Foto: Kai Wiedenhöfer

    Geschlechterrollen

    Wie ich Scheherazade tötete
    Eine arabische Frau bestimmt ihr Frausein neu

    El Anatsui, Ozon Schicht und Yamswurzeln. Aus der Ausstellung: Who Knows Tomorrow. Neue Nationalgalerie Berlin. ©  Stefan Weidner ‘No change in the everlasting power hierarchy, and no fighting against the demonisation of women and their exclusion from the work, education and struggle camps are possible, without her entering all active fields with the will of her individual choice.’
    Khalida Said

    Ich will den Stier sogleich bei den Hörnern packen.
    Ich stehe als Frau ohne Zweifel meinen Mann, und doch plagt mich kein Penisneid.
    Ich bin eine gutverdienende Karrierefrau, und doch hasse ich es, im Restaurant bei einem Date mit einem Mann die Rechnung zu bezahlen.
    Ich bin eine emanzipierte Frau und bekennender Workaholic, und doch empfinde ich eine Körper- und Gesichtsmassage als ebenso wohltuend und befriedigend wie den erfolgreichen Abschluss eines Arbeitsprojekts. Ich bin eine Intellektuelle, und doch machen mir meine Falten und meine Speckröllchen nicht weniger zu schaffen als der Gedanke daran, den neuesten Kundera noch nicht gelesen zu haben.
    Ich bin nicht oberflächlich, und doch rangieren fettiges Haar, schlampige Kleidung und unrasierte Achselhöhlen bei Frauen auf meiner Missbilligungsskala genauso weit oben wie Silikon in Lippen, Wangen, Brüsten und wo auch immer sonst man das Zeug heutzutage hineinspritzt.
    Ich bin nicht oberflächlich, und doch finde ich schmutzige Fingernägel, Mundgeruch und ungebügelte Hemden bei Männern genauso abtörnend wie einen niedrigen IQ, mangelnden Sinn für Humor und Angeberei.
    Ich ergreife als Frau gern die Initiative, und doch geht mir meine „Erektion“ bei einem Mann ohne Mumm und Knochen genauso schnell flöten wie bei einem urzeitlichen Halbaffen, für den weithin sichtbares Brusthaar, ein schicker Sportwagen und dumpfbackiges Getue unwiderlegliche Beweise seiner Männlichkeit sind.

    Man könnte mich, mit einem Wort, als Fanatikerin der Weiblichkeit bezeichnen. Doch was heißt das eigentlich: Weiblichkeit? Natürlich ist das eine komplizierte Frage. Doch statt mich in umständlichen Erklärungen zu verlieren, will ich meine Sicht von Weiblichkeit kurz und knapp an einem Bild festmachen: am Bild der Schaufensterfront der Boutique von Sonia Rykiel am Boulevard Saint-Germain in Paris, wo die schönsten, stilvollsten und verführerischsten Kleider Seite an Seite mit ausgewählten Werken und Neuerscheinungen von Romanautoren, Denkern, Dichtern und Philosophen feilgeboten werden.

    Mode und Kultur: Nahrung für den Körper und Nahrung für Geist und Seele. Äußere Schönheit und Schönheit im Inneren, die sich wechselseitig ergänzen und bereichern.

    Uns Araber schockiert diese urtümliche Verbindung der Pflege von Äußerlichkeit und Innerlichkeit mehr als jeden anderen. Warum? Weil nach Meinung unserer Intellektuellen jemand, der etwas auf sein Äußeres hält, nur ein seichter Mensch sein kann. Umgekehrt muss jemand, dem die Kultur am Herzen liegt, unbedingt seine äußere Erscheinung vernachlässigen. Schließlich, so wird argumentiert, bliebe einem bei ernstlicher Beschäftigung mit existentialistisch-metaphysischen Fragen des Seins keine Zeit für Körperpflege, ordentliche Bekleidung und ähnliche Belanglosigkeiten des Alltags.

