Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kunst und Orient

    Was lehrt uns die Documenta 12
    Überlegungen aus der Perspektive eines postmodernen Künstlers

    Zaki Al-Maburen 'The Cubic House' Copyright: Tim Otto Roth
    Zaki Al-Maburen "The Cubic House"
    Copyright: Tim Otto Roth
    "Du kommst zum Herzen Deutschlands, nur um das Wort Kunst unter deinem eigenen Schatten zu lesen." Diese deutschen Lettern leuchten auf der documenta 12 dem mitunter weit gereisten Besucher augenzwinkernd entgegen, wenn er sich in den Lichtkegel einer reduzierten Installation in der Neuen Galerie, einem von fünf Ausstellungsorten, stellt. Auch wenn diese Arbeit des Chilenen Gonzalo Díaz einer der wenigen humorvollen, selbstironischen Beiträge für das Museum der 100 Tage ist, so zeigt sich die alle fünf Jahre im deutschen Kassel stattfindende Schau dennoch zu großen Teilen unbeschwert.

    Das Ausstellungsprogramm, das der Leiter Roger M. Buergel zusammen mit Ruth Noack als Kuratorin und Ehefrau in Personalunion, an fünf Hauptstandorten präsentiert, ist äußert vielschichtig. Die beiden Ausstellungsmacher stellen eine reduzierte Auswahl von 117 künstlerischen Positionen rund um den Globus mit weniger als 500 Werken vor, die sich mit historischer Tiefe keinesfalls auf die Zeitgenossen beschränkt und auch einen subtilen Blick weg von den Stars und Sternchen der Weltkunstbühne lenken möchte. Medial erweist sich die Schau als breit gefächert. Das Spektrum reicht von einer raumübergreifenden Skulptur von Iole de Freitas über Tanzperformances von Trisha Brown bis hin zur computerbasierten Arbeit von Harun Farocki, der das Endspiel der Fußball-WM von 2006 in unterschiedlichen Darstellungsarten auswertet und untersucht. Konzeptionell wurde die weltweit größte Ausstellung von Gegenwartskunst mit einigen Schlagworten unterlegt, deren Tragfähigkeit im folgenden ausgeleuchtet werden soll.

    Konflikt Nummer Eins

    Der Nahostkonflikt, für Roger M. Buergel "Konflikt Nummer Eins", taucht an verschiedenen Stellen in der Ausstellung auf. So dokumentiert die aus Palästina stammende Ahlam Shibli in ihrem subtilen Photozyklus "Goter" das Schicksal des Getrieben- und Vertriebenseins der im israelischen Negev lebenden palästinensischen Beduinen. Der Österreicher Peter Friedl kommentiert den Konflikt mit einer ausgestopften Giraffe, die 2002 im Zoo im palästinensischen Qalqilyah bei einer Panikattacke starb, als es beim Einmarsch der israelischen Armee zu Scharmützeln kam. Abdoulaye Konaté kombiniert in seinen 2006 entstandenen Wandtuchkompositionen die Flagge Israels mit dem gemusterten Palestinensertuch und umgibt sie mit hunderten sogenannter "gris-gris", genähten Schutz- und Glückssymbolen aus Mali.

    Migration der Form

    Freilich eröffnen sich die notwendigen Hintergründe zum Verständnis der Werke keineswegs aus dem bloß Gezeigten. Vielmehr bedarf es der Begleitung des 400 Seiten starken Katalogs.
    Was die von Buergel zum Programm erhobene "Migration der Form" bedeuten könnte, läßt sich anhand der Texte in Teilen besser nachvollziehen. So erfährt man, daß die älteste, auf Schloß Wilhelmshöhe gezeigte Arbeit, eine persische Miniaturmalerei, die zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert entstanden ist, chinesische Darstellungsweisen mit aufnimmt - ein Verweis für den damaligen kulturellen Austausch. Es fällt jedoch schwer, eine Migration der Formen zwischen der persischen, von einem Fluß durchzogenen Waldlandschaft und den sich in der Nähe befindenden Darstellungen auszumachen, wie z.B. einem Holzschnitt von Hokusai aus dem Jahre1835, der ein völlig in Abstraktion aufgelöstes vertikales Streifenmuster zeigt. So ambitioniert die Gegenüberstellung von Werken aus unterschiedlichen Epochen und Kontexten seitens des Kuratorenteams ist, so lassen sich viele Bezüge unter den meist heterogenen Arbeiten weder formal noch konzeptionell nachvollziehen. Dies gilt für die Exponate auf Schloß Wilhelmshöhe, die in die bestehende Sammlung klassischer Werke integriert wurden, aber auch für Präsentationen wie in der Documentahalle, in der sich ein rund 200 Jahre alter persischen Teppich mit leicht abstrahiertem Gartenmotiv nicht einmal komplementär mit Friedels Giraffe oder mit einer aktuellen Skulptureninstallation von Cosima von Bonin in Beziehung setzen läßt.

    Die große Ausstellung hat keine Form

    Keineswegs kann man aber deshalb Roger M. Buergel zustimmen, der kokett behauptet, "die große Ausstellung hat keine Form". Die Ausstellungsflächen im Fridericianum, in der Documentahalle, der Neuen Galerie und dem Schloß Wilhelmshöhe haben sehr wohl eine Form und zwar in der beindruckenden Gestaltung der Ausstellungsräume. Diese präsentieren sich mal hell und farbenfroh, mal düster und höhlenartig, mal mit oder ohne knalligem Teppich und verabschieden sich damit von der klassischen Präsentation im White Cube. Allerdings drängt sich bei dieser Inszenierung mit ihren suggestiven Korrespondenzen implizit die Frage auf, ob der Kurator hier tatsächlich noch als Vermittler agiert oder nicht eher seinen Auftritt als Künstler oder besser Kunstraumgestalter feiert.
    Einen völligen Aussetzer der gestalterischen Intuition verbunden mit einem Abgleiten in die formale Kontingenz offenbart der fünfte Ausstellungsort, der temporäre Pavillon im idyllischen Auepark. Statt auf die Migration der Form der Parkanlage zu reagieren - schließlich ist der Hain ein unentschiedener Zwitter zwischen französischem Park und englischem Garten - zwängt sich eine häßliche Hallenkonstruktion vor die barocke Orangerie, als wolle sie für die 100 Tage dem feudalen Schloßbau den absolutistischen Blick über die Weite des Parks versperren. Ursprünglich als lichtdurchflutete Hallen konzipiert, mußten die transparenten Seiten zur Sonnenseite verhangen werden und riesige Klimaaggregate bar jeder Nachhaltigkeit den Komplex vor dem Hitzekollaps retten. Wie paradox: Damit die kritische künstlerische Auseinandersetzung mit Auswüchsen der Moderne im Inneren klimatisch überhaupt ertragbar werden kann, trägt die documenta dank der finanziellen Unterstützung des schwedischen Autoherstellers Saab ihr Scherflein zur globalen Erwärmung mit einer sinnlosen Energieverschwendung bei.

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    Tim Otto Roth, geboren 1974. lebt als Medienkünstler im Schwarzwald und in Köln. In Zusammenarbeit mit den Goethe-Instituten hat er zahlreiche Projekte in der arabischen Welt durchgeführt.

    © Goethe-Institut Fikrun wa Fann 2007
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