Foto: Kai Wiedenhöfer

    Geschlechterrollen

    Women Living Under Muslim Laws
    Was steckt hinter dem Namen?

    Cover einer WLUML Publikation © WLUML Die Vorstellungen über die Arbeitsbedingungen von NGOs im Allgemeinen und feministischen Organisationen im Besonderen scheinen in diesem Fall zu stimmen. Hinter einer inhaltsstarken Webseite in sieben Sprachen, erfolgreichen Kampagnen, Projekten und Solidaritätsaufrufen steckt harte Arbeit in Hinterhöfen. Das Internationale Koordinationsbüro (ICO) von Women Living Under Muslim Laws (WLUML – www.wluml.org) befindet sich im Londoner Norden. Hier, auf ca. 30 Quadratmetern einer alten Fabrik, arbeiten, netzwerken, fundraisen, publizieren und debattieren fünf Frauen und eine Handvoll ehrenamtlicher Helfer und koordinieren damit die Arbeit eines weltumspannenden Netzwerks. Die Diversität des Teams − pakistanische, italienische, schwedische, nigerianische und englische Nationalitäten mischen sich hier mit christlichen, muslimischen und atheistischen Orientierungen − spiegelt auch das Anliegen von WLUML deutlich wider: Frauen in ihren Verschiedenheiten und mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen über nationale Grenzen hinweg zusammenbringen. Gemeinsam bestehende Geschlechterordnungen in Frage stellen und überwinden. Geschlechtergerechtigkeit einfordern. Women Living Under Muslim Laws – ein Name, der immer wieder verschiedenste Assoziationen weckt. Doch hinter fünf sorgfältig gewählten Worten steckt eine klare Botschaft.

    WOMEN

    Es geht in erster Linie um Frauen. Frauen, deren Leben von Gesetzen, Bräuchen und Traditionen beeinflusst wird, die sich als islamisch präsentieren. Frauen, die in muslimischen Mehrheits- oder Minderheitsgesellschaften leben, sich durch den Ehemann oder die Kinder mit muslimischen Gesetzen konfrontiert sehen, als Nichtmuslime in muslimischem Einflussbereich leben oder trotz einer formalen Religionszugehörigkeit diese Kategorisierung für sich ablehnen. Es geht um Frauen, die sich zwar in erster Linie dem weiblichen biologischen Geschlecht zuordnen, alle weiteren geschlechtsspezifischen Zuschreibungen aber vehement ablehnen. Doch WLUML ist keine exklusive Frauenorganisation. Geschlechtergerechtigkeit ist das leitende Motiv, und auch Männer sind von Anfang an dabei gewesen.

    Der Auslöser für die Gründung vor 25 Jahren waren vier konkrete, aber von einander unabhängige Ereignisse in verschiedenen Teilen der muslimischen Welt − Abu Dhabi, Algerien, Frankreich und Indien −, in denen mit der Berufung auf so genannte islamische Gesetze Frauen ihrer Menschenrechte beraubt wurden. Die Gewalt, die hier im Namen des Islam verübt wurde, löste heftige Emotionen aus und veranlasste neun Frauen aus Algerien, Bangladesch, Iran, Mauritius, Marokko, Pakistan und dem Sudan, die Isolation der Geschlechtsgenossinnen und das allgemeine Schweigen zu brechen. Autonomie und die Definitionsmacht über Körper und Person zu erlangen, ist nunmehr das Ziel von Organisationen und Individuen aus mehr als 70 Staaten, die im Rahmen von WLUML zusammenarbeiten. Es gilt die Konstruktion der einheitlichen muslimischen Welt und der nur einen möglichen Seinsform für eine Frau muslimischen Glaubens und damit auch das im Westen genährte Bild vom Islam zu widerlegen. Die von internen und externen Kräften geschaffenen muslimischen Mythen und die Instrumentalisierung von Religion, Kultur und Frauenkörpern für machtpolitische Zwecke werden analysiert und die Auseinandersetzung mit ihnen gesucht. Frauen sollen bestärkt werden, die tatsächliche Vielfalt an Lebensmöglichkeiten für sich einzufordern und damit Identität selbst zu definieren.

