Foto: Kai Wiedenhöfer

    1968

    Verlorene Generation - Über die türkischen Achtundsechziger

    Copyright: Zaver SenocakAuch für die Türkei war 1968 ein wichtiges Jahr, und wie überall in Europa gingen auch hier die Studenten auf die Straße. Doch die Reaktion des türkischen Staates war härter und repressiver, viele türkische Alt-achtundsechziger wanderten nach Deutschland aus. Mit 1968 begann als Gegenbewegung zu den linksgerichteten Studenten zugleich die Renaissance des Islams in der Türkei: Einer der Protagonisten der ehemals rechten Studenten ist heute der Staatspräsident der Türkei.

    Man nannte ihn einfach „Hodscha“. Ich sah ihn zum ersten Mal in der Kantine der Münchner Universität, am Türkentisch. Ein hagerer Mann, mit dunklen Augen und einem Dreitagebart, umringt von aufmerksamen, geduldigen Zuhörern. Selbst für einen Langzeitstudenten war er zu alt. Er sprach langsam und so leise vor sich hin, dass man ihm in der lauten Kantine, konzentriert zuhören musste, um mitzukommen. So weit ich ihm folgen konnte, sprach er vom Aufbau des Sozialismus in Afghanistan. Ich hatte meine kommunistische Phase schon hinter mir und konnte derartiger Agitation nichts mehr abgewinnen, auch wenn sie in Derwischmanier vorgetragen wurde. Einige in der Runde sah ich zum ersten Mal. Hatte er diese Leute mitgebracht? Er sei Mahir Çayan nahegestanden, flüsterte ein Kommilitone mir zu.

    Mahir Çayan? War das nicht dieser türkische Studentenführer gewesen, denn  die Armee erschossen hatte? Çayan war mehr als das. Er war der Kopf der türkischen Studentenbewegung gewesen. Ein belesener, schlagfertiger junger Mann, den Kopf voll mit Idealen. Wie man in der Türkei eine gerechtere Ordnung aufbauen, wie man die Herrschaft der Oligarchen brechen und eine Volksdemokratie etablieren könnte, diese Fragen hatten nicht nur ihn beschäftigt, sondern eine ganze Generation, die für diese staatsgefährdenden Ideen viel schwerer bezahlt haben dürfte als Gesinnungsgenossen anderswo. Das Volk wollte keine Volksdemokratie. 1971 putschte das Militär. Die Stunden landeten in den Gefängnissen, wurden gefoltert, gebrochen, drei von ihnen wurden gehenkt.

    1968: Mein Vater gibt eine konservative politische Zeitschrift in Istanbul heraus. Er ist ein strammer Antikommunist. Die Stimmung ist aufgeheizt. Sein Büro ist in der Altstadt gegenüber dem Studentenverein, der von rechtsgerichteten Studenten kontrolliert wird. Die großen Moscheen sind nicht weit und auch die Universität ist nur wenige Gehminuten entfernt. In der Türkei gib es auch das: Rechte Studenten. Der gegenwärtige Staatspäsident der Türkei Abdullah Gül ist einer ihrer Anführer. Die Straßen sind voller Sandsäcke. Die Polizisten tragen Rüstung und sehen aus wie Marsmenschen. Jeden Tag sind Demonstranten auf der Straße. Die Linken Studenten marschieren gerne vor den rechten Studentenverein. Werden sie das Gebäude besetzen können? Steine fliegen, Fensterscheiben gehen zu Bruch. Das Büro meines Vaters ist in einem alten Gebäude, der große Raum hat einen Erker. Ich bin sieben Jahre alt, sitze dort stundenlang am Fenster und beobachte das Geschehen mit Spannung.

