Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    1989/90 in Südafrika
    Das Ende der Apartheid

    Menschenschlange während der ersten freien Wahlen in Südafrika, 1994; Foto: David Brauchli/APAuch für Afrika, und zwar ganz besonders für Südafrika, markiert das Jahr 1989/90 eine entscheidende Wende: das Ende des Apartheidregimes. Wie ist es dazu gekommen und wie sieht nach 20 Jahren Wende die Bilanz aus?

    Am 11. Februar 1990 verließ Nelson Mandela, der „berühmteste Gefangene der Welt“, ein Gefängnis in der Nähe von Kapstadt. Er hatte 27 Jahre als politischer Gefangener des südafrikanischen Apartheid-Regimes hinter Gittern verbracht. In seiner Autobiographie Der lange Weg zur Freiheit hat er diesen Augenblick in bewegenden Worten beschrieben: „Etwa 30 Meter vor dem Tor begannen die Kameras zu klicken, ein Geräusch, das sich anhörte wie eine riesige Herde metallischer Tiere. Reporter begannen Fragen zu schreien; Fernsehteams strömten herbei; ANC-Anhänger riefen und jubelten. Es war ein glückliches, wenn auch etwas verwirrendes Chaos. Als ein Fernsehteam ein langes, dunkles, pelziges Objekt auf mich richtete, wich ich ein wenig zurück und fragte mich, ob das irgendeine neue Waffe sei, die während meiner Haft entwickelt worden war. Winnie teilte mir mit, es handle sich um ein Mikrofon. Als ich mitten in der Menge war, hob ich die rechte Faust, und Jubel brauste auf. Das hatte ich 27 Jahre lang nicht tun können, und mich durchströmten Kraft und Freude. Wir blieben nur ein paar Minuten unter der Menschenmenge, ehe wir wieder in den Wagen sprangen und nach Kapstadt fuhren… Als ich endlich durch das Tor schritt, um auf der anderen Seite ein Auto zu besteigen, hatte ich trotz meiner 71 Jahre das Gefühl, ein neues Leben zu beginnen. Die 10 000 Tage meiner Gefangenenschaft waren vorüber.“ (Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit. Autobiographie) In diesem Moment schien ganz Südafrika das Gefühl zu haben, ein neues Leben beginnen zu können.

