Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Wir sitzen alle im selben Boot
    Interview mit Kazim Homayun

    Im Interview mit dem Planungschef des Nationalen Umweltschutzamtes von Afghanistan (NEPA – National Environmental Protection Agency) haben wir gefragt, wie die offiziellen Bemühungen um die Umwelt in Afghanistan aussehen und mit welchen Hindernissen die Umweltschützer konfrontiert sind.

    Taqi Akhlaqi: Zuerst beschreiben Sie bitte die Organisationsstruktur Ihres Amtes. Wie viele Angestellte haben Sie, und in welchen Provinzen haben Sie Zweigstellen?

    Kazim Homayun: Nach 2001 und vor der Gründung des Nationalen Umweltschutzamtes als eine selbständige Institution gab es eine entsprechende Abteilung innerhalb des Ministeriums für Energie und Wasser. Damals hatten wir 200 Angestellte. Als die Abteilung im Jahre 2005 selbständig wurde, stieg die Zahl der Angestellten auf 400. Nun haben wir im ganzen Land in allen 34 afghanischen Provinzen Zweigstellen. Die Anzahl der Beschäftigten hat 850 erreicht.

    Was sind die Aufgaben Ihres Amtes?

    Dazu muss ich zuerst erwähnen, dass dieses Amt kein Exekutivorgan ist. Zum Aufgabenbereich des Amtes gehören Koordination, Planung und Beaufsichtigung. Auf unterschiedliche Art und Weise versuchen wir, das ökologische Bewusstsein der Menschen zu schärfen. Bei der Abfassung der Gesetzesentwürfe, Verordnungen und Pläne sowie der Aufstellung der Prioritätenliste der Aufgaben sind wir beteiligt. Auf der internationalen Ebene sind wir einigen Konventionen beigetreten und haben Protokolle unterzeichnet. Bei einigen anderen haben wir Kandidatenstatus.

    Was haben Sie bislang konkret erreicht?

    Ich muss ehrlicherweise sagen, dass wir wegen der Schwierigkeiten des Landes bislang keine erwähnenswerte Errungenschaft auf der praktischen Ebene vorweisen können. Wir sind Neulinge auf diesem Gebiet und haben uns im Wesentlichen mit der Abfassung der Gesetzesvorlagen beschäftigt. Dabei haben wir tatsächlich einiges vorzuweisen. Wir haben es geschafft, einige Gesetze und Verordnungen zum ersten Mal auf Landesebene wirksam zu machen, wie zum Beispiel das Gesetz zum Umweltschutz. Darüber hinaus haben wir Vorgaben und Normen zur Reduzierung der Umweltbelastung definiert, wie zum Beispiel für Automotoren und die Grenzen der Belastung. Das sind Vorgaben, auf deren Grundlage Umweltdelikte bestimmt werden. In Zusammenarbeit mit dem Kultusministerium haben wir das Unterrichtsfach Umweltschutz in das Lehrprogramm der Schulen aufnehmen lassen, um das Umweltbewusstsein der Schüler zu schärfen. Vor drei Jahren haben wir das Ministerium für Hochschulbildung darüber beraten, das Fach Umweltschutz im Lehrprogramm der Geologischen Fakultät der Universität Kabul aufzunehmen, damit die Studenten in diesem Fach ein Bachelor-Studium absolvieren können. Unsere Beratungen auf diesem Gebiet gehen weiter mit dem Ziel, das Studienfach Umweltschutz auch an den Privathochschulen aufnehmen zu lassen. Auf der Provinzebene versuchen wir, die Möglichkeiten der Religionsgelehrten und Moschee-Vorbeter zur Erhöhung der allgemeinen Kenntnisse über die Umwelt zu nutzen. Zu diesem Zweck veranstalten wir Gespräche und gemeinsame Sitzungen mit ihnen. So haben wir uns bemüht, allmählich Konkretes zu bewirken und hoffen, dass wir bald Ergebnisse sehen können.

    Warum verschlechtert sich die Umweltsituation in Afghanistan unaufhörlich?

