Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Mensch oder Natur?
    Die Vorstellung vom Anthropozän

    In einer großangelegten Veranstaltungsreihe widmet sich das Haus der Kulturen der Welt in Berlin der Vorstellung vom Anthropozän, dem Erdzeitalter des Menschen. Natur und Klima sind nicht mehr im ursprünglichen Sinn natürlich, sondern vom Menschen gemacht. Was bedeutet dies für unser Selbstverständnis? Unser Mitarbeiter hat die Eröffnungsveranstaltungen in Berlin besucht.

    Der britische Geologe Jan Zalasiewicz hat eine Katze mitgebracht. Jan Zalasiewicz ist Senior Lecturer an der University of Leicester und Mitglied der Stratigraphy Commission der Geological Society, London, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die eine herausragende Rolle bei der Analyse des Anthropozän-Phänomens spielen. Die Katze, die vor ihm auf dem Tisch sitzt, hat ein schwarzes Fell und heißt Philou. Während seines Vortrages im Haus der Kulturen der Welt umkreist und füttert Jan Zalasiewicz die Katze Philou. Diese Katze, sagt er, symbolisiere für ihn das Zeitalter des Anthropozäns. Denn die Hauskatze, Felis silvestris catus, zähle unter den Biospezies der Erde zu den wenigen GewinnerInnen jener Epoche, in welcher der Mensch damit begonnen habe, die geologischen Vorgänge an der Erdoberfläche zu beherrschen.

    Philou steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, wird unruhig, möchte gefüttert werden. Zalasiewicz streichelt sie, gibt ihr etwas zu essen und spricht unbeirrt weiter. Nimmt man die Biomasse aller Landwirbeltiere, sagt er, mache der Mensch heute ein Drittel dieser Masse aus. Der größte Teil der übrigen zwei Drittel seien jene Tiere, die wir als Nahrungsmittel halten: Kühe, Schafe, Schweine, Ziegen. Der Bestand der echten Wildtiere sei auf unter fünf Prozent geschrumpft. Wir haben es, so Zalasiewicz, mit einer biologischen Übernahme zu tun, die in der Erdgeschichte ihresgleichen sucht.

    Philou wird gelassener, lauscht dem Vortrag. Die Hauskatze, sagt er, nehme einen Platz zwischen Domestizierung und Wildnis ein. Sie wurde vom Menschen auf der ganzen Welt gehalten und konnte sich prächtig vermehren. Inzwischen gebe es 250 Millionen Hauskatzen. Im Vergleich dazu seien die Leoparden und Tiger die großen Verlierer. Die Katze sei also, so Zalasiewicz am Ende seines Vortrags, eine der wenigen Profiteure des Anthropozäns.

    Das Erdzeitalter des Menschen

    Anthropo… was?, wird sich manch ein Leser immer noch fragen. Was ist das für ein Terminus, für was steht er, wo kommt er her? Geprägt wurde der Begriff des Anthropozäns von dem niederländischen Meteorologen und Nobelpreisträger Paul J. Crutzen auf einem Kongress im Jahre 2000. Zwei Jahre später konkretisierte er seine These des „menschengemachten Zeitalters“ in dem Artikel „Geology of Mankind“ in der Fachzeitschrift Nature. Erdgeschichtlich gesehen, erläuterte Paul J. Crutzen, leben wir im Holozän. Diese Epoche begann vor etwa 11.500 Jahren und schloss sich an das Eiszeitalter an, das Pleistozän. Die Menschheit habe die Erde jedoch so stark verändert, schrieb der Nobelpreisträger, dass ein neues Erdzeitalter angemessen sei – das sogenannte Anthropozän. Den Beginn des Anthropozäns datiert Crutzen auf das Ende des 18. Jahrhunderts. Damals begann mit der Erfindung der Dampfmaschine die Industrialisierung, welche die Welt grundlegend verwandelt habe. Folgen dieser grundlegenden Transformation waren unter anderen ein Anstieg der Produktion von Treibhausgasen, die Zerstörung der Ozonschicht, die Rodung der Wälder, die Überfischung der Weltmeere, der Abbau von Rohstoffen und ein ungeahntes globales Bevölkerungswachstum. All diese vom Menschen verursachten Faktoren erfordern, so Crutzen, einen anderen Umgang mit der Erde. Er schreibt: „Unless there is a global catastrophe – a meteorite impact, a world war or a pandemic – mankind will remain a major environmental force for many millennia. A daunting task lies ahead for scientists and engineers to guide society towards environmentally sustainable management during the era of the Anthropocene.“

