Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kunst und Orient

    Ein Museum als Ort der Völkerverständigung

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    Logo 'Museum ohne Grenzen'; Copyright: MWNF
    "Museum ohne Grenzen"
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    Das "Museum ohne Grenzen" ist das größte der Welt – und auch das komfortabelste. 24 Stunden am Tag ist es geöffnet, und es kostet noch nicht einmal Eintritt. Im Internet kann sich jeder in 18 Ausstellungen aus 14 Ländern einloggen, sich von islamischer Kunst zu arabischer Kalligrafie klicken und durch virtuelle Ausstellungsstraßen flanieren. Ein Interview mit der Gründerin Eva Schubert.

    Sie haben 1994 das "Museum ohne Grenzen" ins Leben gerufen. Es ist ein beispielloses Projekt, das sich der Entdeckung islamischer Kunst widmet. Was ist Ihr Ziel?

    Unser Ziel ist ein ganz einfaches und gleichzeitig ein sehr kompliziertes. Die Idee des "Museums ohne Grenzen" ist, dass es für eine bessere Geschichtskenntnis und ein besseres Wissen von Kunst und Kultur sorgt, um so die Zusammenarbeit von Europa und den Nachbarländern zu fördern. Wir sehen in den Kunstwerken, ob das jetzt Objekte in Museen oder Bauwerke oder archäologische Anlagen sind, Botschafter der verschiedenen Zivilisationen und ihrer Geschichte.

    Welches Bild der islamischen Kunst möchten Sie vermitteln?

    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung 'Frauen' - Copyright: MWNF
    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung "Frauen"
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    An der islamischen Kunst ist ganz wesentlich, dass sie ein Teil des Lebens ist. Sie ist nicht nur dekorativ oder religiös, sondern hat großen Einfluss auf den Alltag, die Familie und deren Umfeld. Sie durchzieht alle Bereiche und ist allgegenwärtig. Die islamische Kunst und Architektur in ihrer umfassenden gesellschaftlichen Funktion zu zeigen ist ein Hauptziel des virtuellen Museums.

    Was kann die westliche Welt von der islamischen Kunst lernen?

    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung 'Die Normannen in Sizilien' - Copyright: MWNF
    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung "Die Normannen in Sizilien"
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    Das Erste, was jeder Europäer lernen sollte, ist, dass die islamische Kunst nicht die des anderen ist, sondern für mehrere Jahrhunderte auch ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Identität war. In Spanien, Portugal und im südlichen Italien hat sie eine starke Präsenz;darüberhinaus bestehen auch enge Bezüge zur christlichen und zur jüdischen Kunst. Die Trennung zwischen Orient und Okzident, die so häufig propagiert wird, ist nur eine künstliche. Im kulturellen und künstlerischen Bereich haben viele gegenseitige Beeinflussungen stattgefunden und bestehen bis heute. Das wollen wir zeigen.

    Will das Museum auch das Bild einer islamischen Kulturlandschaft, die man heute vor allem als Krisenregion wahrnimmt, verändern?

    Ja, auf jeden Fall. Das Problem bei allen Krisen ist, dass nur eine kleine Gruppe sie auslöst und so viele unter ihnen leiden müssen. Dem entgegenzuwirken ist sicherlich die Aufgabe des "Museum ohne Grenzen". Wir sehen unser Programm als durchaus politisch, denn wir bestehen darauf, dass Kunst und Kultur eine völkerverständigende Aufgabe hat und wir diese auch nutzen müssen.

    Was erhoffen sich die islamischen Länder von dem Museum? Geht es auch um die Rettung ihrer Kunstschätze?

    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung 'Die Osmanen' - Copyright: MWNF
    Virtuelles Museum Discover Islamic Art - Homepage der Virtuellen Ausstellung "Die Osmanen"
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    Für die Palästinenser ist es ganz besonders wichtig, im virtuellen Museum ihre Kulturgüter zu dokumentieren. So können sie darauf hinweisen, dass es wichtige Zeugnisse der palästinensischen Geschichte sind, die Gefahr laufen, den Konflikten zum Opfer zu fallen und auch schon gefallen sind. Manche Objekte, die wir präsentieren, existieren ja in der Form gar nicht mehr. Sie sind längst zerstört worden und nur noch im virtuellen Museum zu sehen. Das ist sicherlich ein wichtiger Aspekt. Generell geht es uns aber vor allem darum, die kulturelle Geschichte zu dokumentieren und zugänglich zu machen und so die Völkerverständigung zu fördern.

    Sie zeigen auf Ihrer Internet-Plattform aber nicht nur Museumsstücke, sondern haben auch ein Ausstellungsstraßen-Programm.

    Genau. Grundsätzlich geht es uns darum, keine Kunstwerke zu transportieren. Schließlich soll jedes Land die Möglichkeit haben, Ausstellungen ihrer Kulturgüter ohne große Kosten zu organisieren. Gleichzeitig wollen wir manche Werke aber auch in ihrer Umgebung präsentieren und haben dafür die Ausstellungsstraßen entwickelt. Es sind virtuelle Besichtigungsstrecken, auf denen Bauwerke und archäologische Stätten in ihrem landschaftlichen Umfeld gezeigt werden. Auf thematischen Routen, die durch Marokko, Tunesien, Ägypten oder zu den "Lichtern des Mittelmeeres" führen, können sie "bereist" werden, und dabei passiert man etwa Oasen, Karawanenstationen und historische Sehenswürdigkeiten. So werden die Werke an ihren originalen Standorten noch anschaulicher präsentiert.

    Ihr Museum richtet stets den Blick zurück. Haben Sie auch ein Interesse an moderner Kunst?

    Absolut. Das nächste Thema wird sich mit der Kolonialzeit auseinandersetzen. Da nähern wir uns der Gegenwart ja schon etwas an. Die zeitgenössische Kunst interessiert uns natürlich auch, nur ist es sehr schwierig, für aktuelle Werke die Abbildungsrechte zu bekommen. Da sind uns leider die Hände gebunden.

    Wie wird das Museums-Portal genutzt? Ist es eine Erfolgsgeschichte?

    Durchaus. Wir haben im Moment um die 3000 Museumsbesucher täglich. Das ist wirklich enorm, und sehr viele von ihnen stammen aus arabischen Ländern. Aber auch das westliche Interesse an islamischer Kunst und Kultur ist während der Krisenjahre gestiegen, und wir bemühen uns kontinuierlich um neue Besucherkreise. Gerade bauen wir das Programm "Lernen mit dem Museum ohne Grenzen" als Plattform für Schulen aus. Lehrer sollen einen leichteren Zugang zum virtuellen Museum bekommen, mit "dem Museum arbeiten" und die Inhalte an ihre Schüler weitertragen. Was kann Besseres passieren, als dass die Kenntnis über unterschiedliche Kulturen schon früh gefördert wird. Denn die ist schließlich die Grundlage jeder gegenseitigen Verständigung.
    Sabine Danek ist freie Journalistin für die Bereiche Bildende Kunst und Film in Hamburg.

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