    WLUML ist ein Netzwerk, dessen Offenheit und Fluidität die Autonomie von Gruppen und Individuen gewährt und ihnen erlaubt, unabhängig Strategien zu entwickeln, die den eigenen lokalen Situationen am besten gerecht werden. Es gibt hier keine Ideologie und keinen uniform vertretenen Standpunkt, sondern das Netzwerk bietet diskursiven Raum für einen Feminismus, der lokale und persönliche Partikularitäten erlaubt. Ob es einen muslimischen Feminismus gibt, der sich von anderen Feminismen unterscheidet, ob der Kampf für Emanzipation von säkularem oder religiösem Terrain aus angegangen werden sollte, oder wie Kultur und Tradition am besten mit neuen positiven Inhalten gefüllt werden könnten, wird nicht einheitlich definiert. Und es gibt keine Strategie, die für alle Situationen von Kanada über Algerien bis Indonesien gültig und sinnvoll wäre.

    Keine ideologischen Festlegungen

    Die Positionierungen reichen von Marxismus bis hin zu feministischer Theologie. Ain-o-Salish Kendro in Bangladesch ist beispielsweise ein juristisches Beratungszentrum, Sisters In Islam in Malaysia arbeitet an der Reinterpretation religiöser Texte und die Organisation CADEF in Mali setzt den Fokus auf Gesundheitsthemen und vor allem Genitalverstümmelung. Im Moment werden unterschiedliche Positionierungen der Netzwerker auch in der Frage des Burkaverbots deutlich, und es wird versucht, den internen Debatten auf der Webseite einen Platz zu geben. Der Austausch zwischen den Netzwerkern und das Aufbrechen der dichotomen Logik patriarchaler Diskurse ermöglicht einen gemeinsamen Lernprozess und fortlaufende Inspiration für lokalen Aktivismus. Das Netzwerk dient als Rahmen, in dem Informationen ausgetauscht und Solidarität praktiziert wird. Für viele ist WLUML die einzige Chance, an politisches und juristisches Material zu kommen und über nationale Grenzen hinweg mit anderen Frauen in Kontakt zu sein. Und ein Blick auf die politische Situation vieler muslimischer Staaten, geprägt durch undemokratische Regimes, Menschenrechtsverletzungen und Genderapartheid, verdeutlicht die Radikalität dieser Rebellion. Im Gegensatz zu anderen Identitätsgruppen, die sich beispielsweise auf der Basis von Religion, Ethnie oder Nationalität formieren und die auch Frauen erlauben, an Erzählungen von Größe und Macht teilzuhaben, bedeutet Frauenaktivismus oftmals Verrat und Gefahr.

    An meiner neuen Arbeitsstätte im Büro von WLUML, wo ich damit beauftragt bin, das Archivmaterial aus 25 Jahren für das bevorstehende Jubiläum zu ordnen, wird mir bewusst, was Netzwerkarbeit bedeutet. Plakate mit Aufschriften wie „The best among you is he who is best to his wife“ aus Malaysia oder „There is no honor in killing“ aus Palästina tapezieren die Wände. Und neben einer Weltkarte darf eine Tabelle mit den verschiedenen Zeitzonen nicht fehlen, um Netzwerker aus den USA, Ägypten und Indonesien doch irgendwie gemeinsam zu einer akzeptablen Zeit für eine Telefonkonferenz zu organisieren. Wenn Frauen Zwangsheirat oder Steinigung droht, wenn Kinder entführt, Gesetze missbraucht oder juristische Arbeit behindert wird, werden Kampagnen gestartet, oft gemeinsam mit anderen Organisationen wie amnesty international und rights and democracy. Doch die Kisten, die mich umgeben, zeugen von noch anderen Zeiten. Handgeschriebene Notizen, Briefe und Faxe, die von Frauenschicksalen erzählen, gehen mir durch die Hände. Ich erfahre, welchen Mut es bedeutet, in von Tradition und Religion geprägtem Umfeld, Frauenrechte einzufordern. Es bedeutet, die bisherigen Fixpunkte der Identität, den familiären Rückhalt und die Gruppenzugehörigkeit zu verlieren. WLUML fungiert dann als eine Art Sicherheitsnetz, als Rückhalt und neue Familie, bietet moralische und auch persönliche Unterstützung. Diese Unterstützung, koordiniert durch das ICO, hat viele aus der Isolation befreit und in einflussreiche Positionen gebracht. Die Netzwerkerin Farida Shaheed aus Pakistan ist mittlerweile vom UN Human Rights Council in die Position des Independent Expert on Cultural Rights gewählt worden, Rashida Manjoo aus Südafrika wurde zum UN Special Rapporteur on Violence against Women ernannt. Die Netzwerkerinnen können sich mit Preisen wie dem International Service-Human Rights Award for the Defence of the Human Rights of Women oder dem Human Rights Defenders Tulip Award schmücken.

