Foto: Kai Wiedenhöfer

    Geschlechterrollen

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Anwalt der Poesie
    Laudatio auf Fuad Rifka zur Verleihung der Goethe-Medaille

    Fuad Rifka am Deutschen Orient Institut in Beirut © Stefan Weidner Es ist vordergründig betrachtet keine schwierige Aufgabe, Fuad Rifka zu loben, sei es für seine Gedichte, die in deutscher Übersetzung ebenso viele begeisterte Leser haben wie auf Arabisch, sei es für seine Übersetzungen deutschsprachiger Lyrik, die lange Zeit allein standen und noch heute in ihrer Art einzigartig sind. Wir können ihn loben als Universitätslehrer, der seinen Studenten die Klassiker der deutschen Philosophie beigebracht hat, oder dafür, dass er stets ein unerschütterlicher Anwalt und Fürsprecher der Poesie und des dichterischen Blicks auf die Welt ist. Als ein solcher Anwalt begegnet er uns überall, wo wir ihm begegnen, und jeder, der ihn getroffen und mit ihm geredet hat, jeder, der das Glück hatte, eine seiner Lesungen zu besuchen, oder das noch größere Glück (wie einige von uns es gestern hatten), mit ihm am Tisch zu sitzen, wird diesen Eindruck bestätigen können. Es fällt schwer, zwischen der Person Fuad Rifkas und seinem Schaffen, seiner schriftstellerischen und übersetzerischen Produktion, zu unterscheiden. Wie nebenbei straft er alle unsere Vorurteile über die Araber oder Arabisches Lügen. Grob formuliert: Nicht nur Bin Laden bedient sich der Sprache des Korans, sondern eben auch… Fuad Rifka! Die Spannbreite zwischen Gut und Böse war für das Deutsche im Lauf der Geschichte mindestens ebenso breit.

    Literaturen im kolonialen Netz

    So leicht es also fallen mag, von ihm begeistert zu sein, so weit muss ich doch ausholen, um Ihnen die tatsächliche Bedeutung Fuad Rifkas vor Augen zu führen. Wir können diese Bedeutung nämlich nur aus dem geschichtlichen Zusammenhang heraus verstehen. Die Rezeption der europäischen Literaturen im Orient vollzog sich die meiste Zeit in Abhängigkeit westlicher Kolonialbestrebungen. Sie war zunächst französisch, dann auch englisch und schließlich russisch geprägt. Deutschland hatte in der islamischen Welt bekanntlich keine Kolonien und war im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet, das den Nahen Osten (sofern er nicht zwischen England und Frankreich aufgeteilt war) beherrschte und bei den Arabern verhasst war. Die Ausgangsbedingungen für eine arabische Rezeption deutscher Kultur waren damit denkbar schlecht.

    Die späteren, übrigens recht flüchtigen Sympathien von arabischer Seite, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg bei den Arabern hatte, verdanken sich nicht einer positiven Identifikation mit dem Nationalsozialismus, wie von islamophober Seite gern behauptet wird, sondern natürlich der Tatsache, dass Deutschland mit denjenigen Mächten im Krieg lag, die die arabische Welt nach dem Ersten Weltkrieg beherrschten, nämlich England und Frankreich. Für die Rezeption deutscher Kultur und Literatur blieb diese Episode daher ebenfalls bedeutungslos. Wenn überhaupt, wurden deutsche Schriftsteller in der arabischen Welt bis weit in die sechziger Jahre entweder auf Englisch und Französisch gelesen, oder aber in arabischen Übersetzungen, die den Umweg über diese Sprachen nahmen, wie es zunächst bei Goethe, später bei Kafka und Brecht der Fall war.

    Es versteht sich, dass besonders die Poesie bei dieser Rezeption über mehrere Ecken zu kurz kommen musste. Dies fiel umso schwerer ins Gewicht, als die Poesie dort bis weit ins 20. Jahrhundert die wichtigste der Kunstgattungen war. Die Ende der vierziger Jahre anhebende Renaissance der arabischen Lyrik in moderner, den gesellschaftlichen und geistigen Anliegen der Gegenwart verpflichteter Gestalt, schulte sich an T.S. Eliot und Lord Byron, an Rimbaud oder Paul Éluard, aber nicht an den Deutschen. Die ambitioniertesten der arabischen Modernisten, meist in den zwanziger und dreißiger Jahren geboren, wirkten in den Metropolen Bagdad, Damaskus, Kairo und Beirut und sammelten sich schließlich um die 1957 in Beirut gegründete Literaturzeitschrift Schi’r, zu Deutsch „Dichtung“. Sie alle hatten irgendwie einen westlich beeinflussten Bildungshintergrund, so auch Fuad Rifka, der 1930 in Syrien geboren wurde, mit seiner Familie noch als Kind in den Libanon ging und dann in Beirut an der Amerikanischen Universität studierte. Schnell kam er in Kontakt mit den jungen Intellektuellen im Umkreis von Shi’r.

