Jahrhundert behauptete Maurice Halbwachs, Gedächtnis sei ein soziales Konstrukt. Seine Unterscheidung zwischen Geschichte (die eine objektive, wahre Darstellung von Ereignissen zum Ziel hat, basierend auf professioneller Forschung) und kollektivem Gedächtnis (selektiv konstruierte Wahrnehmungen der Vergangenheit, geformt durch Interaktionen von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und ihrem Umfeld) hat Generationen von Historikern, Philosophen und Sozialwissenschaftlern beeinflusst. Viele stimmen darin überein, dass das menschliche Verstehen sowohl von der geschriebenen Geschichte als auch von dem kollektiven Gedächtnis beeinflusst wird, und dass eine Gesellschaft ihre Geschichte eher rekonstruiert, als sie bloß zu überliefern. Dennoch bleibt die genaue Definition des kollektiven Gedächtnisses und seines Einflusses auf das persönliche Gedächtnis schwer fassbar und umstritten. Dies trifft besonders auf Gedenkprozesse zu, die den Opfern von traumatischen Gewaltverbrechen Ehrungen zuteil werden lassen.

    Diverse Initiativen tragen zum kollektiven Gedächtnis im Bezug auf Konflikte und ihre Opfer bei. Sie nehmen verschiedene Formen an, darunter finden sich errichtete Orte (Museen, Gedenkbibliotheken, Archive, Monumente und virtuelle Gedenkstätten); historische Schauplätze (Gräber, Orte der Folter und des Mordes, Gefängnisse) und spezifische Prozesse (Jahres- und Feiertage von Schlüsselereignissen, die Umbenennung von Plätzen und Straßen, Paraden, Kundgebungen, Mahnwachen, Aufführungen und öffentliche Entschuldigungen).

    Die Initiatoren von Erinnerungsprojekten kommen aus unterschiedlichen Bereichen. Aus der Zivilgesellschaft stammen u. a. diejenigen Initiatoren, die sowohl selbst Opfer und Überlebende als auch Aktivisten, Wissenschaftler und Künstler sind. Auch die Regierungen spielen in der Planung und der Förderung von Gedenkorten und -projekten eine wichtige Rolle.

    Der Gedenkprozess ist ein zweischneidiges Schwert: Er kann Opfern und Überlebenden helfen, Anerkennung dafür zu erlangen, dass ihnen ein Schaden zugefügt wurde, und er kann die gesellschaftliche Wiederherstellung fördern (auch „Versöhnung“ oder „Heilung“ genannt). Er kann aber auch ein Gefühl der Ungerechtigkeit erwecken oder den Wunsch nach Rache stärken. Indem sie vor, während und nach dem Konflikt Anwendung findet, ist die Dokumentation historischer Ereignisse ein hoch politisierter Prozess, der die Dynamik der Kräfte innerhalb der Gesellschaft widerspiegelt. 

    Zugang zu Informationen

    Der Beweis, dass Ägyptens Übergang zur Demokratie unvollständig ist, wird durch die Staatspolitik und das Verhalten des Staates im Bezug auf den Zugang zu historischen Dokumenten erbracht. Seit der Revolution des 25. Januar hat sich nichts verändert: Man benötigt noch immer eine Unbedenklichkeitsbescheinigung, wenn man Unterlagen im Ägyptischen Nationalarchiv (NA) einsehen will. Das Gesetz 356 aus dem Jahre 1954, welches das Nationalarchiv reguliert, besagte lediglich, dass ein Komitee ins Leben gerufen werden solle, um ein Verfahren für den Umgang mit dem Bestand festzulegen. Doch seit den achtziger Jahren hat der Verwaltungsrat des NA sich selbst vor Anklagen der Misswirtschaft geschützt, indem er Vertreter der Staatssicherheit einlud, um Anfragen auf Zutritt zu dem Archiv zu prüfen.

