Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Den inklusiven Blick wagen
    Laudatio auf die Ibn-Rushd-Preisträgerin Razan Zaitouneh

    Ende 2012 erhielt die syrische Menschenrechtsaktivistin den Ibn-Rushd-Preis. Udo Steinbach hat die Laudatio gehalten und erläutert die weltpolitischen Hintergründe von Razan Zaitounehs Wirken und die Hintergründe des Preises.

    Razan Zaitouneh konnte nicht zu uns kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Preisträger verhindert sind, eine Auszeichnung persönlich entgegenzunehmen. In der Regel ist dies ein Symptom für einen Konflikt zwischen ihnen und repressiven Machthabern. So ergreifen wir diese Gelegenheit, an diesem Abend in ihr, die sich verstecken muss, alle Frauen und Männer der syrischen Revolte zu ehren. Bekannt ist sie uns dem Namen nach; wir wissen auch, wofür sie steht: für den Kampf um Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit in ihrer Heimat Syrien. Zugleich aber sehen wir sie als Aktivistin jenes Aufbegehrens in den arabischen Gesellschaften, die seit dem 17. Dezember 2010 aufgebrochen sind, das Joch der Unterdrückung und Ungerechtigkeit abzuschütteln. In einem Interview vom Oktober 2011 anlässlich der Verleihung des Anna-Politkowskaja-Preises sagt sie: „Dieser Preis ist wie ein Preis für alle Syrer und ihre Revolution.“

    Die drei arabischen Revolten

    Der Kampf der Syrer in ihrer Revolte hat viele Bezüge. Einer ist das Streben der arabischen Völker nach Unabhängigkeit und Freiheit seit dem Ende des Osmanischen Reiches. Diese erste arabische Revolte, die in den zwanziger Jahren auch Syrien erfasste, wurde vom Imperialismus europäischer Mächte unterdrückt. Die zweite arabische Revolte begann mit der Machtübernahme durch die Freien Offiziere in Ägypten und dem Sturz der Monarchie. Nahezu zwei Jahrzehnte lang veränderte sie die politische Landkarte des arabischen Raumes zwischen Algerien und Jemen. Am Ende verfingen sich die Protagonisten in den Fallstricken ihres überdimensionierten machtpolitischen Ehrgeizes, des Ost-West-Konflikts, des Israel/Palästina-Konflikts, autokratischer Machtausübung und einer Entwicklungspolitik, die zu Selbstbereicherung und Cliquenwirtschaft sowie zu einer dramatischen Verschärfung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegensätze führte.

    Die dritte arabische Revolte nahm den Faden dort auf, wo ihn die gescheiterten Akteure der zweiten Revolte hatten fallen lassen. Als sich Mohammed Azizi am 17. Dezember 2010 im trostlosen Flecken Sidi Bouzid aus Verzweiflung über die Entwürdigung seiner Person verbrannte, war dies ein Fanal an Millionen von Menschen, den Platz der arabischen Gesellschaften im 21. Jahrhundert neu zu bestimmen. Damit erwies sich zugleich, dass die Revolte ihren Stellenwert und ihre Rechtfertigung aus der Geschichte selbst heraus findet und dass der Aufbruch irreversibel ist. Es gibt keinen Ort in der arabischen Welt, der von der Bewegung nicht erfasst worden wäre.

    Ein anderer Bezug der Revolte der Syrer ist in ihrer eigenen neueren Geschichte gegeben. Als die Ba’th-Partei 1963 – mitten in der zweiten arabischen Revolte – in Damaskus die Macht übernahm, schien damit für einen Augenblick ein Versprechen für ein neues Syrien gegeben. Aber schon die Art der Machtübernahme durch das Militär warf einen Schatten auf dieses Versprechen. Spätestens mit dem Coup durch Hafez al-Asad 1970 und der Verabschiedung der Verfassung von 1973, in der die Vorherrschaft der Ba’th-Partei festgeschrieben wurde, war klar, dass der „sozialistische“ Weg der Entwicklung und die Verwirklichung von Menschen- und Bürgerrechten in unüberbrückbarem Gegensatz stehen würden. Widerstände gegen die Diktatur Ende der siebziger / Anfang der achtziger Jahre wurden brutal niedergeschlagen. Am Prinzip der Überordnung der Gewalt der Machtausübung über demokratische Legitimation hat auch Baschar al-Asad festgehalten.