    Die Vorgeschichte

    Die Entlassung Nelson Mandelas aus seiner langjährigen Haft ist weltweit wahrgenommen worden und gilt als Moment von globaler Bedeutung. Dieser Akt markierte einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Beseitigung des rassistischen Regimes in Südafrika und reihte sich ein in die großen weltpolitischen Umwälzungen jener Jahre, die im Fall der Berliner Mauer im November 1989 ihr markantestes Ereignis fanden. Das Ende des Kalten Krieges stellte einen wichtigen Rahmen für die Ereignisse in Südafrika dar, war aber beileibe nicht der einzige oder auch nur wichtigste Faktor für die Auflösung des Apartheid-Regimes. Retrospektiv gesehen waren die Tendenzen, die schließlich zum Ende der Apartheid in den neunziger Jahren führten, bereits in den späten siebziger Jahren sichtbar. Zu jener Zeit freilich stellten sich die Entwicklungen den Zeitgenossen keineswegs eindeutig dar. Während die einen angesichts des zunehmenden Widerstands gegen die Apartheid Hoffnungen auf ein Ende des Regimes hegten, glaubten die Unterstützer des Systems, ihre Herrschaft dauerhaft aufrechterhalten zu können. Der brutal niedergeschlagene Schüleraufstand von Soweto im Juni 1976 war – da sind sich die meisten Historikerinnen und Historiker einig – der Anfang vom Ende des Apartheidstaates. Danach kam das Land jedenfalls nicht mehr zur Ruhe. Die Regierung antwortete gegen die sich nun verstärkt manifestierende Opposition zunächst mit massiver Repression. Viele der Verfolgten und Unterdrückten kamen in Kontakt mit dem verbotenen African National Congress (ANC), der ältesten und wichtigsten Anti-Apartheid- Gruppierung, welche die Revolte nicht vorausgesehen hatte, nun aber von ihr profitierte. Zugleich begann das Regime sich behutsam von einigen Dogmen des radikalen Apartheid-Modells der fünfziger Jahre zu lösen, das eng mit dem Minister für „Eingeborenenangelegenheiten“ und späteren Premier Hendrik Verwoerd verbunden war. Mit bemerkenswerter Erbarmungslosigkeit hatten die Behörden damals die Politik der Rassentrennung in allen Bereichen des Lebens durchgesetzt. Pieter Wilhelm Botha, seit 1978 Premierminister, plante eine Erweiterung der Trägerschicht der Apartheid durch die verstärkte Einbeziehung der Minderheiten der „Inder“ und „Coloureds“ in das Privilegiensystem. Zugleich sollten auch die „Schwarzen“ durch materielle und infrastrukturelle Verbesserungen für die bestehende Ordnung gewonnen werden. Hinter diesen „Reformen“ stand das Bestreben, die Macht der Weißen dauerhaft zu sichern – „die Macht zu teilen, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten“, lautete die zeitgenössische Formel. Diese Strategie ging jedoch nicht auf. Der Kampf gegen die Apartheid nahm, besonders nach 1984, an Fahrt auf, der Konflikt in den Townships eskalierte. Der Staat antwortete mit der zunehmenden Militarisierung seiner Autorität und richtete Todesschwadronen in Armee und Polizei ein. Anfang 1989 gelangte F.W. De Klerk als Nachfolger Bothas an den Vorsitz der regierenden Nationalen Partei. Er war ein Mann aus dem Zentrum des Burentums und galt vielen eher als Parteirechter. Im folgenden September wurde er auch zum Präsidenten Südafrikas gewählt. Bald nach seiner Wahl begnadigte er viele der führenden ANC-Politiker, darunter Walter Sisulu und Ahmed Kathrada. In einer dramatischen Ansprache zur Parlamentseröffnung am 2. Februar 1990 kündigte De Klerk schließlich die Wiederzulassung von ANC, Pan-African Congress und Kommunistischer Partei sowie die bevorstehende Freilassung von Nelson Mandela an. Neun Tage darauf spazierte – wie eingangs dieses Beitrags geschildert – Mandela aus dem Victor Verster-Gefängnis und wurde nach Kapstadt gefahren, wo er vom Balkon der Stadthalle eine Ansprache an eine riesige Versammlung von Menschen hielt – ein stattlicher, grauhaariger Mann, der aus einer anderen Welt zu kommen und das Versprechen der Erlösung in sich zu tragen schien. Die Fernsehaufnahmen dieses Ereignisses gehören zu den bewegendsten Bildern, die dieses Medium je produziert hat, und sie signalisierten den Beginn des Übergangsprozesses, durch den Südafrika sich von seiner Vergangenheit der Apartheid befreien könnte.

