Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Klima- und Landschaftswandel im Orient
    Das Hochland von Iran

    Der Klimawandel bedroht weniger die reichen Länder des Nordens als die des Südens und des Nahen und Mittleren Ostens. Dennoch weiß man nur wenig darüber, wie der Klimawandel in den bedrohtesten Gebieten konkret aussieht. Der folgende Beitrag erläutert die Bedrohungen am Beispiel des Hochlandes von Iran.

    Es ist inzwischen ein Allgemeinplatz, dass sich Klima und Umwelt in globalem Maßstab ändern. Die Indikatoren dieses Wandels sind bekannt und immer wieder zitiert: Gletscherschmelze an den Polen, auf Grönland und in den Hochgebirgen der Erde. Die Spiegel der Weltmeere steigen. Verheerende Unwetter – Hurricanes und Taifune – verwüsten die Küsten tropischer Tiefländer und mit ihnen Städte, Dörfer und Ackerflächen. Überschwemmungen ebenso wie Dürrephasen verursachen immer größere Opferzahlen unter der von diesen Ereignissen betroffenen Bevölkerung.

    Der Weltklimarat (Intergovernmental Panel of Climate Change – IPCC) registriert seit fast zwanzig Jahren die globalen Klimaänderungen und die mit ihnen verbundenen Wandlungen der Naturlandschaften und der Biosphäre. Ganz abgesehen davon, dass diese Beobachtungen für die Entwicklung von Klimamodellen und ökologischen Zukunftsszenarien genutzt werden, zeigt sich immer mehr, dass der Mensch zu einem entscheidenden Agens von Klimawandel und, mehr noch, von den allenthalben zu beobachtenden Umweltveränderungen auf der Erde geworden ist. Wissenschaftler verweisen auf die vom Menschen ausgehenden CO2-Emissionen als eine der Hauptursachen des Temperaturanstiegs und seiner Konsequenzen. Schon wird diskutiert, unsere heutige Zeit als eigene geologische Epoche und als Anthropozän zu bezeichnen.

    Eine nähere Analyse der wissenschaftlichen Literatur belegt indes, dass Quellen und Daten für belastbare Klimaszenarien auf der Erde sehr ungleich verteilt sind. Sie entstammen vor allem dem dichten Netz von Beobachtungs- und Messstationen in den hochentwickelten Industrieländern des Nordens. Hier finden sich auch die großen Forschungszentren und Laboratorien, die solche Daten und Erkenntnisse auswerten. Es ist nicht überraschend, dass diese Ergebnisse dann verallgemeinert und auf Weltmaßstab übertragen werden. Indes scheinen pauschal formulierte Befunde und globale Vorhersagen immer weniger geeignet, die Realität regionaler oder lokaler Entwicklungen von Klima- und Landschaftsveränderungen widerzuspiegeln. Das gilt auch für weite Teile des Nahen und Mittleren Ostens, insbesondere für die krisengeschüttelten Regionen zwischen dem Libanon im Westen und dem Hindukusch im Osten. Ihre Beobachtungs- und Messnetze sind dünn gesät. Die Auswertungen sind eher lückenhaft und nicht selten fehlt es auch an geschultem Personal zur Bewertung erhobener Daten und ihrer Einbettung in den internationalen Diskurs. Kurzum: Wir wissen sehr wenig über Klima- und Landschaftswandel in weiten Teilen des islamischen Orients. Weithin sind wir auf Indizien, sporadische Beobachtungen oder aber punktuell angelegte Forschungsergebnisse angewiesen.

    Das Hochland von Iran und seine Randgebiete – eine Schlüsselregion zur Erforschung des Klima- und Landschaftswandels

    Das Hochland von Iran und seine Randgebiete spielen eine Schlüsselrolle für die künftige Erforschung des Klima- und Landschaftswandels in der Region des Nahen und Mittleren Ostens. Warum? Zum einen ist das trocken-aride Hochland von Iran, im Mittel etwa 1000 m über dem Meeresspiegel gelegen, ein klimaökologisch fast mustergültig geeigneter Raum für die Erfassung von Temperatur- und Niederschlagsschwankungen. Zum zweiten stehen mit den randlichen Hochgebirgen – dem Zagros-System im Westen mit Höhen bis 4200 m und dem Alborz im Norden mit dem Demavand (5671 m) als höchster Erhebung Irans – äußerst sensibel reagierende „Registrierplatten“ für jegliche Veränderungen des Naturhaushalts des Landes zur Verfügung. Dieses Potential wird noch dadurch erhöht, dass auch auf dem Hochland von Iran einzelne Gebirgsmassive bis zu 4500 m Höhe aufragen und somit zusätzlich relevante Informationen zum Klimawandel bereithalten. Drittens schließlich verfügt Iran über wissenschaftliche Infrastruktur und fachliche Kompetenz, um potentiell eine entsprechende systematische Forschung zu betreiben und damit zu einem wichtigen Bindeglied in der weltweiten Klimaforschung zu werden. Dieses Potential liegt allerdings derzeit sehr im Argen.

