Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Die Überwindung der Grenze liegt im Erzählen
    Eine biografische Ost-West-Zerrissenheit

    Wo einst die Mauer stand; Foto: Stephan Kaluza © Dumont Verlag 2009Die Ost-West Erfahrung von Julia Franck als Mädchen und junge Frau bietet einen schmerzhaften Eindruck von der damaligen Ignoranz des Westens gegenüber der DDR. Diese Ignoranz steht in scharfem Kontrast zur Euphorie, die bei der Wiedervereinigung herrschte. Die Literatur könnte die Berührungsscheu in den Köpfen überwinden.

    20 Jahre ist es her, dass die Mauer im Verlauf eines Sommers bröckelte, im Herbst wankte und schließlich in der Nacht vom 9. November 1989, wenige Wochen nach dem 40. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober, fiel.
    Der 7. Oktober 1978 war der Tag, bis zu dem wir nach Erteilung der Ausreisegenehmigung die DDR verlassen haben sollten. Meine Mutter mit ihren damals vier Töchtern, von denen die jüngste erst wenige Monate alt war, hatte den Ausreiseantrag seit 1974 viermal gestellt, dreimal war er nach Monaten und Jahren der Bearbeitung abgelehnt worden. In diesen Jahren des ungewissen Wartens durfte sie als Theaterschauspielerin, zuletzt am Potsdamer Hans-Otto-Theater, auf keiner Bühne mehr stehen; Berufsverbot ist eine Bezeichnung dafür. Sie trug Briefe aus und arbeitete als Friedhofsgärtnerin, wo eine Person, die die Republik verlassen wollte, wohl weniger ideologische Schäden anrichten konnte. Die Nachbarn und Lehrer in der Schule stellten uns Kindern beiläufig allzu neugierige Fragen; Bespitzelung ist eine Bezeichnung dafür. Zum Schutz unserer kindlichen Naivität verschwieg unsere Mutter ihren Kindern gegenüber nicht nur ihre Absicht, ihre Gesinnung, ihren Traum, sondern auch diese Anträge an das Innenministerium der DDR und die Gründe für die wahrnehmbare Veränderung unserer Umgebung. Schweigen und Misstrauen ist so ein vertrautes Klima meiner Kindheit und der am 6. Oktober 1978 erfolgten Übersiedlung von Ost nach West geworden.

