Foto: Kai Wiedenhöfer

    Liebe

    Über Fikrun

    Fikrun wa Fann war eine von 1963 bis 2016 vom Goethe-Institut herausgegebene Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den islamisch geprägten Ländern gefördert und mitgestaltet hat. Mit dem Erscheinen der letzten Ausgabe „Flucht und Vertreibung“ (Heft 105) im Herbst 2016 wurde auch die Pflege und Aktualisierung dieses Online-Portals eingestellt.

    Liebe in Jemen

    'Paar über Sanaa', Copyright: Maja Hild
    'Paar über Sanaa', Copyright: Maja Hild
    Verschleierte Frauen, arrangierte Ehen und Harems: Als Westler mag man denken, dass Liebe in islamisch geprägten Ländern anders sei. Aber ist sie das wirklich? Ein Junger Mann aus Jemen berichtet seinem deutschen Freund.
    Aufgezeichnet von Artur Beifuss.

    Ali ist mein Freund, 25 Jahre alt und wohnt in Sanaa, der Hauptstadt Jemens. Während meines Aufenthalts dort haben wir oft und viel miteinander geredet. Aus meiner eurozentristischen Sicht, kann ich keine vorurteilsfreien Antworten geben auf die Frage nach der Liebe in Jemen. Ali könnte für Klarheit sorgen. In Herzblattmanier erzählte er mir einmal Geschichten über drei Frauen: Stephanie, Rada und Aisha.

    „Stephanie war 22 und kam aus Amerika, um Arabisch zu lernen.“ Ali, damals 20 Jahre alt, ist kommunikativ und mag es, mit Westlern zu reden. So wie er mich auf offener Straße angesprochen hat, lernte er auch Stephanie kennen. Nach dem ersten Gespräch war alles klar, sie wollten beide was von einander: Ali wollte sein Englisch und Stephanie ihr Arabisch aufpolieren. Sie verabredeten sich. Mehrmals. Er kontrollierte ihre Hausaufgaben, sie redete mit ihm auf Englisch.

    Nach sechs Treffen passierte es: „Sie küsste mich zum Abschied!“, erzählt Ali, immer noch voller Begeisterung, als wenn es gestern gewesen wäre. „Richtig?“, frage ich, „Ja, richtig!“

    Die folgenden Verabredungen waren anders. „Irgendwie aufregender, wir hielten Händchen und schauten uns mehr in die Augen als sonst...doch irgendwann,“ erinnert sich Ali, „wollte sie mehr. Sie fing an, mich am Hals zu küssen und fasste mich dort an, wo mich normalerweise niemand anfasst.“ Für Ali war das eine ungewohnte Situation. Von Frauen war er mehr Zurückhaltung gewohnt. „Und, wie war es?“ frage ich ein bisschen indiskret, „Ich bin aus dem Zimmer gelaufen und hab den Kontakt mit ihr gemieden. Zum Glück ist sie nach zwei Wochen abgereist.“

    Fünf Jahre später stehen die beiden immer noch in E-Mail Kontakt. Stephanie hat Ali schon mehrere Male eingeladen, doch Ali ist sich nicht sicher. „Ich will in Sanaa bleiben, mir geht es hier gut!“ Doch manchmal überkommt es ihn. Einmal, als er Khat kaute und die inspirativ-nachdenkliche Phase des Rausches eingesetzt hatte, schloss er seine Augen und träumte vor sich hin. Er sah ein schönes Haus mit grünem Garten in einer guten amerikanischen Nachbarschaft. Vor dem Haus standen zwei schöne Autos und aus einem stieg Stephanie. Sie begrüßten sich mit einer Umarmung. „Plötzlich, holte mich der Muezzinruf wieder in die Realität zurück.“ Kann das Liebe sein?

    Rada ist 22 und studiert mit Ali English im Institut in Sanaa. Sie soll wirklich hübsch gewesen sein. Das wusste Ali, denn im Gegensatz zu den meisten Frauen im Jemen, hat sie nicht das ganze Gesicht sondern nur die Haare verdeckt. „Sie lächelte mich an!“ Ali dachte, das wird bestimmt etwas Richtiges werden.

