Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Wenn man sein Land verliert…
    Der Schock der Wende

    Wohnung Typ P2, DDR 1974; Foto: Sibylle BergmannWie fühlt es sich für einen ehemaligen DDR-Bürger an, wenn er den Zerfall seines Landes erleben muss?
    Wie erlebt er den Unterschied in der Lebensweise und Mentalität zwischen Ost und West?

    Das Jahr 1989 hat mir vor allem eines beschert, einen Schock. Meine Heimat, auch wenn ich sie auf abenteuerliche Weise und mit fortgesetzten Enttäuschungen im Gepäck bereits verlassen hatte, verschwand innerhalb von Sekunden, und sofort gab es bewegte Bilder jubelnder Menschen, die genau dies gewünscht zu haben meinten und äußerst zufrieden mit dem neuen Zustand waren. Fassungslos saß ich vor dem Fernsehgerät und wollte diesen Verlust ohne Schaden überstehen. Das war natürlich nicht möglich. Es begann ein so schwieriger differenzierter Lösungsprozess von der DDR, der am Ende gut ausging und der mich um eine Erfahrung reicher gemacht hatte. Diese Erfahrung hat keine Notwendigkeit für das Leben eines Menschen überhaupt, wie Lösung von der Kindheit, den Eltern, Entscheidung für eine Tätigkeit. Aber wenn man die Gelegenheit hat, setzt ein Umwandlungsprozess umfassendster Thematik ein, der sehr viele Schätze, sehr viel Klarheit, sehr viel Gewinn mit sich bringt. Zumal die DDR, innerhalb Deutschlands, aber auch Europas und der Welt, das sozialistische System mit in ein unauffindbares Grab riss und eine Diktatur, wie ich im Laufe der Jahre spürte, jede Faser unseres Lebens beeinflusst hatte, so wie es die Demokratie und der Kapitalismus auch tun. Die Erlebnisse und Erfahrungen des deutschen sozialistischen Staats- und Persönlichkeitsversuches waren futsch, unbrauchbar, von gestern. Ich hatte keinen Hintergrund mehr. Drehte ich mich um, war nur noch Leere, blickte ich nach vorn, sah ich in die Fremde.

    Unerwartete Ausreise

    Ich hatte im Juli die DDR verlassen. Ich hatte, ungewöhnlicherweise, ein Visum zu einer „einmaligen Ausreise nach der BRD für vierzehn Tage“ bekommen. Ich war unverheiratet. Ich war unvermögend. Ich war jung und hatte eine Universitätsausbildung. Ich hatte Freunde in der Bundesrepublik, die früher wie ich in Leipzig gelebt hatten. Das waren erfahrungsgemäß äußerst hinderliche Gründe für eine Bewilligung. Aber ich wollte die Freunde einmal an ihrem neuen Wohnort besuchen und hatte, mehr zum stillen Test, das Gesuch, zum Schein einen Geburtstagsbesuch eines Verwandten, dafür bei der Polizei gestellt. Dieser Wunsch nach einem Besuch, diese Idee, einmal in ein Land zu fahren, in dem vieles so ganz anders schien, war höchstwahrscheinlich in so tiefen Bewusstseinssphären meiner Selbst entstanden, dass mich die Gewährung der „einmaligen“ Reise, das Aushändigen des blauen Passes in heftige, mir vorher nicht bekannte Zweifel stürzte. Ich stand im Zimmer einer, wie stets unhöflichen arroganten Polizistin und weinte. Ich konnte mich kaum beruhigen. Ich wusste, dass ich jetzt die Frage, was mache ich damit, beantworten musste.