    Als er dann Ende der fünfziger Jahre zu Promotionszwecken nach Tübingen ging, dürfte dies als ausgefallenes Ziel gegolten haben. War es nicht viel naheliegender, in die DDR zu gehen? Zur Stärkung des sozialistischen Lagers umwarb der Ostblock die Studenten aus der arabischen Welt und verlieh großzügige Stipendien. Bis in die achtziger Jahre hatten in der DDR (hier in Weimar darf ich das vielleicht sagen) zahlreiche namhafte arabische Autoren studiert, und viele sind in Ostdeutschland geblieben. Lassen Sie mich drei der wichtigsten nennen: der Iraker Fadhil Al-Azzawi und die beiden Syrer Adel Karasholi und Nabil Haffar. Letzterer hat im Frühjahr auf der Leipziger Buchmesse den erstmals vom Goethe-Institut ausgeschriebenen Arabisch-Deutschen Übersetzerpreis erhalten.

    Kulturelle Verschmelzung

    Noch bevor die ersten Goethe-Institute in der arabischen Welt ihre Wirkung entfalten konnten und mit der 1961 von Annemarie Schimmel und Albert Theile begründeten, bis heute bestehenden arabischsprachigen Kulturzeitschrift Fikrun wa Fann (Deutsch: „Kunst und Gedanke“) eine weitere Lebensader des deutsch-arabischen Kulturaustauschs etabliert wurde, ging also Fuad Rifka nach Deutschland und wurde fortan selbst eine solche Lebensader, wie sich noch heute anhand alter Ausgaben von Shi’r nachlesen lässt. Dort erschienen nun neben den Gedichten Fuad Rifkas und anderer Avantgardisten (etwa von Adonis, einem anderen arabischen Träger der Goethe-Medaille) auch Trakl, Novalis, Rilke, Hölderlin auf Arabisch, eine Vermittlungsarbeit, die Fuad Rifka in Gestalt zahlreicher Einzelausgaben und Anthologien deutschsprachiger Lyrik bis heute fortgesetzt hat, zuletzt 2008 mit einer Auswahl deutscher Gedichte des 20. Jahrhunderts. Gegenwärtig steht Fuad Rifka als Übersetzer zum Glück nicht mehr so allein da wie in den sechziger Jahren. Denn in der Generation derjenigen Araber, die in Deutschland aufgewachsen sind oder hier studiert und vielfach Arbeit gefunden haben, hat Rifka zahlreiche Schüler und Nachfolger gefunden, so dass unsere Literatur mittlerweile in der arabischen Welt gleichberechtigt neben den anderen Literaturen Europas steht.

    Das alles ist großartig und würde als Rechtfertigung für die heutige Auszeichnung mehr als hinreichen. Gestatten Sie mir aber, dass ich dieses Ereignis in meinem und wohl auch im Sinne Fuad Rifkas selbst noch anders deute. Demnach ist die Vermittlungs- und, wie ich wohl sagen darf, Lebensleistung Fuad Rifkas nicht bloß die Summe ihrer Teile, ist sie mehr als die quantifizierende Aufzählung seiner Übersetzungen und Lyrikbände. Das Besondere dieses Menschen und seines Werks ist vielmehr seine Gabe zur Verschmelzung. In ihm sind die arabische und die deutsche Dichtung keine zwei getrennten, zu vermittelnden Elemente mehr, sondern eins, als wäre aus beiden Sprachen und Kulturkreisen plötzlich eine neue, dritte Sprache und Kultur hervorgegangen. So mystisch das klingt, jeder Leser Rifkas kann sich selbst davon überzeugen, indem er seine oder die von ihm übersetzten Gedichte zur Hand nimmt. Seine eigenen Gedichte verlieren in der Übersetzung nichts, ebenso wie die von ihm ausgewählten und übersetzten Gedichte in seiner Übersetzung nichts verlieren. Das ist so, weil Rifka sie in Texte verwandelt, deren Eigentliches und Wesenskern sich jenseits der jeweiligen sprachlichen Hülle und Gestalt entfaltet. Wenn es eine universell verständliche Sprache der Dinge gäbe, dann könnten wir sagen, dass Fuad Rifka einer der ganz wenigen ist, der sie beherrscht, ja der sie sogar vermitteln kann und an jeden empfänglichen Leser weitergibt. Wenn je ein Dichter intuitiv und zugleich in idealtypischer Weise die von Heidegger bruchstückhaft entworfene Poetik verwirklicht hat (er traf ihn ja noch und promovierte über seine Ästhetik), dann ist dies wohl Fuad Rifka. Aber wir müssen gar nicht den umstrittenen Heidegger bemühen. Wir können stattdessen auch Friedrich Rückert zitieren, den bis heute wichtigsten Übersetzer orientalischer Dichtung ins Deutsche. Rückert leitet seine Nachdichtung altarabischer Gedichte, die so genannte Hamasa, mit den Versen ein:

    Die Poesie in allen Zungen
    Ist dem Geweihten eine Sprache nur
    Die Sprache, die im Paradies erklungen
    Eh sie verwildert auf der weiten Flur.

    Für Fuad Rifka und in Gestalt Fuad Rifkas ist die Poesie in allen Zungen eine einzige Sprache (und zwar keineswegs „nur“!). Ich darf daher ohne Übertreibung feststellen, dass wir heute einen Geweihten ehren.
    Stefan Weidner, geb. 1967,
    lebt als Autor, Übersetzer aus dem Arabischen und Literaturkritiker in Köln und Berlin. Zu seinen Buchveröffentlichungen zählt der „erzählte Essay“ Mohammedanische Versuchungen, die Reiseerzählung Fes (mit 21 Fotografien des Autors) und die Streitschrift Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Januar 2011

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