Foto: Kai Wiedenhöfer

    1968

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Ein Kind in der Revolte - Ein junger persischer Student erlebt die Jahre 67/68 in Deutschland

    Said; Copyright: Stefan Weidneran einem tag im juni 1967 ging ich, wie übrigens fast jeden tag, ins trikont-café in der münchner schellingstraße: café, buchhandlung und treffpunkt des sozialistischen deutschen studentenbundes, der triebkraft der revolte. ein berg von flugblättern lag auf der theke, irgend jemand fragte mich: „genosse, willst du sie nicht verteilen?“ ich warf einen blick auf den titel: „der obermetzger von persien ist in münchen“. und schon nahm ich einen stapel, klemmte ihn unter den arm, ging zum stachus und verteilte sie; ich war 19.

    in teheran hatte ich oft gesehen, wie ganze straßenzüge gesperrt wurden, wenn seine majestät, mohammad reza pahlawi, könig der könige, licht der arier, zum flughafen fuhr. polizisten in uniform schmückten die straßen. agenten des geheimdienstes, des SAVAK, traten in die wohnungen ein, stellten sich gegen die balkontüren und sahen den familien beim essen oder radiohören zu. da seine majestät oft ins ausland flog, kannten viele in teheran dieses bild.
    und jetzt stehe ich alleine auf dem großen platz in münchen, verteile dieses flugblatt und habe keine angst – vor niemandem.

    mit 17 kam ich nach deutschland; das verwirrte kind wurde von der rebellion aufgenommen und getröstet. seither versucht das kind, die frage zu begreifen, die am anfang jeder revolte steht.

    für den folgenden tag war eine demonstration gegen den schah angemeldet. im vorfeld hatte die polizei gewisse vorkehrungen getroffen. sie veröffentlichte eine liste von 113 iranern, die auf kosten des bayerischen staates in einer pension am chiemsee untergebracht werden sollten. die gäste bekämen auch kaffee und kuchen, wurde seitens der polizei betont. von den betroffenen haben nur acht diese „einladung“ angenommen. zur demonstration kamen 20.000 menschen; sie endete am „platz der opfer des nationalsozialismus“. dort stand der damalige asta-vorsitzende (allgemeiner studentenausschuß), rolf pohle, der spätere raf-terrorist, und verteilte die iraner an die deutschen kommilitonen. „du schläfst bei diesem genossen!“ man gab sich die hand und ging gemeinsam weg.

    „schickt den schah nach usa, halleluja,
    perser ist für perser da, halleluja!“

    am abend standen einige deutsche kommilitonen auf der leopoldstraße – der münchner flaniermeile – neben einem riesenbild vom schah und einem korb voller eier. passanten kauften ein ei, warfen es gegen das gesicht seiner majestät und zeigten sich selbst wegen majestätsbeleidigung an. (zuvor hatte die generalstaatsanwaltschaft mehrere deutsche kommilitonen wegen desselben delikts angezeigt. jurastudenten zum beispiel hätten danach den beruf eines rechtsanwalts nicht ausüben können.) unsere deutschen kommilitonen bestanden darauf, dass wir iraner nicht in erscheinung traten; die polizei hatte mit abschiebung gedroht. dafür erbaten wir die ehre, die eier zu liefern. die aktion lief gleichzeitig in mehreren städten. 11.000 personen haben sich angezeigt; die staatsanwaltschaft zog die klage zurück.
    am abend darauf besuchte der schah die münchner oper. als seine limousine vorfuhr und er, gefolgt von der bürgerlichen schickeria, in die oper schritt, empfingen ihn die studenten mit dem schunkellied:

    „wer soll das bezahlen?
    wer hat das bestellt?
    wer hat so viel pinke pinke
    wer hat so viel geld?“

    die drei tage, die der schah in münchen weilte, verbrachten wir de facto auf demonstrationen. nachts schliefen wir bei deutschen kommilitonen, die wir meist kurz vorher kennengelernt hatten. benno ohnesorg war schon tot; ermordet durch den polizisten kurras bei der berliner demonstration gegen den schah. dort hatte die stadt den „jubel-persern“ – mit schlagstock bewaffneten SAVAK-agenten – einen guten platz zugewiesen. die schlugen dann auf demonstranten und passanten ein, unter den wachsamen augen des rechtsstaats. heinrich albertz, evangelischer pfarrer und regierender bürgermeister von berlin, verteidigte die polizei und ihre praxis. doch dann ließ ihn sein christliches gewissen nicht in ruhe; er forschte nach und zog die konsequenz. im überfüllten auditorium maximum der freien universität berlins trat er an das rednerpult: „ich habe fehler gemacht.“ unter tosendem beifall der studenten bat er dann: „lasst uns neu anfangen!“