    Ich hatte bis dahin, in der DDR, in meinem Heimatland, meistens gewusst, was ich tun will. Vor allem zur Schule gehen, in einer eigenen Wohnung wohnen und später reisen vielleicht. Abgesehen von den Turbulenzen der Pubertät und Jugend, und den Wirrnissen, die geisteswissenschaftliche Studien mit sich bringen können, war ich in diesem Land immer auf einem Weg. Ich besuchte eine sehr gute Schule, ich lernte einen handwerklichen Beruf, ich studierte das Fach meiner Wahl an einer Universität. Eine schöne Karriere für eine Tochter aus einer Arbeiterfamilie. Ein Beispiel für Überwinden und Gelingen, was der Staat und die Partei nicht müde wurden, sich selbstzufrieden als ersten und einzigen Realisator dieser Idee darzustellen. Fraglos ist der Verdienst, jedem, gleich welcher Herkunftsschicht, eine Ausbildung zu ermöglichen, groß. Ohne dies wäre ich heute kaum Autorin. Aber die Propaganda dieser Errungenschaft war stark und hatte, wie ich später verstand, einen großen Druck auf mich ausgeübt. Jeder Einzelne in der DDR war ein historisches Subjekt. Nicht ich, Roswitha Haring, ging diesen Weg, aus dieser Familie, in jene Richtung, sondern an mir wurde eine revolutionäre Forderung wahr, und so wurde ich so groß und schwer wie diese Idee. Die Geschichte der Arbeiterklasse bewahrheitete sich in meinem unbedeutenden Schicksal. Welche Konflikte, Zweifel, Zerwürfnisse und Rückschläge solche Strecken mit sich bringen, wurde einfach vernachlässigt im großen revolutionären Kontext, denn es war ja alles bereitet, gelöst, möglich. Wie in vielen Bereichen der Gesellschaft, hatten die antifaschistischen kommunistischen Kräfte, die Menschen, vor allem die Männer, während des zweiten Weltkrieges für mich gekämpft, manche mit ihrem Leben für mich bezahlt, und jetzt war ich dran mit der super Leistung, mit der Ausführung, der Bestätigung der Wahrheit und Richtigkeit. Immer war alles groß in der DDR. Alles war realisiert, die Gleichberechtigung, der Frieden, die Sicherheit und Freundschaft.

    Lesen, Reisen und Schuldgefühle

    Aber diese Erkenntnisse kamen später. Noch war ich hoffnungsfroh, neugierig und zweifelsarm. Im Studium las ich Marx, Hegel, Kant. Adorno, Marcuse, Horkheimer. Freud, Kafka, Sartre. Diese Lektüre, und natürlich noch sehr viel mehr, bescherte mir die große Welt, die ich gesucht hatte. Also war sie da. Der Lesesaal der Deutschen Bücherei in Leipzig, das Gebäude war 1913, im Geburtsjahr meines Vaters, fertig gestellt, wuchs in seiner Größe und Schönheit wie die Thematik zuvor. Auch eine Bibliothek konnte für Möglichkeit, Bestätigung und Zukunft stehen. Ich reiste in die CSSR, weiter bis Rumänien und in einige Republiken der Sowjetunion. Osteuropa ist groß. Bis heute war ich nicht in Wladiwostok, Murmansk oder an der südlichsten Grenze der damaligen Welt. Ich erlebte andere Sprachen und Kulturen in der Realität und war irritiert. Einerseits durch die Fremdheit und Faszination anderer Architektur, Landschaft und Lebensart, andererseits spürte ich, dass die, in oben beschriebener historischer Dimension, stets vorgetragene Völkerfreundschaft und Staatengemeinschaft weniger Wert war als ein gefälschtes Papier. Schon die Pass- und Zollkontrolle an der Grenze, wohlgemerkt an der eigenen, der DDR-Grenze, konnte sich wie der Vorwurf eines Schwerverbrechens gestalten, mit mehrstündiger Durchsuchung und penibler Befragung. Diese Aktionen lösten in mir ein Schuldgefühl aus, beziehungsweise, wie ich lernte, steigerten sie ein Schuldgefühl, dass das System sehr gut zur Unterdrückung zu nutzen gewusst hat. In der Manier der ewigen Schuld gegenüber den gestorbenen und heute tätigen Antifaschisten und Kommunisten, war jetzt die Schuld, zu reisen, die Schuld, frei, gute Laune und etwas Leichtes, Schönes zu haben. Die vorwurfsvolle Mimik der Grenzer, wie sie hießen, war reif für Theater, für großes Kino.