    Fast ein Jahrzehnt bevor die dritte arabische Revolte und der Sturm durch Syrien auch nur zu erahnen waren, hat Razan Zaitouneh Widerstand zu leisten begonnen – als Verteidigerin politischer Gefangener und später als Mitbegründerin von Menschenrechtsorganisationen. Ein Erscheinen an diesem Abend hätte sie wahrscheinlich mit dem Leben bezahlt.

    Tatenlosigkeit des Westens

    Wo aber stehen wir in diesem historischen Geschehen? Unser Engagement an diesem Abend steht in allzu offensichtlichem Gegensatz zur Tatenlosigkeit der westlichen Politik. Außer Worthülsen, gedreckselten diplomatischen Ausflüchten, fragwürdigen Analysen des „besonderen Charakters“ der Entwicklungen in Syrien ist wenig zu hören oder zu sehen. Sanktionen sind keine wirksamen Maßnahmen, sondern window dressing. Sie sollen den Eindruck erwecken, es geschehe etwas. In der Wirklichkeit freilich geschieht fast nichts.

    Aber – krasser Widerspruch – betrachtet sich Europa nicht geradezu als Wortgeber, wenn es um Freiheit geht? Tatsächlich spannt sich der Bogen des Nachdenkens über das Recht auf Freiheit und Auflehnung gegen tyrannische Macht zwischen Dichtern und Denkern wie Friedrich Schiller und Albert Camus – um nur zwei Namen zu nennen. „Was ist ein Mensch in der Revolte?“, fragt Camus in seinem grandiosen Essay L’Homme révolté (Der Mensch in der Revolte). „Ein Mensch, der nein sagt.“ Millionen von Arabern haben „Nein“ gesagt. Und auch Schiller in dem Drama Wilhelm Tell, das ich als das Drama des Willens zur Freiheit bezeichne, sagt „nein“. „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht, / Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, / Wenn unerträglich wird die Last – greift er / hinauf getrosten Mutes in den Himmel, / und holt herunter seine ewgen Rechte, / die droben hangen unveräußerlich / und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“. Es erübrigt sich, die Parallele zum Ausbruch der arabischen Revolte zu ziehen. Allzu sichtbar ist sie. Neben vielen anderen ist Razan Zaitouneh aufgebrochen, diese unveräußerlichen Rechte, die ja nichts anderes sind als die Menschenrechte, herunterzuholen in ihre – die syrische – Gesellschaft. Dass dies nur um den Preis des Einsatzes des eigenen Lebens geschehen kann, haben mittlerweile über 50.000 Menschen in Syrien erlitten. „Äußerstenfalls“, so Camus, „nimmt er den letzten Verfall hin: den Tod, wenn man ihm jene ausschließliche Anerkennung rauben sollte, die er nun seine Freiheit nennt. Lieber aufrecht sterben als auf den Knien leben.“ „Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben“, heißt es im Wilhelm Tell.

    Gemeinsame kulturelle Grundlagen

    Warum dieser Exkurs? Um zu zeigen, dass wir in den europäischen und in den arabischen Ländern – bei allen Unterschieden von Geschichte, Kultur und Religion – auf gemeinsamem Grund stehen. Jahrzehntelang hat „der Westen“ mit einer Mischung von Dünkel, Mitleid und Pseudoexpertentum auf „die Araber“, „die Muslime“ hinabgeschaut, die zu Demokratie gleichsam genetisch nicht fähig seien. Die ganz Schlauen forderten, die Muslime müssten erst eine „Aufklärung“ durchmachen; dann erst könnten sie zur Moderne aufschließen. Die arabische Revolte, der syrische Aufstand haben uns eines Besseren belehrt: Wir alle sind den Werten der Humanität verpflichtet. Die Freiheit ist die conditio sine qua non. Das Denken von Philosophen und Dichtern wie Friedrich Schiller und Albert Camus steht auf demselben Grund wie das Denken und die Schlussfolgerungen arabischer Geister wie Rifa’a Rafi’ at-Tahtawi, Mustafa Kamil, Abd ar-Rahman al-Kauwakibi und zahlreicher anderer. Diese Einsicht muss künftig die Grundlage unserer Begegnung sein. Aus ihr erwächst die Perspektive einer neuen gegenseitigen Wahrnehmung. Die hierzulande gehegten Klischees über „die Araber“, „den Islam“ oder „die Muslime“ gehören in denselben Abfall wie die Potentaten und Autokraten, die von ihren „Untertanen“ gestürzt wurden. Und während wir hier sitzen, stehen Hunderttausende von Ägyptern auf – die große Mehrheit von ihnen sind nach tief sitzendem westlichem Vorurteil „zu einer liberalen Demokratie eigentlich nicht fähige Muslime“ –, um gegen die Errichtung einer islamischen Diktatur in Ägypten zu demonstrieren.  

