Foto: Kai Wiedenhöfer

    Liebe

    Verliebe dich oft und heirate nie!

    Braut mit Familie; Copyright: Kai Wiedenhöfer Die Ehe ist in keiner größeren Krise als vor fünfzig, dreißig oder zehn Jahren. Noch immer treten viele Paare beherzt vor den Standesbeamten, wohl wissend, dass fast jede dritte und in Großstädten sogar jede zweite Ehe geschieden wird.

    Dass die Liebe und damit auch ihr Scheitern allgegenwärtig sind, hat sie nie daran gehindert, besonders wertgeschätzt zu sein. Aber wäre es nicht viel sinnvoller, auf das Heiraten ganz zu verzichten?

    Fast jede dritte Ehe wird heute in Deutschland geschieden, Tendenz steigend. Nur einmal in den letzten dreißig Jahren ist die Rate gesunken, im Wiedervereinigungstaumel zwischen 1989 und 1992. In der Hälfte der geschiedenen Ehen leben Kinder unter achtzehn Jahren. Doch während weniger Menschen geboren werden als sterben, heiraten immer noch mehr, als sich scheiden lassen.

    Zwar ist die Zahl der Eheschließungen seit Jahren auf niedrigem Niveau einigermaßen konstant, aber die Scheidungen nehmen weiter zu; es dürfte nicht mehr lange dauern, bis sie sich mit den geschlossenen Ehen die Waage halten. Im Jahr 1950 wurden in Deutschland 750.452 Ehen geschlossen: ein Rekord der Nachkriegszeit. 2003 waren es mit 382.911 noch knapp die Hälfte. Im selben Jahr wurden gut 214.000 Ehen gerichtlich geschieden.

    Insbesondere den Männern wird seit Jahrhunderten von anderen Männern eingebläut, dass die Ehe ein Schlachtfeld ist, ein Fluch der Niedertracht, eine Schule der Verstellung und eine Geisteskrankheit. Robert Louis Stevenson hat es gesagt, Theodor Fontane hat es gesagt und Friedrich Nietzsche hat es sowieso gesagt. Männer haben es immer schon gewusst, und Frauen wissen es inzwischen auch.

    Während Frauen einst darauf gedrillt wurden, so früh wie möglich und so günstig wie möglich zu heiraten, wurde Männern geraten, den Ehestand so lange als irgend möglich hinauszuzögern. Oscar Wilde brachte es mal wieder auf den Punkt, als er sagte, jede Frau solle verheiratet sein und kein Mann. Anders gesagt: Dem volkstümlichen Verständnis nach ist die Ehe eher auf die weibliche als auf die männliche Natur zugeschnitten. Dabei tut die Ehe den Männern wesentlich besser als den Frauen. Es wird noch die Zeit kommen, da ledige Männer keine Lebens- und keine Krankenversicherung mehr abschließen dürfen. Denn verheiratete Männer leben länger und sind gesünder, neigen weniger zu mentaler Instabilität, verdienen mehr und laufen weniger schnell Gefahr, kriminelle Handlungen zu begehen (jedenfalls, solange man Ehebruch nicht dazu zählt). Verheiratete Männer sind außerdem glücklicher als unverheiratete. Die Ehe ist erwiesenermaßen so außerordentlich günstig für Männer, dass manche Soziologen sogar behaupten, man könne den Gesamtzustand einer Gesellschaft an dem Prozentsatz verheirateter Männer ablesen: je höher, desto besser. Das sieht man auch daran, dass Männer, die den wonnevollen Ehestand einmal gekannt haben, alles daran setzen, um ihn wieder zu erlangen: Achtzig Prozent aller geschiedenen und verwitweten Männer heiraten erneut. Insofern darf man davon ausgehen, dass Männer, die die Ehe schmähen, dies nur tun, um ihre mentale Abhängigkeit davon zu kaschieren. Oder aber weil sich keine Frau fand, die sie heiraten wollte.

    Cover 'Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie?'; Copyright: Droemer-Verlag

    Heute sollte sich eine Frau, die einen neuen Mann kennenlernt, allerdings nicht überlegen: Ist das der Mann, den ich zum Vater meiner Kinder machen möchte? So sie Realistin ist, wird sie sich eher fragen: Ist das der Mann, von dem ich möchte, dass meine Kinder eines Tages die Wochenenden mit ihm verbringen?



    Wie konnte es soweit kommen? Über Jahrhunderte war die Ehe als ökonomisches und soziales Zweckbündnis fest etabliert. Doch dann brach mit der Literatur die Liebe über uns herein, und seither regiert das Chaos. Hatten Mütter ihren Töchtern einst erzählt, sie würden im Lauf der Ehe schon lernen, ihre Männer zu lieben, so unwahrscheinlich ihnen dies auch zu Beginn erscheinen möge, forderten nun immer mehr Frauen einen Beweis für diese Möglichkeit vor der Hochzeit: Der Kandidat sollte sie erst einmal von seiner Liebe überzeugen. Männer verloren die Kontrolle in dem Moment, als Frauen die Wahl hatten, einen Antrag auch abzulehnen. Seither folgen die romantischen Regeln dem traditionellen Muster: Kennenlernen, Verlieben, Verloben, Heirat, Kinder – Zusammensein, „bis dass der Tod euch scheidet“.

    Nur ist es in zwei von drei Fällen nicht mehr der Tod, der Ehen scheidet, sondern der Alltag, eine andere Frau oder ein anderer Mann, der Beruf, Langeweile, der Traum von der Selbstverwirklichung, Eifersucht, Unzulänglichkeit oder schlicht unheilbare Inkompatibilität. Die Liebe ist der Versuch der Natur, den Verstand aus dem Weg zu räumen; die daraus nicht selten resultierende Ehe ist der Versuch des Menschen, zu zweit mit Problemen fertig zu werden, die man alleine nie gehabt hätte.

    Natürlich ist es ganz und gar nicht politisch korrekt, gegen die Ehe zu sein, zumal in unserem bevölkerungsverarmenden, beziehungsunfähigen Land, das Ehe und Familie schon halb unter Naturschutz gestellt hat. Dennoch ist nichts gefährlicher für die Zweisamkeit als der Trauschein, denn ohne Ehe keine Scheidung. Aber die schönsten Träume von der Freiheit werden nun mal im Kerker geträumt: Auch deshalb sind die meisten, wenn es beim ersten Mal nicht klappt, bereit, es trotzdem wieder zu tun. Man könnte sogar sagen, dass es offenbar viel einfacher ist, ein zweites, drittes oder viertes Mal zu heiraten als ein erstes Mal, wie Joschka Fischer oder Liz Taylor, Prinzessin Stéphanie von Monaco oder Frank Sinatra strahlend bewiesen haben.

    Natürlich ist jede Ehe anders. Und auch wieder nicht. Wenn man sich aufmerksam umschaut, fallen unterschiedliche Typen auf.

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    Felicitas von Lovenberg, geboren 1974, ist Literaturredakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und war einmal verheiratet. Zum Thema Ehe und Liebe hat sie ein ganzes Buch veröffentlicht unter dem Titel: "Verliebe dich oft, verlobe dich selten, heirate nie? Die Sehnsucht nach der romantischen Liebe", Droemer Verlag, München 2005.