Foto: Kai Wiedenhöfer

    1968

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Protest ohne Echo - 1968 in der DDR

    Singer-Songwriter Wolf Biermann. Copyright: picture alliance/dpaFür die Jungen, Aufmüpfigen hinterm Eisernen Vorhang war es ein trauriges Jahr. Es war das Ende vom Anfang, der Sieg des Stumpfsinns über das rebellische Denken. Damals lernten viele Ostdeutsche ihre dissidenten Dichter lesen: »Ich stand auf der Brücke, / Allein vor der trägen Kälte des Himmels. / Atmet noch schwach, / Durch die Kehle des Schilfrohrs, / Der vereiste Fluss?«

    Peter Huchels Winterpsalm war eines der frostigen Abschiedsgedichte, die der politisch missliebige Chefredakteur der Zeitschrift Sinn und Form 1962 kurz vor seiner Absetzung druckte. Reglose Flüsse, sinkendes Licht, ersterbende Träume. Huchels Stagnationsmetaphern erwiesen sich später als prophetisch für die Zukunft des ganzen Landes, und bis heute illustrieren sie, was Ostdeutsche im Gegensatz zu Westdeutschen mit der Chiffre „1968“ verbinden: nicht Aufbruch, sondern Verhinderung des Aufbruchs. Nicht Studentenproteste und sexuelle Revolution, sondern die Niederschlagung des Prager Frühlings, ehe er aufblühen konnte.

    Am 21. August 1968 rollten sowjetische Panzer, verstärkt durch polnische, ungarische, bulgarische Truppen, in die reformkommunistische Tschechoslowakei Alexander Dubceks. Die DDR marschierte zwar nicht mit, feierte aber die gewaltsame Disziplinierung des Nachbarlandes, bei der fast hundert Tschechoslowaken starben. Damit war ein kurzer Sommer der Anarchie abrupt beendet. Es verflog die Hoffnung ostdeutscher Intellektueller auf einen erneuerten Marxismus, der im Streit mit westdeutschen MarcuseFans (von orthodoxen Parteiphilosophen als Sektierer verketzert) und tschechoslowakischen KafkaVerehrern (von linientreuen Literaturwissenschaftlern als Apologeten der Entfremdung angefeindet) hätte entstehen können. Es verebbten die Pilgerströme der DDRJugend ins gelobte Prag, wo man Jazzplatten, Hollywoodfilme und Westmagazine konsumiert hatte, vor allem aber die deutschsprachige Prager Volkszeitung. Die druckte etwa Wolf Biermann, den zu Hause Totgeschwiegenen Liedermacher und Dichter, mit seinem Lied Drei Kugeln auf Rudi Dutschke.

    Um solch heiße Ware rissen sich die Revolutionstouristen, und selbst wenn ihnen die DDRZöllner an der Grenze das halbe Gepäck konfiszierten, durften sie sich trösten, ein Stück Euphorie herübergeschmuggelt zu haben aus den wilden Monaten zwischen Dubceks Amtsantritt im Januar 1968 und seiner Verhaftung durch den KGB im August. Wenn heute behauptet wird, der Prager Frühling habe in der DDR keinen positiven Widerhall gefunden, stimmt das daher nur halb. Wahr ist, dass die SED schon im März 1968 die reformwillige tschechoslowakische KP attackierte. Zugleich registrierte die Stasi bei der Bevölkerung starke Solidarisierungseffekte. OstBerliner Studenten führten heftige Diskussionen über mangelnde Freiheiten, die man sich nach Prager Vorbild erkämpfen müsse. Gegen den Einmarsch der WarschauerPaktSoldaten protestierten in der DDR viele Parteimitglieder und Kinder hoher Funktionäre, kursierten Flugblätter mit Parolen wie „Es lebe das rote Prag!“, und binnen zweier Wochen nach Dubceks Sturz zählte die Polizei in der DDR 1075 Aufrührer, von denen knapp die Hälfte verhaftet wurde. Über die sogenannten ideologischen Klärungsprozesse schreibt der 1950 in der DDR geborene Historiker Stefan Wolle: „Viele junge Leute liefen — verführt von den Ehrlichkeitsphrasen ihrer Pionierzeit — ins offene Messer der Staatssicherheit. Die einen zerstörten unwiederbringlich ihre berufliche Laufbahn, andere lernten die Taktik der Anpassung ohne Selbstaufgabe, Dritte wurden zu Zynikern und Karrieristen.“

    Dass ausgerechnet Walter Ulbricht die Sympathisanten des Prager Frühlings so heftig bekämpfte, erscheint im Rückblick makaber. Denn Ulbricht hatte Anfang der Sechziger mit dem Neuen Ökonomischen System eine ganz ähnliche Marktorientierung der Planwirtschaft angestrebt, wie sie nun Dubcek wollte war aber von Breschnew ausgebremst worden. Nun tat er alles, um nicht wieder Moskaus Zorn zu erregen. Außerdem fürchtete er, die westdeutsche Protestkultur könne zur Nachahmung verleiten: Zwar unterstützte OstBerlin demonstrativ den SDS und die AntiSpringerKomitees, insgeheim verteufelte man die Studentenbewegung aber als kleinbürgerlichen Anarchismus, der sich feindlich zur „Theorie der Arbeiterklasse“ verhalte. Für intellektuelle Freizügigkeit hatte Ulbricht ohnehin nichts übrig und ließ potentielle Abweichler vorsorglich maßregeln, wodurch er den Graben zwischen Politik und kritischen Intellektuellen vertiefte.