    Fiktive Verlobung

    Den letzten Ausreiseantrag hatte eine fiktive Verlobungsabsicht meiner Mutter mit einem ihr noch unbekannten Mann aus dem Westen befördert. Man kann es Fluchthilfe nennen, als »Familienzusammenführung« getarnt, ein schmales Nadelöhr in den Westen. Die letzten Tage kamen wir bei meiner Großmutter in Rahnsdorf unter. Meine Großmutter war aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1938 aus der Meisterklasse der Berliner Kunsthochschule exmatrikuliert worden, das Angebot ihres Vaters, wie ihr älterer Bruder nach Amerika zu emigrieren, hatte sie schon zwei Jahre zuvor ausgeschlagen, lieber wollte sie nach Italien und die alten italienischen Meister sehen. Als meine Großmutter 1950 als entflammte Kommunistin mit zwei unehelichen Kindern (aufgrund der Rassengesetze hatte sie deren Vater nicht heiraten dürfen) und hochschwanger nach Berlin zurückging, wollte sie um keinen Preis in das großbürgerliche Westend ihrer Kindheit zurück, sondern zog voller Idealismus in die sowjetische Zone der Stadt. Ihr Sohn starb dort Mitte der sechziger Jahre, gerade erst 18 Jahre alt, ihre jüngste Tochter floh wenig später, ebenfalls kaum 18. Meine Großmutter selbst hatte wohl kaum unter einer Beschränkung der DDR gelitten, als »Verfolgte des Naziregimes« und Mitglied im Künstlerverband genoss sie so manches Privileg und die Reisefreiheit, die ihren Kindern verwehrt war; sie war nach Amerika, in den Libanon und nach Wiesbaden gereist, um ihre Brüder zu besuchen, konnte ihre Freunde und Verwandten in Paris, Tel Aviv und London besuchen. Ihr politischer Idealismus galt keiner christlichen und keiner kapitalistischen Demokratie, sie glaubte an den Kommunismus im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit. Vermutlich war es ihr ein Rätsel, warum ihre Kinder nicht in der DDR leben wollten.
    Der Unbekannte aus dem Westen holte unsere Mutter und ihre Töchter am 6. Oktober 1978 aus Rahnsdorf ab, in seinem Auto fuhren wir über die Bornholmer Brücke, noch am selben Tag brachte er uns in das Notaufnahmelager Marienfelde. Wenn ich in dem Roman Lagerfeuer auch keineswegs eine autobiografische Geschichte erzähle, so findet sich dort wohl manches Detail dieser Grenzerfahrung, der Schwelle zwischen Ost und West, und einer ihrer Institutionen wieder. Manche Einzelheit, die ich lebhaft in Erinnerung habe, fand in dem Gerüst der Vierstimmigkeit meines Romans und der Geschichten seiner Erzähler keinen Platz. Über manches, das spürte ich, obwohl ich nur weniges wusste, durfte man seinerzeit nicht offen sprechen. Selbst als wir längst im vermeintlich sicheren Westen angekommen waren, war über das Wichtigste zu schweigen. Der halbe Freundeskreis meiner Mutter war Anfang der siebziger Jahre in den Westen geflohen. Wer wie geflohen ist, das habe ich häufig erst nach der Wende erfahren, selbst wenn es sich um meine Tante handelte, selbst da, wo es engste Freunde waren, solche, mit denen ich im zweiten Teil der Kindheit im freien Westen unter einem Dach gelebt hatte. Die Fluchtwege konnten aus Rücksichtsnahmen und Vorsichtsmaßnahmen in alle Richtungen, aus Angst und Verantwortung nicht verraten werden. Wie mein Vater 1975 geflohen ist? Ich weiß es bis heute nicht und werde es nie erfahren können, da er bereits 1987 gestorben ist und offenbar mit niemandem darüber gesprochen hat.

    Notaufnahmelager

    Im Herbst 1978 im Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde angekommen, erschien uns der Westen alles andere als golden, sonnig und frei. Das Lager war von einem hohen Sicherheitszaun mit Stacheldraht umgeben, wir Insassen wurden (zum Schutz) rund um die Uhr bewacht. Zur Schule mussten wir jeden Morgen den Pförtner und eine Schranke passieren, die Nahrungsmittel wurden mit Marken zugeteilt. Unsere erste Woche verbrachten wir selbst innerhalb des Lagers in Quarantäne, bis sichergestellt war, dass wir keine ansteckenden Krankheiten hatten. Der Jahreszeit entsprechend regnete, nieselte und fror es. In der Schule wurden wir als »Lagerkinder« gehänselt, auf dem Schulhof verprügelt, Besuch durfte man im Lager nur nach vorheriger Anmeldung erhalten. Über Monate hatten wir keine Freunde, Kinder, die wir einfach besuchen konnten, die uns hätten besuchen können, mit denen wir Geburtstage oder Weihnachten hätten feiern können. Keiner der in West-Berlin angekommenen Freunde meiner Mutter konnte ohne weiteres fünf Menschen bei sich aufnehmen – und so kam es, dass wir schließlich fast neun Monate lang in dem Lager lebten. Wir schrieben tagtäglich Briefe, an unsere Freundin in Berlin-Adlershof, wenige Kilometer Luftlinie östlich, Briefe an unsere Großmutter, wenige Kilometer Luftlinie östlich, Briefe an den Vater unserer älteren Schwester, wenige Kilometer Luftlinie östlich. Die Sehnsucht war zum Bersten, die Sehnsucht dahin zurück, wo wir ein soziales Leben gehabt hatten, das im Westen seit Wochen und bald Monaten nicht beginnen wollte.
    Schon in den ersten Wochen der Orientierung, wohin mit sich, ihren vier Kindern und der Verantwortung für unser Wohlergehen, fasste meine Mutter den Entschluss, ein Besuchervisum zu beantragen. Sie ging in die Jebenstraße hinter dem Bahnhof Zoo und beantragte das hellgrüne Papier für sich und ihre vier Töchter, über Weihnachten, für die gesamten Ferien. Zehn Tage lang wollte sie mit uns die wenigen Kilometer mit der S-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße zu-rück in den Osten fahren. Anfang Dezember erhielten wir die erhoffte Genehmigung. Die Winterferien standen uns wie ein Paradies vor Augen. Wir schmiedeten Pläne, wie wir – die wir noch keine Lichtbilder in unseren Kinderausweisen hatten – mit unserer Freundin aus Adlershof vor der Rückreise die Plätze tauschen würden. Anstatt meiner sollte Adrienne im Kreise meiner Familie den Weg durch das Labyrinth im Tränenpalast antreten. Sie würde sich in aller Ruhe und im Kreise meiner Schwestern, die sie so gut wie ihre eigene Familie kannte, den Westen ansehen können – bis man einige Wochen später wieder als ganze Familie in den Osten reiste, sie in ihre Familie und Schule zurückkehren könnte und ich an ihrer Stelle wieder zurückführe. Was für ein Traum. Nichts lieber hätte ich getan, als an der Stelle meiner Freundin in meinem alten Leben zu bleiben, zurückzukehren auf unsere Schulbank, zurück in den verwilderten Garten meiner Großmutter, zurück zu den Menschen, die ich liebte.

