Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Nachdenken über die DDR
    In Bigamie leben und Meridiane umarmen

    Wo einst die Mauer stand; Foto: Stephan Kaluza © Dumont Verlag 2009Ein Mensch kann zwei Heimaten haben, und genauso zwei Sprachen. Ein Beispiel dafür ist der syrischstämmige Dichter Adel Karasholi, für den der Mauerfall eine besondere Bedeutung hat.

    Als ich nach Leipzig kam, war ich 25 Jahre alt. In diesem Jahr werde ich 70. Städte, in denen man so lange lebt, sind wie eigene Biografien. Beide, Stadt und Biografie, verwachsen miteinander. Man kann sich weder aus der einen noch aus der anderen einfach entlassen. Meine Biografie ist von zwei Städten geprägt und mit ihnen verwachsen: Damaskus und Leipzig. In all den Jahren habe ich meine innige Beziehung zu beiden Städten in Gedichten, Essays und Interviews zum Ausdruck gebracht. Bei Lesungen nach der deutschen Einheit in vielen Städten dieser Welt, ob in Hamburg oder München, in New York oder Toronto, Helsinki oder Lissabon, Kairo oder Damaskus, musste ich immer wieder erklären, warum ich gerade nach Leipzig ging und warum ich in Leipzig blieb.

    Einmal hatte eine Dame nach einer Lesung in Stuttgart mitleidsvoll zu meiner Frau gesagt: „Ach, Sie Ärmste, Sie haben 40 Jahre umsonst gelebt.“ Umsonst gelebt? Das Leben, jedes Leben ist an sich schon so kostbar, dass niemand, weder ein Hochzivilisierter noch ein Urwaldmensch umsonst lebt. Bei großen Umwälzungen der Geschichte ist man jedoch oft geneigt, Biografien mit abgelösten Herrschaftssystemen zu verwechseln und zu pauschalisieren. Die Menschen sowohl in Ost wie in West hätten einander unverkrampfter und unvoreingenommener ihre Biografien erzählen sollen. Vielleicht wäre einiges bei der Gestaltung der Einheit anders verlaufen.

    „Die Biografien der Dichter stehen zwischen den Versen ihrer Gedichte. Zuweilen sind die Seiten ihrer Bücher Palimpseste: neue Verse über alte geschrieben“, schrieb Heinz Czechowski in seinem Nachwort zu meinem Gedichtband „Wenn Damaskus nicht wäre“. Auch hinter meinen neuen Texten treten mit der Zeit die alten Buchstaben hervor. Diese sich überlagernden Texte, von denen ich ausgehend heute über Leipzig nachzudenken versuche, durchdringen sich und werden vielleicht auf andere Art wieder lesbar.

    Zu den ersten Gedichten, die ich 1965 direkt in deutscher Sprache schrieb, gehört „Wenn Damaskus nicht wäre“, in dem folgende Zeilen stehen:
    Vor meinem Fenster/ Steht ein Baum/ Den Vögel bewohnen/ Vertraut begrüßen sie mich am Morgen/ Betrachtend den weißen weichen Schnee/ Sitze ich hinter meinem Schreibtisch/ Geborgen von Wärme/ ... Freundlich sind mir viele Gesichter/ Vertraut wie der Vögel Gruß / Und wenn du Damaskus du/ Meine wilde meine zärtliche Stadt/ Du Salz und Wasser auf den Stirnen/ Rose im Herzen/ Ach/ Wenn du nicht wärst/

    Genau 20 Jahre später, 1985, erhielt ich den Kunstpreis der Stadt Leipzig. Bei der Preisverleihung im ehrwürdigen, traditionsreichen Festsaal des alten Rathauses hielt ich eine Dankesrede. Ich begann sie mit folgenden Sätzen: „Vor einiger Zeit hat mir der Chefredakteur einer in Dresden erscheinenden arabischsprachigen Zeitschrift ein lukratives Angebot zur Mitarbeit unterbreitet. Ich lehnte dieses Angebot ab mit der Begründung, ich sei nicht imstande, noch einmal zu emigrieren. Und wenn ich schon emigrieren sollte – dann nur nach Damaskus.“

    Zum Schluss las ich dann das Titelgedicht meines Bandes „Daheim in der Fremde“, der ein Jahr zuvor erschienen war. Das Gedicht endet mit den Zeilen:
    Meine zwei Länder und ich/ Wir sind vermählt/ Bis dass der Tod uns scheidet/ Und jetzt bin ich hier Unter euch/ Mit euch/ Und ich lasse nicht ab von mir/ Und von euch/ In diesem Land/ Hier/ Dahin ich gekommen bin/ Mit grünen Träumen um die Stirn/
    War dies ein Bekenntnis? Ja, das war es, obwohl in dem Gedicht auch Zeilen stehen wie: Nicht anzurennen täglich bin ich hier/ Mit kurzem Atem/ Gegen die kugelsichre Weste der Luft/ In dieser Stadt um auszudehnen / Meine Wurzeln nur/ Von Böhlen nach Espenhain/ Nicht auszulöffeln bin ich hier/ Jede Suppe die man mir vorsetzt /Mit saurer Miene fluchend/ Bestenfalls vor mich hin/Bin denn Michael Kohlhaas ich/ Schrei ich mir die Kehle wund/Gegen Windmühlen/ Und taubstumme Augen /