    LIVING

    Geschlechterbeziehungen bedeuten für jede Gesellschaft ein wichtiges Ordnungs- und Orientierungskonzept. Diese gefestigten Rollen zu verändern ist nun nicht nur eine Frage neuer Definitionen, sondern bedeutet ganz konkret, dass sich die Akteure soziale und ökonomische, kulturelle und politische, physische und psychologische Lebensbereiche neu und ganz individuell aneignen müssen. Dadurch wandelt sich die gesamte Gesellschaft und damit auch die Lebensrealitäten von Frauen.

    Um Geschlechterbeziehungen zu erneuern, braucht es aber nicht nur Abstraktionsvermögen, Inspiration und Fantasie, sondern konkrete Information. Ein Austauschprogramm entsandte bereits im Jahr 1988 18 Frauen aus 14 verschiedenen Staaten für drei Monate in einen bisher fremden, aber muslimisch geprägten Lebensraum. So wurde es den Teilnehmern möglich, das in der eigenen Heimat als sakrosankt islamisch Präsentierte lediglich als kulturell Partikulares zu entlarven. Spezifische Kleiderordnungen und andere durch Verweis auf den Islam legitimierte Praktiken wie Genitalverstümmelung, Kinderheirat, Witwentausch, Ehrenmorde oder auch die Vorenthaltung einer Gesundheitsversorgung konnten als ganz weltlich und menschengemacht erkannt werden. Gleichzeitig wurden aber auch Gemeinsamkeiten im alltäglichen Leben deutlich: die strikte Trennung von Privat und Öffentlich, patriarchale Familienstrukturen und vielschichtige Gewalt.
    Ökonomische, soziale und politische Rahmenbedingungen haben sich mittlerweile verändert und lokale Strategien müssen an neue Herausforderungen angepasst werden. Doch weiterhin ist das Leben von Frauen durch Kontrolle und nicht durch Freiheit gezeichnet. Frauen- und Familienbilder werden fixiert und dienen als Fundament für die Identitätsbildung der Gruppe. Und weiterhin versuchen fundamentalistische Kräfte, die Frauenkarte für sich auszuspielen. Somit sind die damals herausgearbeiteten vier Grundthemen von WLUML nach wie vor gültig und dienen als Leitfaden für neue Projekte: Peace-building und Widerstand gegen den Einfluss der Militarisierung; Bewahrung multipler Identitäten und Aufdeckung von Fundamentalismen; Intensivierung der Debatte über die körperliche Autonomie der Frau; Förderung und Schutz der Gleichberechtigung der Frauen vor dem Gesetz. Weiterhin steht der persönliche Austausch der Netzwerker über Lebensbedingungen und -erfahrungen im Mittelpunkt. Und die neue Vielfalt an Kommunikationsmöglichkeiten hat hier eine neue Dimension und Qualität für konstante und prompte Unterstützung über große geografische Distanzen hinweg geschaffen.