    Die Frage, was wir tun, wie wir dieses – sich in geschichtlichen Kontexten vollziehende – Geschehen unterstützen, steht unabweisbar im Raum. Wenn die arabische Revolte im Großen und in Syrien im Besonderen eben in jenem Kontext von Freiheit und Menschenwürde verortet wird, den wir hier im Westen als für uns verbindlich reklamieren, können wir uns nicht entziehen. Das Versagen westlicher Politik, die fast tatenlose Hinnahme des Schlachtens in Syrien, für das es leider – je länger es sich hinzieht – immer mehr Schuldige gibt, grenzt an Zynismus. Dies um so mehr, wenn man die Haltung der internationalen Gemeinschaft zu der viel beschworenen „responsibility to protect“ in Beziehung setzt, mit der leichthändig der NATO-Einsatz in Libyen gerechtfertigt wurde. Sanktionen als Alibi für druckvolles Handeln. Ein Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 16. Juni 2012: „Die EU verbot die Ausfuhr von Gütern nach Syrien, die zur Unterdrückung der Bevölkerung eingesetzt werden … Sie stellte nun die Liste mit den betroffenen Gütern vor. Zu den Gütern gehören Kaviar, Trüffel und Zigarren mit einem Verkaufspreis von mehr als zehn Euro, Wein und andere Spirituosen mit einem Wert über 50 Euro sowie Lederwaren ab 200 Euro und Schuhe, die mehr als 600 Euro kosten, wie die Kommission mitteilte.“ Syrien ist nicht Libyen und ein Militäreinsatz wie derjenige  in Libyen sollte sich – aus zahlreichen Gründen – auch nicht wiederholen. Aber – so die Forderung von Razan Zaitouneh in dem bereits zitierten Interview – „die Syrer müssen geschützt werden; es müssen neue Alternativen und Lösungen gefunden werden, das syrische Volk zu schützen und das Regime ans Ende zu bringen.“ Schutz aber ist – nach Lage der Dinge – nicht durch Worte zu leisten; auch nicht durch Sanktionen, die das Regime nicht wirklich erschüttern. Schutz bedeutet sich einzumischen oder den zu Schützenden mit den Mitteln zu versehen, mit denen er sich selbst schützen kann. 

    Wir wissen, dass viele Menschen in Syrien zögern, sich der Revolte anzuschließen, ja Angst vor der Zukunft haben. Dafür gibt es viele Gründe. Dass nicht jeder Mensch zur Revolte geboren ist, hat auch Albert Camus gewusst, der den Menschen in der Revolte in eine besondere Verantwortung stellte. „Die Freiheit hat nicht in gleichem Maße zugenommen, wie das Bewusstsein, das der Mensch von ihr erlangt hat. Aus dieser Beobachtung kann man nur eines ableiten: die Revolte ist die Tat des unterrichteten Menschen, der das Bewusstsein seiner Rechte besitzt. Aber nichts erlaubt uns zu sagen, es handle sich nur um die Rechte des Individuums. Im Gegenteil scheint es, als handle es sich um ein mehr und mehr erweitertes Bewusstsein, welches das Menschengeschlecht im Lauf seiner Abenteuer von sich selbst gewinnt.“ Die Revolte wird für Camus eine „erste Selbstverständlichkeit“; so elementar wie das „Denken“ (cogito) als grundlegende Selbsterfahrung bei Descartes: „Ich denke also bin ich“. In Abwandlung dieses elementaren Befundes formuliert Camus: „Ich empöre mich, also sind wir.“ Der Mensch in der Revolte handelt also zugleich für andere; sein Protest reicht über das Individuum – ihn selbst – hinaus. So verstehen wir Razan Zaitounehs bereits eingangs zitiertes Wort: „Dieser Preis ist wie ein Preis für alle Syrer und ihre Revolution.“