    nur einige jahre zuvor schrieb bob dylan in seinem lied „Blowin' In The Wind“:
    “Yes, ‘n’ how many years can some people exist
    Before they’re allowed to be free?
    Yes, ‘n’ how many times can a man turn his head,
    Pretending he just doesn’t see?
    The answer, my friend, is blowin’ in the wind,
    The answer is blowin’ in the wind.”

    die musik als trägerin des unbewussten hat eine entscheidende rolle gespielt. es kommt nicht von ungefähr, dass man „die schwabinger krawalle“ als vater der 68er revolte bezeichnet. einige junge leute spielten musik – offenbar zu laut in der biederen post-adenauer-zeit. die staatsmacht griff hart ein. zwei nächte lang lieferten sich jugendliche eine schlacht mit der polizei; als wollten sie sich den frust aus dem leib prügeln und zugleich die obrigkeit vor kommenden krawallen warnen.

    inmitten dieser revolte lernte das kind auschwitz kennen. eine wunde der menschheit, von deutschen generaltabsmäßig geplant, industriell durchgeführt; während alle zuschauten, auch die nichtdeutschen. die auschwitz-prozesse in frankfurt waren für uns entscheidend. und dann liest das kind bei franz fanon, dem schwarzen messias der revolte: „wann immer jemand einen juden beleidigt, höre gut zu; er meint auch dich.“ so riefen unsere kommilitonen in paris „wir sind alle juden!“ und verteidigten daniel cohn-bendit, den studentenführer der pariser revolte, den der französische innenminister als jude beschimpft hatte. und endlich war es martin buber, der uns die last der„kollektivschuld“ abnahm und von der kollektivscham sprach; diese scham begleitet fortan das kind.

    viele sind durch die auschwitz-prozesse in frankfurt aufgewacht und fragten den vater, ob er ein nazi war. das schweigen der väter vergrößerte die wut und jagte die söhne auf die straße.
    „hey mr. tambourine man play a song for me / i'm not sleepy and there is no place i'm going to“, sang bob dylan etwa zu dieser zeit, tausende kilometer entfernt. auch wir hatten keinen zufluchtsort, in jenen satten jahren ohne antwort.

    die politik versuchte nicht einmal, die signale zu hören. bundeskanzler kiesinger hielt die protestierenden studenten für wilde tiere und nannte sie „eine kleine radikale minderheit“, ohne nach gründen dieser radikalisierung zu suchen.womit konnte sich nun ein 19jähriger deutscher student identifizieren? mit der wohlstandsgesellschaft?

    When Im drivin in my car
    And that man comes on the radio
    Hes tellin me more and more
    About some useless information
    Supposed to fire my imagination
    I cant get no, oh no no no
    Hey hey hey, thats what I say

    I cant get no satisfaction
    I cant get no satisfaction
    Cause I try and I try and I try and I try
    I cant get no, I cant get no

    „the rolling stones” sangen im mai 1965 dieses lied und brachten die ziellose unzufriedenheit der jugendlichen in einer materialistischen gesellschaft zum ausdruck.

    sie war 27, ich 19. sie hatte früher als näherin gearbeitet, bevor sie angefangen hatte zu studieren; soziologie natürlich. als wir uns vorgestellt wurden, sagte sie: „ich bin barbara, die fremde!“ und der fremde fragte, ob sie mit ihm etwas trinken würde. sie sei müde, antwortete sie, und hoffe, dass ich wegen der absage nicht frustriert sei. als hätte ich ein recht auf eine nacht mit ihr. dann nahm sie die brille ab und ich nahm ihren mund; in ihrem zimmer überfiel ich sie.

    hernach zündete sie eine zigarette an, die wir gemeinsam rauchten. als sie sie ausdrückte, sagte sie: „schön, und jetzt lieben wir uns!“ barbara widmete sich uns und der freien liebe.
    später bekamen wir hunger; doch keiner von uns wollte das zimmer verlassen. barbara holte einen halben laib brot und legte es auf ihrem nackten bauch. wir griffen hinein, rissen stücke ab und steckten sie in den mund, unterbrochenen von vielen küssen, begleitet von donavon und seinen liedern. die krumen leckten wir ab von unseren leibern; so waren wir damals und glücklich.