    Dass Feminismus keine westliche Entdeckung ist und dass die essenziellen Komponenten patriarchaler Strukturen sowohl muslimische als auch alle anderen Gesellschaften durchlaufen, ist eine Tatsache. Und dass hier wie dort feministische Ideen, weil sie die bestehende Ordnung hinterfragen, dämonisiert, zurückgewiesen und lächerlich gemacht, als Tradition und Religion verachtend dargestellt werden, ist auch bekannt. Durch meine Arbeit lerne ich, was Engagement für Frauenrechte in verschiedenen Weltregionen wirklich bedeutet. Ich habe eine Biografie von Huda Shaarawi, Pionierin des ägyptischen Feminismus, und Sultanas Dream, eine revolutionäre feministische Utopie, erdacht von Rokeya Sakhawat Hosain im Indien des Jahres 1905, entdeckt. In die Kategorie F meines Katalogsystems gesellt sich neben Titeln wie Feminist Theory of the State und Muslim Women Reformers die WLUML-Publikation Great Ancestors: Women asserting rights in Muslim contexts, die dem Aktivismus von Frauen vom 8. bis zum 20. Jahrhundert nachspürt. F steht für „Feminismus and Women´s Empowerment“. Von Anfang an hat WLUML sich gegen die Repräsentation muslimischer Frauen als unterwürfig, abhängig oder Opfer despotischer Patriarchen gewehrt. Mit der Übersetzung von internationalen feministischen Schriften in lokale Sprachen haben die WLUML-Netzwerker aktiv zur Weiterentwicklung eines globalen Feminismus beigetragen.

    Gerade wurde von WLUML zum vierten Mal das Feminism in the Muslim World Leadership Institute in Dakar veranstaltet. Hier wird der Generationenwandel initiiert und zelebriert. Aktivistinnen der ersten Stunde geben ihr Wissen weiter und junge Frauen bringen ihrerseits Erfahrungen, Bedürfnisse, Notwendigkeiten und Herausforderungen aus ihren Kontexten in die Diskussion mit ein. So bleiben das Netzwerk und die feministische Debatte lebendig und am Puls der Zeit.

    MUSLIM

    Religion ist Privatsache und WLUML definiert sich nicht als eine auf Glaubensfragen ausgerichtete Organisation. Aber Frauen sollen ermutigt werden, Religion mit zu interpretieren und an Diskursen teilzunehmen. Es geht hier um muslimische Wirklichkeiten, von Menschen Gemachtes und damit sozialwissenschaftliche Erörterungen, nicht Theologie. Die Betonung auf Muslime und nicht den Islam in der Namensgebung soll bereits durch die Wortwahl Mythen korrigieren helfen. Denn die Instrumentalisierung von Religion in der politischen Arena hat dazu geführt, dass sich Staaten und Gesetze als islamisch, d.h. durch den Koran ordiniert, präsentieren. Damit werden immer wieder falsche Realitäten gesetzt, und das, was Menschen mit weltlichen Interessen schaffen, ist nicht mehr anfechtbar. Es wird gefordert, zu akzeptieren, ohne zu hinterfragen. Der Fokus verschiebt sich damit von sozialen, ökonomischen und politischen Fragen auf eine scheinbar theologisch-moralische Ebene. Gleichfalls wird die Idee einer kollektiven muslimischen Identität konstruiert. Dass es diese eine Identität sowie den islamischen Staat mit dazugehörigen Gesetzen nicht gibt, bezeugt die Verschiedenheit an historischen, politischen, kulturellen und sozialen Strukturen, die sich in den Gemeinschaften und Staaten der muslimischen Welt manifestieren.

    Nicht gegen den Islam

    Auch muss betont werden, dass nicht der Islam die zentrale Herausforderung im Kampf um Frauenrechte ist. Es gibt viele islamische Theologen, die eine überzeugende feministische Exegese des Koran produziert haben. Und WLUML hat des Öfteren mit traditionellen Ulama zusammengearbeitet, die den produktiven Beitrag von WLUML für die Gemeinschaft der Muslime wertschätzten, sobald sie sich überzeugen konnten, dass hier tatsächlich niemand gegen den Islam arbeitet. Es ist des Weiteren falsch, anzunehmen, dass Religion für alle Frauen eine besondere Rolle spielen würde. Hier wie auch in anderen Teilen der Welt geht es um soziale und politische Realitäten, strukturelle Ungleichheiten, Handlungen und Handlungsmotive.

    Da jedoch ein islamisches Referenzsystem beschworen wird, wenn es um den Lebensraum und die Kontrolle von Frauen geht, kann eine Auseinandersetzung mit der zentralen Quelle, dem Koran, nicht umgangen werden. Das zweite Projekt von WLUML, welches 2004 mit der Publikation For ourselves – Women Reading the Qu´ran beendet wurde, widmete sich dieser Auseinandersetzung. Die Vielfalt an existierenden und noch möglichen Interpretationen des Koran, die hier beschrieben wird, macht Mut, unbequeme Fragen zu stellen.