    Die Vorstellung von zwei sich entgegenstehenden Lagern, dem der Schönen auf der einen Seite und dem der Klugen auf der anderen, ist ein allen lebenden Gegenbeweisen zum Trotz auch heute noch weitverbreiteter Irrtum. Wir müssen nach Büchern verlangen, auch in Kleiderboutiquen! Wir müssen Eleganz fordern, auch von Buchgeschäften!

    Hier wie dort besteht eine Notwendigkeit und ein Bedarf, hier wie dort treffen Verlangen und Vergnügen aufeinander, wie überall, wo Frauen sind, und gerade dann.
    Ich für meinen Teil finde nichts großartiger als eine Frau, die siegreich und dennoch als Frau aus ihren Schlachten hervorgeht.

    Das eigene Frausein zu vergessen, der Frau in sich selbst verlustig zu gehen, das nämlich ist das Schlimmste, was einer Frau widerfahren kann inmitten des Kampfes um ihre Rechte, darum, sich Respekt zu verschaffen, zu beweisen, dass sie jeder Aufgabe gewachsen ist, um ihren Platz in der Gesellschaft (besonders wenn es sich um eine Gesellschaft der Dritten Welt handelt).

    Warum ich das sage? Was ich mit dem Frausein der Frau meine?
    Ich sage das, weil manche arabischen (und auch nichtarabischen) Frauen meinen, sie müssten im Kampf um Gleichstellung ihre Weiblichkeit aufgeben. Ich muss aber nicht wie ein Mann aussehen, um eine starke Frau zu sein. Und ich muss nicht gegen Männer sein, um für Frauen zu sein.

    Außerdem mündet doch gerade die Entweiblichung der Frau in die totale Kapitulation vor der Erpressung durch die Männer und ihrer reduzierten Sichtweise der Frau als Summe von Schenkeln, Brüsten, Hintern, Lippen und so fort.

    Noch einmal: Was bedeutet es für eine Frau, eine Frau zu sein? Es hat sicherlich nichts mit dem Tragen von Röcken, Make-up und langem Haar zu tun, jedenfalls nicht in seinem Kern, denn das sind banale Äußerlichkeiten. Es bedeutet nicht, dass sich der Körper der Frau in ein Stück Fleisch verwandelt. Obgleich ich der festen Überzeugung bin, dass jeder, ob Mann oder Frau, mit seinem Körper tun und lassen kann, was er oder sie für richtig hält, empfinde ich das Stereotyp von der Frau als „Stück Fleisch“ als ebenso erniedrigend wie das der verschleierten Frau. In beiden Fällen wird das wahre Wesen der Frau ausgelöscht, sei es, indem ihr Körper zur Ware degradiert wird, sei es durch den Versuch, sie wegzuwischen wie mit einem schwarzen Radiergummi.

    Das eigene Selbst sein

    Frau zu sein bedeutet für die Frau folglich, das eigene Selbst zu sein und sein zu wollen, nicht das Selbst eines anderen und schon gar nicht das Selbst eines Mannes (Vaters, Ehemanns, Liebhabers, Bruders, Sohnes).

    Es bedeutet, dass die Frau dieses Selbst, ihr ureigenes Selbst, mit ihrer ganzen Kraft, in ihrem Unterbewussten, in ihrem Körper wie in ihrem Geist bewahren muss, furchtlos, unerschrocken, ohne Argwohn, ohne Tabus, ohne Scham, ohne jegliche innere oder gesellschaftliche, sichtbare oder unsichtbare Hemmnisse.
    Es bedeutet, dass sie all dies bewahrt, ohne sich darum zu kümmern, ob ein Mann damit einverstanden ist, ob er ihren Erfolg gutheißt oder ihr Scheitern verurteilt.
    Es bedeutet, dass sie nimmt und nicht wartet, dass ihr gegeben werde.

    Niemand nämlich kennt die Frau so gut wie sie selbst, und niemand weiß sie besser zu geleiten. Sie allein hat das Sagen und spricht das letzte Wort über ihren Körper, ihren Geist und ihren Wesenskern. Radikale Religionsanhänger, die sie sich am liebsten aus der Welt wünschten, haben hier ebenso wenig mitzureden wie die radikalen Verehrer der Oberflächlichkeit, die sie zu einem Objekt in einem Schaufenster machen wollen.