    Für das Hochland von Iran und seine Randgebiete mögen drei Beispiele als Belege für historischen wie gegenwärtigen Wandel von Klima und natürlicher Umwelt dienen: Geologische und paläo-geographische Befunde; rezente Veränderungen des Wasserhaushalts und der Grundwasserressourcen; aktuelle Forschungsergebnisse auf der Basis lokaler Feldstudien.

    Geologische und paläo-geographische Befunde: Klimawandel und mit ihm verbundene Veränderungen von Niederschlägen und Temperaturen, von Vegetation und Tierwelt wie auch von Prozessen der Landschaftsgestaltung sind Phänomene, die seit Jahrmillionen überall die Entwicklungsgeschichte der Erde prägen. Auf dem Hochland von Iran sind die großen Salzseen, vor allem die Dasht-e-Kavir, aber auch andere abflusslose Seebecken sowie große Trockentäler einstmals wasserführender Flüsse Zeugnisse dieses permanenten Wandels. In nicht wenigen Seebecken und entlang etlicher Hochlandsflüsse deuten zudem alte Terrassensysteme auf höhere Wasserstände und entsprechend größere Wasserführung der Flüsse hin. Besonders eindrucksvoll sind die mächtigen Schwemmfächer und Schutthalden, die Berge und Höhenzüge im gesamten Zentraliran einhüllen. Sie werden unter dem Sammelbegriff „Bergfußflächen“ zusammengefasst. „Die Berge ertrinken im eigenen Schutt“ ist eine nicht selten gehörte Beschreibung dieser Erosionsprozesse, die unter feuchteren Bedingungen als heute abgelaufen sein müssen. Selbstverständlich gehen diese Veränderungsprozesse auch heute weiter. Im Regelfall verlaufen sie indes so langsam, dass sie sich einer unmittelbaren Beobachtung entziehen. Gelegentliche Unwetter wie z. B. Starkregen stellen Ausnahmen von dieser Regel dar.

    Rezente Veränderungen des Wasserhaushalts und der Grundwasserressourcen: Unmittelbar und stark durch menschliche Aktivitäten beeinflusst stellen sich die dramatischen Veränderungen des Wasserhaushalts im Hochland von Iran und seinen Randgebieten dar. Dies zeigt sich zum einen durch Eingriffe des Menschen in die natürlichen Abflussverhältnisse der wenigen ganzjährig oder periodisch wasserführenden Flüsse. Dammbauten und Ablenkungen von Flusswasser für Bewässerungszwecke reduzieren die natürlichen Abflussverhältnisse so sehr, dass viele der ohnehin schrumpfenden Wasserläufe ihre Mündungsgebiete kaum noch erreichen.

    Gravierender als beim Oberflächenabfluss stellt sich die Problematik abnehmender Wasserverfügbarkeit bei den Grundwasservorräten des Landes dar. Die Jahrtausende alte Kulturtechnik der Qanat-Bewässerung, das Rückgrat intensiver Oasen-Landwirtschaft auf dem Hochland von Iran, steht durch Klimawandel und menschliche Übernutzung der unterirdischen Wasservorräte vor dem Kollaps.