    Durch die Problematik des Zutritts zu dem Archiv wird die Umsetzung einer viel versprechenden Initiative verzögert. Im Februar 2011 beauftragte die Regierung den Geschichtsprofessor einer amerikanischen Universität in Kairo, Khaled Fahmy, damit, eine Gruppe zu bilden, um für das Nationalarchiv Materialien zur Dokumentation der Revolution des 25. Januar zu sammeln. Fahmy stimmte zu, alle Unterlagen zu digitalisieren und ohne Sicherheitsbeschränkungen für den freien Zugang im World Wide Web zur Verfügung zu stellen. Aber das Voranschreiten des Projektes wurde durch Komplikationen verlangsamt, die wiederum größere Kämpfe in Ägypten widerspiegeln. Vertreter des Sicherheitsdienstes weigerten sich, die Anforderung der Unbedenklichkeitsbescheinigung aufzuheben, und sie hielten die Ägypter, die eingeladen waren, Zeugenaussagen abzugeben und Unterlagen einzureichen, davon ab, das Gebäude zu betreten. Seit die Gewalt gegen die Demonstranten weitergeht, ist vielmehr klar geworden, dass die Ägypter nicht an dieser Initiative teilnehmen werden, es sei denn gesetzliche Schutzmaßnahmen stellen sicher, dass die Unterlagen, die sie dem Archiv anvertrauen, nicht dazu verwendet werden, sie zu belasten.

    Zwei weitere Angelegenheiten haben während der Übergangsphase Aufmerksamkeit erregt: Ein beständiges Anliegen ägyptischer Aktivisten ist das Recht der Öffentlichkeit auf Informationen. Im Jahre 2009 riefen sie zur Bildung einer Koalition auf, die dieses Recht vorantreiben sollte. Im September 2011 veröffentlichte die United Group einen Artikel für einen Verfassungsentwurf. Das Parlament zog zwei verschiedene Entwürfe für das Informationsgesetz in Erwägung, als es im Juni 2012 aufgelöst wurde. Die Version der Regierung sah den Zugang zu Informationen als ein Privileg an, während die Version der Zivilgesellschaft ihn als ein Recht festschrieb. Das Recht auf Information über den militärischen Haushalt war ein besonders kontroverses Thema bei den Debatten über diese Vorlagen.

    Die zweite Angelegenheit entspringt aus der Sorge um die schrittweise Stilllegung verschiedener Bereiche des Internet- und Telekommunikationssystems durch die Regierung zwischen dem 25. Januar und dem 6. Februar 2011 – ein vergeblicher Versuch, den Aufstand zu unterdrücken. Dies hatte unbeabsichtigt zur Folge, dass Hunderttausende Menschen auf die Straßen strömten, aufgebracht über die Taten der Regierung und auf der Suche nach Informationen. Bis heute gibt es keinen definitiven Fortschritt in der Bearbeitung des Gesetzes 356, welches einerseits das Recht auf Information und andererseits die Befähigung der Regierung, willkürlich das Internet- und Telekommunikationssystem auszuschalten, betrifft.

    Mittlerweile hat der Kampf um den Zugang zu Informationen andere Formen angenommen. Während der ersten achtzehn Tage des Aufstandes griffen die Protestierenden mehr als neunzig Polizeistationen an und zerstörten einige davon. Manche wollten sich an verhassten Beamten rächen. Andere konnten nicht länger untätig zusehen, als die Polizei – in angeblicher Selbstverteidigung – auf die Bewohner feuerte. Wieder andere suchten nach Beweismaterial für Verhaftungs- und Foltervorgänge, sie selbst oder ihre Familienangehörigen betreffend.

    Am 5. und 6. März 2011 stürmten die Demonstranten das Innenministerium und andere Ämter, darunter auch die Zentrale der Staatssicherheitspolizei in Nasr. Dies war eine Reaktion auf die Behauptung, Dokumente würden zerstört, um Beweise zu vertuschen, die Funktionäre belasten könnten. Einige Demonstranten übergaben die geretteten Materialien an Regierungsbehörden, andere Materialien wurden auf 25Leaks.com veröffentlicht. Manche ließen sich von deutschen Experten, die im Umgang mit Dokumenten der Stasi erfahren sind, bei der Rekonstruktion der geschredderten Dokumente unterstützen. Währenddessen versendete der Supreme Council of the Armed Forces (SCAF) Millionen von SMS, in denen damit gedroht wurde, jeden zu bestrafen, der erbeutete Dokumente veröffentlichte.