    Ich als Frau brauche den Mann, das steht außer Frage. Ich schätze dieses Brauchen, ich akzeptiere es, hege und pflege es und bin stolz darauf. Als Frau bin ich mir bewusst, dass auch der Mann mich braucht. Und auch dieses Brauchen schätze, akzeptiere, hege und pflege ich und bin stolz darauf. Doch jemanden zu brauchen ist etwas völlig anderes als von jemandem abhängig, sein bloßer Anhang und sein Beiwerk zu sein. Die eine Konstellation beruht auf dem Vertrauen in sich selbst und in die Beziehung zueinander, die andere dagegen auf einem unterentwickelten Selbstwertgefühl. In meiner bescheidenen Weltsicht gehen weibliche und männliche Identität Hand in Hand als Verbündete und Gleichgestellte, sie fordern einander heraus, motivieren und unterstützen sich gegenseitig, doch wahren sie dabei immer ihre ungemeine Verschiedenheit voneinander. Wenn da etwas oder jemand ist, dem die Frau gleich wird, dann ist es ihre eigene Wesenheit und Identität und auch nur diese und keine andere. Dann wird sie mit der Essenz ihres Frauseins eins sein, eines Seins in fortwährendem Wandel.

    Unterhalb, oberhalb, außerhalb dieser beständigen Bewegung ist das Nichts. „Das Leben ist ein Prozess des Werdens, eine Verbindung von Zuständen, die wir zu durchlaufen haben. Sich einen Zustand aussuchen und in ihm verbleiben zu wollen führt zum Scheitern. Es kommt dem Tod gleich.“ (Anaïs Nin)

    Im Frühjahr 2008 reiste die spanische Verteidigungsministerin Carmen Chacón zu einem Truppenbesuch in den Südlibanon. Sie war seinerzeit im siebten Monat schwanger. Ich kann mich noch genau an meine Reaktion auf ein Foto von diesem Ereignis erinnern. Es war ein Anblick von seltener Schönheit und Kraft: Mit der ganzen Macht ihrer Fraulichkeit schritt da eine junge, attraktive, schwangere Frau die Reihen „ihrer“ Soldaten ab. Dieses eindrucksvolle Bild brachte meinen Glauben an die Kraft der Weiblichkeit, die Macht der Lilith wunderbar auf den Punkt. Lilith, das ist die Urfrau, die es lange vor Eva gab, wie Adam aus Erde geschaffen. Lilith ist die unabhängige, willensstarke, freie Frau, die nicht blind dem Mann gehorchte und die das Paradies aus eigenen Stücken verließ. Lilith ist die rebellische Frau, die aus Adams Rippe geschaffene Eva dagegen nur ein schwacher Abklatsch.

    Man darf aus meiner Begeisterung über die schwangere Verteidigungsministerin aber nicht den Schluss ziehen, ich würde generell Frauen in der Politik vorbehaltlos unterstützen.

    „Sie waren doch bestimmt für die Präsidentschaftskandidaturen von Segolène Royale und Hillary Clinton?“ wurde ich wiederholt gefragt, und zwar jedes Mal von einer Frau. Groß war auch jedes Mal die Verständnislosigkeit, als ich dies verneinte.

    Ich will meine Gründe erklären. Den Fragestellerinnen ging es nicht um die französische oder amerikanische Politik als solche und um deren Einfluss auf die Situation im Libanon. Über meine Antwort entsetzt waren sie ausschließlich deshalb, weil Segolène Royale und Hillary Clinton Frauen sind und weil sie der Meinung waren, dass allein aus diesem Grund alle anderen Frauen ihre politischen Ambitionen gutheißen und unterstützen müssten. Auf die Gefahr hin, des Verrats am eigenen Geschlecht bezichtigt zu werden, ist für mich der Besitz einer Vagina kein hinreichendes Eignungsmerkmal für ein Amt an der Spitze eines Staates. Blinde Loyalität in Frauenfragen war noch nie meine Sache und wird es niemals sein.