    Entschlossenheit zur Freiheit

    Razan Zaitounehs Widerstand hat nicht mit dem Ausbruch der Revolte begonnen. Sie war als Menschenrechtsaktivistin bereits engagiert, lange bevor der Protest im März 2011 zu einer kollektiven Sache wurde. An diesem Punkt aber – im Umschlag vom individuellen zum gemeinsamen Protest – liegt der geheimnisvolle Wesenskern der Revolte in Syrien – und in den anderen arabischen Ländern, in denen sich die Menschen gegen die Unterdrückung erhoben haben. Immer wieder ist auf die Bedeutung der sozialen Medien in diesem Zusammenhang hingewiesen worden. Das ist natürlich zutreffend. Aber diese Medien sind nur das Instrument, über das sich eine in der Tiefe wirksame Entschlossenheit artikuliert, eine nicht mehr hinnehmbare, eine überlebte Ordnung zu überwinden. Es ist die Gewissheit, dass eine Zeit abgelaufen ist, auch wenn die Machthaber um jeden Preis bemüht sind, die Uhren zurückzustellen. Anders als die Umbrüche in den fünfziger und sechziger Jahren in den arabischen Ländern aber, die von einzelnen Personen und / oder spezifischen Gruppen, insbesondere Militärs, losgetreten wurden, ist die neuerliche Revolte eine Bewegung aus dem Volk. „Wir sind das Volk“; dieses uns bekannte Motto hat in unzähligen Varianten Männer und Frauen, Angehörige aller Konfessionen und Ethnien im Protest vereint. Was hält sie zusammen? Was verleiht ihnen die Kraft, sich Machthabern entgegen zu stellen, die entschlossen sind, mit äußerster Härte alle Werkzeuge der Repression gegen das Volk einzusetzen? Razan Zaitouneh hat die Antwort gegeben: „Kein Zweifel, dass die Protestierenden und die Revolution schließlich siegen werden.  Wenn wir nicht glaubten, dass wir gewinnen werden, würden wir nicht weitermachen können gegen diese Brutalität des Regimes. Wir würden all diese Verbrechen gegen unser Volk nicht ertragen. Ich bin sicher, dass jeder und jede Einzelne unter den Syrern daran glaubt, dass die Revolution am Ende siegreich sein wird.“ Die Menschen spüren, dass die Geschichte auf ihrer Seite ist. Ihr Kampf hat sich von einem individuellen Protest zu einer Sache im Namen aller geweitet.

    Auch an dieser Stelle noch einmal die Frage: Haben wir – und damit meine ich: die europäischen Nachbarn – die Tragweite dessen erkannt, was sich in unserer arabischen Nachbarschaft vollzieht? Auf den gemeinsamen Ursprung des Strebens nach Freiheit habe ich bereits hingewiesen. Welche neue Form der Begegnung zwischen uns und unserer Nachbarschaft entspricht dieser Einsicht? Die Geschichte ist nicht ermutigend. Seit sich Europa und die arabischen Völker Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Vorzeichen europäischer Expansion  gegenübertraten, hatte diese Begegnung einen Namen: „The white man’s burden“ oder „la mission civilisatrice“. Noch nach dem Ersten Weltkrieg mussten – so sahen es die Europäer – die arabischen Völker protegiert oder mandatiert werden, um sie aus zivilisatorischen Niederungen zur Höhe europäischer Standards der Moderne zu führen. Und die Mittelmeerpolitik der letzten Jahrzehnte verkam zu einer ängstlichen Verwaltung des Status quo. Die Erhaltung der bestehenden Regimes wurde der Unterstützung der Kräfte des demokratischen Wandels übergeordnet. In Palästina sah Europa zu, wie die Rechte des palästinensischen Volkes anhaltend ignoriert und verletzt wurden. Noch 48 Stunden vor seinem Fall bot die französische Außenministerin Ben Ali an, ihm mit den „bewährten“ französischen Sicherheitskräften beizustehen. Die Menschen, die sich seit dem 17. Dezember 2010 in den arabischen Ländern erhoben haben, haben Europa nicht gefragt; sie haben es ohne Europa getan. Hätten sie Europa gefragt und um Unterstützung gebeten, wären sie wohl abschlägig beschieden worden. Wieder glaubwürdig zu werden, ist mithin ein erster wichtiger Schritt in die Richtung auf die Neubestimmung unserer Begegnung. Verspielt der Westen in Syrien diese Chance ebenso wie weiterhin in Palästina?