    Die Gründe für die Wende

    Warum entschieden sich De Klerk und sein Kabinett für die genannten Maßnahmen? Schließlich ist es keineswegs normal, dass die herrschende Klasse sich jener Grundlagen entledigt, auf denen ihre Herrschaft basiert, es sei denn, unter Zwang. Doch zu diesem Zeitpunkt war der ANC weit davon entfernt, die Regierungsgebäude in Pretoria zu stürmen. Als Alternative zu Reformen stand die Fortsetzung der Repression, und der Staat wäre sicher in der Lage gewesen, noch über viele weitere Jahre den Widerstand niederzuschlagen. Die damit verbundenen Kosten hätten jedoch die Wirtschaft des Landes und auf diese Weise auch die Zukunft der Weißen zerstört. Und dies hatten nicht nur weiße Unternehmer, sondern auch Teile des herrschenden Establishments um De Klerk erkannt. Die vielfältigen Krisen der achtziger Jahre bildeten den Auslöser für das Umschwenken der Regierung. Die Revolten in den Townships und „Homelands“ konnten zwar niedergeschlagen werden. Auch bedrohten die Kriege im südlichen Afrika (vor allem in Angola und Mosambik) und die Attacken von ANC-Guerillas den südafrikanischen Staat nicht im Kern. Doch die Krisen im Inneren wie im Äußeren hatten zu viel Geld und zu viele Weiße auch das Leben gekostet. Überdies wuchs der internationale Druck auf Südafrika beträchtlich – mit militärischen, wirtschaftlichen und moralischen Folgen. Die Regierung in Pretoria hatte stets alles unternommen, um ihre internationalen Kreditgeber zufrieden zu stellen, doch diese zeigten sich immer weniger entgegenkommend. Der Handelsboykott, der zahlreiche in Südafrika hergestellte Produkte betraf, drückte auf die Investitionen, die allein die Wirtschaft wieder hätten revitalisieren können. Der moralische Kreuzzug gegen Südafrika durch die weltweit agierende Anti-Apartheidbewegung begann zunehmend auch im Lande selbst Wirkung zu entfalten. Selbst die Reformierte Kirche, zu der viele Mitglieder des burischen Establishments gehörten, äußerte nun vorsichtige Kritik am System der Apartheid. Schließlich veränderte der Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa, nachdrücklich symbolisiert durch den Fall der Berliner Mauer, die Perzeption des südafrikanischen Machtkartells von seinen Opponenten und von sich selbst. Es konnte sich nun nicht mehr länger als Bastion der christlichen Zivilisation gegen die Horden aus dem Reich des Bösen stilisieren. Die Regierung hoffte zwar, dass der ANC aufgrund des Wegfalls der finanziellen Unterstützung durch die Sowjetunion stark geschwächt würde. Zugleich bedeutete der Fall der Mauer jedoch, dass das verbleibende Misstrauen der Amerikaner gegenüber dem vermeintlich kommunistischen ANC und die daraus folgende Unterstützung für den südafrikanischen Status Quo keine geopolitische Grundlage mehr hatte. Es besteht insgesamt kein Zweifel, dass De Klerk und seine Mitstreiter davon ausgingen, den Prozess der Transition in Südafrika kontrollieren und ihre eigenen Interessen wahren zu können, ja vielleicht sogar ihre Herrschaft zu sichern. Diese Hoffnung sollte sich als falsch erweisen.

    Chaotische Folgen

    Die Geschichte Südafrikas zwischen Februar 1990 und April 1994 war chaotisch und blutig. Mindestens 14 000 Menschen wurden Opfer politischer Gewalt, einige Autoren nennen gar die Zahl von 30 000 Toten. Lange und schwierige Verhandlungen zwischen Regierung und ANC mussten klären, wer das Land in wessen Interesse in Zukunft regieren sollte, und wie die administrative Struktur Südafrikas aussehen könnte. Die Gespräche drohten mehrfach zu scheitern und wurden sogar für einige Monate eingestellt. Als gewichtiger Störfaktor erwies sich der Chef des „Homelands“ KwaZulu, Chief Buthelezi, bis dato informeller Bündnispartner der Regierung. Buthelezi, der sich auf die Inkatha-Bewegung, eine schlagkräftige Massenorganisation, stützen konnte, fühlte sich durch die neuen Konstellationen politisch an den Rand gedrängt. Er beschwor einen Zulu-Nationalismus und mobilisierte auf diese Weise zahlreiche gewaltbereite Anhänger. In diesen Jahren bestand durchaus die reale Gefahr, dass Südafrika in einen Strudel der Gewalt gezogen und politisch zerbrechen würde. Dass am Ende ein in den Worten Nelson Mandelas „kleines Wunder“ stand, war nicht unbedingt vorauszusehen. Mit dem Wahltag endete die Gewalt. Zwischen dem 26. und 29. April 1994 nahmen rund 20 Millionen Südafrikaner an den ersten freien Wahlen in ihrem Land teil. Für die meisten Menschen bedeutete der Wahlakt eine befreiende, kathartische, ja religiöse Erfahrung. Die langen Menschenschlangen, die geduldig in der Sonne vor den Wahllokalen anstanden, waren ein Zeichen der Hoffnung für ganz Afrika. Der ANC fuhr mit 63 Prozent der Stimmen einen überwältigenden Wahlsieg ein, verfehlte aber knapp die absolute Mehrheit und bildete mit der Nationalen Partei eine Koalitionsregierung. „Einige ANC-Anhänger,“ schreibt Mandela, „waren enttäuscht darüber, dass wir die Zweidrittelmehrheit nicht erreicht hatten, doch ich gehörte nicht zu den Enttäuschten. Vielmehr war ich erleichtert, denn wenn wir zwei Drittel der Stimmen auf uns vereinigt hätten und in der Lage gewesen wären, ohne Mitwirkung anderer eine Verfassung durchzusetzen, hätten die Leute argumentiert, wir hätten eine ANC-Verfassung geschaffen und nicht eine südafrikanische. Ich wollte eine echte Regierung der nationalen Einheit.“ (Nelson Mandela, Erinnerungen) Am 10. Mai 1994 wurden De Klerk und Thabo Mbeki als Vizepräsidenten eines geeinten Landes vereidigt. Danach wurde Mandela feierlich in sein Amt eingeführt und erklärte vor zahlreichen Staatsgästen aus aller Welt: „Niemals, niemals und niemals wieder soll es geschehen, dass dieses schöne Land die Unterdrückung des einen durch den anderen erlebt … Lasst Freiheit herrschen. Gott segne Afrika.“ Die Zeit, in denen ein Land in Euphorie leben kann, ist begrenzt, selbst wenn so große Euphorie herrscht wie 1994 in Südafrika. Die strukturellen und wirtschaftlichen Probleme des Landes waren lange durch die politischen Konflikte überdeckt worden. Der Wechsel der Regierung brachte diese strukturellen Defizite ans Licht. Das Erbe der Apartheid, das heißt vor allem die tiefen Gräben innerhalb der Gesellschaft, waren weiterhin deutlich spürbar. Der Rassismus vieler Weißer hielt an, der Sexismus sowohl von weißen als auch schwarzen Männern prägte noch immer den Alltag und die Politik. Die Aufarbeitung der Vergangenheit schritt zwar zügig voran, doch die auch international stark beachtete Tätigkeit der Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Bischoff Desmond Tutu blieb umstritten und konnte beileibe nicht alle Wunden heilen, welche die Jahrzehnte der Apartheid gerissen hatten. Die ökonomischen Ungleichheiten der Vergangenheit dauerten fort. Die Früchte der neuen Ordnung kamen nur bei wenigen an, was zu zunehmenden Frustrationen führte. Die Verheißungen der „Rainbow Nation“ erwiesen sich für viele Südafrikanerbislang als Chimäre.