    Qanate und die oben genannten Bergfußflächen sind unabdingbar miteinander verbunden. Qanate (bekannt auch unter dem Namen Foggara in Nordafrika oder Karez in Afghanistan) sind vom Menschen angelegte unterirdische Galerien, die der Fassung des in den Bergfußflächen der Gebirgsländer zirkulierenden Grundwassers dienen. Diese aus Regen- und Schmelzwassern gespeisten Vorkommen werden in den Schuttmänteln der vielen Bergzüge durch bis zu 100 m tiefe „Mutterschächte“ aufgespürt und dann über z. T. bis zu 70 km lange unterirdische Galerien allmählich an die Oberfläche geleitet. Die Qanat-Technik, wohl bereits in vorchristlicher Zeit im Nordwesten Irans entwickelt, hatte große wirtschaftliche Bedeutung – und hat sie teilweise heute noch. Bis zum Zweiten Weltkrieg waren Qanate nicht nur für die Bewässerung von Feldern und Gärten, sondern auch für die Versorgung vieler Dörfer und Städte mit Trinkwasser wichtig. Ihre Gesamtzahl wurde auf über 35.000 geschätzt; heute dürfte ihre Zahl weit unter 10.000 betragen. Menschliche (Über-)Nutzung der natürlichen Grundwasserströme einerseits, zur Absenkung des Grundwasserspiegels führende Bohrungen von motorgetriebenen Brunnen für Bewässerungszwecke oder für Trinkwassernutzungen andererseits, vor allem aber auch sinkende Niederschläge in den Gebirgen als Garanten der Wiederauffüllung der Grundwasserreserven sind untrügliche Zeichen eines Desertifikationsprozesses. Desertifikation als Ausdruck eines nachhaltigen Klima- und Landschaftswandels sind im Hochland von Iran allenthalben zu beobachtende Phänomene. Dies gilt in ganz besonderer Weise für viele Oasensiedlungen im zentralen Hochland von Iran. Verlassene Dörfer, schrumpfende Ackerflächen oder vertrocknete Dattelpalmenhaine und einstmals intensiv genutzte, nun aber von Wüstensand zugedeckte Obst- und Gemüsegärten sind allenthalben zu beobachtende Phänomene. Die Wüste breitet sich aus!

    Aktuelle Forschungsergebnisse auf der Basis lokaler Feldstudien: Die Zahl wissenschaftlich exakter Nachweise von Klimawandel in Iran ist bislang sehr gering. Zu den wenigen Ausnahmen zählt eine jüngst abgeschlossene Studie über Klima- und Landschaftswandel im Nordwesten des Landes und seine Auswirkungen auf den Bergnomadismus in dieser Region. Am Beispiel des 4740 m hohen Sabalan Kuh in der Provinz Azerbaidschan und seines Vorlandes belegt die Auswertung langfristiger Klimabeobachtungen und Messergebnisse von teilweise über 40 Jahren einen eindeutigen Trend zu größeren Temperaturextremen im Sommer wie Winter und zu zunehmender Trockenheit infolge abnehmender Niederschläge. Besonders in den Monaten Juni bis Oktober führen deutliche Zunahmen der Durchschnittstemperaturen bei gleichzeitig rückläufigen Niederschlägen zu den auch bei den Qanaten registrierten Austrocknungserscheinungen der nomadischen Weideflächen. Auch hier, im klimatisch durch höhere Niederschläge bevorzugten Randbereich des Hochlandes von Iran, sind Desertifikationsprozesse als ausschließlich von der Natur gesteuerte Phänomene nachweisbar. Rückgänge der pflanzlichen Reproduktion der Weideflächen sowohl im Hochgebirge wie im Tiefland haben tiefgreifende Rückwirkungen auf den ohnehin fragilen nomadischen Pastoralismus. Die Nomaden als sensible Kenner ihrer natürlichen Umwelt sind sich dieser Veränderungen sehr wohl bewusst. Reduziertes Weidepotential auf den sommerlichen Hochweiden wie auch in den winterlichen Weidearealen des Gebirgsvorlandes sind ein Handicap. Ein anderes sind zunehmende Begrenzungen alternativer Weideflächen durch Konflikte mit der sesshaften bäuerlichen Bevölkerung, die ihrerseits Viehhaltung betreibt und zudem Weideland in Ackerflächen umwandelt. Diese und andere Faktoren zeigen, wie sehr Klima- und Landschaftswandel nicht nur ein natürliches und naturwissenschaftliches Phänomen sind, sondern auch tiefe Rückwirkungen auf die Alltagskultur von Mensch und Wirtschaft haben.

