Foto: Kai Wiedenhöfer

    Vergangenheitsbewältigung

    Vergangenheitsbewältigung in der iranischen Literatur seit der Islamischen Revolution

    Mangels Pressefreiheit – und trotz Zensur – dient in Iran und im iranischen Exil die Literatur, vor allem die Erzählprosa, der Diskussion über den Weg zur Modernisierung, über die nationale Identität sowie das zu bewahrende Erbe einerseits und über abzuwerfende Lasten andererseits.

    Die Literatur hat sich der neueren und neuesten iranischen Geschichte angenommen und so immer aufs Neue die Fragen „Wer sind wir?“ und „Woher kommen wir?“ gestellt. Damit bereitet sie den Boden für die Frage „Wohin gehen wir?“. Insofern in Iran von Vergangenheitsbewältigung die Rede sein kann, ist es die Literatur, die dies leistet.

    Wegen seiner Bedeutung für die Entwicklung der modernen persischen Literatur sei vorab das Werk zweier Autoren erwähnt, das vor der hier behandelten Epoche publiziert wurde: Zunächst hatten fast alle Schriftsteller ihren Landsleuten den Weg nach Westen gewiesen. Die Wende brachte 1962 ein illegal publizierter Essay mit dem Titel Ġarbzadegi, („Euromanie“). Der Autor, Ğalāl āl-e Aḥmad (1923 - 69), stammte aus einer Familie von Geistlichen, brach indessen mit ihr und trat der Kommunistischen Partei bei, verließ diese jedoch nach vier Jahren wieder. In dem erwähnten Essay vertrat er die These, die Anhänger eines westlichen Gesellschafts­modells hätten das Land wie Schädlinge befallen, es von innen heraus ausgehöhlt und nur die äußere Hülle stehen lassen. Der Islam sei der einzig authentische Zug der iranischen Kultur, und die Geistlichen seien der wichtigste Träger nationaler Identität. Am Vorabend der Islamischen Revolution von 1979 hätte wohl die überwältigende Mehrheit der Intellektuellen dieser Analyse āl-e Aḥmads zugestimmt.

    āl-e Aḥmad hat auch als Erzähler gewirkt, indem er bald ironisch, bald voll innerer Anteilnahme über den Widerstand der religiös sozialisierten Bevölkerungs­schicht gegen die von Reżā šāh oktroyierte Modernisierung schrieb – so etwa in der 1961 in der Zeitschrift āraš publizierten Erzählung Ğašn-e farḫonde („Die Feier­stunde“). Darin schildert er aus der Sicht eines Kindes die Bedrückung, welche die Kleidungsvorschriften Reżā šāhs von 1936 an für die Bevölkerung mit sich brachten: Die Frauen, denen es verboten war, den Schleier zu tragen, wagten sich aus Scham kaum noch auf die Straße, der Junge war hin- und hergerissen zwischen dem staatlichen Gebot, in der Schule kurze Hosen zu tragen, und deren gesellschaftlicher Ächtung. Sein Onkel musste erleben, dass Polizisten ihm in der Öffentlichkeit die traditionelle Kleidung zerrissen. Kinder spielten Polizei, indem sie den Arbeitern die verbotenen Filzmützen vom Kopf rissen. Diese Art Literatur macht eine Situation nachvollziehbar, in der die Modernisierung nicht als Befreiung erlebt wurde, sondern als Repression. Sie macht es verständlich, warum eine Mehrheit der Iraner sich 1979 für eine Islamische Republik entschied.