    Sehnsucht nach Rückkehr

    Doch es kam anders. Bereits am Vorabend hatten wir unsere Tornister gepackt, es gab zwei für die Familie, beide waren aus olivgrünem Sackleinen und trugen ein Tierfell an ihrer Außenseite, der eine war mit braunem Pelz besetzt, der andere mit geschecktem. Sehr früh am Morgen wurden wir durch das Umherlaufen und Stöbern unserer Mutter geweckt. Wir wohnten zu fünft in einem Zimmer von etwa 15 Quadratmetern, drei Stockbetten, ein Tisch, vier Stühle, ein Schrank – das andere Zimmer der winzigen Neubauwohnung (Fünfziger-Jahre-Trümmerblock) bewohnte eine dreiköpfige russische Familie. Unsere Mutter hob Bettdecken hoch, öffnete wieder und wieder die beiden Türen des Schrankes, sie schaute unter Anziehsachen, nahm Bücher hoch, blätterte in den Seiten, ließ sie geöffnet nach unten auffallen. Sie suchte etwas. Sie ging auf die Knie und kroch unter die Betten, unter denen sie nur Staub, eine leere Zigarettenschachtel und Schuhe fand. Auch gereizt war sie, und auf unsere Frage, was los sei, verlor sie die Nerven. Wir sollten ihr gefälligst suchen helfen, das Visum sei verschwunden. Ich möchte nicht sagen, dass wir die russische Familie oder die Lagerleitung im Verdacht hat-ten, die zu jeder Wohnung Schlüssel besaß. Die Schilder über den Betten, man solle mit niemandem sprechen, dass sich Spitzel im Lager befinden könnten, die nahm ich als Kind gar nicht wahr. Auch ohne diese Schilder wusste ich, dass ich jedem Menschen in meiner Umgebung misstrauen sollte. Bald krochen wir alle über den Boden des Zimmers, hoben die gestreiften Matratzen an, schüttelten die Decken mit ihrer blau-weiß karierten Bettwäsche. Wir suchten in der Gemein-schaftsküche, wir suchten in unseren Schulmappen. Selbst im Koffer oben auf dem Schrank und in dem unter dem Bett war das A5-formatige Visum nicht zu finden. Man konnte nicht sagen, dass die Wohnung groß war, man konnte auch nicht behaupten, dass wir sehr viele Sachen hatten, aber das Visum blieb verschwunden. »Verschlumst«, so sagten wir damals, meine Mutter hatte das kostbarste Dokument unseres damaligen Lebens einfach »verschlumst«. Aus der Traum von Weihnachtsferien wenige Kilometer östlich auf der anderen Seite der Mauer?
    Gewiss ist meine Mutter kein besonders ordentlicher Mensch, aber ein willensstarker. Sie setzte alle Hebel in Bewegung und erkundigte sich von der einzigen Telefonzelle im Lager bei Innenministerien und anderen Stellen nach unseren Möglichkeiten. Nur eins blieb uns, wir sollten uns an der Grenze anstellen, Bahnhof Friedrichstraße, wie andere Tagesbesucher auch, und dort ein Visum für einen Tag beantragen. Für einen Tag? Aber Weihnachten dauerte zwei, drei Tage – die ganzen Weihnachtsferien lang. Nun, wie oft wir uns in diesen Ferien anstellen würden, das sei schließlich unsere Sache. So kam es, dass wir am Morgen des 23.12.1978 von Marienfelde aus zur Friedrichstraße fuhren, mit einem Tagesvisum einreisten, über eine Stunde lang mit den S- und Stra-ßenbahnen in den südöstlichsten Stadtteil nach Rahnsdorf an den Müggelsee zu unserer Großmutter fuhren und gen Mitternacht den Rückweg antraten. Einmal zum Tränenpalast, weinen, Abschied, Unsicherheit, ob alles klappen würde, wir hofften, durch das Labyrinth in den Westen und von dort aus wieder anstellen, neue Schlange, neue Beamte, neue Spiegel, neue Kontrollen, neues Visum, bis wir etwa gute zwei Stunden später auf der anderen Seite des Bahnhofs erneut im Osten ankamen, mit der S-Bahn fuhren und gegen drei Uhr nachts schließlich in Rahnsdorf ins Bett fielen.

