Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kultur und Klima

    Bevor die Taliban kamen

    Der Pakistaner Jamil Ahmad schildert in Erzählungen aus den siebziger Jahren die unbekannte Welt der pakistanischen Stammesgebiete.

    Es gibt den Fluch der literarischen Ungleichzeitigkeit: Die besten Bücher hinken den geschilderten Ereignissen Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinterher. Andere kommen zu früh: Die Romane, die die arabischen Revolutionen erklären, etwa die von Alaa al-Aswani, sind Jahre vor 2011 erschienen und im Westen lange unbemerkt geblieben. Jamil Ahmad, Jahrgang 1933, ein in Literaturkreisen unbekannter pakistanischer Pensionär, hat diesen Fluch jetzt ausgetrickst. Sein Rezept: Vorher schreiben, nachher veröffentlichen. Wären seine Geschichten vor vierzig Jahren erschienen, als er sie verfasste, sie wären kaum beachtet worden. Jetzt sind sie ein internationaler Bestseller.

    Das Ende der Welt

    Denn das Ende der Welt, das Jamil Ahmad beschreibt, die afghanisch-pakistanische Grenzregion, wo der Autor einst als Staatsbeamter tätig war, ist inzwischen zum Rückzugsgebiet von al-Qaida und Taliban geworden. Der Weg des Falken, wie das späte Debüt heißt, ist eine Art Novellenkranz, der uns berichtet, wie die Menschen dort einst gelebt, geliebt und gedacht haben. Es vermag so, die Verbissenheit der heutigen Auseinandersetzungen zumindest ein Stück weit verständlich zu machen, und es tut dies mit einem Verzicht auf alle Wertungen, wie es heute kaum mehr möglich wäre.

    Einer entführt seine Geliebte. Auf der Flucht vor den Verfolgern lässt sich das Paar neben einem unwirtlichen Außenposten der Armee nieder und bekommt ein Kind. Als die Eltern Jahre später von ihren Verfolgern gefunden und erschlagen werden, wird der Junge neben den Leichen zurückgelassen. Dieses Kind ist der Falke, dessen „Weg“ durch die Geschichten das Leitmotiv abgibt; die eigentlichen Helden sind aber immer die anderen, die den Jungen finden und aufnehmen. Zum Beispiel die Belutschen, die sich gegen den Staat erheben, der ihnen entgegen der Tradition vorschreiben will, wer ihr Oberhaupt zu sein hat.

    Ehrenmänner, die sie sind, glauben sie einem Flugblatt, das ihnen freies Geleit zusichert. In der Stadt angekommen, werden sie nach einer empörenden Gerichtsverhandlung zu Tode verurteilt. „Über die Belutschen, ihr Anliegen, ihr Leben und ihren Tod wurde absolutes Stillschweigen vereinbart. Kein Zeitungsredakteur riskierte, sich ihretwegen eine Strafe einzuhandeln. Kein Bürokrat setzte seine Stellung aufs Spiel. Was mit ihnen starb, war ein Teil des Belutschenvolkes selbst. Ein wenig von der Spontaneität, mit der sie Zuneigung anboten, und etwas von ihrer Höflichkeit und ihrem Vertrauen. Auch dieses wurde vor Gericht gestellt und starb mit diesen sieben Männern.“

    Schilderung eines Ethnozids

    Der Kommentar des Erzählers, übrigens der einzige im ganzen Buch, enthüllt das Motiv von Jamil Ahmads Schreiben und jahrelangem Schweigen gleichermaßen. Der Weg des Falken ist auch die Schilderung eines Ethnozids an jenen, die vor diesem Buch nie eine Stimme, ein Gewicht, einen Erzähler hatten. Die Vorstellung vom Nationalstaat, bei uns unweigerlich als zivilisatorische Errungenschaft angesehen, offenbart hier noch einmal ihre totalitäre Rückseite. Die im zwanzigsten Jahrhundert erstmals definierten Staatsgrenzen zwischen Afghanistan und zunächst Britisch-Indien, dann Pakistan, zerschneiden rücksichtslos den Lebensraum der Nomaden. Solange sie sich erinnern, sind sie im Rhythmus der Jahreszeiten gewandert, erfahren wir in der Erzählung mit dem Titel Das Sterben der Kamele. Dokumente haben sie nie gehabt. Nun sollen sie auf einmal an der Grenze ihre Pässe vorzeigen. Als sie einfach weiterziehen, werden sie mitsamt ihren Tieren niedergemetzelt. Dass die Nachfahren jener Menschen sich gegen jede Art von Kontrolle auflehnen und dafür gleich welche Verbündete suchen – es kann nach der Lektüre niemanden wundern.

    Nicht alle Erzählungen enden so tragisch wie jene vom Sterben der Kamele. Es gibt sogar eine in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückgehende Schelmengeschichte, in der Deutsche und Engländer, die beide mit viel Geld um die Gunst der Stämme buhlten, gegeneinander ausgespielt werden. Aber dass die Welt, die hier beschrieben wird, von der Auslöschung bedroht ist – dieses Wissen schwingt in jeder Zeile mit. Dabei verherrlicht Jamil Ahmad das raue Leben der Nomaden in den pakistanischen Grenzregionen keineswegs; er unterwirft es aber auch nicht der Checkliste eines hegemonialen Menschenrechtsdiskurses. Tradition, Ehre und Patriarchat bestimmen diese Gesellschaft stärker als der Islam. Doch so gnadenlos der herrschende Ehrenkodex scheint, er ist von vollendeter Transparenz und Verlässlichkeit. Was gut und böse ist, richtig und falsch, jeder weiß es. Das unmissverständliche Ethos, das uns postmodernen Relativisten hier entgegentritt, hat eine geradezu ästhetische Qualität.
     
    Jamil Ahmad schreibt einen einfachen, unprätentiösen Stil. Der Reiz besteht in der Erzählperspektive, die genau den richtigen Abstand hält: Noch entfernt genug, um diese untergehende Welt von außen zu sehen; nah genug aber, um diese Distanz nie in eine innere umkippen zu lassen und die Figuren dem Leser zu entfremden, so fremd sie auch sind. Jamil Ahmads Buch, sagen wir daher voraus, wird auch dann noch gelesen werden, wenn an der pakistanischen Grenze irgendwann wieder Frieden herrschen sollte.

    Jamil Ahmad: Der Weg des Falken. Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 2013, 188 S., geb., 19,99 Euro.
    Stefan Weidner
    ist Chefredakteur von Fikrun wa Fann / Art & Thought.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Juni 2013

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