Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Abenteuer Forschung

    Sieben Studenten auf Tauchgang in die ägyptische Gesellschaft

    Junges Paar in Kairo; Foto: Markus KirchgessneDas Buch „Youth, Gender and the City“, herausgegeben von Thomas Hüsken und veröffentlicht durch das Goethe-Institut Kairo, liest sich wie ein Abenteuerbericht: Sieben Studenten der Anthropologie an der Freien Universität Berlin verbringen ein Semester in der Mega-City Kairo.

    Jeder von ihnen hat ein Forschungsprojekt, eine konkrete Frage, die sie untersuchen. Sie nehmen ihre Leser mit in eine andere Welt, die Welt junger, arbeitsloser Frauen, die Welt von Mittelstandsjugendlichen auf der Suche nach Liebe, die Welt von Lehrern, die ihr mageres Gehalt aufbessern, indem sie Nachhilfestunden geben. Die Berichte leben nicht nur von den lebendig erzählten Berichten über die Forschungsobjekte. Spannender noch sind die immer wieder einfließenden Beschreibungen der Erfahrungen, welche die Studenten im Laufe ihres Aufenthalts selber gemacht haben.

    Abenteuer Forschung: Im wahrsten Sinne des Wortes, denn wenn eine Anfang 30jährige Studentin aus Berlin die informellen Netzwerke von Frauen in einer Satellitenstadt von Kairo untersuchen möchte, dann ist sie nicht nur als Wissenschaftlerin gefordert. Es geht auch um sie als Person. Frederike Köppe beschreibt in ihrem Artikel: „Children Chatting and Tomatoes: Women’s Networks in a Suburb of Cairo“ ihren Forschungsprozess; sprich: so simple Dinge wie ihre Busfahrt aus der Innenstadt von Kairo nach Al Nahda, einem Viertel am Stadtrand. Sie beschreibt die Reaktionen von ägyptischen Bekannten: „Ihre Kommentare folgten dem Muster: ‚Pass bloß auf dort, denn die Menschen dort sind gefährlich‘ oder: ‚Was willst du denn mit diesen Frauen besprechen, die wissen doch nichts von der Welt, sie schnacken nur und kochen und essen den ganzen lieben Tag lang‘“. Köppe stellt schnell fest, dass sie sich nur in Begleitung ihrer Gastgeberin Umm Zaynab in Al Nahda bewegen kann. Dies behindert sicherlich ihre Bewegungsfreiheit und damit auch den Zugang zu Informationen. Allerdings ist die Studentin auf Umm Zaynab angewiesen, ohne bei ihr zu wohnen, könnte sie sich gar nicht in dem Viertel über längere Zeit aufhalten. Die Stärke in ihrer Forschung besteht darin, dass ihre Beziehung zu ihrer Gastgeberin als Teil der Reflexion in den Erkenntnisprozess einfließt. Hierin liegt der Charme des Projektes: Indem alle Autoren relativ jung sind, werden sie von ihren Gesprächspartnern weniger als Respektpersonen, denn als junge Menschen, mit denen man eine Beziehung aufbauen kann, einbezogen. So beschreibt Köppe wie sich die soziale Stellung einer Frau verändert, wenn sie heiratet. „Statt über ihre Träume und Erwartungen zu sprechen, hat sie jetzt das Gefühl in der Position zu sein, aus der heraus sie anderen moralische und praktische Ratschläge geben kann oder ihr Urteil anderen noch nicht verheirateten Frauen mitteilt – eingeschlossen meiner selbst.“

    Während sich Anne Schonfeld, die sich mit interkulturellen Liebesbeziehungen beschäftigt, mit eigenen Erfahrungsberichten in ihrem Artikel zurückhält – dabei ist sie als westliche Studentin auch potentielles Forschungsobjekt – spielen die persönlichen Erfahrungen in dem Artikel von Katharina Lang eine zentrale Rolle. Sie untersucht den Zugang zu beruflicher Fortbildung für arbeitslose Jugendliche und stößt dabei selber auf ungeahnte Hindernisse. Sie beschreibt die Unfreundlichkeit und Intransparenz der NGO, mit der sie ursprünglich zusammenarbeitete. Nach der ersten Hälfte des Textes ist der Leser versucht zu glauben, dass es sich bei den großangelegten Projekten zur beruflichen Fortbildung um reine Luftblasen handelt. Die Programme scheinen die Jugendlichen gar nicht zu erreichen. Allerdings entdeckt Katharina Lang im Laufe der Recherche eine andere sehr aktive NGO und macht Interviews. Die Auszubildenden sind sehr zufrieden, haben Hoffnungen, durch die Kurse ihre Situation zu verbessern. Allerdings leider zu Unrecht. Wie sie und auch ihre Kommilitonin Tabea Goldboom, die sich mit den Arbeitssuche-Strategien arbeitsloser Frauen im gleichen Stadtteil beschäftigt, schlussfolgern: Berufliche Fortbildung führt nicht unbedingt dazu, dass die Jobsuche sehr viel einfacher wird. Zwar fehlt vielen Arbeitslosen die passende Qualifikation, um die Jobs auszuführen, auf die sie sich bewerben; allerdings werden Jobs oft nicht nur aufgrund von Eignung vergeben. Vielmehr spielen Beziehungen eine große Rolle.