    Jedenfalls nährt auch der jüngste Konflikt um Gaza den Zweifel, dass Europas Entschlossenheit, die Beziehungen zu seinen Nachbarn auf der Grundlage der Glaubwürdigkeit zu erneuern, mit den Wandlungen in den arabischen Gesellschaften stärker geworden sei. Es ist fast unerheblich, wer mit dem Schießen und Töten in den letzten Tagen begonnen hat. Und es ist selbstverständlich, dass sich ein Staat verteidigen kann, wenn er angegriffen wird. Wenn aber die Politiker emphatisch festgestellt haben, Israel habe „jedes Recht“, sich zu verteidigen, dann müssen sie im gleichen Atemzug und mit der gleichen Emphase feststellen, dass Israel jede Verpflichtung hat, die Regeln des internationalen Rechts und die Gebote der Humanität zu respektieren. Hier hat es über die Jahre nicht nur keine Fortschritte gegeben; vielmehr haben die Praktiken der Besatzung und der Landnahme sowie die Geringschätzung der Menschen Palästinas durch die Siedler, geschützt und unterstützt seitens der gegenwärtigen israelischen Regierung, an Systematik zugenommen. Wieder hat Europa weggeschaut. Die Gewalt aber gebiert die Gewalt. Ausweglosigkeit und Entwürdigung waren der Nährboden für die Erhebung der arabischen Jugend zwischen Marokko im Westen, Jemen und Bahrain im Osten und eben auch Syrien.  Ausweglosigkeit und Entwürdigung sind auch der Nährboden für Gewalt der Palästinenser gegen eine Macht, die das Recht so gering – oder sagen wir besser: so selektiv – achtet wie die arabischen Autokraten. Dass zwischen dem Kampf gegen autokratische Unterdrückung und gewalthafte Besatzung durch eine fremde Macht ein Zusammenhang besteht, hat uns Friedrich Schiller in der Einleitung zu seiner Geschichte des Abfalls der Vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung für alle Zeiten vor Augen geführt: „Der verzweifelnde Bürger, dem zwischen einem zweifachen Tode die Wahl gelassen wird, erwählt den edlern auf dem Schlachtfeld. Ein wohlhabendes üppiges Volk liebt den Frieden, aber es wird kriegerisch, wenn es arm wird. Jetzt hört es auf, für ein Leben zu zittern, dem alles mangeln soll, warum es wünschenswürdig war.“ Es ist beschämend, dass die Regierung Deutschlands, des Volkes Friedrich Schillers, die Palästinenser auf ihrem einzigen Weg zu Freiheit und Staatlichkeit, der ihnen noch bleibt, auf dem Weg über die Zustimmung einer überwältigenden Zahl der Staaten dieser Welt in der Vollversammlung der Vereinten Nationen, nicht aktiv unterstützt. Diesen Makel werden wir mit Blick auf alle nach Freiheit strebenden Völker und Gesellschaften, nicht zuletzt in unserer islamisch geprägten Nachbarschaft, mit uns zu tragen haben.  

    Der Sinn der Preisverleihung

    Wir verleihen Razan Zaitouneh den Ibn-Rushd-Preis. Tun wir das – wie im Falle so vieler politischer Preise –, um vor allem unsere hehren Werte uns selbst einmal mehr zu bestätigen? Um uns dann aber davonzumachen, unsere banale Blöße verhängt mit dem Feigenblatt der Verteilung eines Preises? Wenn eine Preisverleihung überhaupt  einen Sinn hat, dann nur, wenn sie eine Tat ist, und nicht nur ein Wort. Wenn wir selbst uns verpflichten, im Sinne des Preises und des / der Gepriesenen zu handeln. Wenn wir Razan Zaitouneh ehren, dann müssen wir selbst Razan Zaitouneh sein wollen. Dann können wir im Streben des syrischen Volkes, illegitime Herrschaft zu beenden, so wenig abseits stehen wie im Kampf des palästinensischen Volkes, illegitime Besatzung zu beenden.       