    Natürlich hätte ich nichts dagegen gehabt, wenn Segolène Royale mit ihrer graziösen Eleganz und ihrer humanistischen Denkungsart die französischen Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte. Und natürlich hätte ich Hillary Clinton mit ihrem messerscharfen Intellekt und ihrem eisernen Willen gerne als Präsidentin im Weißen Haus gesehen. Ich hätte ihnen den politischen Erfolg allein schon der Revanche halber für all die anderen Frauen gegönnt, die ihm ihre Weiblichkeit opfern müssen oder ihn umgekehrt nur ihrem guten Aussehen verdanken. Doch bin ich auch der Meinung, dass weder Royale noch Clinton die nötige Erfahrung und Tiefe besaßen, um der Präsidentenrolle gewachsen zu sein. Das hat aber rein gar nichts damit zu tun, dass sie Frauen sind. Hätte ich sie um der Symbolik willen unterstützen sollen, nur weil wir alle drei einen BH anziehen, bevor wir morgens aus dem Haus gehen?

    Nein, nein und nochmals nein zu einer derart oberflächlichen Solidarität, die einer Beleidigung gleichkommt. Frauen haben sehr viel Besseres verdient.

    Die Barbiegeneration

    Beim Stichwort weibliche Solidarität kommt mir eine Meldung in den Sinn, die unlängst meinen Unmut erregte. Im Libanon gibt es neuerdings Taxis nur für Frauen, und viele Angehörige des sogenannten schönen Geschlechts sind hellauf begeistert, auf diese Weise Männern aus dem Weg gehen zu können. Sie sind entzückt von der rosafarbenen Lackierung dieser Frauentaxis und finden es wahnsinnig originell, dass auch am Steuer ausschließlich Frauen sitzen.

    Doch ich als libanesische Frau, als arabische Frau wie auch als Frau im Allgemeinen empfinde diese bonbonfarbenen Mädchendroschken als peinliche Zumutung.

    Sind neuerdings Taxis der Ort gefährlicher Liebschaften? Ist der Libanon auf dem Weg zurück in die strikte Geschlechtertrennung früherer Zeiten? Es ist noch gar nicht so lange her, dass wir uns von getrennten Schulen für Mädchen und Jungen und anderen Erziehungspraktiken lossagten, die Kinder zu gehemmten, komplexbeladenen, unwissenden, zu Verdrängung und Furcht vor dem anderen Geschlecht neigenden Frauen und Männern werden ließen.

    Die Barbiegeneration ist noch nicht ganz überwunden, da droht mit der Generation Girlietaxi schon neues Unheil über uns zu kommen. Das eine mag auf den ersten Blick nicht viel mit dem anderen zu tun haben, doch bei näherem Hinsehen treten Parallelen zutage. Barbiepuppen wie Frauentaxis stehen für konditionierte Verhaltensweisen in der arabischen Welt, über die ich mich schon seit meiner Jugend ärgere, für ein Kategorisierungsverhalten, durch das separate männliche und weibliche Umfelder geschaffen werden. Mädchen werden praktisch von Geburt an von Eltern und Verwandten mit Puppen in allen erdenklichen Varianten überhäuft: eine für den Tag, eine für die Nacht, eine für den Nachmittagstee, eine für die Hochzeitsplanung (durch die das Leben eines arabischen Mädchens überhaupt erst Sinn und Zweck erhält).