    Ich wohnte seit meinem 21. Lebensjahr in einer eigenen Wohnung, die ich als Mitglied einer Genossenschaft legal hatte mieten können. Damit hatte ich, im Unterschied zu vielen anderen, sehr viel Glück. Die Welt war nicht perfekt, aber sie war groß, entwickelte sich. Ich begann die Welt auch mit der Sprache der Kunst wahrzunehmen. Christoph Heins „Der fremde Freund“, Brechts „Die Rundköpfe und die Spitzköpfe“ in der Regie von Alexander Lang am Deutschen Theater, Heiner Carows Film „Die Legende von Paul und Paula“, die Rockmusik der DDR und viele andere Produktionen, erzählten mir von Gefühlen und Gedanken, die ich nirgends sonst fand. Die Figur Claudia in Heins Novelle sagt, „mir geht es gut“, und lügt. Lang brachte Skurrilität und Verzweiflung auf die Bühne. Paula näht sich während ihrer Schwangerschaft aus lauter Lebensglück für jeden Tag ein neues Kleid. Es gibt den rosa Tag, den grünen Tag und so weiter, und singt, an der Kasse sitzend, so laut und mitreißend, dass alle Kunden in der Kaufhalle einstimmen. So viel Glück in so einfachem Alltag. Die Kunst wurde mit der Zeit für mich wie ein Zuhause. Kunst sagte etwas. Kunst hatte Gefühl. Vor allem fragte Kunst, subtil und auf eine Art höflich und wollte nicht mal Antwort. Ohne Kunst wäre ich gestorben in der DDR, innerlich gestorben, und als der Puffer Universität zwischen Realität und Ideal nicht mehr von mir frequentiert werden konnte, da ich mein Studium abschloss und in einer Kulturorganisation arbeitete, kollabierte das System Hoffnung, Neugier und freundliche Akzeptanz. Da half auch die Kunst nicht mehr.

    Die Desillusionierung

    Ich musste beobachten, dass Privilegien und immer wieder Privilegien im Zusammenhang mit idiotischer Geheimniskrämerei als das Recht von Mächtigen verstanden wurde. Zu dieser Zeit, 1988, regierte Gorbatschow schon vier Jahre und hatte hauptsächlich Angst und Irritation den auf Lebenszeit selbst eingesetzten Partei- und Staatskadern gebracht. Sie waren nicht an Neuem interessiert. Sie fürchteten nur um ihre Position.

    Ich sah einmal eine Performance des Leipziger Künstlers Hans Schulze. Er entwickelte eine Theorie des Kommunismus, zeichnete sie unter anderem auf Papier und sagte, seine Arbeit abschließend, „und dieser Prozess dauert noch 600 Jahre“. Mein Leben war also eine winzige Zeiteinheit auf dem Weg zu einem Ergebnis, dass ich niemals, nicht einmal meine Kinder, bekäme ich sie noch, erreichen würden. Ende 1988 erhielt der Diktator Ceausescu von den Regierenden der DDR den Karl-Marx-Orden. Auch wenn man dieser Aktion wegen ihres Repräsentationsinhaltes, der Front gegen Gorbatschow, wenig Beachtung schenken wollte, Ceausescu war ein Verbrecher, er hatte sein Land in Armut gebracht, die Menschen waren gedemütigt und seelisch und physisch krank. Das hatte ich während meiner Reisen gesehen. Diese Ordensvergabe erschütterte mich. Ebenso das Verbot einiger Filme aus der Sowjetunion, die während des jährlichen Festivals im Dezember 1988 in Leipzig gezeigt werden sollten. Die Grenze zur CSSR und zu Polen wurde für einige Monate zu Beginn des Jahres 1989 wieder mit Visumspflicht belegt. Der Preis des Autos Wartburg wurde auf 35.000 Mark erhöht, was ich eher für einen Aufruf zu Betrug hielt. Von den Demonstrationen vor der Nikolaikirche wusste ich schon lange. Warum ließ man die Menschen nicht an einem Ort leben, den sie sich wünschten? Schon die Ausreise meiner Freunde einige Jahre zuvor hatte mir mit der Zeit Fragen gebracht, die ich nicht mehr beantworten konnte, außer mit dem Gebrauch sinnloser Restriktionen, unverständlicher Gesetze. Die Kunst tröstete mich nicht mehr. Die Einsicht in Notwendigkeiten erschien mir innerhalb eines Jahres eher wie eine stumme ergebene Haltung, eine Ohnmacht, die nicht an das Ende des 20. Jahrhunderts passte, nicht zu einem Menschen, den man Bildung, die Gedanken an Freiheit und Glück hatte genießen lassen.