    Offizieller historischer Revisionismus

    Als die Regierung ihre Aufmerksamkeit der historischen Bildung zuwandte, wurde ihr die Bedeutung einer „Berichtigung“ der offiziellen Darstellung der historischen Ereignisse bewusst. Im April 2011 verkündete das Bildungsministerium die Gründung eines Komitees, das damit beauftragt wurde, die Geschichtstexte aus der Grundschule und der Mittelstufe von den übertriebenen Berichten des Mubarak-Regimes zu reinigen und neue Kapitel über die Revolution des 25. Januar zu entwerfen. Das Komitee wies darauf hin, dass es auch andere Verfälschungen in den Texten berichtigen werde – so wie die Streichung von Mohamed Naguib als Ägyptens erster Präsident, nachdem Gamal Abdel Nasser ihn für 18 Jahre in Gefangenschaft genommen hatte. Die Umsetzung des neuen Lehrplans ist bereits für das Schuljahr 2012 geplant.

    Indessen weisen interne Wahlen für Positionen in parlamentarischen Komitees in der mittlerweile aufgehobenen Volksvertretung auf mögliche zukünftige Kontroversen über den Inhalt von Schulbüchern hin: Ein Mitglied der konservativen Partei al Nour wurde zum Vorsitzenden des Komitees für Bildung und wissenschaftliche Forschung gewählt; man kann davon ausgehen, dass diese Partei auch im neuen Parlament dieselbe Stellung einnehmen wird. In jedem Fall hat die Muslimbruderschaft, zu deren Mitgliedern auch Lehrer an öffentlichen Schulen gehören, bereits inoffizielle Lehrpläne über die Rolle der Bruderschaft in der Revolution des 25. Januar erstellt und angewandt, was zu Empörung bei einigen Aktivistengruppen führte.

    Im Juni 2011 zeigte sich die Sensibilität den historischen Narrativen der Ära Mubaraks gegenüber, als der Journalist Mohamed Hassanein Heikal behauptete, Mubarak habe bei den Luftangriffen, die von der ägyptischen Luftwaffe im Krieg von 1973 durchgeführt wurden, nur eine unbedeutende Rolle gespielt. Dutzende wütender Offiziere ersuchten das Büro des Generalstaatsanwaltes, Heikal wegen Verleumdung der Luftwaffe anzuzeigen.

    Vier Monate später lieferten die jährlichen Feierlichkeiten am 6. Oktober, in Erinnerung an den Krieg von 1973, dem Regime eine weitere Gelegenheit, die historischen Narrative zu beschönigen. Feldmarschall Tantawi, Leiter des SCAF und de facto Führer der Übergangsphase Ägyptens, hielt eine Rede, in der er die Führungsrolle Anwar Sadats betonte und Hosni Mubarak herunterspielte, der den Krieg als sein übergroßes Verdienst ansah, nachdem er die Präsidentschaft übernommen hatte. Die staatlichen Medien nutzten die Feierlichkeiten des Jahrestages außerdem dazu, die Streitkräfte als den Beschützer des Staates zu rühmen.

    Zivilgesellschaftliche Initiativen

    Innerhalb der vergangenen Monate waren vier Prozesse aktiv, um alternative Versionen der jüngeren Vergangenheit Ägyptens zu entwerfen und zu vermitteln. Größtenteils durch Akteure der Zivilgesellschaft in- und außerhalb Ägyptens initiiert, beinhalten sie Bemühungen, historische Materialien, die im Zusammenhang mit der Revolution stehen, zu sammeln, zu erhalten und zu organisieren, öffentliche Orte durch die Umbenennung von Plätzen und Straßen zurückzugewinnen, die Opfer des Konfliktes durch Erinnerungsmärsche und Demonstrationen zu ehren sowie Aktivismus durch künstlerischen Ausdruck zu fördern.

