Foto: Kai Wiedenhöfer

    Kunst und Orient

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Vermittler zwischen Orient und Okzident

    Rayan Abdullah
    Rayan Abdullah
    Professor Rayan Abdullah

    Seit 27 Jahren lebt Rayan Abdullah in Deutschland. Ein Studienplatz an der Hochschule der Künste in Berlin hat ihn aus Mossul über Rumänien nach Deutschland geführt. Heute sagt der gebürtige Iraker "Ich bin Preuße" - und setzt seine Kenntnis der verschiedenen Kulturen dafür ein, Brücken zwischen ihnen zu bauen. Ein wichtiger Pfeiler: das DAAD-Austauschprojekt "Hiwar fanni - Transart", das Designstudenten aus Leipzig, Kairo, Damaskus oder Tripolis alljährlich zu einem Austausch zusammenführt. Dabei treffen die unterschiedlichsten Leute mit den unterschiedlichsten Erfahrungen aufeinander. Manche haben den Krieg gesehen, Verwandte und Freunde verloren. Die anderen haben in Deutschland ein behütetes Leben geführt.

    Gegenseitiges Verständnis als Friedensstifter

    Kunststudentin an der Deutschen Universität Kario"Wir möchten, dass die Studenten sich näherkommen und einander verstehen." Das geschieht in der persönlichen Begegnung und bei Projektschwerpunkten wie "Der Streit zwischen Wort und Bild", der initiiert wurde, als der Karikaturenstreit aufflammte und die Gemüter erhitzte. Das Ausstauschprogramm setzte dem einen inhaltlichen Dialog entgegen.

    "Die Studierenden sollten erforschen, warum wir in Europa die Bilder anders sehen als im Orient. Warum es im Islam ein unausgesprochenes Bilderverbot gibt und warum so etwas in Europa nicht existiert. Warum im Islam Schrift und Ornament das eigentliche Bild ersetzen und warum dort der Glaube vorherrscht, dass wenn in den Wohnungen Bilder hängen, der Heiilige Geist keinen Zutritt findet." Dazu kamen grundsätzliche Überlegungen, was ein Bild überhaupt ist, warum man es für richtig und für falsch halten kann und wie Kriege den Bildbegriff verändern. In Gesprächen und Entwürfen suchten die Teilnehmer Antworten. Sie stritten und versöhnten sich, setzten aus Buchstaben, Zeichen und anderen Elementen neue Formen zusammen, unterstützen sich dabei und lernten voneinander.

    Unterschiedliche Auffassungen von Fotografie

    In der arabischen Welt herrscht eine völlig andere Vorstellung von Design als in der westlichen. Im Orient studiert man Stoffgestaltung, Holzarbeit und Ornamentik. Fotografie?wird gar nicht unterrichtet und unterscheidet sich vom Verständnis am deutlichsten. Jedesmal sind die Studenten verwundert, was die jeweils anderen fotografieren. "Wir Europäer haben einen Blick für die Spuren der Zeit. Deshalb fotografieren wir auch kaputte oder scheinbar hässliche Dinge und finden sie anmutig", erklärt Rayan Abdullah. "Ein Orientale hat einen ganz anderen Begriff von Ästhetik und findet das völlig abwegig. Er würde nie den Oldtimer, sondern immer den glänzenden Neuwagen fotografieren, nicht die schmucklose Bauhaus-Architektur, sondern das Barockschloss. Wenn er uns die Stadt zeigt, geht es in das neueste Kaufhaus, obwohl wir viel lieber den Basar besuchen würden."

    Alle Hoffnung gilt dem Nachwuchs

    Trotz aller Unterschiede gibt es aber längst keine starren Grenzen mehr. "Durch Fernsehen und Kino und besonders durch das Internet kommen sich die Auffassung von Ästhetik und auch das arabisch-orientalische und westliche Design unaufhörlich näher. Das heißt nicht, dass sie sich nicht unterscheiden, aber man nimmt die gegenseitigen Einflüsse wahr." Auch in der Person des Rayan Abdullah.

    "In meinem Inneren sind noch ein paar orientalische Elemente", sagt er über sich selbst, "ansonsten bin ich aber durch und durch deutsch." ?So deutsch, dass er im Rahmen seiner Arbeit für die Firma Meta Design den neuen Bundesadler entwarf. Augenzwinkernd schlug er der Bundesregierung als Emblem erst einen Schäferhund vor. Studierte dann aber Ornithologiebücher und die Natur und kaufte sich eine Dauerkarte für den Zoo. Entstanden ist ein schlankerer und wendigerer Bundesadler, der im Gegensatz zu seinem Vorgänger erstmals Augen hat - und sehend ist, wie sein Gestalter selbst.

    Wider den Krieg der Kulturen

    Doch abseits seiner eigenen Agentur-Projekte, zu denen auch gehört, dass er deutschen Wirtschaftsunternehmen dabei behilflich ist, in der arabischen Welt Fuß zu fassen, steht für ihn die Arbeit mit dem Nachwuchs im Vordergrund.

    "Ich denke, dass junge Leute, die z. B. eine Zukunft als Künstler oder Designer vor sich haben, ihre Aufgabe sehr ernst nehmen müssen. Sie können ihren Beruf einsetzen, um sich gegen den Krieg aufzulehnen", erklärt er. "Es herrscht an so vielen Orten der Welt Krieg, dass wir ihn fast schon gar nicht mehr wahrnehmen. Deswegen kann ich nicht aufhören zu appellieren, sich für Völkerverständigung und Frieden einzusetzen." Plakate können Signalwirkung haben, nötig ist Respekt in Wort und Bild - und vor allem Bildung. Deshalb ist Rayan Abdullah besonders stolz darauf, Gründungsdekan der deutschen Universität in Kairo zu sein. Wissen ist für ihn Exportware. "Überall gibt es kanadische, amerikanische oder französische Universitäten, und auch wir Deutschen müssen unser Wissen zu den Menschen weltweit tragen."

    Seit Jahren arbeitet er daran, auch eine deutsche Universität in seiner Heimatstadt Mossul zu gründen. Er wünscht sich sehnlichst, dass die Situation im Irak sich beruhigt, dass diese Universität Wirklichkeit wird und zum Frieden beiträgt. "Wir sind verschiedene Kulturen", sagt Rayan Abdullah, "aber ich würde nie von einem Krieg der Kulturen sprechen, denn es gibt unbegrenzte Möglichkeiten, friedlich zusammenzuleben."

    Sabine Danek ist freie Journalistin für die Bereiche Bildende Kunst und Film in Hamburg.

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