    Inzwischen bin ich bei dem Buchstaben I angekommen. I steht für „Identity and Sexuality“. Für diese Sektion erreichen das ICO laufend neue Materialien, so dass ich vorbeugend einige extra Regale reserviere. Identitätspolitik, die Definition kollektiver Identitäten und deren Projektion auf Frauenkörper ist ein brennendes Thema, nicht nur innerhalb feministischer Diskurse. Das weite Feld jüngster Debatten reicht von sexuellen Rechten und Orientierungen über Lust und Körperbilder bis hin zu Kleiderordnungen. Die nächste Kategorie J für „Society and Culture“ ist momentan auch sehr gefragt. Die kursierenden Definitionen von Kultur und die diversen kulturellen Manifestationen, die Frauen stärken, aber auch entscheidend schwächen können, müssen analysiert und diskutiert werden. Auch die noch anstehende Sektion V für „Violence Against Women“ wächst ohne mein Zutun. Gewalt gegen Frauen im Bereich der Familie wird nicht mehr verschwiegen, und multiple Manifestationen direkter, indirekter und struktureller Gewalt werden auch als solche benannt. WLUML hat mit Kampagnen reagiert. Momentan laufen die Projekte Women reclaiming and redefining culture und Stop stoning and stop killing women, finanziert durch die UN. So ist das Archiv beständig mit den jeweils aktuellen weltpolitischen Ereignissen und Diskursen gewachsen. Die Notwendigkeit, informiert zu reagieren, hat hier erstaunliche Materialien zusammengeführt. Die Vielfalt der Thematiken spiegelt die Entwicklung der Frauen- und Menschenrechtsdebatten der letzten 25 Jahre. Meine Arbeit ist damit eine historische Zeitreise, die zeigt, wie sich Geschlechterrollen, Diskussionen und Argumentationen im Laufe der Jahre gewandelt haben.

    Identität, Kultur, Gewalt und Frauenkörper – Ayesha Kariapper, Netzwerkerin aus England mit Wurzeln in Pakistan, hat dazu geforscht und WLUML die Ergebnisse nun als Buch veröffentlicht. Walking a tightrope: women and veiling in the United Kingdom behandelt die viel diskutierte Thematik der Verschleierung und wie Kontroversen darüber die Strategien der Betroffenen beeinflusst haben. Noch in den vergangenen Wochen haben wir gemeinsam an letzten Feinheiten, exakten arabischen Transkriptionen und Literaturangaben gefeilt. Nun steht die erste Lesung an der School for Oriental and African Studies in London bevor. Gleichzeitig wird die Ausstellung Dress Codes gezeigt. Von WLUML konzipiert, berichtet sie über Kleiderordnungen in sieben verschiedenen Staaten und Regionen, von Vergangenheit und Gegenwart, über Vorschriften und Praktiken und über Kleider als wichtiger Pfeiler für die Konstruktion einer muslimischen Identität.

    LAWS

    Cover einer WLUML Publikation © WLUMLEs gibt sie nicht, die einheitlichen islamischen Gesetze, keine kodifizierte Shari´a. Aber es gibt vier verschiedene Rechtsschulen, die Kunst der Argumentation und Interpretation verschiedener Rechtsquellen und jahrhundertealte Debatten. In dieser Arena wird die Verschmelzung von Kultur, Religion und Politik von gesellschaftlichen und staatlichen Kräften praktiziert, um Menschen und vor allem Frauen zu kontrollieren. Die Definition von Identität und der Kampf um Macht finden hier statt.

