Foto: Kai Wiedenhöfer

    Geschlechterrollen

    Modisch, doch unverkennbar islamisch
    Eine neue Kleidungsgewohnheit in Europa

    Islamic Fashion © Zeynap Ich verzichte darauf, das Thema durch Begriffe wie „Wahl vs. Zwang” einzugrenzen und somit der Frage nachzugehen, ob die betroffenen Frauen wählen, ob sie ein Kopftuch tragen oder nicht, oder ob sie dazu gezwungen werden – wie es oft in der öffentlichen Debatte der Fall ist. Stattdessen beginne ich damit, festzustellen, dass Kleidungsgewohnheiten immer verschiedene Maße von Konformität und Unterscheidung mit sich bringen. Ebenfalls beschäftige ich mich nicht mit doktrinären Fragen darüber, ob die islamischen Quellen das Tragen einer Ganzkörperbedeckung für muslimische Frauen als empfehlenswert oder sogar verpflichtend ansehen, wie ein weiterer Fokus der öffentlichen Debatte es tut. Stattdessen möchte ich über die vielfältigen Weisen sprechen, wie Frauen selbst die zwei Welten der Religion und der Mode miteinander verknüpfen, basierend auf Beobachtungen wechselnder Kleidungsstile und auf umfangreichen Gesprächen mit Frauen, die eben diese Kleidungsstile tragen.

    „Islamische Mode” als globales Phänomen

    „Islamische Mode” ist einerseits ein Konzept, das sehr rasch eine weitverbreitete Anwendung gefunden hat, wie eine schnelle Suche im Internet zeigt. Andererseits ist sie eine Kleidungsgewohnheit, die gleichzeitig von islamischen Ansichten inspiriert und vom Modediskurs strukturiert wird. Woher stammt diese Islamische Mode?

    Nachdem im Laufe des 20. Jahrhunderts europäische Kleidungsstile allmählich auch Teile der muslimischen Welt erreichten, begann mit dem Aufkommen der Islamischen Renaissance in den frühen siebziger Jahren eine zunehmende Anzahl an Frauen, vorwiegend jung und gut gebildet, islamische Kleidung zu tragen, die ihren ganzen Körper bedeckt (auch hijab genannt). Dieser neue Trend, der in der wissenschaftlichen Literatur oft als „die neue Verschleierung“ (MacLeod 1991) bezeichnet wird, begann als eine oppositionelle Volksbewegung, die vor allem bei Studenten sehr beliebt war. Als Kritik an der zunehmenden Säkularisierung des alltäglichen Lebens, stellte dies eine Art Widerstand gegen die westliche Vorherrschaft sowie gegen die lokalen autoritären Regimes und die zunehmend materialistisch orientierte Kultur dar (Deeb 2006, El-Guindi 1999, Göle 1996, Mahmood 2005). Viele der Beteiligten drückten den Wunsch aus, dass die neue Verschleierung die Mode und besonders die Unterschiede zwischen den Reichen und den Armen abschaffe, die sich durch die Kleidung zeigten (Navaro-Yashin 2002; Sandikçi und Ger 2007). Als Teil dieses Trends bildete sich eine Art Uniform und ein einfacher Stil der Ganzkörperbedeckung heraus.

    Allerdings dauerte es nicht lange, bis sich modischere Stile aus diesen einfachen, strengen und eindeutig nicht-modischen Formen der islamischen Kleidung entwickelten. In den späten achtziger und in den neunziger Jahren wurde die islamische Renaissance weitaus heterogener, als sie begann, sich von einer radikalen Anti-Kosumbewegung in eine individualisierte und fragmentierte Reformströmung zu verwandeln, die ihre Identität zunehmend aus dem Konsum bezog (Navaro-Yashin 2002). Dies führte zu einem stärkeren Modebewusstsein bei den jüngeren, wohlhabenderen islamischen Frauen, zu einer größeren Heterogenität von islamischen Kleidungsstilen und generell zu einer Normalisierung der islamischen Mode (Abaza 2007; Kiliçbay und Binark 2002; Sandikçi und Ger 2007). Gleichzeitig fand in Milieus, wo die den ganzen Körper bedeckende Oberbekleidung während des zwanzigsten Jahrhunderts normgebend geblieben war, eine Entwicklung hin zu modischeren Kleidungsstilen statt. Obgleich die Literatur über Verschleierung und Mode die Entstehung der islamischen Mode überwiegend von solch streng oppositionellen Formen der islamischen Kleidung hergeleitet hat, hat beispielsweise die Arabische Halbinsel darüber hinaus die weitverbreitete Kommerzialisierung der durchschnittlichen Ganzkörperbedeckung, wie abayas, jilbabs und Kaftane, miterlebt, mit einer zunehmend schnellen Veränderung dessen, was als modern angesehen wird. (Al-Qasimi 2010; Moors 2007).