    Jungen dagegen schenkt man Spielsachen, die als typisch männlich gelten: Autos aller Art, Soldaten und Panzer aus Plastik, Schwerter und Schreckschusspistolen. Selbst heute noch setzen sich nur wenige Eltern über solche überkommenen Vorstellungen hinweg und fallen nicht auf ihre Verlockungen herein. Wohin man sieht, tragen Mädchen rosa und Jungen blau. Mädchen sollen zart, friedlich, besonnen und gehorsam sein (vor allem letzteres), Jungen dagegen dürfen wild und ungestüm und ruhig auch ein bisschen aufsässig sein, handfeste Kerle eben.
    Ich habe Puppen immer gehasst. Keine konnte mich je in ihren Bann schlagen, Barbie nicht und auch nicht ihre Schwestern. Ich bin nie, selbst dann nicht, als ich zu bewussten Entscheidungen noch gar nicht in der Lage war, dem Archetypus der Weiblichkeit aufgesessen, der uns von der Gesellschaft aufgezwungen wird und der unsere Persönlichkeit, unser Verhalten und unser Denken einengt.

    Ja, ich bin eine Frau, bin es in aller Selbstverständlichkeit, mit Stolz, ohne Einschränkungen und in allerhöchstem Maße. Aber in Gottes Namen, schaff mir endlich dieses Rosa samt allen zugehörigen Klischees aus den Augen! Ich weiß noch, wie ich einmal mit einem Onkel aneinandergeriet, der es gewagt hatte, mir zum Geburtstag eine Miniaturküche, komplett mit Waschmaschine und Bügeleisen, zu schenken. Ich fühlte mich mit meinen gerade einmal acht Jahren durch dieses Geschenk gekränkt und nicht für voll genommen. Ich habe nichts gegen Kochen, Waschen, Bügeln und Hausarbeit im Allgemeinen einzuwenden. Ich habe sogar größten Respekt vor Frauen, die ihre Zeit auf diese Weise der Fürsorge für ihre Familien widmen (wie etwa meine Mutter, der ich in dieser Hinsicht viel zu verdanken habe). Ich finde auch nicht, dass man unbedingt Karriere machen muss, um als Frau etwas zu leisten und erfolgreich und emanzipiert zu sein. Worum es mir hier geht, ist die eigene Entscheidung, die allein den Unterschied zwischen einer unterdrückten und einer freien Frau ausmacht. Wenn eine Frau kocht, weil es ihrem Wunsch entspricht und sie sich dafür entschieden hat, habe ich nicht das Geringste daran auszusetzen. Sehr wohl habe ich aber etwas dagegen, wenn eine Frau kocht, weil man es von ihr erwartet und ihr als Frau keine andere Wahl lässt.

    Dem missglückten Geburtstagsgeschenk meines Onkels lag der unbewusste Wunsch zugrunde, dass ich dem von einer patriarchalischen Gesellschaft vorgegebenen Stereotyp von Weiblichkeit entsprechen möge. Gemäß diesem Stereotyp hat die Frau zu kochen, zu putzen, zu waschen und zu bügeln und ansonsten geduldig darauf zu warten, dass der Mann von der Arbeit nach Hause kommt, aus dem Krieg zurückkehrt, aus der Politik, vom Denken, dem Leben dort draußen in der Welt.

    Ich will für all das nicht die Männer allein verantwortlich machen. Auch wir Frauen tragen erheblich dazu bei, dass die Dinge so sind, wie sie sind. Wir dürften uns nicht mit Warten begnügen, sei es auf eine Gelegenheit, eine Chance, ein Ereignis oder auch auf einen Mann. Wir müssen uns aufrichten, unseren Weg gehen, nach dem greifen, was wir uns wünschen, und es uns nehmen.
    Zumindest müssen wir es versuchen.

    Sind Männer nötig?

    Pascale Marthine Tayou, Koloniale Erektion, 2010 (Ausschnitt). Aus der Ausstellung: Who Knows Tomorrow. Neue Nationalgalerie Berlin. © Stefan Weidner„Ich bekämpfe nicht die Männer, sondern ich bekämpfe das System, das sexistisch ist.“ (Elfriede Jelinek) – Vor gut fünfzehn Jahren trat das Buch Männer sind vom Mars, Frauen sind von der Venus des Autors John Gray von den USA aus seinen Siegeszug auf die weltweiten Bestsellerlisten an. Auch in der arabischen Welt galt es vielen als eine Art Heiliger Gral der Beziehungen zwischen Männern und Frauen, als der Weisheit letzter Schluss in allen Bindungs- und Ehefragen. Ich muss gestehen, dass ich mir, obgleich damals erst Anfang zwanzig, bei der Lektüre dieses „Leitfadens zur Verbesserung der Kommunikation zwischen den Geschlechtern“ das eine oder andere bitterböse Lächeln über die wunderbar einfachen Patentlösungen nicht verkneifen konnte, die das Buch für alles und jedes bereithielt und die in ihrer verführerischen Eingängigkeit nur von der Abgegriffenheit der dahinter verborgenen Klischeevorstellungen übertroffen wurden.