    Drama der Trauer

    Im Todesjahr Ğalāl āl-e Aḥmads, 1969, veröffentlichte seine Frau Simin Dānešvar (1921 – 2012) ihr berühmtestes Werk: Savušun („Drama der Trauer. Savushun“), einen Roman, der in Iran in sechzehn Auflagen erschienen und in über einer halben Million Exemplaren verkauft worden ist. Er ist ein Meilenstein in der iranischen Fiktionsliteratur; es ist der erste von einer Frau verfasste persische Roman, und die Hauptfigur ist eine Frau. Diese verliert während des Zweiten Weltkriegs zur Zeit des Aufstands der nomadisierenden Qašqāʾi gegen die Zentralregierung und die englischen Besatzer ihren Mann und überwindet unter dem Druck der Ereignisse die Schranken ihrer traditionellen Rolle. Dānešvar schildert, wie der Gouverneur die Bevölkerung auspresst, den Hunger, der herrscht, weil die Großgrundbesitzer ihr Getreide lieber an die gut zahlende englische Truppe verkaufen als an ihre ärmeren Landsleute, von der Kollaboration zwischen der örtlichen Elite und den Besatzern, aber auch von Solidarität und Widerstand. Sie thematisiert nicht nur die Gegensätze von einheimischer Bevölkerung und der Semikolonialmacht, sondern auch die zwischen Stadt und Land, zwischen Sesshaften und Nomaden, zwischen Modernisierern und Traditionalisten. Darin zeichnet die Autorin die Geburtswehen der Moderne als gesellschaft­lichen Umbruch nach. Sie ist nicht nur eine genaue Beobachterin, welche die Ereignisse ohne ideologische Scheuklappen schildert, sondern sie kritisiert Opportunismus, Feigheit und Dummheit ohne Rücksicht auf nationale und religiöse Zugehörigkeit oder soziale Stellung. Daneben leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Emanzipation der Frauen, die sich in der Islamischen Republik Iran trotz aller rechtlichen Hürden einen erstaunlichen Platz erkämpft haben.

    Bereits zum Ende der Schahzeit traten mehr und mehr Autorinnen hervor, aber paradoxerweise hat sich diese Tendenz in der Islamischen Republik Iran sogar verstärkt. Gerade die Islamisierung der höheren Schulen und Universitäten hat dazu beigetragen, dass nunmehr viele Frauen der Bildungselite angehören; früher weigerten sich religiöse, konservative Familien häufig, ihre Töchter an staatliche Bildungsstätten zu schicken, weil sie von diesen einen schlechten Einfluss auf die Moral befürchteten. Seitdem diese Bedenken hinfällig geworden sind, drängen junge Mädchen massiv dorthin. Die natürliche Folge ist, dass viele Frauen sich in den letzten Jahren als Schriftstellerinnen zu Wort gemeldet haben. Sie behandeln unterschiedliche Aspekte weiblichen Lebens in Iran und schreiben nicht nur über die Unterdrückung durch die Männer in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft, sondern auch über den Anteil, den die Frauen selbst daran haben.

    In einer Erzählung aus dem 1989 erschienenen Band Kanizu („Kanizu“) von Moniru Ravānipur (geboren 1954), porträtiert diese eine junge Frau, die nach dem Medizinstudium in ihr Dorf zurückkehrte, um ihren Geschlechtsgenossinnen zu helfen, von diesen aber brutal zurückgewiesen wurde, weil sie durch ihren Fortgang in die Stadt gegen den Ehrenkodex des Dorfes verstoßen hatte.

    Blick auf die Geschichte

    Ein anderer Blick auf die Geschichte findet sich in dem im selben Jahr erschienenen Roman Tubā va maʿnā-ye šab („Tuba“) von šahrnuš Pārsipur (geboren 1946). Er entstand 1983 in einem Gefängnis der Islamischen Republik. Die Autorin interessiert sich darin jedoch weniger für die politische Geschichte als vor allem für den kulturellen Wandel Irans seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Deshalb schildert sie diese Zeit aus der Sicht einer religiös erzogenen Frau, die sich eigentlich auf eine mystische Suche nach Gott begeben wollte, sich dann aber den Konventionen beugte und einen Prinzen aus der Dynastie der Qāğāren heiratete. Sie beobachtete vor allem den Wandel der Sitten und der Wertvorstellungen. Den Niedergang der traditionellen Monarchie nahm sie nicht nur als Phase der wirtschaftlichen Verarmung, sondern vor allem der moralischen Dekadenz wahr, danach die Zeit Reżā šāhs als Epoche der Modernisierung, in der die Schaffung asphaltierter Straßen und die Unterdrückung der Wegelagerei ihr die Pilgerfahrten erleichterte, aber ihren Schwiegersohn ins Gefängnis brachte, weil dieser aus Bildungs­hunger verbotene Schriften studierte und verdächtigt wurde, Bolschewik zu sein. Die Absetzung Reżā šāhs und die Besetzung Teherans im Zweiten Weltkrieg füllte die Straßen mit amerikanischen, englischen und sowjetischen Soldaten; überall herrschte Aufregung und ihre Tochter, die ebenfalls zum Sufismus neigte, fühlte sich plötzlich fremd im eigenen Land. Andererseits trugen manche Frauen nun wieder den čādor. So kann der Leser durch ihre Augen die Entwicklung Teherans bis hin zu einer modernen Großstadt verfolgen. Obgleich die Autorin zu den Gegnern des Schahregimes gehörte und obschon dieses Buch alles andere als antiislamisch ist, sah sie sich gezwungen, ins Exil zu gehen. Sie lebt heute in den USA.