    Das Ergebnis ist die Entstehung eines globalen Marktes für islamische Mode. Mit dem Wandel von eher strengen hin zu moderneren Stilen, wurde die Herstellung islamischer Mode ein lukrativer, nicht mehr offenkundig ideologischer, kommerzieller Bereich. Anfang der Neunziger begannen islamische Fashion-Shows, sich über den Globus zu verbreiten, nachdem die Türkei in diesem Bereich als Trendsetter den Anfang gemacht hatte (Navaro-Yashin 2002). In den Fashionzentren, wie in Dubai, Indonesien und Malaysia, sind avant-garde-Designer (Muslime und Nicht-Muslime) zusammengekommen, um an einer Vielzahl von Fashion-Wettbewerben teilzunehmen. Es gibt überall Kataloge mit islamischer Mode, und zudem hat sich eine Menge an neuen Frauenmagazinen entwickelt, die besonders diejenigen versorgen, die nach modischen Stilen der islamischen Kleidung suchen. Der virtuelle Raum ist ein weiterer Ort, wo das Begehren nach islamischer Mode geschaffen und verbreitet wird. Seit den späten Neunzigern begannen Internetshops, die islamische Mode anbieten, sich stark zu vermehren. Besonders unter denjenigen, die kein islamisches Einkaufszentrum in der Nähe haben, sind sie sehr beliebt; junge Muslime und generell Muslime in Europa sind eine ihrer Zielgruppen.

    Das holländische Beispiel

    In diesem globalen Bereich der islamischen Mode ist Europa eher ein Nachzügler. An Orten wie den Niederlanden ist es seit den späten Neunzigern der Fall, dass junge Frauen – oft Töchter von Gastarbeitern und seltener Flüchtlinge und Konvertiten – sich einem Stil zugewendet haben, der gleichzeitig modisch und leicht als islamisch zu erkennen ist. In der Regel gebildeter als ihre Mütter, stärker an ihrer Religion interessiert, und sei es nur, weil sie als Musliminnen angesehen werden, mit einem eigenen Einkommen (sogar, wenn sie noch zur Schule gehen), haben diese Mädchen ein lebhaftes Interesse daran, sich mit modischen islamischen Kleidungsstilen auseinanderzusetzen. An dieser Stelle muss betont werden, dass viele junge Musliminnen in Europa kein Kopftuch tragen und daher nicht leicht als Musliminnen zu erkennen sind. Manche von ihnen sehen es als problematisch an, eine Verbindung zwischen der Religion und bestimmten Kleidungsstilen zu schaffen, das sie die Religion als eine Angelegenheit des privaten Glaubens ansehen. Andere bewerten das Tragen eines Kopftuches positiv, tragen aber selbst nicht regelmäßig eines. Frauen, die ein Kopftuch tragen, können vielfältige Ansichten über den Zusammenhang von Kleidung und Religion vertreten. Für manche drückt ein besonderer Kleidungsstil eine bestimmte Identität aus, während andere die Ganzkörperbedeckung als die modische Gestaltung des eigenen frommen Selbst betrachten. Letztlich gibt es auch Frauen, die islamische Mode als Widerspruch in sich ansehen. Für sie ist der Islam als Reich des Spirituellen und des Heiligen, mit seinen ewigen Werten und Tugenden, unvereinbar mit den profanen, verschwenderischen Belangen einer ewig wechselhaften Mode. Dennoch zeigt die wachsende Präsenz von Produzenten, Designern und Frauen, die modische islamische Kleidung tragen, dass eine beträchtliche Anzahl an Akteuren in diesem Bereich es nicht problematisch findet, Islam und Mode zu kombinieren.

