Foto: Kai Wiedenhöfer

    Jugend

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Gewalt und Ehre

    Copyright: picture-alliance/dpaWährend die Jugendkriminalität in Berlin generell abnimmt, steigt sie unter Migranten in der deutschen Hauptstadt stetig an. Die Verwahrlosung junger Ausländer, ihre Probleme in Schulen, in den Elternhäusern und bei der Suche nach Arbeit wurden lange ignoriert.

    Murat nähert sich mit schnellen Schritten und hebt die Fäuste: ein Haken, ein Schwinger, dann wieder ein Haken - eine ganze Serie von Schlägen, jedes Mal knapp am Gesicht des Journalisten vorbei. Dann grinst er freundlich und sagt, er sei Profiboxer und werde bald ganz gross herauskommen. Er trainiere jeden Tag und sei topfit.

    Murat erzählt viele Geschichten, damit er nicht seine eigene erzählen muss. Räuberische Erpressung, Körperverletzung und Sachbeschädigung wirft die Justiz dem 16-jährigen Türken vor. Er hat einen anderen Jugendlichen bedroht und ihn geschlagen, weil er dessen Handy wollte. Abziehen nennt sich dies im Jargon der Jugendlichen, denen oft gar nicht klar ist, dass sie dabei gleich mehrere schwere Straftaten begehen.

    Schwerer Raub und Brandstiftung

    Dank dem Jugendstrafrecht kam Murat glimpflich davon. Das Gericht wies ihn in einen Kurs des gemeinnützigen Unternehmens Lebenswelt ein. Hier soll er sich mit seiner Tat auseinandersetzen und einen anderen Umgang mit Menschen erlernen. Die anderen Kursteilnehmer sind der 17-jährige Cem, der gleichaltrige Tamir, der 18-jährige Mohammed und als einziger Deutschstämmiger der blonde Tom (Namen geändert). Cem hat einen Taxifahrer beraubt, Mohammed zündete mit einem Freund einen Keller an. Tamir und Tom mussten sich wie Murat wegen räuberischer Erpressung verantworten.

    Copyright: picture-alliance/dpaDie Gruppe trifft sich zwei Mal in der Woche unter der Leitung der Sozialarbeiter Oliver Stöber und Osman Sönmecicek. Mittwochs steht Fussballspielen auf dem Programm, und so sitzen die fünf in der Turnhalle der Reineke-Fuchs-Grundschule im Berliner Bezirk Reinickendorf.

    Die Jugendlichen sind zugänglich; sie lachen und reden viel. Die vier Gruppenmitglieder mit ausländischer Herkunft sind in Deutschland geboren, Verständigungsschwierigkeiten haben sie nicht. Nur wenn sie ihre Taten zu erklären versuchen, fällt ihnen jedes Wort schwer. Langeweile sei der Grund gewesen, sagt Cem, der den Taxifahrer mit der Waffe bedrohte. Nach der Scheidung der Eltern lebte er bei seiner Mutter in Celle, doch sie kamen miteinander nicht zurecht. Inzwischen hat ihn der Vater nach Berlin geholt. Cems Haftstrafe wurde zur Bewährung ausgesetzt, der Kurs ist so etwas wie die letzte Chance.

    Download SymbolEric Gujer: Gewalt und Ehre (pdf, 37 KB)

    Eric Gujer ist Deutschlandkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung.

    Dieser Text erschien erstmalig in der Neuen Zürcher Zeitung vom 20.06.2006

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