    Sorge um die Zukunft

    15 Jahre nach den ersten freien Wahlen in Südafrika gibt es viele Gründe, pessimistisch in die Zukunft zu blicken. Gleichwohl sollte dieser Befund nicht den Blick auf die Tatsache verstellen, dass die Menschen in Südafrika mit der „ausgehandelten Revolution“ der frühen neunziger Jahre eine in jeder Hinsicht bemerkenswerte politische und soziale Transition erreicht haben. Diese Transformation verlief nicht ohne Gewalt und hatte ihren Preis, sie wurde aber ohne einen größeren Krieg vollzogen. Die neue Verfassung garantierte individuelle Rechte für alle und enthielt einen umfangreichen Menschenrechtskatalog. Im Land herrscht seither eine vergleichbar große innenpolitische Stabilität, selbst wenn das Ausmaß der Kriminalität in Teilen des Landes bedrohliche Formen annimmt. Die Menschen können sich frei bewegen und schwarze Menschen können ihre Rechte als Bürger wahrnehmen und sind nicht einfach nur, wie im System der Apartheid, Untertanen. Die Außenbeziehungen Südafrikas haben sich normalisiert. Es gibt Anzeichen für die Herausbildung einer selbstbewussten neuen Nationalkultur, die offen für globale Einflüsse bleibt. Sicher, die Ordnung Südafrikas ist weiterhin fragil, doch der Übergang von der Apartheid zur Demokratie gehört auch aus globaler Perspektive zu den beeindruckendsten Entwicklungen des späten 20. Jahrhunderts.

    Andreas Eckert
    ist Professor für die Geschichte Afrikas an der Humboldt-Universität zu Berlin und Geschäftsführender Direktor des Instituts für Asien- und Afrikawissenschaften. Der Text stammt aus dem Buch: „1989 / Globale Geschichten“. Herausgegeben von Susanne Stemmler, Valerie Smith und Bernd M. Scherer. © Wallstein Verlag, Göttingen 2009.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

    Ihre Meinung zu diesem Thema? Schreiben Sie uns!
    Mail Symbolkulturzeitschriften@goethe.de