    am morgen darauf gingen wir frühstücken. barbara sagte, sie habe eine überraschung für mich und bestellte ein revoluzzer-frühstück: eine schale schwarzen kaffee und eine rothändle-zigarette ohne filter. bewusst hatte sie nur ein frühstück bestellt; wir tranken aus einer schale und teilten uns die zigarette.

    hier, inmitten der revolte, habe ich die liebe als eine annäherung gelernt, nicht als eine entleerung. bis dahin hatte ich in teheran nur einige schlüpfrige erlebnisse mit dienstmädchen gehabt und schmerzliche erfahrungen im puff. in der atempause zwischen syphilis und aids lernten wir die liebe, die revolte und eine bisher ungekannte verschmelzung.

    There's nothing you can make that can't be made.
    No one you can save that can't be saved.
    Nothing you can do, but you can learn how to be you in time,
    It's easy.

    All you need is love,
    All you need is love,
    All you need is love, love,
    love is all you need.

    1967 wurde dieses lied der beatles im britischen fernsehen gesendet; etwa 400 millionen menschen haben es gehört.

    an einem tag kam eine junge frau ins trikont-café und fragte, ob hier ein iranischer genosse sei; man zeigte auf mich. sie erzählte, sie sei mit einem iraner verheiratet, er leide unter dem heimweh, stehe am fenster, lese hafis und weine; wir fuhren hin. abdullah umarmte mich überschwenglich, endlich konnte er persisch sprechen; mit seiner frau sprach er englisch. wir lasen gemeinsam hafis und tranken tee; vom nächsten tag an war er bei allen demonstrationen dabei.

    die revolte tröstete uns auch über das heimweh hinweg. wir ahnten nicht, wie schlimm sich dieses dann melden würde. eines abends saßen wir bei wodka, da fragte abdullah: „was wird aus uns? vertreibt unsere bewegung auch den schah?“
    wir beschlossen, hafis zu fragen. ich wusch meine hände, nahm den diwan, bat um eine antwort und schlug ihn auf:

    kein sichers dach für die nacht/
    und dein ziel ist noch weit,
    doch wisse, es ist kein weg ohne ende.
    sei nicht betrübt!

    georg büchner sagt in „dantons tod“, das volk sei wie ein kleines kind, es müsse alles brechen, um zu sehen, was darin sei. jede rebellion trägt diese mission in sich; und das bedeutet gewalt.
    wir waren ohne arg, ohne list, in dieser antwort suchenden zeit. es war die zeit, in der alles überall gleichzeitig in aufruhr geriet. krieg in vietnam, black panther und beat-culture in den usa, antikoloniale befreiungskämpfe in afrika und befreiungskirche in lateinamerika, che guevara im kongo, generalstreik in paris, sowjetische panzer in prag, sartre an der sorbonne, flower-power, mondlandung, liebesspiele.

    die vietnamesische sache war das kernstück der revolte. täglich kamen neue berichte über gefolterte vietcong oder den einsatz von napalm. ich erinnere mich an eine aktion in münchen. ein flugblatt wurde verteilt: „wir werden am sonntag um 3 uhr nachmittags am monopteros im englischen garten einen dackel mit napalm verbrennen.“ ein aufschrei ging durch das bürgerherz. „diese barbaren wollen einen dackel verbrennen!“ 300 polizisten umzingelten den monopteros und kein dackel wurde verbrannt.

    wir waren eine studentenbewegung ohne studentische forderungen. „alles ist möglich. alles ist erlaubt.“, schwärmte helmut heissenbüttel. wir wollten einen sturm, es kam ein regen; davon profitierten dann alle. wir wollten alles und erreichten nichts. nichts? diese these verkaufen gerne die historiographen.

    die 68e- revolte war der startschuss zur demokratisierung deutschlands; gesiegt hat die pluralität über die homogenität. davon zeugen die vielen bürgerinitiativen, ja selbst parteien wie die grünen. willy brandt war nur eine folge dieser zeit. seine regierung hat viele strukturen aufgeweicht und den gesellschaftlichen aufbruch ermöglicht. sein kniefall in warschau hat mehr bedeutet als tausend erklärungen. „nie mehr wegschauen, wenn ein unrecht geschieht!“ sagte willy brandt; er hatte unsere forderungen aufgenommen.

    selbst die kirchen sind vor dem einfluss der revolte nicht verschont geblieben. mir erzählte ein deutscher freund, dass er anfang der 60er jahre mit seinem bruder aus der kirche ausgetreten ist. am nächsten sonntag stieg der priester auf die kanzel und nannte die namen der beiden brüder. „meine arme mutter hatte sehr zu leiden in dem kleinen ort.“ das kann sich die kirche heute nicht leisten.