    Das Natomitglied Türkei und die kommunistischen Studenten. Die Spannungen sind groß. Die Türkei ist ein armes, zurückgebliebenes Land. Die Unterschiede zwischen arm und reich sind überwältigend.  Den einfachen Menschen auf dem Land wird seit Generationen erzählt, daß Armut und Reichtum gottgegeben sind. Füge dich in dein Schicksal, heißt die Losung. Doch die Türkei hat auch begonnen sich zu industriealisieren. Die Landbevölkerung zieht in die Großstädte und sucht Arbeit. Für die linken Studenten sind die Zustände eindeutig revolutionär. Marx und Leninlektüre wird großgeschrieben. Mao ist auch populär. Marcuse hat keine Bedeutung. Das türkische Achtundsechzig wird vom Vulgärmarximus gelenkt. Die Verhältnisse sind grob, das Klima rauh. Mit der Arbeiterpartei sitzen seit den Parlamentswahlen 1965 zum ersten Mal Kommunisten im Parlament. Sie nennen sich nicht so. Kommunismus ist verboten. Kommunistische Gedanken werden mit mindestens fünf Jahren Haft bestraft. Die Türkei aber übt sich auch in Demokratie. Die Verfassung von 1961 ist eine Kopie des westdeutschen Grundgesetzes. Strenge Gewaltenteilung, ein Verfassungsgericht. Doch die Verhältnisse in der Türkei erinnern mehr an die Länder in Südamerika als an Deutschland-West.

    Eine kommunistische Türkei ist eine Illusion. Im kalten Krieg kann es keine Lagerwechsel geben, ohne dass ein Weltbrand ausgelöst wird. Die Welt ist in starre Lager aufgeteilt. Die Russen dürfen in Prag einmarschieren, dafür wird die Türkei ein Teil des Westens bleiben. Deal der Großmächte, über den Köpfen der Menschen hinweg. Die Türkei ist ein Eckpfeiler der Nato, Bollwerk gegen den Kommunismus. Die Industrie ist noch viel zu schwach ausgebaut. Auf dem Land herrschen konservative Traditionen und Werte. Die türkischen  Bauern warten nicht auf ihre Befreiung. Sie laufen zu den Gendarmen, wenn die “Anarchisten”, so werden die linken Studentenkader gegannt, bei ihnen auftauchen. Die Anarchisten sind gottlos und praktizieren freien Sex, glaubt man zu wissen. Sie kennen keine Moral, keinen Anstand. Sie trampeln auf dem heiligen Koran herum. Der Staat soll kurzen Prozeß mit ihnen machen.

    Das Regime hat es nicht schwer nach dem Militärputsch 1971 die Studentenrevolte zu unterdrücken. Der Widerstand wird rasch gebrochen. Überall im Land herrscht Ausnahmezustand. Die Gerichte werden von den Militärs kontrolliert. Die gewählte Regierung ist abgesetzt. Die Militärs ernennen ein Notstandskabinett. Die Atmosphäre der Gewalt aber setzt sich  in den Siebzigern fort und bringt das Land binnen weniger Jahre wieder an den Rand des Bürgerkrieges. Linke und rechte Studenten führen Krieg gegeneinader. Jeden Tag gibt es Tote und Verletzte. Die Ereignisse der Siebziger Jahre sind in der Türkei bis heute ungeklärt geblieben. Sie wurden zum Vorwand für den nächsten Militärputsch, im Jahre 1980.

    Dieser Putsch ist der härteste, den die Türkei erlebt hat. Er krempelt das ganze Land um. Die Türkei wird für die Globalisierung fit gemacht. Wichtig ist vor allem, daß Arbeitskraft billig bleibt. Die Türkei soll in den Weltmarkt integriert werden. Auslandskapital soll ins Land fließen. Die Spuren der autoritären Herrschaft der Militärs reichen bis heute. Eine undemokratische Verfassung, eine Stimmung, in der der Begriff des Politischen selbst zum gefährlichen Unwort geworden ist. All das hat eine umfassende, anhaltende Demokratisierung der Türkei bis in die Gegenwart verhindert.

    Der Putsch treibt viele türkische Intellektuelle und Studentenführer ins Ausland, ins Exil. Das Kulturleben der Türkei wurde zunehmend von ihnen geprägt. Viele Verlage wurden in den Siebziger Jahren von den Achtundsechzigern gegründet. Die Produktion beschränkte sich nicht mehr nur auf politische Literatur, Werke der Weltliteratur wurden übersetzt, freilich vor allem so genannte fortschrittliche Autoren aus aller Welt entdeckt. So zum Beispiel die lateinamerikanische Literatur; Autoren wie Fuentes und Marquez wurden populär.