    Dieser Graben hatte sich nicht erst 1968 aufgetan, aber jetzt wurde er für viele Schriftsteller, Künstler, Filmemacher unüberwindlich. Man muss sich die sechziger Jahre in der DDR als verhindertes Frühlingserwachen vorstellen, einen zähen Kampf der Betonköpfe gegen eine neue Generation emanzipierter Linker. Sie wollten ihren Staat nicht abschaffen, sondern kritisieren. Dabei fühlten sie sich zu keiner falschen Loyalität verpflichtet — anders als jene alten Kommunisten, die Hitlers Konzentrationslager überlebt hatten und dem Großen Bruder Dank schuldeten oder jene verspäteten Antifaschisten, die noch an den Nationalsozialismus geglaubt hatten und nun durch schlechtes Gewissen an die Parteidisziplin gebunden waren. Solche Botmäßigkeit liebte die oberste DDRFührung. Blind und taub war sie für die souveräne Staatstreue ihrer jungen Kritiker.

    Diese Blindheit wurde besonders deutlich an der offiziösen Interpretation von Volker Brauns Gedicht Jazz von 1965. „Das Klavier seziert den Kadaver Gehorsam“, hatte Braun geschrieben, „Das Saxophon zersprengt die Fessel Partitur“. Solche Entfesselungspoesie widersprach natürlich dem Ideal einer planvollen, disziplinierten Kunst. Prompt empörte sich der auf Braun angesetzte Großkritiker, Jazz sei keine geeignete Metapher für die sozialistische Gesellschaft. Man erkenne das schon daran, dass es keine Partitur gebe, vor allem aber fehle ein Dirigent!

    Solch dumpfe Aggressivität im Umgang mit den „Kulturschaffenden“ wurde in den Sechzigern politischer Stil. Ironie der Geschichte, dass sich just zu dieser Zeit so viele eigenwillige Denker zu Wort meldeten. Ernst Bloch und Hans Mayer waren bereits in den Westen vergrault worden, als Volker Braun, Heiner Müller, Adolf Endler, Günter Kunert, Peter Hacks, Sarah Kirsch und Karl Mickel in Ungnade fielen. Mit irritierenden Texten verletzten sie die Doktrin eines sozialistischen Realismus, wie ihn schlichtere Gemüter im Politbüro sich wünschten.

    Trauriger Höhepunkt der Abwehrschlacht gegen alles selbstständige Denken war im Dezember 1965 das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED, später als „Kahlschlagplenum“ berüchtigt. Dort wurden neue DefaFilme wie Kurt Maetzigs Das Kaninchen bin ich wegen mangelnder Parteilichkeit gleich dutzendweise abgekanzelt. Man stellte unter anderem Stefan Heym, Wolf Biermann, Robert Havemann an den Pranger. Und Werner Bräunigs Romandebüt Rummelplatz, das jetzt als postume Veröffentlichung Furore macht, wurde noch vor seiner Fertigstellung regelrecht vernichtet, allein Christa Wolf wagte eine improvisierte Verteidigungsrede. Davon unbeeindruckt wetterten die Auguren gegen alles, was ihnen zur ideologischen „Diversion“ geeignet schien. Westfernsehen, freie Rhythmen, lange Haare. Sie geißelten die Beatmusik als Waffe des Westens zur Demoralisierung des Ostens und brachten sämtliche kunstfeindlichen Kampfbegriffe der Zeit in Anschlag: Dekadenz, Skeptizismus, Nihilismus, Formalismus, Anarchismus, Pornografie ...

    Um den Furor des 11. Plenums zu verstehen, muss man wissen, dass hier ein Stellvertreterkrieg geführt wurde. Ursprünglich hatte die SED sich vom Neuen Ökonomischen System distanzieren wollen. Weil dessen wichtigster Repräsentant neben Ulbricht, der Chef der Staatlichen Planungskommission Erich Apel, sich kurz zuvor erschossen hatte, konnte die Wirtschaft jedoch nicht Gegenstand des Plenums sein. Also übertrugen die Reformgegner ihre Abrechnungsgelüste auf Literatur und Kunst. Dass Erich Honecker das Kulturplenum inszenierte, verweist auf die Kontinuität eines Gesinnungsterrors, der 1976 eigentlich überraschend spät zur Ausbürgerung Biermanns und zum Exodus zahlreicher „Andersdenkender“ führte. Ein Schriftsteller musste schon fest an den Sozialismus glauben, um die allgegenwärtige Zensur und Bevormundung durch parteitreue Gutachter zu ertragen.

    Reiner Kunze persiflierte die ideologischen Zumutungen damals mit dem Spottgedicht Das Ende der Kunst: „Du darfst nicht, sagte die eule zum auerhahn, / du darfst nicht die sonne besingen. / Die sonne ist nicht wichtig. / Der auerhahn nahm die sonne aus seinem gedieht. / Du bist ein künstler, / sagte die eule zum auerhahn. / Und es war schön finster.“ Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings trat Kunze aus der SED aus. Es dauerte dann noch fast zehn Jahre, bis das Maß des Unerträglichen voll war und er vor den sozialistischen Dunkelmännern nach Westdeutschland floh. Die tieferen Ursachen seiner Ausreise jedoch, wie auch der vieler anderer Intellektueller, lagen in den verhängnisvollen Sechzigern. Damals besiegelte die DDR zumindest in geistiger Hinsicht ihren Untergang.“

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    Evelyn Finger
    wuchs in der DDR auf und arbeitet heute als Redakteurin im Feuilleton der ZEIT

    Copyright: Aus Die Zeit – Geschichte (2), 2007

    Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann 2008

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    Mai 2008