    In der Naivität seiner Darstellung der Geschlechterverhältnisse, mit all seinen lächerlichen Vorurteilen, seinen vorgefertigten Antworten und seinen wohlmeinend-dümmlichen Ratschlägen schien mir dieses Machwerk seinerzeit einen absoluten Tiefpunkt zu markieren. Doch dann las ich Are Men Necessary? von Maureen Dowd, ihres Zeichens Kolumnistin der New York Times, und ich wusste, ich hatte mich geirrt. Es ging in der Tat noch schlimmer. Grays groteske Verallgemeinerungen und simpel gestrickte Theorien über das „historische Missverständnis“ zwischen Männern und Frauen (die in mancherlei Hinsicht an Samuel Huntingtons „Kampf der Kulturen“ erinnern) toppt Dowd noch mit ihren kämpferischen Platitüden und hetzerischen Beispielen. Ihren Thesen haftet etwas Klaustrophobisches an, und man kommt als Leser nicht um die Schlussfolgerung herum, dass es der Autorin gar nicht so sehr um die Sache der Frau geht als vielmehr darum, den Mann durch gezielte Provokationen und durch Gehirnwäsche zu vernichten.

    „Sind Männer nötig?“ fragt Maureen Dowd. „Natürlich nicht!“ antwortete in höchster Verzückung eine arabische Journalistin, die das Buch damals rezensierte. Zum Beleg zitierte sie eine Meldung, wonach es amerikanischen Wissenschaftlern gelungen sei, aus weiblichem Knochenmark künstliches Sperma herzustellen. Damit wären alle Voraussetzungen gegeben, dass Frauen selbständig und ganz ohne männliche „Einmischung“ Kinder bekommen könnten.

    Meine scharfblickende Kollegin sah mit diesem Durchbruch „die Rache der Frau, die Vergeltung für Elend und Unterdrückung“ gekommen. Dabei vergaß sie allerdings, dass sich die Rolle des Mannes im Leben der Frau keineswegs auf das Befruchten ihrer Eizellen beschränkt. Wie so viele andere arabische Frauen, die ihre Probleme allzu gern auf Männer schieben, verschließt sie die Augen vor der Tatsache, dass die Schuld an der Situation der Frau auch bei ihr selbst liegt, wenn sie sich ihrem Schicksal ergibt und sich mit Jammern begnügt, statt etwas für die Verbesserung ihrer Lage zu unternehmen.

    Natürlich will ich nichts verallgemeinern und meinem eigenen Geschlecht gegenüber nicht unbarmherzig, verständnislos oder ungerecht sein. Ich weiß nur zu gut, was Frauen in manchen radikalen Teilen der arabisch-muslimischen Welt tagtäglich an Schrecklichem erdulden müssen. Zu den entsetzlichsten Praktiken überhaupt zählen für mich die sogenannten „Ehrenmorde“ (schon die Bezeichnung ist abscheulich) an Frauen, die die Familienehre beschmutzen, indem sie Sex vor der Ehe haben, vergewaltigt werden, die Scheidung wollen oder gegen den Willen ihrer Familie heiraten. Die für die Frau „verantwortlichen“ Männer werden durch die Verletzung ihrer Ehre vermeintlich selbst zu Opfern, der Mord an ihr gilt folglich als Notwehr. Ein Fall unter vielen ist der von Kifaya Husain aus Jordanien, die am 31. Mai 1994 im Alter von 16 Jahren von ihrem 32-jährigen Bruder an einen Stuhl gefesselt wurde. Dann schlitzte er ihr die Kehle auf. Ihr Verbrechen bestand darin, von einem älteren Bruder vergewaltigt worden zu sein.