    Nach dem Putsch von 1980 werden auch Bücher verboten. Es gibt Bücherverbrennungen. Nazim Hikmets Gedichtbände verschwinden wieder von den Regalen der Buchhandlungen. Viele linksgesinnte Poeten dürfen nicht mehr publizieren. Nicht wenige kommen nach Deutschland, wo bereits viele Türken leben. Sie sitzen nicht nur in Kantinen, wie “Hodscha”, der unsere Fragen nach den Zuständen von damals immer bereitwillig beantwortet, nicht ohne einen gewissen Stolz in der leisen Stimme. Viele der ehemals politisch aktiven betätigen sich nun in Kulturvereinen, geben Zeitschriften heraus, bauen kleine Bibliotheken auf, veranstalten Seminare. Es entsteht eine Konkurrenz zwischen den Moscheevereinen und den kleinen Kulturzentren der Linken.

    Ich mache einige meiner ersten Lesungen an diesen Zentren, meine Lyrik wird als zu bürgerlich eingestuft. Ich schreibe auf Deutsch. Die meisten Zuhörer verstehen kein Deutsch. Ich merke, wie fremd diese Menschen für mich geworden ist, wie fremd und fern die Türkei ist. Meine Übersetzungen aus der türkischen Volksdichtung aber werden honoriert. Die türkischen Volksdichter aus den vergangenen Jahrhunderten gelten als progressiv. Sie hatten sich gegen die Herrschaft des Sultans aufgelehnt und standen in Opposition zu den konservativen muslimischen Theologen.

    In den 80er-Jahren ist Deutschland zu einem Zentrum der türkischen Kommunisten geworden. In der Türkei waren die Gefängnisse mit ihnen und ihren Sympathisanten überfüllt, nicht wenige Linke endeten am Galgen. In Deutschland aber kümmerte sich sogar die Evangelische Studentengemeinde um die Verfolgten. Ihre Gesinnung interessiert niemanden. Es genügt die Tatsache vom türkischen Staat verfolgt zu werden. Es ist das Jahrzehnt des deutschen Asyls. Die Naivität der Deutschen kommt den Türken entgegen, die nicht bereit sind, sich kritisch mit ihrer eigenen Vergangenheit zu beschäftigen.

    Ist die türkische Revolte von Achtundsechzig überhaupt eine Emanzipationsbewegung? Oder anders gefragt: wurde sie nicht von selbsternannten “Führern” mit Macho-Allüren kontrolliert, die längst den Boden unter den Füßen verloren hatten? Keine Frage, die Türkei war ein repressiver Staat. Aber die Gegner dieses Staates, oftmals in sektiererischer Manier zersplittert in zahllose revolutionäre Zellen, dachten und handelten nicht weniger repressiv. Sie duldeten keinen Widerspruch, sogar die unterschiedlichen Interperationen der marxistischen Weltsicht führten zu keiner offenen Diskussion, vielmehr zum verbissenen ideologischen Kampf.

    Das Weltbild der Revolutionäre hinterfragt nicht die Geschlechterverhältnisse, auch nicht das Verhältnis zur Gewalt. Das ist wahrscheinlich der größte Unterschied zwischen deutschen und türkischen Achtundsechzigern. Letztere bildeten lieber Brigaden als Kommunen. Lebenslust und Humor gingen ihnen ab. Das Privatleben wurde nicht revolutioniert. Es existierte einfach nicht. Ein Revolutionär, der ernst genommen werden wollte, verliebte sich eben nicht.

    Die türkische Studentenbewegung brachte nicht die “Grünen” hervor, sondern viele selbstverliebte linke Sekten, die sich in ihrer Bedeutungslosigkeit übertrumpften. Es sind nicht die Gruppen aus dieser Bewegung, die Respekt verdienen, sondern viele Einzelne, die sich durch Engagement und auch eine gewisse persönliche Disziplin und Mut zum kritischen Denken von der Masse abheben. Diese Einzelnen sorgen dafür, daß das Erbe des türkischen  Aufbruchs von Achtundsechzig heute nicht ganz vergessen ist. Die Frage, wie eine Gesellschaft verändert werden kann, wie die Lebensbedingungen der Menschen verbessert werden können, diese linke Grundfrage mit der demokratischen Gesellschaft zu versöhnen nannte man in Deutschland “den Marsch durch die Institutionen”. In der Türkei gibt es aber keinen solchen Marsch. Allein das Militär marschiert.