    Diese „beängstigende Aufgabe, die Gesellschaft in eine nachhaltige Entwicklung im Zeitalter des Anthropozäns zu führen“, die Paul J. Crutzen vor genau zehn Jahren formuliert hatte, stand nunmehr im Zentrum der viertägigen Veranstaltung des Anthropozän-Projektes im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Auf unzähligen Veranstaltungen diskutierten Philosophen, Geologen, Künstler, Anthropologen, Soziologen, Kulturwissenschaftler, Physiker, Literaturwissenschaftler und Klimaforscher die mannigfaltigen Implikationen des Anthropozäns. In transdisziplinären Landschaften wurden tagelang Fragen aufgeworfen: Ist es überhaupt noch möglich, mit Begriffen wie „künstlich“ oder „natürlich“ zu arbeiten? Gibt es „Natur“ überhaupt noch in Reinform? Inwieweit sind wir in der Lage, die Folgen unserer Handlungen vorausschauend abzuschätzen und zu bewerten? Was bedeutet der Begriff des Anthropozäns für Themen wie Nachhaltigkeit und moderne Rechtssysteme?

    Den Auftakt machte der australische Chemiker und Klimaforscher Will Steffen. In seinem Vortrag „The Anthropocene: Where on earth are we going?“ widmete er sich der Frage, ob die Menschheit gerade dabei sei, sich selbst zu zerstören. Will Steffen zufolge befinden wir uns bereits in einer kritischen Dekade, die mit der großen Beschleunigung nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzte. Damals begann vieles von dem, was wir heute als Globalisierung bezeichnen. Steffen zeigte viele beängstigende Graphiken über das zunehmende Artensterben, die Überfischung unserer Gewässer, den Anstieg der globalen Erwärmung und die damit zusammenhängenden, vom Klimawandel ausgelösten Naturkatastrophen. Wenn wir so weitermachen wie bisher, warnte Steffen, werden wir es nicht schaffen, den durchschnittlichen Temperaturanstieg auf zwei Grad zu beschränken. In den nächsten zehn Jahren entscheide sich, ob wir überhaupt noch eine Chance haben.

    Nach diesem Prolog von Will Steffen fragte man sich jedoch bereits, was an der Vorstellung vom „Anthropozän“ das Neue ist. Bereits 1972 veröffentlichte der Club of Rome seine Studie „Die Grenzen des Wachstums“, in der er davor warnte, dass die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Anstieg der Umweltverschmutzung und die Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe die Menschheit schon bald in ein ökonomisches und ökologisches Desaster führen wird. Und auch den Geisteswissenschaften sind die globalen Veränderungen gewiss nicht verborgen geblieben. 1986 beschrieb Ulrich Beck in seinem Buch Die Risikogesellschaft – um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen – die vom Menschen hergestellten Bedrohungen und Selbstgefährdungen des modernen Industriezeitalters: „Es geht nicht mehr [nur] um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionellen Zwängen, sondern [...] wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozess wird ‚reflexiv‘, sich selbst zum Thema und Problem.“ Neu ist also nicht die Zeitdiagnose, sondern allein der Begriff des Anthropozäns.

    Neuer Begriff, alte Wirklichkeit

    Eine der Grundprämissen des Anthropozäns sei, erklärten die Wissenschaftler auf der Konferenz, dass es keine Natur mehr gebe, dass alles nur noch menschengemacht sei. Aber ist dies wirklich eine bahnbrechende Erkenntnis? Die Veranstaltung fand im Haus der Kulturen statt, inmitten des Berliner Tiergartens, der seit knapp 500 Jahren als gestaltete Natur das Stadtbild Berlins prägt. So bekam zum Beispiel 1740 der Landschaftsarchitekt Georg Wenzelaus von Knobelsdorff vom preußischen König Friedrich dem Zweiten den Auftrag, das ehemalige Jagdrevier des Königs in einen öffentlichen Park nach französischem Vorbild umzubauen. Knobelsdorff verschönerte den Park durch schmucke Alleen, ornamentale Hecken, weitläufige Wasserwege, spätbarocke Labyrinthe und Figuren aus der antiken Mythologie. Rund um das Haus der Kulturen der Welt in Berlin gibt es also seit Jahrhunderten nur noch vom Menschen gestaltete Natur.

    Auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt, mit Blick auf eben jenen Tiergarten, wurde ein Ochs am Spieß über einer Feuerstelle gegrillt. Das Kunstkollektiv raumlaborberlin hatte im Foyer fünf Stationen aufgebaut, in der das Ochsenfleisch mit Beilagen zubereitet wurde. Die metabolische Küche sollte den Zusammenhang zwischen Mensch, Natur, Tier und Maschine versinnbildlichen. Die einzelnen Stationen sahen wie ein Zukunftslabor aus, in dem Menschen mit weißen Kitteln die Speisen in kleine Becher abfüllten. 100 Portionen wurden an die Gäste verteilt, die in Mikrowellenöfen erwärmt werden mussten. Ob das Ochsenfleisch gemundet hat, kann der Autor dieses Artikels jedoch nicht beurteilen, da er bereits vor der Diagnose des Anthropozäns Vegetarier geworden ist.    
     