    Im Folgenden konzentriere ich mich darauf, wie diese jungen Frauen sich mit der Verknüpfung von Religion und Mode im Alltag beschäftigen. Zuerst werde ich auf die Frage eingehen, ob es als eine Verlagerung von einer Ungezwungenheit, die in religiösen Überzeugungen wurzelt, hin zu einer solchen, die auf einer geteilten Ansicht über Ästhetik und Stil beruht, angesehen werden kann, wenn man sich modischeren Kleidungsstilen zuwendet. Im anschließenden Abschnitt bespreche ich dann, wie ihre visuelle, körperliche Gegenwart in der Öffentlichkeit sich zu den öffentlichen Debatten über den Islam in Europa verhält. Dies werde ich mithilfe von Überlegungen über die Berichte der Kleidungsgewohnheiten dreier Frauen machen, die sich auf die Darstellung der jeweiligen modischen, dennoch erkennbar islamischen Stile konzentrieren. Obwohl diese Geschichten nicht als repräsentativ für Frauen in den Niederlanden, die islamische Mode tragen, angesehen werden sollten, liefern sie dennoch ein besseres Verständnis der unterschiedlichen Arten, wie junge muslimische Frauen islamische Bekenntnisse und die Welt der Mode zusammenbringen.

    Überzeugungen und Modestile – drei Beispiele
     
    Die Welt der Religion, mit ihren ewigen, tiefgründigen Werten, und die Welt der Mode, die sich um Oberflächlichkeit dreht und immer in Bewegung ist, erwecken leicht den Eindruck, als könnte man sie nicht zueinander in Beziehung setzen. Wie also kombinieren junge Frauen, die Ganzkörperbedeckungen tragen, Islam und Mode? Bringt die Hinwendung zu modischeren Stilen der islamischen Kleidung eine Abwendung vom religiösen Bekenntnis und der religiösen Ethik hin zu „taste communities“ und deren Ästhetik mit sich? Drei kurz zusammengefasste Kleidungsgeschichten weisen in verschiedene Richtungen.

    Feride, eine Migrantin aus einem armen Dorf, die ihr Haar gewohnheitsgemäß bedeckte, „ohne Gefühl für Stil oder Interesse an Mode“, wie sie es selbst ausdrückte, begann in ihrer späten Jugend mit der Veränderung ihres Stils, als die wirtschaftliche Situation ihrer Familie sich etwas besserte. Mit ihren schicken, eleganten körperlangen Kleidern und den dazu passenden Kopftüchern, ist sie als ganz bewusst muslimische Berufstätige ein überzeugendes Beispiel eines sozialen Aufstiegs. Nachdem sie sich selbst als „religiös Türkisch“ neu definiert hatte, richtet sich ihr Heimatgefühl jetzt eher auf das kosmopolitische Istanbul als auf den Osten der Türkei, woher ihre Familie stammt. Für sie ist die Bedeckung eine „Form der Verehrung des Schöpfers, eine Form der Hingabe“. Sie ist sich darüber im Klaren, dass nicht alles, was sie trägt, („klickende Absätze”, ein Rock mit einem Schlitz) islamisch akzeptabel ist, betrachtet dies aber nicht als ein großes Problem. Danach gefragt, ob die Ganzkörperbedeckung für sie auch als Vermeidung der Anziehung männlicher Aufmerksamkeit von Bedeutung ist, antwortete sie direkt, dass sie sich nicht in der Verantwortung für männliche Gefühle sieht.

    Malikas Kleidungsentwicklung verlief hingegen ganz anders. Die Tochter marokkanischer Migranten hat bereits alle Arten unterschiedlicher jugendlicher Stile ausprobiert – diese reichten von einer „Gangsta“-Phase zu einer eher eleganten, aber freizügigen Kleidung – bevor sie sich zuerst für das Tragen eines Kopftuches entschied und schließlich für körperlange Outfits mit einem großen Schleier in dezenten Farben. Für sie ist es eine Befolgung der koranischen Verpflichtungen, eine Ganzkörperbedeckung zu tragen, es ist der letzte Schritt eines Prozesses, der weitere verkörperte Formen der Religiosität – wie tägliche Gebete, der Verzicht auf das Händeschütteln mit Männern und der Verzicht auf das Hören von Musik – beinhaltet. Es ist ihr Ziel, dem Beispiel der ersten Generationen von Musliminnen zu folgen. Darüber hinaus beabsichtigt sie, durch ihren Kleidungsstil zu der Schaffung einer asexuellen öffentlichen Präsenz beizutragen. 

