Foto: Kai Wiedenhöfer

    West-östliche Kinemathek

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Kino zwischen den Kulturen

    Mit "Gegen die Wand" gewann der Regisseur Fatih Akin den Goldenen Bären auf der Berlinale. Seither ist das deutsche Publikum offener für deutsch-türkisches Kino. Woher aber kommt dieser Erfolg und was genau ist dieses "Kino zwischen den Kulturen"?


    Sibel Kekilli tanzt mit Fatih Akin bei den Dreharbeiten zu 'Gegen die Wand'. Copyright WÜSTE Filmproduktion, Foto: Kerstin Stelter

    Dursun zieht zum Arbeiten aus der Türkei nach Deutschland, geht arbeiten, und hält seine junge Frau Turna unter dem Vorwand, sie vor dem schlechten Einfluss der westlichen Gesellschaft zu schützen, in dem Hochhaus-Appartement mehr oder weniger gefangen. Turnas Wünsche nach Ausgang, Unterhaltung, Kommunikation stoßen bei ihm auf keinerlei Gehör, schließlich geht es um seine Ehre. Die Frau, irgendwo in Anatolien verheiratet an den viel älteren Mann, muss auch in der neuen Heimat ihre Träume von etwas mehr Freiheit begraben, ist eine Gefangene auf 40 Quadratmetern Deutschland - so auch der Filmtitel. Irgendwann erwischt es den Epilepsiekranken unter der Dusche, er stirbt im Flur. Turna sitzt davor, lange; irgendwann schiebt seinen Leichnam beiseite und verlässt die Wohnung.

    Heute würde man "40 Quadratmeter Deutschland" in Migrationsdebatten als reaktionäres Beispiel für eine klischeebeladene Darstellung türkischer Mitbürgerinnen anführen. Seinerzeit, 1987, war Tewfik Basers Film maßgeblich: der erste in Deutschland gedrehte Film eines Türken über ein Türkenthema. Formal überzeugten die Darsteller Özay Fecht, und Yaman Okkays (der bereits in Güneys Klassiker "Sürü" mitwirkte) sowie die Kameraarbeit von Izzet Akkay, der das Drama in langen Einstellungen und leuchtend-satten Farben erzählte. Seine inhaltliche Düsternis, die übertriebene Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere mochte ebenso einer narrativen Vorliebe -oder Schwäche - für das türkische Melodrama entsprungen sein, wie beinharten realen Verhältnissen.

    Vorreiter Fassbinder

    Vor Baser waren es in der Hauptsache deutsche Filmemacher, die sich der filmischen Darstellung der ersten Arbeitsmigranten annahmen. Am Anfang war Fassbinder: "Katzelmacher" erzählte, wie in der trostlosen Enge einer Neubausiedlung ein Grieche schließlich einer dumpfen Clique zum Opfer fällt. "Angst essen Seele auf" baute dieses Thema aus, zeigte eine alleinstehende Dame, die eine Beziehung zu einem jüngeren Marokkaner eingeht, und prompt gesellschaftlicher Ächtung anheim fällt. Die Beziehung scheitert indes letztendlich an inneren Konflikten.Ein Bemühen um realistische Zeichnung der Migranten-Kultur gab es bei Fassbinder kaum: Sein Südländer ist eine Schablone, dazu angetan, die soziale Kälte Nachkriegsdeutschlands vorzuführen, und dient in seiner sozialen und kulturellen Isolation als Chiffre der einsamen narzisstischen Seele des Regisseurs. Tragisch wie kurios nimmt sich aus, dass der Darsteller El Hedi ben Salem von Fassbinder zurückgewiesen, sich später das Leben nahm.

    In diesen beiden Filmen war die Perspektive der kommenden Jahre vorgezeichnet: der Ausländer - häufig der Türke - hatte eine Leidensgeschichte zu erzählen: ein armes Volk in einem kalten Land, die Männer einem archaischen Ehrenkodex und der Maloche unterworfen, die Frauen unterdrückt, alle gebeutelt von Altnazis - und erlösungsbedürftig: Dass diese billigen Klischees teilweise zutrafen, ärgert die intellektuelle Fraktion und die dritte Generation der Migranten bis heute.

    "Shirins Hochzeit" war zukunftsweisend insofern als Sander-Brahms die türkische Frau als leidendes Subjekt in den Fokus rückte. Shirin kommt nach Deutschland, arbeitet als Putzfrau und endet auf dem Strich. Hark Bohms bezaubernder Film "Yasemin" setzte die Kraft der Liebe gegen die düstere Macht der Traditionen: Yasemins deutscher Lover wurde zum romantischen Ritter, der auf seinem Motorrad die türkische Braut vor der patriarchalischen Sippschaft rettete. Womit auch schon der kulturelle Wechsel vollzogen war.
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    Von Amin Farzanefar

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