    In die gleiche Richtung wie die messbaren Veränderungen des Klima- und Landschaftshaushalts am Sabalan Kuh deuten die dramatischen Verlandungsprozesse des nur unweit entfernt gelegenen Urmia-Sees. Dieser über 5000 km2 große abflusslose Salzsee mit extrem hohen Salzakkumulationen ist – ähnlich wie der Aral-See – heute vom Austrocknen bedroht. Das Absinken des Seespiegels um etwa 7 m in den Jahren  zwischen 1995 und 2011 ist ein untrüglicher Indikator für Klimawandel, deuten doch die Niederschlagsrückgänge um 40 mm im Einzugsbereich des Urmia-Sees im Zeitraum 1997-2006 unmissverständlich darauf hin. Allerdings sind hier auch starke menschliche Einflüsse durch Ableitung oder Stau der Zuflüsse des Urmia-Sees für Bewässerungszwecke am Werke.

    Der Nahe und Mittlere Osten: ein ökologisches Pulverfass der Zukunft?

    Die für das Hochland von Iran und seine Randgebiete angedeuteten Trends und unwiderlegbaren Beweise höherer Temperaturen, geringerer Niederschläge und Zunahme von Extremereignissen wie Dürren oder Überschwemmungen gelten auch für seine Nachbarregionen im Westen wie im Osten. Auch dort steht das Klima auf der Kippe. Auch dort wird der Mensch zunehmend zum Verursacher wie auch zum Opfer des Klimawandels und von Landschaftsveränderungen, die seine Existenzgrundlagen nachhaltig beeinflussen. Ist der Nahe und Mittlere Osten also nicht nur ein politisches, sondern in der Zukunft auch ein ökologisches Pulverfass?

    Die eingangs angedeuteten Modellberechnungen und Zukunftsszenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change weisen unmissverständlich in solche Richtungen. In seinem bislang letzten Bericht aus dem Jahre 2007 heißt es zu Asien ganz allgemein: „All of Asia is very likely to warm during this century; the warming is likely to be well above the global mean in central Asia …“ (2007, vol. I, p. 879), wozu auch der Nahe und Mittlere Osten gerechnet werden. Im Hinblick auf die Niederschläge werden die für Iran vorgelegten Befunde dahingehend prognostiziert und bestätigt, dass auch die „… summer precipitation is likely to decrease in central Asia“ (ebda.). Die Konsequenzen aus diesen Trends sind gravierend. So schlussfolgern die Autoren in ihrer Analyse über die Auswirkungen, Anpassungsstrategien und Verletzbarkeiten der betroffenen Gesellschaften im westlichen und südlichen Asien mit speziellem Bezug zu Iran und seinen Nachbarräumen wie folgt: „Cereal yields could decrease up to 30% by 2050 … In West Asia, climate change is likely to cause severe water stress in the 21st century“ (2007, vol. II, p. 481).

    Diese wie auch andere Prognosen deuten übereinstimmend auf derart gravierende Umweltveränderungen in der Region des Nahen und Mittleren Ostens, dass Konflikte nicht nur um Ideologien und bergbauliche Ressourcen wie Erdöl oder Erdgas ihre Zukunft bestimmen werden. Schon jetzt weisen Auseinandersetzungen um den lebenswichtigen und alles bestimmenden Faktor „Wasser“ in der Türkei, Syrien und Irak auf internationale Konfliktpotentiale hin. Nicht wenige Experten und politische Analysten sehen in „Wasser als Kriegs- und Konfliktpotential“ eine der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Reduktion der natürlichen Niederschläge auf und über dem Hochland von Iran dürfte indessen schon heute die prekäre Lage der nationalen Nahrungsmittelproduktion bei steigenden Bevölkerungszahlen massiv beeinflussen. Das gilt für bäuerlich-pflanzliche wie nomadisch-tierische Erzeugung von Getreide, Fleisch und / oder Milchprodukten in gleicher Weise. Es gilt aber auch für die ausreichende Versorgung der schnell wachsenden Bevölkerung in Stadt und Land mit sauberem Trinkwasser und Brauchwasser für Haushalte und Industrie – und das nicht nur für Iran.

    Klima ist ein die Kultur des islamischen Orients und seiner Bewohner prägendes und vor allem durch großartige Zeugnisse menschlichen Geistes und menschlicher Technik ausgewiesener Faktor. Klima und Klimawandel werden in der Zukunft vor allem auch eine technologische Herausforderung sein – und damit den landläufigen Inhalt des Kulturbegriffs um die technologische Dimension erweitern.
    Eckart Ehlers
    ist emeritierter Professor für Geologie an der Universität Bonn.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

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