    Moderne Erzähltechnik, klassische Motive

    Ebenfalls 1989 erschien der Roman Samfoni-ye mordegān von ʿAbbās Maʾrufi (geboren 1957). Das Buch beeindruckt ebenso durch moderne Erzähltechnik wie durch die gelungene Einbeziehung sowohl der traditionellen Kultur Irans als auch dessen jüngerer Geschichte. Der Autor leitet das Werk mit der koranischen Version der Geschichte von Kain und Abel als Ouvertüre ein und erzählt dann in den folgenden Sätzen, einmal aus der Perspektive des „Kain“, dann aus der des „Abel“ die Geschichte zweier verfeindeter Brüder. Den historischen Hintergrund bildet die sowjetische Besetzung Nordirans im Zweiten Weltkrieg. Eindrucksvoll schildert er die Invasion russischer Fallschirmjäger in Ardabil, wie die Bevölkerung sie wahrnimmt; und er thematisiert u. a. das Verhältnis zwischen christlichen Armeniern und den muslimischen Bewohnern des iranischen Aserbaidschans. Auch dieser Autor lebt jetzt im Exil, nämlich in Berlin.

    1991 erschien in New York der Roman King of the Benighted von Manuchehr Irani. Es handelte sich um die englische Übersetzung des persischen Romans šāh-e Siyāhpušān („Der König der Schwarzgewandeten“), und hinter dem Pseudonym verbarg sich Hušang Golširi (1938 – 2000), der durch seinen 1969 veröffentlichten Kurzroman šāhzde Eḥteğāb („Prinz Ehtedschab“) über den Niedergang der Qāğāren-Dynastie weltweit berühmt geworden war und den Erzählbände wie der 1968 veröffentlichte Mes̱l-e hamiše („Wie immer“) und der 1972 publizierte Nime-ye tārik-e māh („Die dunkle Seite des Mondes“) wiederholt ins Gefängnis gebracht hatten, weil sie vom SAVAK, dem Geheimdienst des Schah-Regimes, als zu kritisch empfunden worden waren. Golširi berichtet in jenem Roman von einem iranischen Schriftsteller, der 1982, zur Zeit des Krieges zwischen Iran und dem Irak, festgenommen und gefoltert wurde. In der Haft trug er seinen Leidensgenossen Gedichte vor, sowohl eigene als auch solche aus der klassischen persischen Literatur. Eine besondere Rolle spielt dabei Haft peykar („Die sieben Bilder“), ein von ihm zitiertes Epos Neẓāmis. Der Autor nimmt das darin enthaltene Motiv der Erzählung innerhalb einer Erzählung auf und benutzt es auf seine Weise. Kunstvoll verschränkt er das Schicksal des gefangenen Schriftstellers, dem ein schwarzer Anzug für eine Trauerfeier fehlte, obschon es seinerzeit während des Krieges weiß Gott nicht an Anlässen zum Tragen von Trauerkleidung gefehlt hätte, mit dem Schicksal des Königs aus der Erzählung der indischen Prinzessin in der schwarzen Saturnkuppel, der von einer Reise nach China ganz in Schwarz gehüllt in die „Stadt der Umnachteten“ zurückkehrt. Dies ist sowohl eine Anspielung auf den mystischen Topos der Reise ins eigene Innere als auch auf den Kult um die in der Islamischen Republik Iran besonders beliebte Farbe Schwarz. So spielt dieser Roman wie die Dichtungen der Sufis auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Dennoch ist die Erzählung nicht esoterisch, sondern eine Abrechnung mit der iranischen Monarchie, der (kommunistischen) Tude-Partei und der Islamischen Republik; und sie entbehrt trotz des bedrückenden Motivs weder der Ironie noch humoristischer Züge und darf als herausragendes Beispiel einer Abrechnung mit der jüngeren iranischen Vergangenheit gelten.