    Lisa, die Tochter einer hindustanisch-pakistanischen Familie der unteren Mittelklasse, erklärte, dass ihr Schritt zur Bedeckung das Ergebnis einer langen mentalen Reise auf der Suche nach der wirklichen Bedeutung des Islam für die Frauen war. Nachdem sie mit einem eher konservativen durchschnittlichen, aber nicht erkennbar islamischen Kleidungsstil aufgewachsen war, wandte sie sich als Jugendliche einem eher sportlichen und städtischen Stil zu. Als ihre Hingabe zum Islam sich weiter entwickelte und sie sich in einer muslimischen Studentenorganisation engagierte, begann sie allmählich, ihren städtischen Stil mit einem Kopftuch zu kombinieren, indem sie Jeans trug (aber nicht zu eng), eine Tunika, Turnschuhe und dazu stets einen Kapuzenpullover. Sie versteht die Bedeckung ihres Körpers als eine Art, ihre Liebe zu Gott auszudrücken, und ihre Überzeugungen erlauben ihr eine große Auswahl islamischer Kleidungsstile.

    Diese drei Beispiele zeigen, dass obwohl diese jungen Frauen unterschiedlich über den Zusammenhang ihrer religiösen Überzeugungen und ihrer Kleidungsgewohnheiten berichten, sie ihren Kleidungsstil in enge Verbindung zum Islam bringen. Sie alle betrachten ihre Art, sich zu kleiden, als eine physische religiöse Handlung par excellence. Obwohl sie den Islam auf unterschiedliche Art und Weise ausüben, verwenden sie alle eine stark reflexive Sprache, mit der sie sich von den gewöhnlichen Formen der Religiosität distanzieren, und betonen stattdessen, dass ihre Entscheidung auf einer gut informierten Wahl beruht. Erst wenn der Fokus sich von der Diskussion über Ganzkörperbedeckung als eine allgemeine Kategorie hin zu den besonderen Kleidungsstilen der jungen Frauen verschiebt, tritt die Relevanz der „taste communities“ und deren jeweilige Ästhetik  hervor – denn die Outfits, die sie tragen, sind auffallend unterschiedlich. Feride fühlt sich am wohlsten, wenn sie elegante Kombinationen aus bodenlangen Röcken und schön geschnittenen Jackets aus hochwertigem Material trägt, die oft aus der Türkei sind. Sie achtet darauf, dass sie passende Kopftücher trägt, aber ihr gefällt der Stil vieler jüngerer türkischer Mädchen nicht, die Untertücher und andere Materialien benutzen, um eine große und voluminöse Kopfform zu schaffen. Ihr Stil ist persönlicher, inspiriert von den verschiedenen Arten der Verschleierung, die im Osten der Türkei verbreitet sind. Im Gegensatz dazu ist Lisa nicht an Eleganz oder an Absatzschuhen interessiert. Sie beschreibt ihren Stil als lässig, sportlich, städtisch und cool. Meistens trägt sie eine Jeans, darüber eine Tunika oder Bluse und „immer einen Kapuzenpullover, kombiniert mit einer coolen Tasche und Nikes“. Nur zu besonderen Anlässen innerhalb der holländisch-pakistanischen Gemeinschaft trägt sie gelegentlich shalwar qamiz, das aus Pakistan stammt. Malikas Outfit ist am wenigsten vielfältig. Sie trägt ein langes, lockeres, den gesamten Körper bedeckendes Kleid, das von einer Schneiderin gemacht wurde, die auf diese Art der Kleidung spezialisiert ist. Dazu trägt sie einen sehr langen, alles verhüllenden Schleier, manchmal auch Handschuhe. Dennoch hat Malika ihr früheres Interesse an Mode noch nicht vollkommen aufgegeben: Unter ihrem langen Überkleid, das gut geschnitten und mit Bestickungen und anderen Dekorationen verziert ist, trägt sie modische Markenjeans.

