Foto: Kai Wiedenhöfer

    West-östliche Kinemathek

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Geld, Exotismus und Ästhetik
    Wie orientalische Filme nach Europa kommen

    Auf dem europäischen Markt kommen nur wenige Filme aus dem Orient an. Der auf die Region spezialisierte Verleiher Ludwig Ammann erklärt, dass das weniger an Vorurteilen der Konsumenten als vielmehr an ökonomischen Faktoren liegt.


    Bassem Samra in 'El Medina - Die Stadt' von Yousry Nasrallah (1999). Foto: Kool Filmdistribution

    Großes Kino erzählt Geschichten, die alle Welt erobern. Doch wer macht dieses Kino, wessen Geschichten bewegen unsere Herzen von Sao Paulo bis Jakarta? Europa (das vor polnischen Handwerkern und indischen Programmierern zittert)? Über 750 Filme entstanden im letzten Jahr auf dem Kleinkontinent, mehr als in den USA - beflügelt von satten Subventionen, die das heimische "Kulturgut" schützen sollen. Nur hat die meisten dieser Förderfilme selbst in ihrer Heimat kaum einer gesehen. Von einer Milliarde Kinobesuchern zogen in der EU 70% US-amerikanische Filme vor, 20% sahen jeweils nationale Filme und nur 10% Filme aus anderen europäischen Ländern. Ganz zu schweigen von Filmen aus der übrigen Welt: Filme aus arabischen Ländern müsste man mit der Lupe suchen, Filme aus Schwarzafrika mit dem Mikroskop!

    Die Aufgabe des Verleihs

    Wie kommt das? Haben die Amerikaner mit ihren Filmen die Welt erobert, hat Hollywood die lokalen Kinokulturen zerstört, sind unsere vielen bunten Leinwandträume ein Opfer des amerikanischen Kulturimperialismus?

    Bis vor wenigen Jahren hätte ich den Parolen aus dem Poesiealbum antiamerikanischer Globalisierungsgegner unbesehen Glauben geschenkt. Dann wurde ich durch glückliche Zufälle zum Filmverleiher. Das ist der, ohne den kein Film ins Kino kommt. Weil einer die Auswertungsrechte fürs eigene Territorium, d.h. in der Regel sein Heimatland, kaufen, sich um die Herstellung von Kopien, Trailern, Postern, das Marketing, die Medien und die Vermietung an die Kinos kümmern muss. Von der leidigen Abrechnung mit dem Weltvertrieb, den Förderern und der Steuerbürokratie ganz zu schweigen. Kurz und gut, ich bin das Nadelöhr, durch das die meisten Kamele eben leider nicht kommen – weil der Markt mehr als ein Dutzend Neustarts pro Woche nicht verkraftet. Genau genommen nicht mal ein halbes – aber das wollen die Kulturförderer ja nicht wahrhaben. Gut, dann halte ich eben auch die Hand auf und bewerbe mich um Fördergelder für Projekte, die am Ende womöglich niemand zu sehen bekommt…

    Seither habe ich mir bei dem Versuch, den Deutschen arabische und andere nichteuropäische Filme schmackhaft zu machen, mehr als nur eine blutige Nase geholt. Heute weiß ich, dass Hollywood den Launen der Straße ausgeliefert ist wie wir alle anderen auch. Nicht die Traumindustrie, sondern das Publikum ist der König, vor dem selbst die Studiogewaltigen, die Bosse von Hollywood, in die Knie gehen. Wenn die Europäer Bollywood vorzögen, dann würde Hollywood im Handumdrehen Bollywood kopieren – wie es schon jetzt als Koproduzent in "local language cinema" wie den französischen Antikriegsfilm "Mathilde" von Jean-Pierre Jeunet investiert, wenn das einen Reibach verspricht.
    (...)

    Kompletter Artikel zum Herunterladen (pdf, 190 kb)

    Von Ludwig Ammann

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    kulturzeitschriften@goethe.de