    Es gibt unterschiedliche Gründe und Faktoren, die bei der Zerstörung der Umwelt zusammenwirken: Enormer Zuwachs der Stadtbevölkerung, Geburtenanstieg, grassierende Armut, Schrumpfen der Mittelschicht, die sonst der größte Förderer der Umwelt, der Demokratie und der bürgerlichen Freiheiten hätte sein können. Die Armen fühlen sich gezwungen, den Baum vor ihrem Haus zu fällen, um ihre Wohnung zu heizen. Mangelnde städtische Infrastruktur, das Fehlen einer Kultur der umweltgerechten Nutzung der Naturschätze, weitgehende Desertifikation und Entwaldung, so dass nach unserem Wissen 55% der Wälder in den Provinzen Konar, Nurestan und Nangarhar seit 1979 verschwunden sind. Erosion der Erde und schließlich die Gleichgültigkeit der Regierung. Bislang hat sich die afghanische Regierung wenig um die Umwelt gekümmert. Die Umwelt steht nicht auf ihrer Prioritätenliste. In einigen Gesetzestexten wird auf die lebenswichtige Rolle der Umwelt, die direkt mit dem Leben der Menschen zu tun hat, hingewiesen. Leider beschränkt sich diese Aufmerksamkeit lediglich auf diesen Hinweis auf dem Papier. Zum Beispiel wurden unserem Amt in diesem Jahr 870.000 U.S.-Dollar Haushaltsmittel zugewiesen. Das Budget für die Präsidentengarde beträgt achtzigmal mehr. Daran können Sie das Interesse der afghanischen Regierung an der Umwelt messen.

    Was steckt hinter dem Desinteresse der Regierung?

    Der erste Grund ist die unendliche Auseinandersetzung der Regierung mit den internen und externen Partnern. Der zweite Grund ist, dass einige hohe Regierungsbeamte ihre Familien ins Ausland geschickt haben und selber nach dem Ende ihrer Amtszeit das Land verlassen werden. Dies führt dazu, dass sie sich nicht um die Umwelt des Landes kümmern und nicht einmal darüber nachdenken.

    Wie beurteilen Sie die internationale Interessenlage?

    Die Klima- und Umweltveränderungen sind das beste Beispiel für ein „globales Dorf“, denn das Abholzen der Wälder in einer Region beeinträchtigt ebenfalls die anderen Regionen. So sehen wir, dass wir alle im selben Boot sitzen. Wir haben bei unseren Begegnungen mit den Vertretern der internationalen Organisationen erfahren, dass sich die meisten von ihnen für die gemeinsamen internationalen Themen und Herausforderungen wie Umweltverschmutzung und Ausdünnung der Ozonschicht interessieren. Die internationale Gemeinschaft interessiert sich im Einzelnen für die lokalen Probleme eines Landes wie die Verschmutzung des Grundwassers, städtische und industrielle Abfallbelastung. Wir sind Mitglied einiger internationaler Konventionen, durch die wir von den Verpflichtungen der Weltgemeinschaft insbesondere der Gruppe G 20 erfahren und versuchen, sie für die Verbesserung unserer Umwelt zu nutzen. Dazu ein Beispiel: Vietnam bekam im Jahre 2009 970 Mio. Dollar aus den Mitteln zur Wiederbelebung der verseuchten Erde. Wir haben auch die Möglichkeit und Kapazität, einen höheren Anteil als 91 Mio. Dollar aus diesem Topf zu bekommen, insbesondere weil die Auswirkungen des Klimawandels in Zentralasien sichtbar sind.

    Schärfung des ökologischen Bewusstseins

    Wie sehen Sie das Interesse und die Zusammenarbeit der Bevölkerung? Haben sich in den vergangenen Jahren Veränderungen im Verhalten der Bevölkerung ergeben?

    Ja, wir waren zumindest darin erfolgreich, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, der Medien und der Bürger auf dieses Problem zu lenken und ihnen ein Bewusstsein dafür zu vermitteln. Wir wissen, dass die fortschrittlichen Länder mindestens 50% ihrer Bemühungen darauf konzentrieren, das allgemeine Bewusstsein zu schärfen. In Bezug auf das Nationale Umweltschutzamt muss ich sagen, dass wir 70 bis 75% unserer Bemühungen auf dieses Thema konzentrieren. Unsere Bemühungen richten sich darauf, die Menschen zu unterrichten und sie für die Probleme der Umwelt zu sensibilisieren, so dass sie bei den kommenden Präsidentschaftswahlen dem Kandidaten ihre Stimme geben, der ein besonderes Programm für die Umwelt vorgelegt hat. Sozusagen eine grüne Sicht der Dinge hat. Ich bin der Überzeugung, dass sich die Situation weiterhin verschlimmern wird, solange der Umweltschutz keinen Zugang in die Politik gefunden hat. Wir wollen die Menschen aufrütteln, damit sie sich für ihr Recht einsetzen und damit sie die Regierung und die Parteien unter Druck setzen. Ein klares Beispiel für diese Bewusstseinsänderung ist die Niederlage von Jacques Chirac gegen die Sozialisten bei der Präsidentschaftswahl. Er ließ einen Baum vor der Pariser Stadtverwaltung fällen und wurde dafür als Ökoterrorist beschimpft. Daher sehe ich optimistisch in die Zukunft.

    Da Ihr Amt kein Exekutivorgan ist, wie gestalten sich Ihre Zusammenarbeit und die Koordination Ihrer Vorhaben mit der Exekutive?