    „unter den talaren, der muff von tausend jahren“

    damals brach eine welt zusammen. denn die revolte stellte alles in frage, ohne genau zu wissen, was dann kommt. feste riten und regeln wurden aufgebrochen. als ich einmal mit barbara aus dem kino kam, trafen wir auf einen deutschen kommilitonen. wir blieben stehen und wechselten einige sätze. er griff zu meiner militärjacke, die wir alle trugen, und lobte die qualität. „wollen wir unsere jacken nicht tauschen?“ heute weiß ich nicht mehr, wer den satz ausgesprochen hat und habe auch den händedruck von barbara nicht richtig gedeutet. zu hause tobte sie: „du weißt, dass ich diese jacke liebe!“ und sie tobte, bis ich den genossen angerufen und den tausch rückgängig gemacht hatte. das kind hatte inzwischen gelernt, auf seine geliebte acht zu geben und auf ihre wünsche.

    demonstrativ gingen studenten in jeans in die oper und setzten sich gegen den protest der bürger und saalordner durch. jahre später wiederholte sich das prozedere, als die ersten abgeordneten der grünen ankündigten, sie würden ohne anzug und krawatte in den bundestag ziehen. wer erinnert sich nicht an die entrüstung im parlament, die sich dann bald legte.
    die revolte brach die allüren und veröffentlichte den bruch. ein schwuler freund erzählte mir später, seine beste freundin habe ihn gebeten bei der geburt ihrer tochter dabei zu sein; da der vater abwesend war. sie öffnete sich dem freund als zeichen der verbundenheit.

    eine frau, die vor der revolte 68 auf der straße geraucht hat, war eine schlampe. deswegen haben alle studentinnen geraucht. das ist natürlich keine große politische errungenschaft, aber eine hervorragende geste mit adäquaten gesellschaftlichen folgen.
    junge frauen im minirock trugen ein transparent: „niemand hat das recht zu gehorchen.“
    der satz von hanna arendt, geschrieben im amerikanischen exil, traf den nerv der zeit. wir wollten nicht gehorchen, wir wollten diskutieren, mit jedem. doch die obrigkeit –
    damals nannten wir sie „establishment“ - wollte es nicht. auch an dieser verweigerung ist die gewalt eskaliert.
    wer aber heute die 68er-revolte verteidigt, sieht sich mit dem vorwurf konfrontiert, er befördere die mythenbiädung. doch mythen sind der treibstoff aus der vergangenheit für die gegenwart – daher bleiben sie auch subversiv. und wehe dem, der seine eigene mythen leugnet; er mutiert zu einem sub-realisten und bleibt fortan gefangener einer zahlenlogik.  selbst albert einstein antwortete einmal auf die frage, ob zwei plus zwei vier sei; „wenn sich nichts bewegt!“ und damals bewegte sich alles.
    viel ist heute nicht geblieben von der revolte. abgesehen von jener wärme, die das kind noch in seinem körper trägt. ich war im mai 68 in paris und ging ins gebäude der UNEF – union nationale des etudiants français – hochburg der französischen linken. heute weiß ich nicht mehr, was ich dort suchte. aber das war nicht wichtig, hauptsache, man war da. oder war es vielleicht ein gerücht, das mich dorthin trieb? (ich liebe gerüchte; meist bieten sie mehr reibungsfläche als die abgerundeten fakten.) das gerücht behauptete, im gebäude der UNEF erklinge rund um die uhr „die internationale“ – das lied der kommunisten. das wollte ich erleben. ich ging die treppe hinauf und hörte die internationale. dann sprach mich ein genosse an, als er merkte, dass ich nur deutsch konnte, holte er seine freundin, die aus dem elsass stammte. sie fragten nicht, was ich dort suchte, sie sangen mit mir „die internationale“. dann wollten sie wissen, ob ich einen platz zum schlafen hätte. so waren wir damals und glücklich.

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    Said,
    geboren 1947 in Teheran, lebt seit 1965 in München. Für sein auf deutsch geschriebenes literarisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet. Er 2000 – 2002 war er Präsident des deutschen PEN-Clubs.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann 2008

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    Mai 2008