    Mit anderen Worten: Diese Frauen befolgen durch ihre Kleidungsgewohnheiten eine religiöse Pflicht und haben gleichzeitig Teil an bestimmten „taste communities“. Der Stil, für den sie sich entscheiden, ist nicht nur das Ergebnis davon, was sie als islamisch akzeptabel ansehen; es geht auch um andere Elemente. Indem sie einen bestimmten Modestil tragen, kleiden sie sich nicht einfach nur in religiöser Sicht modisch, sondern gleichzeitig stellen sie andere Aspekte ihrer Persönlichkeit dar, darunter diejenigen, die Klassenbeweglichkeit, ethnische Identifikation, berufliche Erfolge und Jugendkulturen betreffen. Obwohl Feride sich von den eher herkömmlichen Stilen der jungen türkischen Frauen distanziert, drückt ihr Stil trotzdem ein Gefühl für ihr Türkischsein und für ihre Professionalität aus. Im Gegensatz dazu, tragen weder Malika noch Lisa Kleidungsstile, die direkt mit ihren ethnischen Wurzeln verbunden sind; zumindest nicht im Alltag – höchstens bei festlichen Anlässen. Obwohl Malikas Kleidungsabwechslung die beschränkteste ist, verwendet sie viel Sorgfalt darauf, die Materialien, Schnitte und Dekorationen ihrer Bekleidung zu wählen, bevor sie schließlich einen harmonischen und gut gepflegten Look präsentiert. Für Lisa dient das Tragen eines islamischen, dennoch städtischen Stils dazu, einen Teil ihrer persönlichen Identität modisch zu kleiden, um somit ihre Religiosität mit der Teilnahme an einer bestimmten Jugendkultur zu verbinden. Während Feride, mit ihren eleganten türkischen Kleider-Kombinationen, und Malika, mit ihrem „Arabischen (Golf-) Stil“, wie manche es nennen, eine deutliche stilistische Minderheit bilden, sind Frauen wie Lisa mit ihren häufigen Besuchen bei Modeketten wie H&M und Zara, indem sie Mainstream-Waren mit einem Kopftuch kombinieren, um ein modisches, aber islamisches Outfit zusammenzustellen, weitaus häufiger unter jungen Musliminnen vertreten.

    Die Politik physischer Präsenz

    Islamic Fashion © ZeynapWie hängt diese Hinwendung zu modischen islamischen Kleidungsstilen unter jungen Musliminnen mit den Debatten über die öffentliche Präsenz des Islam zusammen? Das vielgehörte Argument, dass das Tragen des hijab ein Zeichen der Unterordnung der Frau ist – unabhängig davon, ob die Trägerin selbst mit dieser Absicht übereinstimmt oder nicht – erschwert es den ihren Körper bedeckenden Musliminnen, wirklich gehört zu werden. Daher werden andere Formen der Interaktion im öffentlichen Bereich – in diesem Fall durch eine visuelle, körperliche Präsenz – zu einem Mittel der Präsentation alternativer Standpunkte für die Öffentlichkeit, und zwar zu einem, an dem außerdem eine weitaus größere Anzahl an Frauen teilnehmen kann: Als Trägerinnen modischer islamischer Kleidungsstile schaffen junge Musliminnen in Europa eine Präsenz, die die Grundlage sein kann, von der aus einige der festgefahrenen Positionen der öffentlichen Debatte destabilisiert werden können.

    Musliminnen, die eine Ganzkörperbedeckung tragen, betonen selbst, dass sie daran beteiligt sind, „zu erklären, indem wir zeigen”. In der Regel sind sie sich der Tatsache sehr bewusst, dass sie – als eine gebrandmarkte Gruppe – der Last der Repräsentation niemals entkommen können. Weil sie sofort als Musliminnen erkennbar sind, fühlen sie eine große Verantwortung, den negativen Stereotypen über den Islam etwas entgegenzusetzen, indem sie ein positives Bild vermitteln. Das ist umso stärker der Fall, je mehr diese Frauen eine starke öffentliche Präsenz haben, sei es aus beruflichen Gründen oder aufgrund von öffentlichen Aktivitäten, in die sie involviert sind (siehe hierzu auch Jouili 2009). Sogar Malika, die keinen Kompromiss eingehen will, indem sie einen weniger bedeckenden islamischen Kleidungsstil wählen könnte, berücksichtigt, wie die Öffentlichkeit sie wahrnimmt, und fügt ihrem Outfit daher hellere Farben hinzu.