    Schikanen an der Grenze

    Erst am späten Vormittag des Heiligen Abends wachten wir in Rahnsdorf auf, verbrachten spielend, kochend und schwatzend den Tag, bis uns am Abend, nachdem wir Kerzen angezündet und gesungen, gegessen und genascht hatten, die Augen zufielen. Doch wir zogen die Anoraks an und machten uns erneut auf den Weg zur Grenze, um rechtzeitig um Mitternacht wieder den Boden der »neuen Heimat« zu betreten und uns abermals von der westlichen Seite an der Grenze für ein Tagesvisum anzustellen. Die gesamten Weihnachtsferien 1978/79 waren wir Nachtreisende, pünktlich zu Mitternacht fuhren wir vom südöstlichsten Rand der Stadt aus zur Grenze, schlängelten uns durch das unterirdische Labyrinth aus Stellwänden, Deckenspiegeln, Mikrofonen, Scheiben, Passkontrollstationen, Gepäckdurchsuchungstischen und Leibesvisitationskabinen auf die westliche Seite, um, dort weit nach Mitternacht angekommen, wieder den Rückweg anzutreten und schließlich mitten in der Nacht in Rahnsdorf wieder ins Bett zu sinken. Meine jüngste Schwester, ein halbes Jahr alt, schrie manchmal auf dem Arm meiner Mutter, vielleicht hatte sie hohes Fieber, sie weinte, sie vertrug keine Milch und brauchte nichts dringender als Schlaf und Ruhe. Wir achtjährigen Zwillinge gähnten und schmiedeten neue Pläne – sobald sich unsere Freundin nur traute, wollten wir sie ausschleusen, denn angesichts dieses Prozederes schien plötzlich ein Austausch für einen einzigen Tag denkbar. Unsere ältere Schwester ermahnte uns zur Ordnung. Wenn wir Verdacht erregten, würden wir unnötig länger den Schikanen der Grenzer ausgesetzt sein. Meine Mutter erduldete die Tortur vermutlich einfach. Glückliche Weihnachtsferien, unausgeschlafen, niemals angekommen und doch scheinbar der unschuldigen Kindheit zum Greifen nah. So nah war ich ihr nie wieder, der Unschuld nicht, der Kindheit nicht; die Grenze, die Mauer, das Trennende an ihr bestimmte die nächsten Jahre meines Lebens. Die Kompassnadel für das Wort »drüben« hatte ihre Nordung verloren, sie zeigte nicht mehr den Westen, sie zeigte überhaupt nicht mehr eindeutig, mal zeigte sie von Ost nach West, mal von West nach Ost – mit diesem Wort fehlte auch mir die sonst so feste Nordung eines Deutschen inmitten seiner Teilung.