    Wie kann Europa Glaubwürdigkeit gewinnen? Die Antwort ist: Wir müssen die Wahrnehmung ändern. Angesagt ist eine inklusive Wahrnehmung; d. h. heißt, wir müssen erkennen, dass die Zukunft der arabischen Gesellschaften und der nahöstlichen Nachbarschaft ein Teil der Zukunft Europas ist. Die Stellung Europas im internationalen System des 21. Jahrhunderts wird wesentlich von der Qualität der Beziehungen zu den neuen Ordnungen abhängen, die im arabischen Raum – einschließlich Palästinas – entstehen. Lange genug haben wir uns eine exklusive Wahrnehmung geleistet: Die arabischen Völker, das waren die anderen. Unsere Interaktion stand im Zeichen unserer Phobien: vor Instabilität, irregulärer Einwanderung, gewalttätigem islamischem Extremismus; Militanz gegen Israel. Die Lösung der palästinensischen Sache blieb auf der Strecke. Die neue – inklusive – Wahrnehmung bedingt die Hinwendung zu und den Dialog mit jenen, die den politischen Führern Legitimation verleihen; und diese sind das Volk. Zu lange haben wir die Beziehungen zu jenen gepflegt, die Legitimität für sich reklamierten – ohne oder gegen das Volk.

    Für die unmittelbare Zukunft Syriens kommt alles darauf an, dass das herrschende Regime bald an sein Ende kommt. Jeder weitere Tag seiner Herrschaft vermehrt nicht nur die Zahl der Toten, sondern vertieft auch die Gräben und den Hass der Syrer unter einander. Wir verurteilen die schmutzige Agenda jener, die im Namen des Befreiungskampfes des syrischen Volkes eben dieses Volk mit blutigen Terrorakten quälen. Aber sie werden den Gang der Geschichte nicht bestimmen. Die Menschen in Syrien brauchen die Perspektive auf eine neue Ordnung, in der sie sich gemeinsam wiederfinden. Mit dem Entstehen dieser Ordnung muss die Versöhnung einhergehen. Zitieren wir noch einmal den Dichter. So Friedrich Schiller im Tell: „Bezähme jeder die gerechte Wut / und spare für das Ganze seine Rache / Denn Raub begeht am allgemeinen Gut / wer selbst sich hilft in seiner eigenen Sache.“ Die Versöhnung ist die unverzichtbare Voraussetzung des Neuanfangs.

    Dass die Menschen in Syrien das „Ganze“ und das „allgemeine Gut“ der „eigenen Sache“ überordnen, ist am heutigen Abend unsere Hoffnung. Sie macht sich fest an Menschen wie Razan Zaitouneh, die wir heute Abend ehren. Über viele Jahre ihres Lebens hat sie das „allgemeine Gut“, das Recht auf Menschenwürde und Freiheit, über die Sorge für die eigene Person gestellt. Heute Abend kann sie nicht mit uns sein, da sie sich in diesem Kampf für das allgemeine Gut verstecken muss. Wenn sie hervortritt – und mit ihr alle, die sich auch verstecken mussten – dann wird dieses ein Signal sein: dass eine neue Ära in Syrien begonnen hat. Aber auch dafür, dass unser aller Zukunft endlich auf denselben Grundwerten beruht, die unteilbar sind und für deren Geltung wir alle gleichermaßen in die Pflicht genommen sind.

    Der hier publizierte Text ist die Laudatio Udo Steinbachs auf Razan Zaitouneh, gehalten am 30. November 2012 in Berlin.
    Udo Steinbach
    ist Mitglied im redaktionellen Beirat von Fikrun wa Fann und war lange Jahre Direktor des Deutschen Orient-Instituts in Hamburg. Gegenwärtig ist er Leiter des Governance Center Middle East / North Africa an der Humboldt-Viadrina School of Governance, Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

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