    Der Plural in Laws verweist auf die Vielfalt islamisch definierter Gesetze und die häufig kontroversen Auslegungen. Die Regelung von Verhütung und Abtreibung ist hier ein anschauliches Beispiel. In Algerien wurde diese Frage in den letzten Jahrzehnten je nach politischer Lage unterschiedlich behandelt, in Tunesien ist beides erlaubt, in Bangladesch wird Verhütung, Abtreibung und Sterilisation vom Staat erzwungen. In allen Fällen dient ein islamisches Referenzsystem als Legitimationsbasis. Gleichzeitig existieren aber auch innerhalb der meisten muslimischen Staaten und Gemeinschaften mehrere formelle Rechtssysteme parallel zueinander. Ein säkulares Zivilrecht wird durch religiöses Recht und Gewohnheitsrecht ergänzt. Und es gibt des Weiteren informelle Bräuche und Traditionen, die, internalisiert und eingebunden in die Sozialisation, mit Hilfe von Selbstzensur oder der Androhung physischer und psychischer Strafen eingehalten werden. Die Vielschichtigkeit der Gesetzeslage wird unsauber zu einem Ganzen synthetisiert und als islamischer Gesetzeskodex präsentiert. Den Individuen fehlen häufig genaue Informationen, um Herkunft und Legitimität der angewandten Rechtsmittel zu überprüfen. Der überwiegende Teil des öffentlichen Rechts sowie Handel, Steuern oder Administration orientiert sich an kolonialen und anderen von außen kommenden Gesetzesvorlagen. Fragen, die den Personenstand, die Familie oder die Gruppe betreffen, sowie Bräuche und Traditionen werden dagegen in Gesellschaften, in denen Religion weiterhin einen hohen Stellenwert einnimmt, häufig unhinterfragt auf eine religiöse Ebene gehoben und dort entschieden. Somit werden auch die Personenstands- und Familiengesetze in ein islamisches Referenzsystem eingeordnet und widersprechen damit den zumeist säkularen Verfassungen. Das Beispiel Algerien kann den Widerspruch zwischen nebeneinander bestehenden säkularen und religiösen Gesetzen verdeutlichen. Die Verfassung von 1976 schreibt die rechtliche Gleichheit von Frauen und Männern fest. Gleichzeitig wird konstatiert, dass der Status von Frauen noch verbesserungswürdig sei und dass der Staat u.a. die Änderung des Justizsystems angehen werde. Der Islam wird auf diesem Weg als befreiende und die Gleichberechtigung bestätigende Kraft bezeichnet. Im Jahre 1984 wurden dann die Familiengesetze ebenfalls durch eine FLN-Regierung verabschiedet. Diese Gesetze können als frauenverachtend bezeichnet werden, denn sie schreiben in allen Bereichen von Familie und Personenstand die Unmündigkeit von Frauen und ihre absolute Abhängigkeit von einem männlichen Vormund fest. Obwohl die Familiengesetze 2005 durch die Regierung Bouteflika in einigen Punkten etwas abgemildert wurden, bleibt die grundlegende Ungleichheit fest eingeschrieben.

    Viele Rechtssysteme, eine Ungerechtigkeit

    Das Identitätsangebot für Frauen ist eine beständige Erinnerung an Grenzen, durch Religion, Kultur, Tradition und nicht zuletzt durch Männer definiert. In vielen juristischen Fragen treten immer wieder Gesetzeskonflikte auf, in denen unterschiedliche Rechtsquellen der Entscheidungsfindung dienen könnten. Dass mit erstaunlicher Kontinuität jedoch die Quelle gewählt wird, die Frauen benachteiligt, zeigt, dass nicht islamische Rechtsfindung, sondern die Kontrolle von Frauen intendiert wird. Ein Beispiel aus Pakistan sei hier erwähnt. Scheidung wird überwiegend durch die mündliche Aussprache einer Verstoßung der Ehefrau durch den Ehegatten mit Referenz auf den Islam praktiziert, obwohl das staatliche Recht diese Praxis als legitime Form der Scheidung ablehnt. Im Gegensatz dazu wird im Falle von Eigentumsfragen immer wieder basierend auf altem kolonialem britischen Recht entschieden, welches Frauen die islamisch zugestandenen Rechte auf Erbschaft und eigenen Besitz vorenthält.