    Klassenausflug in den wilden Osten

    Julia Franck; Foto: Thorsten Greve © S. Fischer Verlag 2009Überspringe ich viele weitere Grenzübergänge, zwischen denen wir in den Ferien meine Großmutter besuchten, im Winter auf dem gefrorenen Rahnsdorfer Stausee Gleiter liefen, im Sommer auf den Darß fuhren und dort unsere Kindheitsfreundin aus Adlershof trafen, die uns zuletzt ihrerseits nicht sagen durfte, dass ihre Familie einen Ausreiseantrag gestellt hatte, zwischen denen wir täglich Briefe schrieben, unzählige, um das, was uns ausmachte, die Freundschaften und auch den Glauben an Treue und Unvergänglichkeit einer Freundschaft, nicht zu verlieren, und komme zu einem meiner letzten Grenzübergänge.
    Es war der Sommer 1986, meine 10. Klasse sollte einen letzten gemeinsamen Ausflug machen. Außer mir würden in diesem Jahr nur zwei der Schüler aus Parallelklassen dieser Gesamtschule weitergehen und das Abitur machen. Schon seit drei Jahren wohnte ich nicht mehr bei meiner Mutter, sondern hatte einige Zeit bei Freunden der Familie in Berlin-Spandau gelebt (ebenfalls früh Geflohene) und wohnte nun in einer Wohngemeinschaft westdeutscher Aussteiger in Charlottenburg.
    Der Ausflug, kündigte die Westberliner Klassenlehrerin an, führe uns nach Sachsenhausen, in das ehemalige Konzentrationslager. Was, in den Osten? Die Schüler rollten mit den Augen, sie maulten und stöhnten, mancher kicherte und machte spontan einen Witz: Da kommste doch her! Einer grinste den anderen an und grölte, der andere antwortete nur: Wer hat denn hier die ostigen Turnschuhe? Entsprach einer nicht der Norm, wurde unter Westberliner Schülern gespottet: Du kommst wohl aus dem Osten, wa? Hatte einer hässliche oder nur der Mode nicht entsprechende Kleidung an, so hieß es: Sieht der ostig aus!
    Seit drei Jahren war ich in dieser Klasse und hatte es geschafft, meine Herkunft zu verheimlichen. Keineswegs wollte ich im Schlaglicht des Gespötts stehen. Sollten sie nur Witze über Juden machen, ich verriet keinerlei Bezüge, sollten sie nur Witze über Ostler machen, ich schwieg eisern, und selbst als sie meinem frischen holsteinischen Akzent, den ich nach vier Jahren zwischen Rendsburg und Kiel aus dem Norden mitgebracht hatte, als einen ostfriesischen Akzent zu entlarven glaubten, lächelte ich nur unfroh und bemühte mich um baldigen Verlust dieser verräterischen Melodie.
    Einmal hatte ich die Schule geschwänzt, und die Lehrerin hatte bei mir zu Hause angerufen. Eine Frau in der Wohngemeinschaft nahm das Telefon ab. Julia? Ach, sie ist nicht in die Schule gekommen? Nun, ihre Großmutter in Ost-Berlin ist krank, Julia musste rüberfahren und sie pflegen. Das behauptete meine Mitbewohnerin und erzählte mir wenige Stunden später frohlockend, wie sie mich geschützt habe.