    Gar nicht erst anfangen will ich von der weiblichen Beschneidung und ihrem gemeinen und hinterhältigen Ziel, der Frau ihr Recht auf Lust zu nehmen. Auch nicht von den arrangierten Zwangsehen kleiner Mädchen, die kaum alt genug sind, Vater-Mutter-Kind zu spielen. Die Liste der schrecklichen Untaten und Ungerechtigkeiten ist einfach zu lang.

    Trotz alldem finde ich es ärgerlich, dass so viele arabische Frauen sich damit begnügen, das ihnen zugefügte Leid zu beklagen, statt in der Realität des Alltags nach Lösungen zu suchen oder wenigstens nach einem Hoffnungsschimmer Ausschau zu halten. „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“ ist nämlich nicht nur ein schönes Sprichwort.

    Nicht immer sind zudem Männer die schlimmsten Feinde der Frauen. Ich kenne Frauen, die andere Frauen hassen, die sich gegen sie verbünden und sie unerbittlicher als jeder Mann bekämpfen: Mütter, die schweigend mit ansehen, wie Väter ihre Töchter vergewaltigen. Die eifrig nach Ehemännern für ihre dreizehnjährigen Töchter suchen. Die ihren Töchtern eine ordentliche Schulbildung mit dem Argument verwehren, diese seien ohnehin für die Ehe bestimmt und den Aufwand nicht wert. Die ihre Söhne zu Einstellungen gegenüber Frauen erziehen, die noch mehr von Diskriminierung und Respektlosigkeit geprägt sind als die ihrer Väter.

    Normalerweise hüte ich mich vor pauschalisierenden Aussagen über Frauen und Männer. Ich lehne sie ab, weil sie zumeist naiv und wenig stichhaltig sind. Doch notwendige Selbstkritik ist etwas völlig anderes als krankhafte Selbstverachtung, auch wenn der Unterschied gern ignoriert wird. Kann man denn als Frau nur entweder eine eingeschworene Gegnerin aller Männer oder deren willfährige Verbündete sein, und das jeweils aus unstimmigen und falschen Gründen? Ich erlaube mir, zu hysterischen Männerhasserinnen ebenso auf Distanz zu gehen wie zu den vielen apathischen oder freiwillig sich unterordnenden Frauen, und möchte hier auf eine Reihe häufig missachteter, grundlegender Rechte hinweisen.
    Auf das Recht der Frau auf eine starke, intelligente und unabhängige Weiblichkeit, ohne sich dabei kämpferischer Parolen bedienen zu müssen.
    Auf das Recht der Frau auf ein friedliches Auskommen mit Männern, ohne dass dies als Unterwerfung oder Gefügigkeit gewertet wird.
    Auf das Recht der Frau auf Gleichstellung mit dem Mann, ohne sich deshalb auf Debatten um Gleichmacherei und Vorherrschaft einlassen zu müssen.
    Auf das Recht der Frau, sich über einen Strauß roter Rosen zu freuen, auch wenn sie sich, um ihn entgegenzunehmen, erst das Motoröl des Traktors von den Händen wischen muss, den sie von Berufs wegen lenkt und wartet.
    Vor allem aber auf das Recht der Frau, nicht blind der Menge zu folgen, auf ihre eigenen Entscheidungen zu bauen, selbstbewusst ihre kleinen Kämpfe auszufechten und ihren ganz privaten Garten zu bestellen.