    Iranische Autoren in anderen Sprachen

    Als eine Art Bewältigung der iranischen Gegenwart darf das 2003 erschienene Reading Lolita in Tehran („Lolita lesen in Teheran“) von āẕar Nafisi gelten, Professorin für persische Literatur an der John Hopkins University (USA). In diesem Sachbuch berichtet die Autorin von ihrem Erleben an der Universität Teheran nach deren Islamisierung und dem von ihr anschließend privat bei sich zu Hause organisierten Literaturkurs mit iranischen Studentinnen. Dadurch verschafft sie dem Leser einen Einblick in das geistige Klima der Jahre um 1995 in Iran.

    Im Jahre 2005 erschien in Amsterdam auf Niederländisch der Roman Het huis van de moskee („Das Haus an der Moschee“) unter dem Pseudonym Kader Abdolah (geboren 1957). Die politischen Verhältnisse in seinem Vaterland hatten den iranischen Autor nicht nur ins Exil geführt, sondern dazu gebracht, die Sprache zu wechseln. Nur so hatte er sich in der Lage gesehen, vom Leid seines Landes zu erzählen. Er nimmt die Jahre von Moḥammad Reżā šāh Pahlavi sowie die ersten Jahre der Islamischen Republik Iran ins Visier und berichtet vom Schicksal der Bewohner des zu einer Moschee gehörigen Hauses in einer fiktiven Stadt. Der Erzähler nimmt sich einige schöpferische Freiheiten, aber es sind die historischen Fakten, die ihn zu seiner äußerst kritischen Darstellung inspirieren. Er beschreibt glaubwürdig, wie der SAVAK einem Geistlichen eine Falle stellt, um ihn zur Kollaboration zu nötigen, lässt später sogar Ḫomeyni auftreten und den Blutrichter Ḫalḫali, dessen Namen er nur leicht verändert. Auch die terroristischen Aktivitäten der Moğāhedin-e ḫalq und linker Untergrund­gruppen thematisiert er. Aber er verwickelt diese in Geschehnisse, die im Einzelnen nicht so stattgefunden haben. Den selbst ernannten „Richter Gottes“ etwa lässt er durch ihre Hand in Kabul sterben, obwohl das historische Vorbild einem Krebsleiden erlegen ist. Die Tatsache, dass der Autor sich mit seiner Kritik immer wieder auf den Koran bezieht, macht sie besonders interessant.

    Aufarbeitung des Iran-Irak-Krieges

    Selbstverständlich hat auch der Krieg zwischen dem Irak und Iran seine Spuren in der persischen Literatur hinterlassen. Erwähnenswert sind vor allem zwei Romane, die in krassem Gegensatz zum offiziellen Patriotismus stehen: Im Jahre 2007 publizierte Ḥoseyn Morteżāʾiyān ābkenār (geboren 1966) sein Werk ʿAqrab. Ru-ye pelle-hā-ye rāh āhan-e Andimešk yā az in qaṭār ḫun mi- čeke qorbān! („Der Skorpion“, die deutsche Übersetzung erscheint voraussichtlich 2013). Darin schildert er das Leiden der iranischen Soldaten, aber nicht so sehr unter der Gewalt der Feinde, sondern hauptsächlich unter der Unmenschlichkeit der eigenen Militärpolizei.

    Das andere Beispiel ist der 2008 veröffentlichte Briefroman Digar esmat rā aważ na-kon („Ändere deinen Namen nicht mehr“) von Mağid Qeyṣari (geboren 1966). Auch dieser Autor polemisiert nicht gegen den äußeren Feind. Vielmehr lässt er einen irakischen Offizier, der eine iranische Mutter hat und daher, wenn auch nicht fehlerfrei, Persisch kann, über einen toten Briefkasten mit einem iranischen Soldaten korrespondieren.