    Die Erhaltung historischer Quellen

    Besonders die Kontroverse um die Darstellung der Geschehnisse, die sich kurz vor und während der Revolution des 25. Januar ereigneten, war sehr lebhaft. Denjenigen Versionen der Ereignisse, die vom SCAF unterstützt und von den staatlichen Medien vermittelt wurden, wurden Initiativen entgegengesetzt, welche die jüngsten Entwicklungen aus alternativen Perspektiven dokumentierten. Wissenschaftler versuchten, Materialien über die jüngste Vergangenheit zu sammeln. Doch die meisten Initiativen wurden von Aktivisten organisiert und als Antrieb für politische Aktionen genutzt. Ein erfolgreiches Beispiel dafür ist die virtuelle Gedenkstätte auf Facebook, We Are All Khalid Said, die zu einem Sammelplatz für junge Aktivisten wurde, als dort Fotos von Saids verstümmelter Leiche gezeigt wurden, nachdem er von der Polizei in Alexandria zusammengeschlagen worden war. Diese Seite war ein starker Impuls für die gewaltigen Demonstrationen, die sieben Monate später folgten. Es sind weitere Websites entstanden, um an die Toten zu erinnern. Eine von ihnen, Lan-Nansahom („Wir werden sie nicht vergessen“), stellt biographische Informationen derjenigen bereit, die seit Beginn der Proteste verletzt oder getötet wurden.

    Eine der zivilgesellschaftlichen Initiativen hat eine virtuelle Plattform geschaffen, Tahrir Documents, um Materialien, die von den Demonstranten genutzt werden, zu sammeln. Die Amerikanische Universität in Kairo dokumentiert die Ereignisse mithilfe des Projektes University on the Square. Die Bibliotheca Alexandrina (BA), eine Einrichtung der Regierung, gründete einige Jahre vor der Revolution des 25. Januar das Projekt Memory of Modern Egypt. Seitdem hat es neue Materialien gesammelt, und das während einer Zeit, in der die engen Beziehungen zu der Familie Mubaraks das BA und seinen Direktor, Ismail Serrageldin, in die Kritik gebracht hatte. R-Shief, ein gemeinnütziges Projekt zur Datengewinnung, sammelt und analysiert Tweets und internetbasierte Quellen zum „Arabischen Frühling“. Im November 2011 wurden hier bereits ca. 128 Millionen Tweets gesammelt. Zahlreiche andere Seiten stellen Materialien und Analysen zur Verfügung, darunter The Martyrs of the Freedom – Egyptian Revolution Heroes Project, Jadaliyya, Egypt Remembers und The Archival Platform.

    Der SCAF verteidigt sich. In den vergangenen Monaten haben die Führer des SCAF und ihre Unterstützer die Schuld an den Gewalttaten nicht länger den baltagiya („Gangstern“) zugesprochen, sondern den mysteriösen „dritten Parteien” und „ausländischen Kräften“. Dies ist gegen ihre schärfsten Kritiker gerichtet: die ägyptischen Menschenrechtsorganisationen und Organisationen von Aktivisten, die militärischen und regierungsinternen Missbrauch aufdecken und dokumentieren. Als Reaktion darauf entstand im November 2011 eine Kampagne, die von der Revolutionary Forces Alliance (einer Gruppe von zwanzig Parteien und Bewegungen) unterstützt wurde. Askar Kazeboon („Verlogenes Militär”) und SCAF Crimes sind zwei junge Online-Initiativen, die Videoaufnahmen von Übergriffen auf Zivilisten sammeln. Seit der Gründung von Kazeboon haben Aktivisten diese Aufnahmen überall im Land gezeigt. Ihr Erfolg, ein breites Offline-Publikum zu erreichen, veranlasste den SCAF dazu, im Januar 2012 das National Military Media Committee zu gründen, um den Darstellungen der vergangenen Ereignisse durch die Aktivisten entgegenzuwirken.

    Erinnerungsmärsche und Demonstrationen

    Es gab zahlreiche Veranstaltungen und Aktivitäten zu Ehren der Opfer, die größtenteils von der Zivilgesellschaft initiiert wurden. Die Demonstranten am Tahrir-Platz waren vielleicht die Ersten, die ein richtiges Denkmal erbauten, um an diejenigen zu erinnern, die ihr Leben während des achtzehntägigen Aufstandes verloren haben. Kurz darauf wurde es von der Obrigkeit niedergerissen. Es wurde bald von anderen Denkmälern ersetzt, die aber alle nacheinander wieder entfernt wurden.