    „Wir müssen bestimmt sein in unseren Wünschen und Entscheidungen, um existieren zu können. Mittelwege führen nur in die Selbstzerstörung.“ (Djamila Bouhired) – Die Gleichstellung von Frau und Mann kann, und damit komme ich wieder an meinen Ausgangspunkt zurück, nicht auf dem Weg von Forderungen und Verhandlungen erreicht werden, sondern allein durch Geltendmachung. Oft sind Frauen gerade wegen ihrer Forderungen nach Gleichberechtigung die Benachteiligten. Wer etwas verlangt, begibt sich automatisch in die Rolle des Bittstellers und damit des Schwächeren. Indem die Frau Gleichstellung für sich einfordert, erhebt sie die Gegenseite in den Rang einer Instanz, die ihr diese gewähren oder verweigern kann. Wir müssen daher diese Gleichheit als elementar, als gegebene Tatsache betrachten (was sie ja auch ist) und uns danach verhalten. Ich weiß, dass dies nicht immer den Gegebenheiten der Wirklichkeit entspricht, vor allem dort nicht, wo Frauen von Gesetzes wegen diskriminiert werden. In vielen kleinen Alltagsdingen kann dieser Ansatz dennoch weiterhelfen und sehr wohl etwas verändern. Langfristig lassen sich auf diese Weise sogar Gesetze und Verfassungen beeinflussen.

    Worauf es ankommt, vor allem in der arabischen Welt, ist, dass die Frau in vielen kleinen einzelnen Schritten ihr Leben feste Kontur gewinnen lässt, ohne sich irgendetwas von irgendjemandem zu erwarten, ohne als Projektionsfläche für fremde Erwartungen herzuhalten. Es geht für sie darum, ihre verworrene, ihr abspenstig gemachte Identität wiederzugewinnen. Die Rückeroberung jener unbekannten, verschleppten Identität, jenes kompromittierten Geschöpfs, das unter dem Einfluss verschiedenster Formen von Angst, Konditionierung und Frustration zu einem Zerrbild seiner selbst wurde, ist der schwerste Kampf, den eine Frau zu kämpfen und zu bestehen hat.

    Die allzu leichten Scheinsiege in diesem Kampf, die man uns Frauen als Trostpreise, zur Ruhigstellung oder als Bestechung gewährt, sind in Wirklichkeit Zeitbomben und sollen uns nur über gefährliche Kompromisse hinwegtäuschen. Wir tun gut daran, sie abzulehnen.

    Es geht um alles oder nichts. Wir müssen, ob siegreich oder nicht, als wir selbst aus diesem Kampf hervorgehen, uneingeschränkt und unverfälscht, ohne faule Geschäfte und Kompromisse in Bezug auf unser Frausein einzugehen. Hierin sehe ich die neue arabische Weiblichkeit, vielleicht sogar die neue universelle Weiblichkeit, die wir heute brauchen. Eine Weiblichkeit, die ihre Wahrhaftigkeit nicht fürchtet, nicht ihre Stärke, ihre Zerbrechlichkeit, ihre Unersättlichkeit, ihre Schwäche, ihre Ungezähmtheit, ihre Weichheit, ihre Verluste, ihre Neugier, ihre Ehrlichkeit, ihre Verrücktheit, ihre Fehler, ihre Begabungen, ihre Schönheit, ihre Sprache, ihre Macht, ihre Extreme, ihre Experimente, ihre Widersprüche, ihre Jugend, ihre Reife.
    Kurzum, eine Weiblichkeit, die sich selbst nicht fürchtet.

    Ich bilde mir gewiss nicht ein, ein Vorbild zu sein, dem es zu folgen gilt. Ich bilde mir nicht ein, eine Vorkämpferin zu sein, wofür auch immer. Schon gar nicht bilde ich mir ein, im Besitz von Antworten zu sein. Ich bin ganz im Gegenteil nichts als meine eigenen Fehler und Irrtümer, meine Fragen, Zweifel... und Träume.
    Joumana Haddad, 1970 in Beirut geboren,
    ist als Schriftstellerin vor allem für ihre Gedichte bekannt. Sie ist die Gründerin von Jasad, der ersten arabischen Zeitschrift, die sich mit Fragen zum Thema Körper befasst. Dieser Text ist ein Auszug aus ihrem Buch Wie ich Scheherazade tötete, das in diesem Jahr im Hans Schiler Verlag, Berlin, erschien.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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