Foto: Kai Wiedenhöfer

    Liebe

    Die Mitte ist der richtige Weg

    Jugendliche in Kairo; Copyright: Markus KirchgessnerBinationale Partnerschaften und Familien erproben also im Kleinen, was die Gesellschaft lernen muss, um zu vermeiden, dass eines Tages verfeindete Parallelgesellschaften gegeneinander agieren.

    Aber der Lernprozess ist langwierig und fordert beiden Seiten grosse Kompromisse ab. Dennoch besagt die Statistik, dass binationale Partnerschaften haltbarer sind als rein deutsche Ehen. Im Sommer 2000 ließ Sabine sich in Dahab, einem ägyptischen Touristenort am Roten Meer, nach dem Kauf eines Geschenks von Omar, dem Geschäftsführer eines Souvenirladens, zum Tee einladen. Er bat sie, ihm etwas auf Deutsch zu erzählen, und bekam das Grimmsche Märchen von Hänsel und Gretel zu hören. Er revanchierte sich dafür mit "Ali Baba und die vierzig Räuber" aus Tausend und Einer Nacht, und der Zauber des "Sesam öffne Dich" tat seine Wirkung: zwei Herzen öffneten sich füreinander.

    Inzwischen sind beide 26 Jahre alt, verheiratet und leben zusammen in Köln. Sabine bereitet sich auf die Abschlussprüfungen ihres Diplompädagogikstudiums mit Schwerpunkt in interkultureller Pädagogik vor. Omar hatte ein Touristikstudium in Kairo absolviert, in Köln wird er demnächst eine Ausbildung zum informationstechnischen Assistenten abschließen. Nach sechs Jahren Beziehung haben die beiden große Vertrautheit im Umgang miteinander entwickelt, gleichzeitig wirken sie immer noch wie ein frisch verliebtes Paar – vielleicht weil Omar sehr ritterlich um Sabine geworben hat?

    Denn nach dem ersten Kennenlernen kam es zu einem Missverständnis: Eigentlich wollten beide sich in Alexandria wieder treffen, aber Omar erhielt im verabredeten Hotel die falsche Auskunft, Sabine sei in die Oase Siwa an der Grenze zu Libyen gefahren. Unverzüglich trat er die über 1500 km lange Reise dorthin an. Zum Glück konnte Sabine ihn dort erreichen und wenig später wieder treffen.

    Omar hat einen starken Glauben, und er wollte, dass seine Annäherung gemäß den islamischen Vorschriften geschah. Als er Sabine im Kentucky Fried Chicken in Alexandria einen Heiratsantrag machte, fühlte sie sich sehr geschmeichelt. Dennoch bat sie sich Bedenkzeit aus, schließlich kannten die beiden einander erst drei Tage. Sie besuchten Omars Familie in der Hafenstadt Suez, und Sabine verstand sich auf Anhieb gut mit Omars Familienangehörigen, so willigte sie ein in eine einfache Form der Ehe, die qasimat zawadj, die Omar ihr als "Verlobung auf Papier" beschrieb. Muslime benötigen diese Bescheinigung, um als Paar ein Hotelzimmer zu buchen.

    Ob die qasimat zawadj rechtliche drüber hinaus Regelungen enthalten kann, die sich auf die Paarbeziehung auswirken, ist in Ägypten umstritten und wird im Einzelfalle gerichtlich entschieden. Einem deutschen Ehevertrag entspricht die qasimat zawadj shar'i, ein Vertrag, in dem die sogenannte Morgengabe, mahr, die das Brautgeld bestimmt, mu'akhkhar, der Betrag, den der Mann, wenn er eine Scheidung wünscht, der Frau bezahlen muss sowie andere Bestimmungen festgelegt werden.

    Es folgte ein halbes Jahr intensiven Kontakts via E-Mail, Telefon und Luftpost. Beide bezeichnen diese Zeit als wichtig, um einander besser kennen zu lernen, und Sabine konnte die Zweifel, die auch von außen an sie herangetragen wurden, entkräften, allen voran die Sorge, Omar ginge es nur um das Visum zur Einreise nach Deutschland.

    Genau ein Jahr nach ihrer ersten Begegnung veranstalteten sie ein rauschendes Hochzeitsfest in Suez. Zuvor hatten sie die qasimat zawadj shar'i geschlossen in einer Abteilung des ägyptischen Justizministeriums in Kairo – der dort ausgestellte Ehevertrag wird in Deutschland anerkannt, wo Sabine und Omar zunächst leben wollten. Benötigt wird unter anderem ein Ehefähigkeitszeugnis, dazu muss der ägyptische Partner eidesstattlich erklären, dass er ledig ist. Auf die Beratung binationaler Paare, auf Deutsch, Englisch und auch vielen anderen Sprachen, hat sich der Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V. spezialisiert. Wer sich z.B. über die erforderlichen Dokumente zur Eheschließung mit einem ausländischen Partner informieren möchte, kann dies zunächst über den iaf-Eintrag auf der Internetseite des Verbands tun. Weitere Fragen kann man telefonisch, via E-Mail oder durch persönliche Beratung klären.

    Download SymbolStephanie Gsell: Die Mitte ist der richtige Weg (pdf, 235 KB)

    Stephanie Gsell lebt als freie Journalistin in Köln. Zuletzt veröffentlichte sie ein Buch über die Lieder von Umm Kulthum: "Das Herz liebt alles Schöne. Die Lieder der Umm Kulthum. Verlag Hans Schiler, Berlin 2005