    Die Regierungsorgane sind manchmal eher Stolpersteine auf unserem Weg. Insbesondere kritisiert das Finanzministerium ständig die Höhe unseres winzigen Budgets und versucht es einzuschränken. Während jährlich Millionen Doller für  Möbel und Einrichtungen ausgegeben werden, haben wir Schwierigkeiten bei der Durchsetzung unserer grünen, menschlichen und islamischen Pläne, die ständig in Frage gestellt werden. Unter diesen Umständen haben wir in der Hauptstadt ein Komitee für  Umweltkoordination gebildet, in dem die Planungschefs aller Ministerien und Regierungsorganisationen Mitglieder sind. Sie nehmen an den monatlichen Sitzungen teil. Wir beteiligen sie an der Planung und Meinungsbildung und bitten sie, unsere grünen Standpunkte in ihren lang- und kurzfristigen Plänen zu berücksichtigen. Daneben haben wir eine Kommission unter dem Namen „Kommission zur Verhinderung der Luftverschmutzung“ gebildet, in der alle stellvertretenden Minister, Leiter des Amtes für Industrienormen, Bürgermeister von Kabul, Vertreter der Zivilgesellschaften und der Gewerkschaften Afghanistans beteiligt sind. Jeden Monat kommen die Mitglieder der Kommission zusammen und beraten über die Mittel und Wege der Verminderung der Luftverschmutzung in Kabul. Denn die Sorge um die Luftverschmutzung in Kabul ist verhältnismäßig groß. Wenn wir aber diesen Ministerien Aufgaben überlassen, kümmern sie sich nicht darum. Das Einzige, was unser Amt dagegen tun kann, ist, darüber den Ministerrat zu unterrichten, damit die Minister die nötigen Entscheidungen treffen. Nur so weit reicht unsere Macht, und darüber hinaus können wir nichts bewirken. Wir haben einmal vorgeschlagen, eine „grüne Polizei“ für die Durchsetzung der Umweltprogramme und der Verhinderung der Umweltzerstörung zu bilden. Das Innenministerium hat den Vorschlag abgelehnt mit der Begründung, dass dann ja alle Organe eine eigene Polizei beantragen könnten.

    Haben Sie die nötigen Ausrüstungen und Möglichkeiten?

    Wir beabsichtigen, sechs Messgeräte zur Kontrolle der Luftverschmutzung anzuschaffen, haben aber bislang lediglich ein Gerät bekommen und benutzen es in Kabul. Zur Messung anderer Umweltbelastungen wie des Geräuschpegels oder der Verschmutzung des Wassers haben wir keine Ausrüstung. 

    Was sind Ihre größten Befürchtungen für die Zukunft der afghanischen Naturlandschaften?

    Die größte Sorge bereitet uns leider die Luftverschmutzung. In fünf großen afghanischen Städten ist die schädliche Feinstaubmenge siebenmal größer als der Weltdurchschnitt und dreimal größer als in den Ländern der Region. Laut einer gemeinsamen Studie mit der Asiatischen Entwicklungsbank hat die Menge der gefährlichen Partikel in der Luft die rote Linie überschritten und ist die Ursache von vielen Lungenkrankheiten, darunter auch Lungenkrebs. Wir machen uns Sorgen wegen des bleihaltigen Kraftstoffs von niedriger Qualität, der durch Bürokratie und Korruption ins Land gebracht wird und die Luft und das Wasser mit Blei verseucht.

    Welche Vorkehrungen haben Sie in Bezug auf die Exploration der Lagerstätten, deren Abbau und die industrielle Verschmutzung getroffen?

    Die Bergbauindustrie belastet leider auf allen Ebenen, angefangen von der Exploration bis zum Abbau, die Umwelt. Die Erfahrungen in anderen Ländern zeigen, dass manchmal mehr für die Umweltmaßnahmen beim Bergbau ausgegeben wird, als die Mine einbringt. Wir haben unsere Sorgen dem Ministerium für Industrie und Bergbau mitgeteilt, die glücklicherweise von diesem Ressort geteilt wurden. Dieses Ministerium ist für das Problem sensibilisiert und hat bereits eine entsprechende Abteilung eingerichtet, um den Herausforderungen zu begegnen. Unsere Vertreter haben die Explorationsverträge vor der Unterzeichnung gelesen und die nötigen Vorschläge unterbreitet, was wir als einen positiven Schritt erachten. Trotzdem aber ist die weit verbreitete Korruption bei den Behörden eine große Herausforderung, die unsere Bemühungen vereiteln könnte.
    Taqi Akhlaqi
    ist afghanischer Schriftsteller und Journalist und lebt in Kabul.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

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