    Angst vor Entdeckung

    Ich war bestürzt. Sie hatte meiner Lehrerin erzählt, dass ich eine Großmutter in Ost-Berlin hatte? War sie verrückt? Den halben Tag dachte ich über Ausreden nach, was ich der Lehrerin erzählen könnte, wenn sie mich vor versammelter Klasse auf eine Großmutter in Ost-Berlin ansprechen würde.
    Die Lehrerin sprach mich am nächsten Tag in der Pause an, mitleidige Blicke: Ach, ich sei zu meiner kranken Großmutter gefahren? Ich hätte eine Großmutter in Ost-Berlin? Erstaunt, neugierig und voller Hohn sahen mich meine sechzehnjährigen Mitschüler an. Da bei mir ohnehin alles anders als bei den anderen war und ich behauptete, seit drei Jahren aus freien Stücken nicht mehr zu Hause zu wohnen, behauptete, in einer Wohngemeinschaft zu leben und zu arbeiten, weder an den beliebten Shoppingtouren der Mädchen noch am Konfirmandenunterricht teilnahm und offenbar am Wochenende in Diskotheken ging, solange ich wollte, schien bei mir alles möglich zu sein. Ich hatte das Lachen meiner Mitschüler, die unzähligen Abfälligkeiten und Witze über den Osten im Ohr und erklärte rasch, die Mitbewohnerin oder die Lehrerin müsse etwas falsch verstanden haben. Eine Großmutter hätte ich, ja, die sei krank, ja, ich sei auch zu ihr gefahren, ja, aber nicht in den Osten, sondern nach Westdeutschland.
    Wenige Wochen später kündigte diese Lehrerin unseren Ausflug nach Sachsenhausen an. Vor der Tafel stehend fragte sie die Klasse, wer denn alles schon mal im Osten war, in Ost-Berlin oder in der DDR? Hand hoch, bitte melden. Ein Junge hob die Hand. Ach, interessant, und willst du uns erzählen, wo du genau warst? Er hatte eine Großtante in Sachsen, die musste er mit seiner Familie alle paar Jahre besuchen. Ich wurde rot, ich wusste nicht, wie ich atmen und wohin ich blicken sollte. Mir schien, als beobachteten mich einige Mitschüler neugierig. Schon schoss mein Arm in die Höhe. Und du, Julia, du warst auch schon mal drüben, ja? Ja, sagte ich, ich hab mir mal die Stadt angeschaut.
    Weiter ging der Unterricht, Sachsenhausen, das Konzentrationslager, das Grauen, die Morde, der Wahn, der Krieg, die Alliierten, die Befreiung, die Teilung, Deutschland, Berlin. Die Lehrerin ließ von allen Kindern Formulare ausfüllen, denn so ein Klassenausflug wollte gut vorbereitet werden. Drei Wochen später kam der befürchtete und erwartete Tag. Ich hatte mir die fünfundzwanzig Mark für den Zwangsumtausch in das Portemonnaie gesteckt. Tagesgeld hieß es. Ich wusste, wie schwer es war, das Geld auszugeben, und überlegte, ob es zurzeit wohl Klaviernoten von Beethoven gebe, die waren mir im Westen und in meinem Leben kostbar. Aber es war fraglich, ob wir an einer Notenhandlung vorbeikommen würden. Als ich mit dem Fahrrad an der Schule ankam, sah ich zuerst das Gepäck meiner Mitschüler. Prall gefüllte Umhängetaschen, Rucksäcke, Reisetaschen. Hatte ich etwas falsch verstanden? Sollten wir übernachten, handelte es sich um keinen Tagesauflug? Ich spitzte die Ohren, doch von Übernachtung war keine Rede. Erst als wir später im Bus saßen, begriff ich, warum sich die anderen mit solchen Gepäckstücken beladen hatten. Die Witze hörten nicht auf. In dem Tagesgepäck meiner Mitschüler befanden sich neben Walk-men, die der Unterhaltung auf der Fahrt nach Sachsenhausen dienen sollten – Neue deutsche Welle wurde gehört, 99 Luftballons, ich seh den Sternenhimmel und düse im Sauseschritt – Butterbrote, dick bestrichen mit Leberwurst und Nutella, Caprisonne, Wasserflaschen, Bananen, gewaschene Weintrauben in durchsichtigen Frischhaltetütchen, Schokoladenriegel. Erst als die Konservendosen zum Vorschein kamen, Corned-beef und Sauerkraut, mehrere Jungs ihr Besteck und ihre Taschenmesser verglichen, ein Junge den Dosenöffner ansetzte und die dauergewellten Mädchen in der letzten Reihe sich kichernd die Nase zuhielten und auf ihre Würstchen im Glas verwiesen, begriff ich den Ernst der Lage. Meine Mitschüler, 30 sechzehnjährige Westberliner, von denen außer mir nur ein einziger jemals die wenige Kilometer entfernte Grenze überschritten hatte, um Verwandte zu besuchen, fürchteten, dass es im Osten nichts zu essen gebe. Bei uns. In dieser Zeit konnte ich nicht sagen, wo das war. Sie hatten aufblasbare Kopfkissen und zwei Mädchen hatten für alle Fälle ihre Schlafsäcke mitgebracht: Wer weiß, was einem im Osten geschah. Gut, die Klassenlehrerin sprach von einem Ausflug, es hieß, man kehre geschlossen als Klasse gegen 18.00 nach Spandau zurück, aber man konnte ja nicht wissen.
    Beladen mit ihren Rucksäcken und Sporttaschen, aus denen im Verlauf des Nachmittags zwischen den Baracken von Sachsenhausen auch Tüten mit Gummitieren und Coca-Cola auftauchten, verstohlen Zigarettenpäckchen zutage gefördert wurden, um sich hinter der Museumsbaracke eine Camel anzuzünden und eine Selbstgedrehte zu rauchen, sprachen die Jugendlichen meiner 10. Klasse auf der Rückfahrt schließlich nur noch über die bevorstehenden Sommerferien: Ein Mädchen fuhr mit ihrer Familie nach Florida und wurde von den anderen eifrig beneidet, die nur an die Riviera und nach Tirol reisten.