    Der Kampf der Linken gegen die Moscheevereine in Deutschland ist inzwischen verloren. Viele kulturell aktive Menschen aus den 80er-Jahren haben sich ins Private zurückgezogen. Sie sind politisch desillusioniert, vielleicht auch entmutigt. Manche von ihnen betreiben Restaurants und kümmern sich – immerhin! – vor allem um ihr persönliches Wohlergehen. Vorbilder für die Jüngeren sind sie nicht mehr. Die Moscheen dagegen haben sich gut organisiert und bekommen Zulauf auch von den Jüngeren.

    Die Situation in Deutschland spiegelt genau die Situation in der Türkei wieder. Nachdem das Militär die linke Bewegung ausgemerzt, die Gewerkschaften geschwächt und die politische Betätigung an Hochschulen verboten hatte, breitete sich über das ganze Land das Netzwerk der religiösen Vereinigungen aus. Viele von ihnen waren illegal, aber nicht so laut und rebellisch wie die Linken. Mystische Orden und muslimische Selbsterfahrungsgruppen, selbsternannte Gurus der islamischen Lebensführung, werden jetzt immer mehr zu bestimmenden Kulturträgern. Andersdenkende werden isoliert und an den Rand gedrängt. Die Türkei erinnert sich ihrer muslimischen Identität. Die einzige nennenswerte Gegenkraft gegen diese Tendenz ist die Welt des Konsums, die Alltagskultur der Globalisierung.   

    Auffallend ist die Sprachlosigkeit der Achtundsechziger Generation gegenüber dieser Entwicklung. Vulgärmaxistische Erklärungsmuster führen nicht weiter. Ein Engagement gegen die “reaktionäre” Entwicklung scheint aussichtslos. Der Zusammenbruch des totalitären Sozialismus hat viel Bitterkeit hinterlassen, aber zu keiner nennenswerten kritischen Selbstreflektion geführt.

    In den 80er-Jahren aber, als wir demokratisch Gesinnte Türken in Deutschland und in der Türkei den türkischen Staat bekämpften, waren Leute wie der “Hodscha” noch eine Autorität, ein (über)lebendes Exemplar des Widerstands, der Hoffnung auf bessere Zeiten. “Hodscha” sprach gut Französisch, aber kein Wort Deutsch. Deutsch lernen wollte er nicht. Er wollte in die Türkei zurück und dort wieder den Kampf gegen die Oligarchen aufnehmen. Für die deutschen Genossen, die sich in Parlamenten um Anerkennung und politischen Einfluß mühten, hatte er nur ein müdes Lächeln übrig. Die parlamentarische Demokratie war für ihn nur eine Spielwiese des verwöhnten Bürgertums. Dieses Bürgertum, das sich in Deutschland demokratisch maskiert hatte, zeigte in der Türkei sein wahres Gesicht. Waren Deutschland und die Türkei nicht Verbündete? Doch wie erklärte er sich die Tatsache, das Deutschland ihm Asyl gewährt hatte? Solche Fragen überhörte er. Solche Fragen werden von Revolutionären gerne verdrängt, denn sie stören das Weltbild. Die Revolution duldet keinen Nebel, sie erfordert Klarsicht. Doch das ist ungefähr so, wie wenn man ein dunkles Foto aus dem tiefsten Winter durch Überbelichtung aufhellen möchte. Das Ergebnis ist immer eine mißlungene Aufnahme.

    Ideologen haben mich immer abgestoßen. Ich sah in ihnen immer die Feinde der Poesie. Denn die Poesie lebt von den Grautönen, von den Stimmen zwischen den Zeilen, von den Schattierungen der Farben. Ideologen aber brauchen immer die scharfen Bilder, die grellen Farben, die Auflösung des Wortgeheimnisses.

    Ich habe “Hodscha” erzählen lassen, aber ihm nie ein Gedicht von mir vorgelesen.

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    Zafer Şenocak
    ist 1961 in Ankara geboren, wuchs in Istanbul und München auf und lebt heute in Berlin. Er zählt zu den bedeutendsten türkischstämmigen Schriftsstellern in Deutschland und schreibt auf deutsch und auf türkisch. Zuletzt erschien sein Essayband: Das Land hinter den Buchstaben. Babel Verlag, Berlin 2006.

    Copyright: Goethe-Institut e.V., Fikrun wa Fann 2008

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    Mai 2008