    Am 8. Juli 1989 kam ich in der Bundesrepublik an und fühlte mich ganz gut gerüstet für ein neues fremdes Land. Ich freute mich, in der Vegetation keine Unterschiede zu entdecken. Ich freute mich über die ungefragte Freundlichkeit der Leute manchmal, über die Sammlungen in den Museen und das Kinoangebot. Ich fuhr nach Amsterdam, Brüssel und Hamburg, lernte Parks, Häuser und Wohnungen kennen und verstand immer weniger. Die Menschen sprachen völlig anders, sie sagten, „ich gehe ins Kino“, anstatt, „wollen wir ins Kino gehen“. Ich musste lernen, dass man sagen konnte, „ich komme mit“. Sie lachten über andere Zusammenhänge, Darstellungen, Ereignisse, manchmal ist es mir heute noch fremd. Manche waren auf eine Art lässig, die ich als nachlässig empfand. Ich vermisste Respekt. Eltern sprachen anders mit ihren Kindern, und Kinder verhielten sich ebenfalls anders. Ich sah Vorsicht und Distanz, anstatt Nähe und Miteinander. Paare diskutierten Sachverhalte, die ich undiskutabel fand, welchem Stress setzten sich die Menschen aus. Ältere Menschen, in heller Kleidung unterwegs, genossen ihre Freizeit und hatten Spaß und waren weder mürrisch noch verbittert.

    Westliche Offenbarungen

    Manches war geradezu phänomenal. Ich war einmal Teilnehmerin einer Gruppe, die den Erklärungen eines Stadtführers in Aachen folgte. „Das Zeichen dort an der Mauer“, sagte die Person. Ich sah es nicht und dachte, ich gehe im Anschluss noch einmal an diese Stelle und suche das Zeichen. Plötzlich sagte eine Frau, „ich kann es nicht sehen, wo?“. Ich war fassungslos. Aus der Gruppe heraus hatte ein Mensch eine Unfähigkeit angegeben und niemand regte sich auf. Ab diesem Moment verstand ich, wie groß der Gruppendruck, wie groß jede Art von sozialem Druck in vielen Beziehungen in der DDR gewesen war. Diese Episode war für die Leute in der Gruppe völlig belanglos, für mich begann mit ihr ein langer Prozess der Herauslösung meines Ichs von einer Vielzahl von Einflüssen, Vorschriften, Idealen. Im so stark und so professionell kritisierten, entfremdeten Kapitalismus war plötzlich mein Ich gefragt, von allen Seiten, und ich begann zu rotieren.

    Einige Menschen sprachen von ihrer politischen Meinung zum Beispiel. Sie sagten, was der Töpfer (damaliger Bundesumweltminister) jetzt mache, sei toll. Ich hatte nie darüber nachgedacht, dass Politik an einzelne Menschen gebunden sein kann. Aber natürlich, in einer Diktatur ist sie das niemals, auch da steht die Gruppe, der Druck der Ideologie über allem.

    Andere wiederum sprachen von ihrem Muttersein, von Umweltthemen, von ihrer Arbeit, von dem, was sie ausmachte, so ernsthaft und unabdingbar, so übergreifend und übertrieben, dass ich nicht verstand, weshalb sich Menschen eine Ideologie in einem System suchen, in dem so viel geistige Freiheit möglich ist.

    Ich suchte nicht die nächste Ideologie, ich suchte mich so weit wie möglich in Gedankenfreiheit zu begeben und landete wieder bei der Kunst. Georg Baselitz’ „Die große Nacht im Eimer“ stürzte mich nahezu in eine Krise. Ich rannte, auch dies im Sommer 1989, fast aus dem Museum Ludwig in Köln. Ich fühlte mich verlassen und hoffte, dies nie wieder zu sehen. Diese Brüche waren hart, aber offensichtlich notwendig, denn eine Kunst, die so starke Absagen macht, war mir zumindest nicht bekannt. Die Ästhetik Osteuropas war, meiner Meinung nach, nie destruktiv, so wie ich das Bild damals empfand. Ich mag heute Francis Bacon und brauchte dazu einige Jahre. In seinen Bildern kann ich etwas sehen, was auch mich betrifft. Das wäre am Anfang nicht geschehen. Und ich nahm wahr, welche Position den Schriftstellern in diesem System zugemessen wird. Eine geringe, und ich verzweifelte wieder. Aber diesmal nicht lang, denn ich verstand den Vorteil dieser Haltung. Wenn Christa Wolf oder Stefan Heym oder welcher herausragende DDR-Autor auch immer in einem Interview, während einer Lesung etwas gesagt hatte, zu welchem Thema auch immer, war dies stets von ungeheurer Wichtigkeit, Wirkung und Dauerhaftigkeit. In der Bundesrepublik existierte diese Last nicht, zugunsten der Kunst und Künstler.