    Am 11. November 2011 organisierten koptische Christen einen Marsch, bei dem ein symbolischer Sarg und große Fotos von 27 Kopten getragen wurden, die bei einer Demonstration im Oktober 2011 im Stadtteil Maspero in Kairo ums Leben gekommen waren. Eine andere Gedenk-Demonstration wurde für den 2. Dezember 2011 organisiert, 42 Personen zu Ehre, die vorwiegend auf der Mohamed-Mahmoud-Straße in Kairo im November getötet worden waren. Beileidsbekundungen wurden in einem Gedächtniszelt entgegengenommen, das auf dem Tahrir-Platz aufgebaut war; anschließend fand ein Marsch mit symbolischen Särgen und dann ein Gedenkgottesdienst statt. Einige Teilnehmer trugen symbolische Augenklappen, zu Ehren derjenigen, die durch Scharfschützen geblendet wurden.

    Aktivisten forderten die Regierung auf, einen jährlich stattfindenden Tag der Trauer zu schaffen, bekannt als der Friday of the Martyr’s Dreams am 20. Januar. Außerdem fanden am 25. Januar 2012 überall in Ägypten große Märsche und Demonstrationen zu Ehren des Tages statt, an dem der Aufstand ein Jahr zuvor begonnen hatte. Dies war bisher der Tag der Polizei gewesen, der nun umbenannt wurde in „Revolutionstag”. Während einer Demonstration am Tahrir-Platz stellten die Aktivisten einen riesigen hölzernen, an ein antikes ägyptisches Symbol erinnernden Obelisken zur Schau, in den die Namen der ägyptischen „Märtyrer“, die innerhalb des vergangenen Jahres getötet wurden, eingeritzt waren.

    Die Umbenennung von öffentlichen Plätzen und Straßen

    In der jüngsten Zeit gab es viele Bemühungen, öffentliche Plätze und Straßen durch ihre Umbenennung wieder zurückzugewinnen. An dem Tag, nachdem Mubarak seines Amtes enthoben wurde, forderte eine Facebook-Kampagne die Regierung auf, die „Mubarak“-Metrostation in Kairo nach Khalid Said zu benennen. Neun Tage später ordnete Premierminister Ahmed Shafiq an, diverse Straßen nach den „Märtyrern” zu benennen. Am 21. April 2011 erließ ein ägyptisches Gericht eine Verordnung, die das Entfernen der Namen Hosni und Suzanne Mubaraks von allem öffentlichen Plätzen veranlasste. Der Transportminister deutete rasch darauf hin, dass dies auch die „Mubarak“-Metrostation betreffe, die schließlich in al Shuhadaa („Die Märtyrer“) umbenannt wurde. Zur selben Zeit versprach das Bildungsministerium, 549 Schulen im gesamten Land umzubenennen, die bisher Namen des ein oder anderen Mitgliedes der Mubarak-Familie getragen hatten. Diese Verordnung wurde von einem anderen Gericht am 5. Juni abgelehnt und aufgehoben. Unterdessen wurden auf der Facebook-Seite Ana Asif Ya Rayas („Es tut mir leid, Herr Präsident“) pro-Mubarak Gefühlsbekundungen ausgedrückt. Mitte September 2011 war sie die größte pro-Mubarak Facebook-Gruppe. Ihre Mitglieder rühmten sich damit, an der umbenannten Metrostation im August mit Graffiti den ursprünglichen Namen „Mubarak“ wieder hergestellt zu haben, nachdem sie in „Märtyrer“ umbenannt worden war.

    Künstlerischer Aktivismus

    Unabhängige Kulturschaffende – Künstler, Musiker, Schauspieler und weitere – haben eine Schlüsselrolle in der Förderung einer alternativen Geschichtsschreibung gespielt. Eines dieser innovativen Projekte verwendet das „crowd sourcing”, um Materialien verschiedener Akteure in einem einzigen Film zu versammeln, der den Titel 18 Days in Egypt trägt. Die Website der Gruppe lädt die Besucher dazu ein, eigene Materialien hochzuladen. Ein Kollektiv aus Filmemachern, Mosireen, sucht Dokumentationsmaterial, das der Berichterstattung der staatlichen Medien entgegenwirkt. Diese Gruppe organisierte im Juli 2011 ein öffentliches Filmfestival, Tahrir Cinema, bei dem Dokumentarfilme und weitere Materialien gezeigt wurden, welche die historischen Narrative des Mainstreams verspotteten.

