Foto: Kai Wiedenhöfer

    Islam in Südasien

    Wie der Islam Südasiens der (westlichen) Moderne begegnet

    In der Islamforschung der Moderne (Neuzeit) wird die feindliche Haltung des Islam gegenüber dem “entwickelten” und “fortschrittlichen” Westen überbetont.


    Seit dem Anschlag auf das World Trade Center in New York im Jahr 2001 werden sowohl die islamische Religion als auch ihre Anhänger immer wieder mit dem Bösen gleichgesetzt. Infolgedessen produzieren westliche Wissenschaftler Literatur am Fließband, die dieser Verteufelung und dem grotesken Bild, das vom Islam und seinen Gläubigen gezeichnet wird, Gültigkeit und Glaubwürdigkeit zu verleihen.

    Die Analyse jener im Namen des Islam entfesselten Bedrohung geschieht aus einer westlichen, von den Diskursen der Moderne geprägten Perspektive heraus. Im Verlauf der Untersuchungen wird der Islam in den meisten Fällen als eine dem Fundamentalismus und Terrorismus nahe stehende Religion dargestellt.

    Da die Untersuchungsinstrumente und die angewandten Untersuchungsmethoden aus dem Westen kommen, kann man die Auffassung vertreten, dem (Begriff) Islam wird eine neue Bedeutung zugeschrieben, die seine feindliche Haltung gegen den „entwickelten“ und „fortschrittlichen“ Westen hervorhebt.

    Die Moderne und ihr theoretisches Fundament der Vernunft wird als inhärenter Wesenszug des Westens dargestellt. Im Gegensatz dazu wird allen orientalischen Lehren und Gesetzbüchern (Kodizes), die des Islam eingeschlossen, jegliche Rationalität abgesprochen, indem man sie als Intuitions- und Offenbarungsideologien bezeichnet – wobei Rationalität als das Fundament der heutigen durch Wissenschaft und Technologie geprägten Welt angesehen wird.

    Diese “heutige Welt” hat ihr Zentrum im Westen. Und dieser Westen wird allen voran durch Amerika repräsentiert, das tut, was es kann, um die vorhandenen Konturen der Welt aufzulösen und sie nach seinem eigenen Willen zu gestalten. Es scheint das unvermeidliche Schicksal der Muslime zu sein, dass die Vereinigten Staaten es sich zur Aufgabe gemacht haben, sie zu befreien. Indem sich das amerikanische Establishment der Theorien der in Sachen Islam ziemlich bewanderten Gelehrten wie Bernard Lewis oder Samuel Huntington bedient, tut es mit den Muslimen, was die Briten ihnen im 19. Jahrhundert angetan haben: ihnen neue Eigenschaften und Bedeutung zuzuschreiben. So werden Muslime wahhlos als Fundamentalisten und Terroristen gebrandmarkt und der Islam als Ursache ihrer Verbrechen bezeichnet.

    Unverrückbarer Glaube an Vernunft

    Die westliche Darstellung von östlichen Ideen und kulturellen Modellen hat einen ganz bestimmten Hintergrund. Das moderne Verständnis des Islam hat seine Grundlagen in der Orientalistik des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Seit René Descartes (1596-1650) hatte sich der unverrückbare Glaube and die Vernunft als wahre Quelle des Wissens bereits tief verwurzelt. Die Philosophie Descartes hatte sich als Antriebsfeder des Zeitalters der Aufklärung im 18. Jahrhundert hervorgetan. Laut dieser Philosophie sind es einzig die Naturwissenschaften, die zur Wahrheit führen.

    Immer wieder hob man kategorisch hervor, das Dichtung, Spiritualität und Geschichte nicht in der Lage seien, sich mit der Präzision und Exaktheit der Naturwissenschaften zu messen. Auf diese Weise wurden sie als Träger objektiver Wahrheit ausgeschlossen. Nachfolgende Generationen westlicher Denker wie Spinoza und Leibniz untermauerten diese Formulierung der Erkenntnistheorie noch weiter und ernannten sie zum Agens der Wahrheit, womit Offenbarungstheoretische Ansätze und intuitive Spiritualität in Folge zum reinen Aberglaube degradiert wurden.

    Der Einfluss der Vernunft auf den Südasiatischen Islam

    Zwar hatte diese Denkweise ihren Ursprung und Blüte im Westen, doch über den Kolonialismus nahm sie auch auf die orientalischen Kulturen Einfluss. Wenn man diese Thesen aus der südasiatischen Perspektive betrachtet, kann man die Meinung vertreten, dass die beiden großen Religionen, nämlich der Hinduismus und der Islam, angesichts des westlichen Rationalismus neu definiert wurden, nachdem die Kolonialisten auf den Subkontinent vorgedrungen waren. Vor Beginn der Zuschreibung neuer Bedeutungsinhalte in den Religionen Südasiens und insbesondere des Islams durch den Rationalismus der Kolonialmacht, stellte das Ethos der Sufis die Hauptantriebskraft dar, die die Liebe zu den Mitmenschen unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit, Kaste, Überzeugung und Herkunft proklamierte. Sufi-Orden wie Chistyia und Qadriya standen für interreligiöse Gemeinsamkeit und kulturelle Synkretismus im südasiatischen Islam. So ermöglichten diese Orden das notwendige soziale Gleichgewicht in der multikulturellen Gesellschaft Indiens. Die koloniale Moderne hatte zersetzende Auswirkungen auf den Sufismus als wesentliche Instanz in der Gefühlswelt des indischen Mittelalters.

    Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts entstanden Reformbewegungen wie Brahmo Samaj von Ram Mohan Roy. Roy war der erste große Vertreter des Rationalismus, der die Hindu-Gesellschaft reformieren sollte. Syed Ahmed Khan (1818-1898) entwickelte ein paar Jahrzehnte später ähnliche Reformziele für nordindische Muslime. Er wartete mit einer neuen Auslegung des Koran auf, indem er den offenbarten Text neu interpretierte und ihm Rationalität zuschrieb und so religiöse Harmonie zwischen den christlichen Herrschern und den muslimischen Untertanen Indiens herbeiführte. Das Muhammadan Anglo-Oriental College in Aligarh wurde eingerichtet (1877), um westliches Gedankengut zu verbreiten. Während Syed Ahmed Khan zwischen Herrschenden und Beherrschten vermittelte, führte er Veränderungen im Islam ein, um ihn den Kolonialisten schmackhaft zu machen. Ideen, die ihnen widerstrebten, wie zum Beispiel der Dschihad, wurden aufs Eis gelegt, oder gar ganz abgeschafft.

    Südasienwissenschaftler verstehen, dass der Einfluss der kolonialen Moderne stärker ist als die modernistischen Elemente bei der Syed Ahmed Khan’s Aligarh Bewegung oder Raja Ram Mohan Roys Brahmo Samaj. Aber auch altes Brauchtum fördernde Strömungen wie die Deo Band-Bewegung oder Arya Samaj konnten sich diesen Einflüssen nicht entziehen. Sie eigneten sich nicht nur moderne Technologien zur Verbreitung ihrer Botschaft an, sondern die Kraft des westlichen Rationalismus durchdrang auch strukturell das Gedankengebäude dieser Reformorganisationen. Auf diese Weise wurden die esoterischen Inhalte des südasiatischen Islam abgeschafft.

    Die Verwandlung des Islam und die Leidenschaft für den Dschihad

    So kam es, dass eine von der Kultur abgeschnittene Religion sich nur noch auf die Dinge der Geisteswelt und des Lebens im Jenseits beschränkte, was dem puritanischen Glauben die Türen öffnete. Der Wandel des Islam in der Hochzeit des kolonialen Raj schlug besonders auf dem Subkontinent unmittelbar in Streitigkeiten um oder innerhalb der Gemeinden nieder. Die Leidenschaft für den Dschihad, der damit rücksichtslos gegeneinander entfesselt wurde, wurde zum alltäglichen Spektakel.

    Der traditionelle Synkretismus, der dem soziokulturellen Ethos Südasiens innewohnt, schien völlig untergraben, was separatistische Tendenzen seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ermöglichte und befruchtete. Obwohl die Verfechter der separatistischen Ansichten zutiefst modern eingestellt waren, nutzten sie religiöse Tradition für gänzlich irdische Motive. In den darauf folgenden Jahren lag es vor allem an der von westlichen Ideen inspirierten Führung und teilweise an der sowjetischen Bedrohung, dass der Islam vermutlich keine ernsthafte Herausforderung für den „way of life“ darstellte.

    Umgekehrt gewährte die muslimische Welt mit der Ausnahme einiger weniger Länder den amerikanischen Interessen ihre volle Unterstützung, peitschte so die bisher unterschwellige Stimmung des Dschihad an und verwandelte sie in eine wilde und gewaltvolle Kraft, die im post-kommunistischen Zeitalter nicht mehr einzudämmen war. Es waren eben diese Dschihadisten, die - als Bauernopfer von den Amerikanern ins Feld geschickt - letztlich die sowjetischen Streitkräfte in Afghanistan besiegt hatten.

    In der Welt nach dem 11. September 2001 erinnert die Aufgabe, die sich die USA auferlegt haben, die Muslime von den Vorzügen von Freiheit und Demokratie zu überzeugen, an „des weißen Mannes Bürde“ (Zitat Rudyard Kipling; Anmerkung d. Übersetzers), mit der die Briten die Zivilisierung der Inder rechtfertigten. Die Geschichte wiederholt sich auf unheimliche Weise. Das hehre Ziel, die Botschaft von Freiheit und Demokratie zu verbreiten, mag früher oder später gleich einem Bumerang auf George W. Bush und die christlichen Neokonservativen zurückschlagen.

    Tahir Kamran
    unterrichtet Geschichte an der GC University in Lahore, Pakistan.

    September 2006

    Übersetzung: Roberta Gradl und Wenzel Bilger

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann
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