    Gelungenere Integration

    In Köln spazieren gehend, sah ich, wie Menschen aus anderen Ländern sich in dieser Stadt hatten niederlassen können. Erstaunt entdeckte ich türkische Umzugsunternehmen, türkische Cafés, in denen sich stets nur Männer aufhalten, asiatische Lebensmittelgeschäfte, Restaurants mit jugoslawischen, arabischen, afrikanischen Speisen, die aber auch von Menschen aus Jugoslawien, dem arabischen Raum und afrikanischen Ländern zubereitet wurden. Wie hatten Ausländer in der DDR gelebt? An der Universität in Leipzig studierten sehr viele Menschen aus unglaublich vielen Ländern, und mein Kontakt zu einigen von ihnen war eng und häufig. Es gab in Leipzig aber auch Ausländer, die wegen einer Berufsausbildung in diese Stadt gekommen waren, aus Vietnam, aus Algerien, aus Mosambik, und danach weiter in der Stadt arbeiteten. Keiner von ihnen hatte ein Umzugsunternehmen, ein Restaurant oder was auch immer initiieren dürfen. Sie lebten, besonders Arbeiter, irgendwo, irgendwie, es gab wenig Bezug und kaum Kontakt zu dem Leben der Leipziger. Die propagierte Völkerfreundschaft der DDR-Politik fand niemals statt.

    Roswitha Haring; Foto: Stefan Worring Im Alltag, in meinem neuen Leben in der Bundesrepublik begegneten mir sofort Fragen, die ich mir vorher nicht in dieser Deutlichkeit hatte stellen können. In einem System, das durch Konkurrenz, Markt und Profit bestimmt wird, kreisten Überlegungen, Äußerungen und auch das Verhalten nicht weniger Menschen um das Seelische, das Gefühl, auch um Dauer, um Fragen zum Dasein überhaupt. Mir fiel wieder ein, was ich einmal von Klaus Mann gelesen hatte, dass er das Metaphysische in den kommunistischen osteuropäischen Systemen vermisse, und ich suchte mich diesen Überlegungen anzunähern. Das Unbestimmbare, das scheinbar Undeutliche, schwer zu Fassende, Offenbleibende beeinflusst unser Leben so wesentlich wie Gesetze, Gegenständliches. Aber was sich dem Eindeutigen, Endgültigen entzieht, hatte im System DDR keinen Platz. Eine Riege hauptsächlich alter Männer, ununterbrochen an der Macht, regelte die Geschicke eines Landes und ihrer Menschen unbeirrbar nach den seelischen und existenziellen Erfahrungen ihrer Jugend: des Kampfes gegen den Faschismus, hart, geheim, auf Leben und Tod. Fast kann man sagen, dass auch das Verschwinden der DDR so geschah. Am 9. November war plötzlich Schluss. Auf einmal war sie weg, die DDR. Vier Monate des Jahres 1989, von Juli bis November, lag meine Heimat wie hinter einer Dornenhecke. Unerreichbar würde sie für mich bleiben, da ich sie illegal verlassen hatte, und verhaftet würde, beträte ich sie erneut. Kaum denkbar diese Belastung. Aber ihr gänzlicher Verlust machte die Verarbeitung etwas einfacher. Sie war nun wirklich nicht mehr da, nicht künstlich, nicht verbarrikadiert. Ich lernte die Erfahrungen aus beiden Ländern in mein Leben zu integrieren, und dabei ist die Kunst und Literatur immer der Ort größter Freiheit geblieben.

    Roswitha Haring,
    geboren 1960 in Leipzig, heute in Köln ansässig, studierte nach einer Kleiderfacharbeiterlehre Kulturwissenschaft. Ihr 2003 erschienener Roman „Ein Bett aus Schnee“ erhielt den Preis für das beste literarische Debüt des Zweiten Deutschen Fernsehens.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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