    Umgang mit der Zensur

    Ein wahrer Glücksfall ist der 2009 in einer englischen Übersetzung, die eigentlich eher eine in Zusammenarbeit mit dem Autor entstandene Neufassung ist, erschienene Roman Censoring an Iranian Love Story („Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“) von šahriyār Mandanipur (geboren 1957); denn der Verfasser vollbringt das Kunststück, die Schilderung der bedrückenden Gegenwart seiner Heimat mit hintergründigem Humor zu einer vergnüglichen Lektüre zu machen. Der Roman kommt in drei verschiedenen Textgestalten daher. Fett gedruckt ist die Liebesgeschichte. Die zweite Textebene bilden die durchgestrichenen Teile, die der Leser zwar lesen kann, die der Autor jedoch in verauseilender Selbstzensur durchstreicht. Denn der Autor fürchtet Porfirij Petrowitsch, den Unter­suchungsrichter, der in Dostojewskis bekanntem Roman „Schuld und Sühne“ die Morde der Hauptfigur Raskolnikow aufgeklärt hat. So nennt Mandanipur die iranischen Zensoren, müssen diese doch ebenso viel Einfühlungs­vermögen entfalten wie jener, wollen sie die Jugend vor unmoralischen Schriften schützen. In Normaldruck – der dritten Textform – verteidigt der Autor seine Story in Gesprächen mit dem Zensor und erzählt dabei amüsant von der iranischen Kultur. Zudem lädt er ein, ihm beim Schaffensprozess über die Schulter zu schauen. Auch dieser Schriftsteller lebt im Exil: den USA.

    Im selben Jahr publizierte der Erfolgsschriftsteller Maḥmud Doulatābādi (geboren 1940) seinen aufsehenerregenden Roman Zavāl-e Kolonel („Der Colonel“) in deutscher Übersetzung. In Iran kann er derzeit nicht veröffentlicht werden. Entstanden ist er vor etwa 25 Jahren, in der Mitte der achtziger Jahre des 20. Jahr­hunderts, als die Begeisterung über die Islamische Revolution einer all­gemeinen Enttäuschung, Wut oder Resignation gewichen war. Er erzählt die Geschichte eines Offiziers aus der Schahzeit und seiner fünf Kinder. Dieser Offizier, seine drei Söhne und seine beiden Töchter stehen für die verschiedenen politischen Positionen im Iran des 20. Jahrhunderts, der Vater für das laizistische, von Reżā šāh oktroyierte Gesellschaftsmodell und die Kinder für die unterschiedlichen, einander befehdenden Oppositionsgruppen. Das Geschehen des Romans beschränkt sich auf 24 Stunden zur Zeit des Iran-Irak-Kriegs. Der Autor springt dabei zwischen einer Erzählweise in der dritten Person, inneren Monologen in der ersten Person und der direkten Rede hin und her. Das erfordert eine aufmerksame Lektüre, lässt den Leser indessen intensiv an den Empfindungen der Protagonisten und ihrem Scheitern teilhaben. Das Werk bezieht seinen besonderen Reiz aus der Spannung zwischen den individuell gestalteten, psychologisch fundierten Porträts und dem historischen, sozialen Panorama. Auch dieses Werk darf als Musterbeispiel einer literarischen Bewältigung der iranischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gelten.

    Kritischer Blick auf die Mossadegh-Verehrung

    Eine ergreifende, erschütternde, aber auch makabre Liebesgeschichte aus der Zeit nach dem Staatsstreich zum Sturz von Irans einzigem demokratisch gewählten Premier­minister ist šahrām Raḥimiyāns (geboren 1959; der Autor lebt heute in Hamburg) im Jahre 2011 in deutscher Übersetzung erschienener Kurzroman Doktor Nun zaneš-rā bištar az Moṣaddeq dust dārad („Dr. N. liebt seine Frau mehr als Mossadegh“). Esist eine Geschichte darüber, wie ein Mann am Schicksal seiner Nation, an seinem durch Folter erzwungenen Verrat und letztlich an seiner Liebe zerbricht. Der SAVAK spiegelte ihm nach seiner Verhaftung vor, man quäle und vergewaltige seine Frau; er glaubte, ihre Schreie zu vernehmen und zu hören, wie sie ihn anflehte, den Putschisten nachzugeben und Moṣaddeq in einem Radio-Interview als Vaterlands­verräter zu denunzieren, damit man sie freilasse. Später entdeckte er die Täuschung, und er konnte sich sein Versagen nicht verzeihen. Der daraus resultierende Selbsthass trieb ihn in den Wahnsinn. Gestaltet ist der Roman als komplexes, bewegtes und bewegendes, irritierendes Mosaik aus Erinnerungsfetzen.