    Für Männer im Jemen ist das Risiko groß, die Reputation eines guten und treuen Mannes zu verlieren. Je mehr Frauen er öffentlich anspricht, desto tiefer sinkt sein Ansehen. „So was spricht sich rum!“, versichert mir Ali. Doch er interpretierte ihr Lächeln als ein Zeichen und vermutete die wahre Liebe. Entschlossen ging er auf sie zu. Sie ging auf ein Gespräch mit ihm ein und es soll sogar ganz nett gewesen sein. Es muss die Richtige sein, dachte er, denn schließlich hat auch sie das Risiko auf sich genommen, durch eine Unterhaltung mit einem fremden Mann einen Teil ihres guten Rufs einzubüßen.

    Nach dem Unterricht ging Ali nach Hause. „Ich wollte nicht essen, nicht schlafen und die Hausaufgaben habe ich auch nicht gemacht. Ich wollte einfach nur wieder ins Institut und Rada wiedersehen.“ War das Liebe auf den ersten Blick?

    Zwei Tage später im Institut sah er sie schon von weitem kommen. Voller Freude und mit einem breiten Lächeln ging er auf sie zu. Auch sie lächelte. Doch dann: Sie gab ihm die Hand und sagte „Hallo Bruder.“ Ali wusste was das heißt. „Sie hätte wirklich alles sagen können,“ erzählt Ali aufgebracht, „nur nicht das! Ein Bruder kann nie ein Ehemann werden.“ Er erwiderte „Hallo Schwester,“ und ging in den Klassenraum.

    Aisha ist 23 und die Schwester von Sami, eines sehr guten Freundes aus der Nachbarschaft. Er mag sie schon seit geraumer Zeit. „Ich kenne sie, seitdem sie so klein war!“ erzählt Ali und hält die offene Hand auf Oberschenkelhöhe.

    Aisha hat schon viele Verehrer gehabt. Mindestens sechs soll sie schon abgelehnt haben. Ali traut sich nicht zu ihrem Vater zu gehen und um ihre Hand anzuhalten. Zu groß wäre die Enttäuschung bei einem Korb. „Ich möchte nicht der siebte sein.“ sagt er und blickt gleichzeitig verliebt in die Luft, so als ob er sie sich gerade bildlich vorstellt. Sogar einem Mann mit viel Geld hat sie eine Abfuhr erteilt. Manchmal ruft er bei Sami zu Hause an. „Wenn sie drangeht, dann ist es am schönsten. Ich will überhaupt nicht Sami sprechen und trotzdem frage ich nach ihm und hoffe immer, dass sie mehr als nur ‚Ja’ oder ‚einen Augenblick’ sagt.“

    Dabei hat er schon genaue Vorstellungen über die Prozedur. Er geht zum Vater der Verehrten und bekundet sein Interesse. Sie kauen Khat, unterhalten sich, lachen zusammen, gehen beten. Dann lädt er Sami, Aishas Brüder und ihren Vater zu sich nach Hause ein und sie machen das Gleiche. Eine Woche später versammeln sie sich wieder beim Vater der Verehrten. Ali und sein Vater bringen Khat der besten Qualität mit. Sie kauen es, unterhalten sich. Die Verehrte schaut unauffällig durch die Tür zum Mafraj, dem traditionellen jemenitischen Salon, und begutachtet den vermeintlichen Zukünftigen. „Vielleicht kommt sie auch unverhüllt in das Zimmer und bringt uns Tee!“ Irgendwann geht Aishas Vater auf Sie zu und fragt sie nach ihrer Meinung. Wenn sie sagt: „Ich möchte lieber erst mein Studium beenden.“, dann kommt das einer Absage gleich. Ist die Antwort jedoch „So wie du willst, Vater“ dann ist es ein ja.

    „Und, warst du schon bei ihrem Vater?“ frage ich Ali bei unserem letzten Treffen. „Nein, ich möchte lieber noch warten...“

    Artur Beifuss, 24, studierte Angewandte Afrikastudien und Arabisch an der Universität Bayreuth und Damaskus. Er arbeitet als freier Journalist.

    November 2007

    Copyright: Goethe-Institut, Fikrun wa Fann