    Ein paar Gruppen haben die Schwäche des Regimes auf die Probe gestellt, indem sie öffentliche Plätze nutzten, zu denen zu Zeiten der Mubarak-Regierung der Zutritt verboten war. Ein Beispiel war die Veranstaltung des Open Air-Festivals al Fann Midan auf Kairos Abdeen-Platz im April 2011, das von der Independent Artists Coalition organisiert worden war. Diese Koalition war von Culture Resource initiiert worden, einer ägyptischen Nichtregierungsorganisation mit regionaler Reichweite, die während der Demonstrationen in Tahrir die erste Bühne baute und die Sound-Ausrüstung zur Verfügung stellte. Seit April 2011 organisiert die Koalition monatliche Kunstfestivals in vielen Städten Ägyptens. Ebenfalls großer Verbreitung und Beliebtheit erfreuen sich Protestsongs und die dazugehörigen Musikvideos, die größtenteils im Internet heruntergeladen werden können.

    Die Künstler haben die öffentlichen Plätze auf andere Art und Weise eingenommen. Ägyptische Gemeinden sind überflutet von Graffitis, die sich tagtäglich ändern und Portraits sowie Namen von Gewaltopfern zur Schau stellen. Besonders hervorzuheben sind überlebensgroße Portraits von Demonstranten, die im November 2011 von Scharfschützen geblendet oder getötet worden waren. Der Tod von 72 Fußballfans in Port Said am 1. Februar 2012 setzte eine weitere Welle von Erinnerungs-Graffitis in Gang.

    In den Kämpfen um die Graffitis spiegelt sich der gesamte politische Konflikt wider. Als vielleicht bekanntestes, zeigt das Bild des ägyptischen Künstlers Mohamed Ganzeer einen schwarz-weißen Panzer, der sich auf einen Fahrradfahrer richtet, der ein Tablett mit Brot auf seinem Kopf balanciert. Anlässlich des Todes weiterer Demonstranten wurde das Bild im Januar 2012 von anderen Künstlern bearbeitet: Sie fügten Blut hinzu, das unter dem Panzer hervorspritzt, und einige Demonstranten, die sich mit erhobenen Händen dem Panzer zuwenden. Innerhalb weniger Tage malten Mitglieder des Badr Team 1, einer zivilen pro-SCAF-Gruppe, viele Elemente über, die für das Militär beleidigend waren. Etwa zur selben Zeit erklärten Ganzeer und andere Künstler die Woche vor dem Jahrestag der Revolution des 25. Januar zur „Mad Graffiti Week“.

    Graffiti-Künstler hinterließen ihre Spuren auch auf Plakaten und Schildern der Parlamentswahlen. Der SCAF wartete zu lange – bis wenige Tage vor Beginn der Parlamentswahlen – um eine Verfügung zu erlassen, die es den Führern der ehemaligen regierenden Nationaldemokratischen Partei (NDP) verbot, für einen Sitz im Parlament zu kandidieren. Also nahmen die Aktivisten die Dinge selbst in die Hand und schmierten das Wort „feloul” („Überbleibsel“, „Rest“) überall im Land auf die Wahlposter und -Banner. Die Facebook-Gruppe Emsek Feloul wurde geschaffen, um ehemalige NDP-Mitglieder zu „outen”, indem sie ihre Namen auflistete und bekannt gab, wo sie für ein Amt kandidierten. Schon bald entstand die gegenrevolutionäre Facebook-Gruppe Feloul and Proud.