    Zwischen 2009 und 2012 erschien in deutscher Übersetzung eine der iranischen Hauptstadt Teheran gewidmete Romantrilogie von Amir Ḥasan čeheltan (geboren 1956), die ebenfalls eine intensive Auseinandersetzung mit der jüngeren iranischen Vergangenheit darstellt. Zwei der Romane, nämlich Aḫlāq-e mardom-e ḫiābân-e enqelâb („Teheran, Revolutions­straße“) und āmrikāʾi košti dar Tehrān („Amerikaner töten in Teheran“) sind Welterstveröffentlichungen, der dritte Tehrān, šahr-e bi-āsmān („Teheran, Stadt ohne Himmel“) war bereits 2002 in Iran in einer allerdings wegen der Zensur stark gekürzten Fassung veröffentlicht worden. Es handelt sich um eine schon wegen ihrer Diversität interessante Trilogie, deren einzelne Teile sich erheblich voneinander unterscheiden. Mit dem Roman „Teheran Revolutionsstraße“, in Deutschland als erster erschienen, liefert der Autor ein lebendiges, spannendes und facettenreiches Porträt des nachrevolutionären Teherans. Im zweiten Roman schildert der Autor mit „sechs Episoden über den Hass“ Ausschnitte aus der Geschichte Teherans im 20. Jahrhundert und die Beziehung zum „Großen Satan“, den USA. Darin lässt er neben historischen Figuren von ihm erfundene Gestalten auf der Bühne des von ihm sorgfältig recherchierten Geschehens agieren. Im dritten Roman dient als Protagonist wieder ein Anhänger der Revolution: Kerâmat war als Kind aus einem entlegenen Dorf geflohen und hatte sich nach Teheran durchgeschlagen. Dort erlebte er eine Zeit des Elends und der Demütigungen, bevor er in einer „Besserungsanstalt“ in die Teheraner Unterwelt eingeführt wurde. Erzählt werden die letzten vierundzwanzig Stunden im Leben dieses Mannes, der von einem der aktiven Unterstützer des letzten Schahs zu einem der leitenden Angestellten des berüchtigten Gefängnisses in Ewin wurde, in dem die politischen Gegner der Islamischen Revolution Iran festgehalten, gequält und ermordet werden. Der Autor erzählt davon auf drei verschiedenen Ebenen: Die erste ist das aktuelle Geschehen im Leben Kerâmats, die zweite dessen inneres Erleben in Form eines Bewusstseinsstroms und die dritte der Blick des Autors selbst auf den geschichtlichen Hintergrund.

    Auch wenn für eine offizielle Vergangenheitsbewältigung gegenwärtig in Iran die politischen Voraussetzungen fehlen: Die iranische Literatur leistet sie bereits und zeigt der iranischen Gesellschaft durch die kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit den Weg in die Zukunft.
    Kurt Scharf
    arbeitete für das Goethe-Institut und war vor der Revolution unter anderem Leiter des Goethe-Instituts in Teheran. Heute arbeitet er als Literaturkritiker und Übersetzer.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    November 2012

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Fikrun wa Fann als E-Paper

      Lesen Sie das Fikrun Heft 98 „Vergangenheitsbewältigung“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader! Zum Download ...

      Bestellen

      Antragsformular

      Institutionelle Empfänger oder Personen in islamisch geprägten Ländern, die im journalistischen oder kulturellen Bereich aktiv sind, können ein kostenloses Abonnement beziehen.
      Zum Antragsformular ...

      Qantara.de – Dialog mit der islamischen Welt

      Politik, Kultur, Gesellschaft: Informationen und Diskussionen auf Deutsch, Arabisch und Englisch

      Zenith Online

      Orient im Netz: kritisch, originell und ausgewogen