Foto: Kai Wiedenhöfer

    Liebe

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Gespräche mit Adonis, meinem Vater

    Adonis und Ninar Esber; Copyright: Ninar EsberNinar: Wie stehst du zu deinem Aussehen? Hast du sehr früh gewusst, dass du ein schöner und attraktiver Mann bist?

    Adonis: Nein, ich habe es erst vor einiger Zeit gemerkt - zu spät!

    Na klar! (lacht) Denkst du, ich werde so etwas glauben?

    Nein, wirklich, es ist nicht lange her, nur einige Jahre!

    Ich kann es nicht glauben! ... (lacht)

    Das ist übrigens eine Sache, die mich betrübt. Dieses verführerische Potential zu haben und es nie gemerkt zu haben! (lacht)

    Das ist nicht möglich!

    Ich habe diese Eigenschaften erst vor zwanzig Jahren entdeckt! Vielleicht etwas früher, sagen wir mal, als ich vierzig wurde…

    Immerhin, ich habe Photos von dir mit vierzig gesehen. Du warst ein richtiger „Schlag ins Kontor“, wie man sagt! Im Ernst, du hast es nicht gemerkt, als du zwanzig warst?

    Überhaupt nicht. Ich erzähle immer wieder diese Geschichte, dass die Mädchen mich sehr mochten und ich nicht verstand, warum! Ich achtete nicht darauf, der Aufbau meiner Identität und meine Bildung nahmen mich viel zu sehr in Anspruch… Dazu kam, dass ich extrem arm war, ich konnte es mir einfach nicht leisten…

    Es ist keine Frage der finanziellen Mittel, sondern eher des Selbstbewusstseins…

    Ich hatte das Bedürfnis oder den Drang nicht, mit einer Frau zu gehen. Ich dachte nicht daran… Ich kann es nur dadurch erklären, dass mich der Aufbau meiner Persönlichkeit und meiner eigenen Welt viel zu sehr in Anspruch nahm… Mich beschäftigten auch meine persönlichen Probleme. Ich konnte es mir nicht leisten, ein Mädchen auf ein Essen oder einen Drink einzuladen, ich war sehr arm, ich konnte gerade für mein Überleben sorgen…

    So also habe ich entdeckt, dass ich Erfolg bei den Frauen hatte, als ich zu alt war! (lacht) Einige sind sogar viel jünger als ich, sie sehen wahrscheinlich ihren Vater in mir. Ich sage ihnen: „Aber ich könnte dein Vater sein!” Und die Mädchen rufen meistens: “Du bist ein Dichter und du sprichst über Altersunterschiede?!“

    (lacht)

    Ich antworte ihnen “Aber es ist eine Tatsache!“ Wie auch immer, ich habe meine Zeit nie mit solchen Geschichten vergeudet. Wenn du älter wirst, wird die Zeit zu deinem einzigen Kapital. Die Zeit, die mir übrig bleibt, ist etwas sehr Wertvolles. Ich muss jede Stunde für meine Arbeit oder für eine konstruktive Sache ausnutzen. Wenn nicht, dann habe ich das Gefühl, dass diese Zeit verloren gegangen ist…

    Zurück zur Frage der Attraktivität. Wie bist du mit dieser Realität umgegangen? Es ist immer schwierig, schön und attraktiv zu sein und in deinem Fall kommt dazu noch, dass du ein Dichter und Denker bist… Ist es schwer damit umzugehen? Ist es nicht beängstigend?

    Das ist nie meine Sorge gewesen.

    Du meinst, dass man sich erst dann unter Druck gesetzt fühlt, wenn man sich dessen bewusst geworden ist?

    Wenn einer entdeckt, dass er schön, begehrt, gefragt ist und ihm nachgestellt wird, kann es problematisch werden und die Beziehungen, die er zu anderen Menschen haben könnte, komplizierter machen. Aber ich habe diese Schwierigkeiten nicht gehabt. Und dafür gibt es wahrscheinlich einen anderen Grund; ich denke nicht, dass die Antwort auf meine Probleme in der Liebe oder in den Liebesbeziehungen zu finden ist. Wenn es eine Antwort gibt, kann sie für mich nur im Schreiben und in der Dichtung zu finden sein… Wenn ich zwischen dem Schreiben und einer Liebesgeschichte mit einer sehr schönen Frau zu wählen hätte, würde ich ohne das geringste Zögern das Schreiben wählen. Nicht dass die Dichtung mir besser zu sein scheint, als ein Erlebnis mit einer Frau… Die Frau ist Poesie, lebende Poesie… Vielmehr geht es darum, dass ich glaube, es gebe nichts, was meine Existenz besser zum Ausdruck bringe, als die Kreativität…

    Adonis wurde 1930 geboren und ist einer der bedeutendsten arabischen Dichter unserer Zeit. Seine Tochter Ninar, geboren 1971, lebt als darstellende Künstlerin in Paris.