Foto: Kai Wiedenhöfer

    Islam in Südasien

    Glanzleistungen islamischer Architektur auf dem südasiatischen Subkontinent

    Südasien ist geprägt vom Nebeneinander der Religionen. So vereinten sich auch verschiedene künstlerische Traditionen zu einer besonderen Form der muslimischen Baukultur. Die bekannteste künstlerische Bautradition der Muslime in Südasien ist dem Europäer unter dem Label "Mogul-Architektur" geläufig. Jeder kennt einen der Gipfelpunkte dieser Traditionslinie: den Taj Mahal im nordindischen Agra.

    Von den verschiedenen Mogulkaisern in Hindustan war Shah Jahan (reg. 1628-1658) der aktivste Bauherr. Er ließ nicht nur den Taj Mahal als Grabmal seiner Lieblingsfrau Arjumand Banu Begum nach ihrem Tod im Jahr 1629 errichten. Auch die Neuplanung der kaiserlichen Residenz in Delhi, nach ihm benannt als Shahjahanabad, geht auf ihn zurück. Als Shah Jahan - fast zeitgleich zum Verlauf des 30-jährigen Krieges in Deutschland - über ein mächtiges und kulturell äußerst kreatives Reich im Norden Indiens regierte, hatte sich dort bereits ein lokaler Mischstil in der Architektur entwickelt, der von Kunsthistorikern Mogul-Stil genannt wird.

    Die Vorbilder der Mogul-Architektur

    Charakteristika des Mogul-Stils entstammen zum einen dem Herkunftsgebiet der turko-mongolischen Herrscherdynastie, dem timuridischen Zentralasien mit der einstigen Hauptstadt Samarkand, und andererseits der einheimischen Architekturtradition wie dem Nachbarland Persien. Pavillonförmiger Dachschmuck, entweder als Balustradenelement oder frei aufgestellt, kann aus der westindischen Architekturtradition Rajasthans hergeleitet werden. Die Vorbilder für diese Dachverzierungen der Mogulbauten sind die lokalen Gewölbepavillons (chattris), z.B. die in Gwalior oder die über den Grabstätten lokaler Potentaten in der Wüste Rajasthans bei Jaisalmer. Aus Persien wurden die Torformation mit Innengewölbe (iwan) und die symmetrische, viergeteilte Gartenanlage (char bagh) übernommen. Eine Interpretation des Konzepts des Paradiesgartens aus dem Koran wurde von den Moguln z.B. in den Gartengräbern Humayuns in Delhi, Akbars in Sikandra und Mumtaz Mahals in Agra übernommen.

    Wie sich im Kernland Indiens zur Zeit der Mogul-Kaiser eine Synthese verschiedener Stilelemente ergab, so entwickelte sich in den Randregionen des indischen Subkontinents ein eben solcher Dialog zwischen den funktionalen Forderungen der Bauherren und den handwerklichen Traditionen der Bauausführenden. Als Beispiele mögen hier der historische Moscheebau des nördlichsten und südlichsten indischen Unionsstaat gelten, Moscheen aus Kashmir und Kerala. Beide Regionen sind von für Indien extremen Niederschlägen geprägt. In Kerala beginnt der Südwest-Monsun jedes Jahr Anfang Juni mit seinen täglichen, sehr starken Regengüssen. Im Herbst wiederholt sich dieses meteorologische Schauspiel in Kerala, diesmal aus der Nordost-Richtung. Auch Kashmir weist Niederschläge auf, aber ganz anderer Art: hier herrscht Hochgebirgsklima, welches in den Wintermonaten häufig erhebliche Schneemengen bringt.

    Aus diesen Witterungsbedingungen resultieren auch besondere Dachformen in beiden Regionen. Obgleich die Pyramidendächer formal eigenständig sind in beiden Regionen, haben sie auch bedeutende konstruktive Parallelen. Zum Ableiten heftiger Regenfälle bzw. größerer Schneemengen sind Dächer mit starkem Neigungswinkel sehr nützlich, sowohl Sattel- wie Pyramidendächer. In Kottayam in Kerala steht eine Moschee mit einem eindrucksvollen Satteldach und sehr filigranen Giebelverzierungen. Im nicht weit entfernten Kochi steht dagegen der Bautyp, der auch in Kashmir zu finden ist: eine Moschee mit Pyramidendach.

    Gartenarchitektur in Indien

    Gibt es hinsichtlich der Dachformen große Gemeinsamkeiten zwischen Kerala und Kashmir so bestehen betreffs eines anderen Merkmals islamischer Architektur in Indien erhebliche Unterschiede: In Kashmir sind aus der Mogul-Periode eindrucksvolle Gartenanlagen überliefert. In Kerala gibt es nicht einen der prachtvollen islamischen Gärten, die im Norden entweder als Paradiesgärten um Grabmäler oder der Entspannung für die königliche Familie dienten. Diese Auftraggebersituation gab es in Kerala nicht. Die muslimische Bevölkerung besteht hier hauptsächlich aus Händlerfamilien und keine islamische Dynastie herrschte hier mit solch einem imperialen Machtanspruch wie bei den Moguln im Norden.

    Der älteste Garten in Kashmir ist ein Palastgarten in der Zitadelle Hari Parbat auf dem Sharika-Berg, von dem heute zwar nur noch Reste verblieben sind, der aber einst für gleich drei Mogul-Kaiser (Akbar, Jahangir und Shah Jahan) eine sehr emotionale Bedeutung hatte: der Bagh-i Nur Afza (d.h. der Nur-Afza-Garten). Die unbestreitbar bekanntesten Gärten, die vor Beginn des Bürgerkriegs in Kashmir in den 1980er Jahren eines der beliebtesten Reiseziele indischer Hochzeitsreisender waren, sind die für die Mogul-Kaiserin Nur Jahan von ihrem Ehemann Jahangir ab 1616 errichteten Shalimar-Gärten.

    Es gibt formal gesehen grundsätzlich zwei Typen von islamischen Gärten in Indien, die zumeist während der Herrschaft der Moguln (1526 – 1858) entstanden: einmal den char bagh (den Garten mit quadratischem Grundriss und symmetrischer Teilung in vier gleich große kleinere Quadrate) und zum anderen den Terrassengarten. Die vom Aspekt der ästhetisch-politischen Konzeption gewiss bedeutendste Gartenanlage ist die durch Shah Jahan inspirierte im Roten Fort (Shahjahanabad) von "Old" Delhi. Die Wiener Professorin Ebba Koch schreibt dem Garten eine politische Funktion zu: Er sei als Bild der idealen Herrschaft geschaffen, als Zeichen eines immerwährenden Frühlings, eines Paradieses auf Erden.

    Die Spitzen-Leistungen islamischer Baumeister und Gartenarchitekten auf dem südasiatischen Subkontinent sind ein eindrucksvoller Nachweis dafür, welche Kreativität und Glanz islamische Künstler im kulturellen Biotop Südasiens, das von einer Vielzahl religiös orientierter künstlerischer Strömungen geprägt war und ist, beitrugen.

    Literatur:

    Ebba Koch: Mughal Art and Imperial Ideology - Collected Essays. New Delhi, 2001.

    Falk Reitz
    ist Kunsthistoriker und lehrt am Institut für Indische Philologie und Kunstgeschichte der Freien Universität Berlin.

    September 2006

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