Foto: Kai Wiedenhöfer

    Islam in Südasien

    Der Islam und das Internet in Südasien

    Technologie und Medien wurden früher vom britischen Empire als Instrumente der Kolonialherrschaft benutzt. Heute stellt die zweit-, dritt- und viertgrößte muslimische Bevölkerungsgruppe ihre verschiedenen Identitäten im Internet dar.

    Seit den Ereignissen des 11. September 2001 konzentriert sich die Medienberichterstattung über den Islam unverhältnismäßig stark auf „den Krieg gegen den Terrorismus“, den Dschihad und verwandte Themen.

    So beschreibt zum Beispiel ein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel, wie Al-Qaeda Führer Al-Zarqawi das Internet als ein „mächtiges Werkzeug des weltweiten Dschihad“ benutzt, und ein dschihadistisches globales Online-Projekt der pakistanischen Extremistengruppe Jamaat-du-Dawa wird in einem Artikel in Frontline auf ähnliche Weise dargestellt. Doch eine derartige Verwendung des Internets ist keineswegs repräsentativ für die vielfältige Art und Weise, in der die Muslime in Südasien und anderswo ihre verschiedenen religiösen, nationalen, regionalen, beruflichen usw. Identitäten ausdrücken.

    Die weltweit zweit-, dritt- und viertgrößten muslimische Bevölkerungsgruppen leben in Südasien; in Pakistan (161 Millionen), in Indien (fast 147 Millionen) und in Bangladesh (über 122 Millionen). Die Muster der Internetbenutzung in Südasien spiegeln sowohl die länger zurückliegende als auch die jüngere Geschichte wider.

    Im Indien des 18. Jahrhunderts wurde westliche Technologie anfangs als ein Instrument der kolonialen Herrschaft empfunden. Zwischen 1820 und 1840 nahmen die Inder die Druckerpresse voller Begeisterung an, was zu einer massenhaften Produktion von gedrucktem Material in Englisch und den indischen Sprachen führte. Nach 1835 konnten Inder als Folge der Kolonialpolitik in den Genuss einer Ausbildung in westlichen Technologien in englischer Sprache kommen, wobei die Mitglieder der englischsprachigen und privilegierten Kasten die neuen Möglichkeiten am besten für sich ausschöpfen konnten. Für die muslimische Elite bedeutete der britische Kolonialismus in Indien einen Machtverlust, was sich an der konservativen Reaktion der „Ulama“ in Bezug auf Bildung und Religion erkennen lässt. Im Gegensatz dazu befürwortete der einflussreiche Reformer Saiyid Ahmad Khan den Wandel des Islam in eine neue islamische Moderne, wobei er unter anderem eine verstärkte Hinwendung zu den Wissenschaften mit einbezog.

    Begrenzte aber wachsende Verbreitung des Internets

    Im postkolonialen Indien konnten hauptsächlich die Mitglieder oberer Kasten in der Mittel- und Oberschicht der englischsprachigen städtischen Elite von Ausbildung und beruflichen Chancen im Technologiebereich profitieren. Seit der Liberalisierung im Jahr 1991 ist das Internet zentraler Bestandteil aller Pläne für die Entwicklung des Landes. Allerdings besaßen im März 2004 nur 4,55 Millionen Inder einen Internetzugang. Auch Pakistan misst dem Ausbau seines Telekommunikationssektors große Bedeutung bei, die Verbreitung des Internets jedoch ist gegrenzt. Im Jahr 2000 prognostizierte eine Studie 400.000 Internetnutzer für 2003, während eine andere im Mai 2006 aktualisierte Quelle von ungefähr 1,7 Millionen spricht.

    Eine andere Quelle beziffert die Anzahl der Internetanwender in Bangladesch für das Jahr 2005 auf 3 Millionen. Ein jüngere Studie verzeichnet ein signifikantes Wachstum in der Computer- und Internetnutzung in Indien, nämlich von 6 % im Jahr 2002 auf 21 % im Jahr 2005. Die Wachstumsrate in Pakistan fällt geringer aus.

    Obwohl die Benutzung des Internets in Südasien ständig anwächst, wird sich in ihr wahrscheinlich die „digitale Kluft“ niederschlagen. Nachdem Englisch die bevorzugte Sprache im Internet ist, werden die englischsprachigen Eliten am meisten von dem verbesserten Zugangsangebot profitieren. Die Gruppe der indischen Internet-Benutzer setzt sich aus neuen und alten Eliten zusammen, die sowohl in Indien selbst als auch in der Diaspora leben. Muslime sind in dieser Gruppe unterrepräsentiert, da die Analphabeten- und Arbeitslosenrate unter ihnen höher ist als bei den Hindus. Auch in Pakistan ist der Ausbau des Internets auf die nationalen und in der Diaspora lebenden Eliten ausgerichtet, wie man an Webseiten wie die der Jamā‘at-i Islāmī Pakistan ersehen kann. Pakistanische Organisationen, die Regierung sowie Oppositionsparteien wie die Pakistan People’s Party und Pakistan Tehreek-i-Insaf betrachten das Internet als unerlässlichen öffentlichen Raum, den sie „ausbauen wollen“. Die muslimischen Organisationen in Indien wie die All India Muslim Majlis-e-Mushawarat und die All India Muslim Personal Law Board haben das Medium Internet erst seit kurzem für sich entdeckt, sind jetzt allerdings mit einer Internetpräsenz vertreten.