    Und wie waren die einzelnen Vorträge? Der Philosoph Akeel Bilgrami von der Columbia University, New York, versuchte, philosophiegeschichtlich darzulegen, dass die Leugnung von Moral und Wertvorstellungen durch die Naturwissenschaft durch ein neues „In-der-Welt-Sein“ ersetzt werden müsse. Erle Ellis, Professor für Geografie und Umweltsysteme an der University of Maryland, erklärte, dass der Mensch bereits mehr als drei Viertel der Landoberfläche der Erde umgestaltet habe. Ursula K. Heise, Professorin für Anglistik an der University of California, hielt einen Vortrag über die „Grünwangenamazone“, einen Papagei, der durch Brandrodung in seiner Heimat Mexiko nahezu verschwunden sei. Allerdings habe der Handel mit Papageien dazu geführt, dass die Grünwangenamazone, die aus einigen Haushalten in Kalifornien flüchten konnte, sich mittlerweile dort prächtig vermehrt habe. Im Raum San Francisco gebe es inzwischen mehr als Tausend dieser Papageien, die nunmehr offiziell als „Vögel mit Migrationshintergrund“ bezeichnet würden. Elizabeth Povinelli, Professorin für Anthropologie, stellte, anhand des Beispieles eines Stammes australischer Aborigines die provokante Frage, ob alles Leben gleich viel Wert sei. Welche Wesen und welche Arten des Seins sind, im Zeitalter des Anthropozäns, dazu privilegiert, Leben zu beanspruchen oder Seinsprozesse zu bewahren? Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun von der Humboldt Universität in Berlin gab zu bedenken, dass die Forderung nach gegenseitiger Verantwortung auch immer die Gefahr neuer Ideologien in sich berge. Der Soziologe Aldo Haesler prophezeite das „Age of Singularity“, eine schrumpfende Sozialwelt, in der eine kleine Elite in gated communities leben und der große Rest als menschlicher Abfall dahinvegetieren werde. Die Sachbuchautorin und Journalistin Emma Marris forderte eine neue transnationale treuhänderische Verwaltung der Erde und das Medienkunstkollektiv Smudge Studio aus New York befasste sich mit Orten und Momenten, in denen das Geologische auf das Menschliche trifft. Mitgebracht hatten sie ein Felsstück aus einem finnischen Atomendlager, der, als Verbündeter des Menschen, den radioaktiven Müll jahrtausendelang in sich einschließen soll.

    Das Zeitalter der Katzen

    So interessant und aufschlussreich die einzelnen Vorträge auch waren, haben sie doch kaum etwas Neues erzählt. Ebenso hätte man gerne gehört, wie sich Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft, die bedauerlicherweise nicht auf dieser Veranstaltung vertreten waren, zum Anthropozän geäußert hätten. Denn eine der entscheidenden Fragen der Zukunft wird doch sein, wie man die Erkenntnisse der Anthropozän-Forschung in die selbstreferentiellen Systeme der Wirtschaft und der Politik implementiert. Aber gut, immerhin hat das Anthropozän-Projekt im Haus der Kulturen versucht, ein interdisziplinäres Bewusstsein für die Gefahren und Risiken der Menschheit zu schaffen. Und damit ist das Projekt ja auch noch nicht abgeschlossen – in den nächsten zwei Jahren wird das Haus der Kulturen der Welt in Zusammenarbeit mit der Max-Planck-Gesellschaft und dem Deutschen Museum in Workshops, Forschungsinitiativen und institutionenübergreifenden Kooperationen die Anthropozän-Hypothese weiter erkunden. Und wer weiß, vielleicht ist der Begriff des Anthropozäns ja auch stark genug, um einen Prozess in Gang zu setzen, der, aufgrund der gesammelten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse der einzelnen Disziplinen, in der Zukunft das Schlimmste verhindern wird?

    Sollte dies nicht gelingen und der Mensch sich im menschengemachten Zeitalter des Anthropozäns eliminieren, sagte Jan Zalasiewicz (das war der mit der Katze Philou),  würden immerhin die Katzen und einige weniger geliebte Tiere wie die Wanderratte weiterhin zahlreich vertreten sein. Die Hauskatze würde, sagte er, wieder zur Wildkatze werden. Ihre Nachkommen würden sich weiterentwickeln und verändern und irgendwann in der fernen Zukunft wieder den ökologischen Raum einnehmen, den die verschwundenen Löwen, Tiger und Geparden hinterlassen haben. Während er dies sagte, schnurrte Philou zufrieden – dieses Zukunftsszenario schien ihr gefallen zu haben.
    Alem Grabovac
    ist freier Autor und Journalist und lebt in Berlin.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

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