    Wenig glaubhafte Euphorie

    Als drei Jahre später die Mauer fiel, konnte ich die Euphorie der West- und Ostdeutschen kaum glauben. Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, wochenlang, monatelang. So wenig hatten die Menschen im Westen vom Osten wissen wollen, dass bei allen Möglichkeiten und Gelegenheiten, die sich boten, von 30 Westberliner Familien gerade einmal zwei ihre Brüder und Schwestern im Osten besucht hatten. So sehr hatten die Menschen im Osten an die im Westen ge-glaubt, so sehr auf den Westen gehofft, sich ihm so jubelnd an den Hals geworfen, dass mir schlecht wurde. Ganz abgesehen von der Folklore, die beide Seiten Deutschlands mit dem jeweils anderen Staatssystem betrieben.
    Man kann meine hier geschilderten Grenzerfahrungen für untypisch halten, aber es geht mir hier nicht um das Typische, sondern um das Individuelle, das Subjektive, die Utopie und die Erfahrung, die Menschen in Deutschland mit Ost und West gemacht haben. Wie entsteht Geschichte, wie wird Erinnerung geformt und behauptet? Jenseits von nostalgischem Revisionismus kann in der Literatur gegenwärtig gemacht werden, was durch Statistiken nicht verständlich wird und was den modernen Blick verlangt, um subjektiv und erzählend Wahrheit zu beanspruchen. (…) Dazu gehört die Frage, wem eine Geschichte gehört. Darf nur ein Mann über die Geschichte eines Mannes schreiben? Darf nur der Jude über Juden schreiben? Nur der Ostler über den Osten? Nur die Deutschen über ihre Geschichte, ihre Teilung und Grenze? Nur das Opfer über Opfer? Nur der Zeitzeuge über seine Zeit? Wer kann, wer darf, wer muss – und wem erteilt wer ein Verbot? Haben wir Aufträge, erfüllen Kunst und Literatur moralische und ästhetische Aufgaben? Und wo bliebe dann der Trotz, der sich gegen alles wehrt, der sein Recht auf Schweigen insbesondere da erklärt, wo er sich selbst am nächs-ten bleiben möchte? Wie, das frage ich mich bis heute, kann es in Deutschland einen geben, der zum Mauerfall erwachsen war und doch keinerlei Erfahrung mit der Grenze hat und dessen Nicht-Erfahrung zumindest dem Schriftsteller nicht Grund genug sein könnte, über diesen Mangel nachzudenken?
    Die Literatur öffnet jenen Raum, die Grenze – den Grenzraum, der trennend wirken sollte und zu dem doch beide Seiten gehören. Im Dazwischen, auf der Schwelle, hier befindet sich die Grenze; ihre Überwindung wie ihre Öffnung liegt im Erzählen.

    Julia Franck
    wurde 1970 in Ost-Berlin geboren.1978 verließ sie die DDR. Für ihren Roman „Die Mittagsfrau“ erhielt sie 2007 den Deutschen Buchpreis. Der Text stammt aus dem Buch „Grenzübergänge. Autoren aus Ost und West erinnern sich.“ Herausgegeben von Julia Franck. © S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2009, S. 9-22.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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