    Das Infragestellen, Zurückweisen und Neuformulieren so genannter islamischer Gesetze ist Rebellion und bedeutet die Gefahr, den Rückhalt der Gemeinschaft, ja sogar die bisher gültige Identität zu verlieren. Und da Frauen generell auf nur geringe politische und ökonomische Ressourcen zurückgreifen können, benötigt dieses Unterfangen ganz besondere Courage und eine gute Informationsgrundlage. Diese Grundlage zu bieten, war das Anliegen des dritten Projektes von WLUML Women and law in the muslim world programme 1991 – 2001. In der Dokumentation Knowing our Rights. Women, family laws and customs in the Muslim world wird die Gesetzeslage in 20 Staaten analysiert. Es werden verschiedene Strategien von Frauen sowie positive und negative Trends vorgestellt, mit dem Fokus auf Familiengesetzen. Gleichzeitig war es WLUML wichtig, die Argumentation in den internationalen Menschenrechtsdiskurs einzuordnen, um Staaten zur Rechenschaft zu ziehen und eine solide Legitimationsbasis zu schaffen. Es braucht die Einforderung internationaler Standards, definiert durch CEDAW (Convention on the elimination of all forms of discrimination against women) oder die UN-Menschenrechtsdeklaration, um vom Spezifischen zum Universalen und vom Lokalen zum Globalen zu kommen und somit kulturellem Relativismus die Stirn zu bieten. Zum Beispiel war es hier wichtig, die Debatte um Gewaltformen wie Ehrenmorde, Zwangssterilisierung, Genitalverstümmelung oder Zwangsheirat auf die Ebene der Menschenrechte zu heben und diese als elementare Verletzung von Menschenrechten zu verurteilen.

    Finanzierungsprobleme

    Auch die Arbeit von WLUML steht in unmittelbarer Abhängigkeit zur globalen ökonomischen Lage und der damit verbundenen Geberlaune. Diese hat sich in den letzten Jahren auf staatlicher als auch privater Seite arg verschlechtert, und besonders soziale Organisationen haben mit erheblichen Einschnitten in ihren Budgets zurechtzukommen. Somit muss auch ich meine Arbeit, noch bevor alle Materialien gesichtet und systematisiert sind, beenden. Doch das Katalogsystem steht, und von A für „Islam“ bis Z für „Journals and Newspapers“ spiegelt es den ganzheitlichen Ansatz, die analytische Tiefe, die multiplen Strategien und die globalen Partnerschaften von WLUML wider. Durch die Regalreihen streifend frage ich mich, was WLUML so besonders macht und was mich persönlich eigentlich so fasziniert. Immer wieder hat mich die Größe des Netzwerks, die Vielheit an Verbindungen innerhalb und außerhalb muslimischer oder feministischer Organisationen beeindruckt, die ehrliche Solidarität und das Tempo, mit dem auf Frauenrechtsverletzungen reagiert wird. WLUML hat hier eine Nische gefüllt. Durch die Fühler in verschiedenste gesellschaftliche Schichten in einer Vielzahl von Ländern hatten die Netzwerker auch immer ein gutes Gespür für politische und gesellschaftliche Entwicklungen, so dass frühzeitig mit Analyse und Aktivismus reagiert werden konnte. Die gegenwärtige Herausforderung durch die sich global vernetzenden Fundamentalismen wurde bereits in den 1980er Jahren als zentral im Kampf für neue Geschlechterordnungen, Unabhängigkeit und Identität erkannt. Im Rahmen der vielen Einzelprojekte sind immer wieder neue Organisationen entstanden, wie z.B. das Women´s Resource Centre in Tashkent, die Women´s Research and Action Group in Indien oder Women for Women´s Human Rights in der Türkei. Mittlerweile hat WLUML international einen Ruf als solide Informationsquelle etablieren können, so dass tägliche Anfragen aus Wissenschaftskreisen, von NGOs oder Regierungsstellen beantwortet werden müssen.

    Diese globalen Synergien haben dazu geführt, dass nun gemeinsam das Undenkbare gedacht und eingefordert wird. Doch nach wie vor sind enorme Abwehrmechanismen gegen die Veränderung von Geschlechterrollen wirksam und müssen überwunden werden. Das zeigen die jüngsten Solidaritätsaufrufe für die im Iran zur Steinigung verurteilten Sakineh Mohammadi oder die in Südalgerien gefolterten Migrantinnen.
    Nouria Ali-Tani
    studierte Politik und Islamwissenschaften in Hamburg und arbeitete über die Transformation internationaler Politik aus feministischer Perspektive. Sie lebt gegenwärtig in London.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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