    Digitale Reaktionen auf anti-muslimische Gewalt

    Die ganze Komplexität in der Internetbenutzung durch Muslime in Südasien lässt sich am Beispiel zweier Webseiten ersehen. Da ist zunächst die Seite des Indian Muslim Council – USA (http://www.imc-usa.org), einer Organisation mit Sitz in den USA, die als Antwort auf die anti-muslimischen Gewaltakte im indischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002 gegründet wurde. In der Rubrik „über uns“ bekräftigt die Webseite ihr Engagement „zum Erhalt der gemeinsamen Werte, die die zwei größten säkularen Demokratien (Indien und die USA) verbinden“. Auffällig ist, dass es auf dieser Seite kein Unbehagen gegenüber muslimischen, indischen oder amerikanischen Identitätszuschreibungen gibt. Das Nebeneinander und die Überschneidung von offenen Identitäten entspringt wohl der lockeren und demokratischen Struktur der Seite und dem Leitbild der Organisation, Identität eher durch gemeinsame Werte auszudrücken als durch eindimensionale Deutungen dessen, was als indisch, amerikanisch oder muslimisch gilt.

    „Netzbürger“ und muslimische Blogger

    Bei der zweiten Seite handelt es sich um KeralaMuslim.NET (http://www.keralamuslim.net), einem Webmagazin, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, „Islamische und muslimische Themen innerhalb eines akademischen, sozialen und politischen Umfelds“ an die Muslimgemeinde in dem südindischen Staat Kerala zu vermitteln. Die Beiträge auf der Seite müssen mit den „Grundlagen der Islamischen Lehre“ vereinbar sein und „wahre islamische Gesinnung und Benehmen“ aufweisen.

    Die generelle politische Ausrichtung der Seite lässt sich schwer einschätzen. Ihre Gesinnung, eine Diskussion im Einklang mit der islamischen Lehre und im Geist des Islam zu fördern, kann unterschiedlich interpretiert werden, nämlich als Konservatismus, als Ruf nach zivilen Umgangsformen oder beides zugleich, was darauf hindeutet, dass „islamisch“ im Netz eine ganze Reihe von Bedeutungen annehmen kann. Die Identität sowohl der Besucher von Webseiten als auch von deren Betreibern definiert sich interessanterweise nicht nur durch religiöse Zugehörigkeit sondern zusätzlich auch durch das Benutzen und Anwenden von Technologie: ein Projekt von „netizens“ (dt. etwa „Netzbürgern“) und „muslimischen Bloggern“.

    Diese Webseiten spiegeln die Tatsache wider, dass sich „die soziale Praxis in all ihrer Vielfältigkeit das Internet angeeignet hat“, dass aber diese „Aneignung gleichzeitig Einfluss auf die soziale Praxis“ hat, wie Manuel Castells es in seinem Buch „Die Internet-Galaxie“ sagt. Die Nutzung des Internets durch die Muslime Südasiens lässt sich nicht ausschließlich durch Motive religiöser, nationaler oder regionaler Art begründen. Eine gewisse Rolle spielen derartige Zugehörigkeitsgefühle bei der Nutzung dieser Technologie allerdings wohl, und die Anwendung von Technologie hat ihrerseits einen gewissen Einfluss auf die Neubildung von Identitäten. Wenn der Cyberspace eine Arena ist, in der man soziale Zugehörigkeiten und Identitäten ausdrückt und sich mit ihnen auseinandersetzt, dann ist der Cyberspace selbst Teil dieser dynamischen Prozesse der Repräsentation und deren Anfechtung. Die Art und Weise mit der muslimische Personen und Gruppierungen in Südasien das Internet benutzen unterstützt auch die Behauptung, eine Struktur wie das Internet, mit der man die muslimische Bildungselite leicht, regelmäßig und schnell erreichen kann, überträfe die traditionellen Kommunikationsnetzwerke der Muslime an Macht und Einfluss.

    Beim Ausbau des Internets in Südasien wird man sich mit Analphabetismus, mangelnder Bildung und einer schlechten Infrastruktur auseinander setzten müssen. Auch das Machtgerangel politischer und religiöser Autoritäten wird einen Einfluss darauf haben. Nachdem aber die Zahl der Anwender in Südasien stetig wächst, kann das Internet zu einem entscheidenden Ausdrucksmittel werden für die reiche Kultur, die unterschiedlichen Formen der Moderne, und die politischen Möglichkeiten der Völker Südasiens.

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    Bibliografie:

    Bayly, C. A: Empire and Information: Intelligence Gathering and Social Communication in India, 1780-1870, New York 1996

    Bunt, Gary R: Virtually Islamic: Computer-Mediated Communication and Cyber Islamic Environments

    Castells, Manuel: The Internet Galaxy: Reflections on the Internet, Business and Society, Oxford 2001

    Chopra, Rohit: Neoliberalism as Doxa: Bourdieu’s Theory of the State and the

    Contemporary Indian Discourse on Globalization and Liberalization. In: Cultural Studies, vol. 17, no. 3/4 (2003) (pages 419-444)

    Atul Kohli: India’s Democracy: An Analysis of Changing State-Society Relations, Princeton 1988

    Hasan, Mushirul: Islam in the Subcontinent: Muslims in a Plural Society, New Delhi 2002

    Kenneth Keniston and Deepak Kumar, eds.: IT Experience in India: Bridging the Digital Divide, New Delhi 2004

    Rohit Chopra

    ist Gastprofessor an der Emory Universität, Atlanta, USA. Sein Forschungsgebiet ist u. a. die Verhältnis von Technologie (wie z. B. das Internet) und Nationalismus in Indien. Zusätzlich leitet er digitale Stipendiaten-Projekte an der Juristischen Fakultät, darunter u. a. das „Islam und Menschenrechte Stipendiaten-Programm“und das Projekt “Die Zukunft von Shari’a“. Derzeit schreibt er an seinem ersten Roman.

    September 2006

     

    Übersetzung: Roberta Gradl

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann
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