    Was vermitteln diese Frauen durch die Ästhetik ihrer körperlichen Präsenz? Das Tragen modischer Kleidung richtet sich in erster Linie gegen das Image von Musliminnen als dumm, unterdrückt und nicht mit der Moderne harmonierend. Gerade weil Mode historisch mit der Moderne in Verbindung gebracht wurde, gelingt es ihnen durch diese körperliche Ästhetik, sich von den stereotypen Bildern einer älteren Generation benachteiligter Frauen aus rückständigen, ländlichen Gegenden zu distanzieren, die in Isolation von der holländischen Gesellschaft entfernt leben. Ihre Art und Weise, den hijab zu tragen, zeichnet sie nicht nur als Musliminnen aus, sondern präsentiert sie gleichzeitig als Teilnehmerinnen an der Modewelt, und, noch spezieller, als Angehörige einer bestimmten Stilrichtung, die von „schön und elegant“ bis hin zu „sportlich, städtisch und cool“ variiert. Durch die sorgfältige Wahl und die harmonische Zusammenstellung ihrer Kleidungsstücke, sind sie Teil einer Welt moderner, kreativer Konsumenten.

    Obwohl die Hinwendung zu modischeren islamischen Stilen definitiv ein Trend ist, gibt es auch hier  widersprechende Stimmen. In der muslimischen Öffentlichkeit werden verschiedene Meinungen über den Inhalt von Kleidungsvorschriften und die Notwendigkeit vertreten, diese Vorschriften zu befolgen. Während manche derjenigen, die das Tragen von Ganzkörperbedeckungen befürworten, davon absehen, andere zu kritisieren, und behaupten, dass auch weniger erfolgreiche Verschleierungsversuche ein Schritt in die richtige Richtung seien, gibt es auch Bedenken über die „riskanteren“ ästhetischen Wahlen, wie die Kombination von grellen Kopftüchern mit zunehmend engeren T-shirts und Jeans, oder mit Röcken, die gerade eben die Knie bedecken, oder mit Tuniken, die über Leggings getragen werden, und Ärmel, die weit davon entfernt sind, den ganzen Arm zu bedecken. Für manche sind diese Dissonanzen, – die zwischen dem Kopftuch als Kennzeichen islamischer Sittsamkeit und dem Mangel an Sittsamkeit, die in ihren Augen von einigen dieser Stile dargestellt wird –, schmerzlich zu verkraften.

    Inmitten der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft gibt es eine starke Strömung, die angesichts solch modischer Stile islamischer Kleidung einen beinahe feierlichen Ton anschlägt. Eine Auswirkung davon ist, dass Frauen, die sich nicht für diese Modestile entscheiden, in eine negativ konnotierte Kategorie gedrängt werden. Manche beschweren sich darüber, dass Arbeitgeber sich nicht gegen Frauen wenden, die ein Kopftuch tragen, sondern gegen Frauen, die eine bestimmte Art von Kopftüchern tragen (und eine bestimmte Art der Kleidung), die sie als zu bedeckend, zu dunkel, zu wenig „up-to-date“ oder kurz: als nicht „modisch“ genug empfinden. Die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft von der Präsenz von Musliminnen in der Öffentlichkeit hängt außerdem zunehmend davon ab, wie ästhetisch ansprechend ein islamischer Kleidungsstil für den Blick der Mehrheit ist.
    Annelies Moors
    hat an der Universität von Damaskus Arabisch und an der Universität von Amsterdam Anthropologie studiert. Sie ist die Autorin von Women, Property, and Islam: Palestinian Experiences 1920-1990 (Cambridge University Press, 1995) und hat in Bänden und Zeitschriften Texte über vielseitige Themen publiziert, darunter „gendering Orientalism“ und Islamisches Familienrecht. Seit 2001 ist sie Professorin und hat einen Lehrstuhl am Internationalen Institut für Islamstudien in der modernen Welt (ISIM) an der Universität von Amsterdam inne.

    Übersetzerin: Simone Falk
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de

    Links zum Thema