    Sarah Hartmann besucht im Zuge ihrer Recherche private Nachhilfe-Schulen. Indem sie das System der Privatstunden, die fast alle ägyptischen Kinder nehmen, beschreibt, beleuchtet sie sowohl das Versagen des ägyptischen Bildungssystems als auch die Ambitionen der Eltern, die Bildung als Schlüssel zu einem besseren Leben sehen. Sie beschreibt die komplexen Interessen von Schülern, Eltern, Lehrern und Nachhilfezentren.

    Sarah Gollnest interessiert die Faktoren, die Frauen davon abhalten, Gesundheitsdienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Die offizielle Lesart messe die Zugänglichkeit in Kilometern. Allerdings sei es nicht nur die Entfernung, die Frauen daran hindere, zum Arzt zu gehen. Finanzielles und auch die sprachlichen Barrieren – Ärzte sprechen eine andere Sprache als die Frauen auf der Straße – spielten da eine Rolle. Sie beschreibt ihre Besuche in Ernährungskursen und in Krankenstationen von NGOs sehr lebendig und gibt einen Einblick in den Alltag des Gesundheitswesens.

    Auch Nicolas Kosmatopoulos hat ein vielversprechendes Thema: Er untersucht die Interaktion von Verkäufern einer Shopping Mall in der Innenstadt von Kairo. Allerdings stehen in seinem Artikel nicht die Gesprächspartner im Zentrum, sondern der Versuch einer Theoriebildung. Die Tendenz findet sich auch in anderen Aufsätzen: Statt den eigenen Forschungsergebnissen zu trauen und Schlussfolgerungen aus den Interviews zu ziehen, vertrauen die Studenten eher der – zum Teil recht alten – Literatur. In manchen Fällen scheint ihnen die Theorie sogar beim Beobachten im Wege zu stehen. Nach dem Motto: Man sieht nur das, was man erwartet. Dies zeigt sich, um ein Beispiel zu nennen, im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Mädchen und jungen Frauen in einfachen Jobs: Goldboom schreibt, dass viele Arbeitgeber Männer bevorzugen. Dies passt auch zu allen Erkenntnissen der Literatur. Tatsächlich haben gerade im Privatsektor, als Verkäuferinnen und einfache Arbeitskräfte, junge Mädchen derzeit oft bessere Chancen als junge Männer, da sie in der Regel billiger und motivierter sind. Diese Bevorzugung von jungen Frauen in manchen Bereichen des Arbeitsmarktes, gerade in so genannten informellen Vierteln, geht so weit, dass sie zu Konflikten zwischen den Geschlechtern führt. NGOs konzentrieren sich in ihrer Arbeit zumeist auf Frauen und Mädchen, da diese Arbeit zu den Förderrichtlinien ausländischer Geber passt. Möglicherweise ist dies ein zusätzlicher Faktor, weshalb die Verschiebung des Geschlechtergleichgewichts in diesem Sektor in den Forschungen der Studenten unberücksichtigt geblieben ist.

    Das Buch „Youth, Gender, and the City“; Foto: Goethe-Institut KairoDer Sammelband „Youth Gender and the City“ liest sich spannend, und die Geschichten über einzelne Personen in der riesigen Stadt machen es zu einem Buch, das über wissenschaftliche Kreise hinaus sicherlich viele Leser finden wird. Es erzählt ebenso viel über die Stadt und ihre Menschen wie über die Beziehungen zwischen jungen Menschen aus dem Westen und aus der arabischen Welt. Die Texte sind sehr lebendig und anschaulich geschrieben, so dass das Lesen ein Vergnügen ist.

    Julia Gerlach
    ist eine deutsche Journalistin in Kairo. Die Redaktion des Buches "Youth, Gender and the City: Social Anthropological Explorations in Cairo" führte Thomas Hüsken, herausgegeben wurde es 2007 vom Goethe-Institut Ägypten

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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