    Unvollendeter Wandel

    Ägypten befindet sich inmitten eines unvollendeten Wandels. Der politische Kampf spiegelt sich in einem fortlaufenden Wettbewerb um die Namen von öffentlichen Plätzen und Straßen, um Graffitis und Denkmäler wider, durch die die Protagonisten in diesem Kampf ihre Positionen verkünden. Das erinnert an veraltete Gewohnheiten in Ägypten, als die Pharaonen Denkmäler, die von ihren Vorfahren errichtet worden waren, entweder entfernten oder sie sich aneigneten; und es erinnert an Christen und Muslime, die Statuen und Friese wegmeißelten oder zerstörten, da diese umstrittene Götter darstellten. In einer zeitgenössischen Neuinszenierung dieses Brauches bedeckten Mitglieder der Al Nour Partei in Alexandria während eines Marsches im März 2011 eine berühmte Statue des mythischen Gottes Zeus in Alexandria, weil sie nackte Meerjungfrauen abbildete.

    Was in den Diskussionen über die Entstehung und Repräsentation des historischen Gedächtnisses fehlt, ist der pädagogische Wert, die dunklen Elemente der Geschichte Ägyptens aufzuzeigen. Ein Beispiel ist aufschlussreich: Das Bildungsministerium entschied, aus den Geschichtsschulbüchern alle Verweise auf die dominante Rolle der herrschenden Nationaldemokratischen Partei während des Mubarak-Regimes zu entfernen. Angeblich wurden einige Entwürfe im Prozess der Revision der Schulbücher zurückgewiesen, da sie diesen Vorgaben des Bildungsministeriums nicht entsprachen. Dies deutet darauf hin, dass das Ausradieren, und nicht die Neuinterpretation, des historischen Gedächtnisses weiterhin als ein Werkzeug der politischen Vorherrschaft dienen wird.

    Die Ägypter haben eine Vielzahl an Möglichkeiten, die Erinnerung an das Regime Mubaraks zu bewahren und neu zu interpretieren, indem die physischen Mahnungen des alten Regimes beibehalten werden. In den ersten Tagen des Aufstandes wurde das Hauptquartier der Nationaldemokratischen Partei im Stadtzentrum Kairos zerstört. Dieses und weitere zerstörte Staatsgebäude könnten in Museen umgewandelt werden, um zukünftigen Generationen dabei zu helfen, den Machtmissbrauch des Mubarak-Regimes zu erinnern und sich damit auseinanderzusetzen. Darüber gab es bisher nur beschränkte Diskussionen. Aber im gegenwärtigen politischen Klima bleibt der Nutzen des Erhaltes und der Interpretation der Erinnerung an unangenehme Kapitel der zeitgenössischen ägyptischen Geschichte stark umstritten.

    Eine grundlegende Veränderung ist eingetreten: Die Geschichte wird nun von anderen Akteuren geschrieben. Von einigen wurde der Aufstand in Ägypten die „Facebook-Revolution” genannt. Obwohl es leicht ist, die Rolle der digitalen Technologien und Plattformen in ihrer Bedeutung für den Arabischen Frühling zu überschätzen, haben diese Mittel doch die Entstehung und Projektion alternativer Darstellungen der historischen Ereignisse demokratisiert. Erinnerung kann schnell vergehen, aber die einfachen Leute erhalten sie am Leben, indem sie digitale Technologien nutzen, um ihre eigenen Geschichten – die oft zu den offiziellen Narrativen der staatlichen Medien im Widerspruch stehen – zu generieren, zu erhalten und zu vermitteln. In Ermangelung jeglicher Bemühungen von staatlicher Seite, an die Opfer des Aufstandes zu erinnern, sind die zivilgesellschaftlichen Initiativen die wichtigsten Mechanismen geworden, um die Opfer zu ehren und die Veränderungen im Land voranzutreiben.


    Längere Versionen dieses Artikels wurden von Middle East Policy, Vol. XIX, No. 2, Summer 2012 und von Jadaliyya am 22. Juni 2012 veröffentlicht. Die Autorin spricht Nora Soliman ihren Dank für ihre Kommentare zu dem Artikel und dem Norwegian Peacebuilding Resource Centre für seine Unterstützung bei den Recherchen aus.
    Judy Barsalou
    ist Gastprofessorin an der Amerikanischen Universität in Kairo. Sie hat einen Doktorgrad in Vergleichender Politikwissenschaft von der Columbia-Universität.

    Übersetzung: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

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