    Ein Bekenntnis, das vom Anspruch ausging, genau wie heute, nicht von dem, was da real existierte. Ein Bekenntnis zu einem Ort, zu einer Stadt, zu einem Abschnitt meiner Biografie, die genauso widersprüchlich und so wandelbar wie jede andere Biografie war. Und ich bekenne mich zu meinen Irrtümern und bereite, um mit Brecht zu sprechen, meinen nächsten Irrtum vor. Auch wenn manche meiner grünen Träume in den achtziger Jahren zu Alpträumen geworden waren, wenn ich später in meinen Gedichten, die ich zwar schrieb, aber nicht mehr veröffentlichte, nur noch „Zwiesprachen“ mit mir führte und dem Schreiben eine „psychotherapeutische Funktion“ gab, habe ich erfahren, dass das Wort Solidarität von vielen, vielen Menschen ernst genommen wurde. Und ich kann bis heute meinen Stolz nicht mit gutem Gewissen darüber verbergen, dass ich den Kunstpreis der Stadt Leipzig damals erhielt. Immerhin hatte ihn vor mir mein Lehrer am Literaturinstitut Georg Maurer, der große Humanist, dem ich vieles verdanke, der mir und vielen meiner damaligen jungen Dichterkollegen den Zugang zur Moderne öffnete, bekommen. Als vier Jahre später Kurt Masur, der damals bei der Preisverleihung zu den Zuhörern gehörte, die in der ersten Reihe saßen und mir die Hand anschließend schüttelten, den bekannten Aufruf zu einem friedlichen Verlauf der Demos auf dem Karl-Marx-Platz verlas, stand ich auf der Treppe vor der Oper und beobachtete das stille, aufs äußerste gespannte Menschenmeer. Ich hörte die Rufe: „Wir sind das Volk, und wir wollen weg.“ Und ich stimmte dann mit denen ein, die anschließend schrieen: „Wir sind das Volk, und wir bleiben hier!“ Werner Heiduczek schrieb in seinem tiefgründigen Essay „Also sprach Abdulla oder Die Augenblicklichen Leiden des neuen K.“: „Ich gebe zu, ich stehe betroffen vor einem so starken Verlangen nach Integration hier. Und wenn ich einstmals die Frage, ob man mit zwei Ländern in Bigamie zu leben vermag, uneingeschränkt verneint habe, bin ich jetzt so sicher nicht mehr. Vielleicht kann die Seele eines Menschen groß genug werden, Meridiane zu umarmen, ohne dabei sich selbst zu zerreißen. Es kommt wohl auf die Intensität an, mit der man liebt.“

    Heiduczek schreibt wohlweislich „liebt“ und nicht „lebt“. Kommt es aber wirklich nur auf die Intensität an, mit der man liebt? Oder ist es nicht manchmal auch eine Haltung des Trotzes, Selbstschutzes, Wunschdenkens, die der Fremde einnimmt, ja zuweilen einnehmen muss, wenn er gewillt ist, Meridiane zu umarmen, wobei er immer wieder daran erinnert wird, dass er Fremder bleibt. Könnte da die Intensität der Liebe, wenn sie auf keine Gegenliebe stößt, nicht desto tödlicher werden, je intensiver sie wird? Denn wir sind so fremd wie uns der Andere diese Fremdheit spüren lässt.

    „Was hilft es, wenn ich dem jungen Mann, der mir ins Gemüt schreit ‚Ausländer raus’, sage, dass ich doch länger als er in dieser Stadt lebe und dass ich seine Deutschen Goethe und Heine, Hegel und Bach, Hinz und Kunz wie sie auch alle heißen, vielleicht ein wenig besser kenne als er! Er schreit mir trotzdem ins Gemüt: ‚Ausländer raus’, und ich bastle noch für ihn Entschuldigungen, um nicht wahnsinnig zu werden: Unwissenheit, sage ich, und Provinzialismus vielleicht, und Arbeitslosigkeit, und sensationelle Fernsehsendungen, die Einschaltquoten erhöhen und Misstrauen schüren.“ So stand es in meinem Essay „Rhapsodie in Grau“ 1991.

    Und heute? Was soll ich dem jungen, netten Beamten im Flughafen sagen, der mich aus all den Passagieren herauspickt und mir durch Leibesvisitation zeigt, dass schon meine Hautfarbe oder mein Name an sich verdächtig sind? Und denen, die ihre kostbare Meinungsfreiheit selektiv und verantwortungslos mit der Veröffentlichung unheilvoller Karikaturen missbrauchen, um genauso unheilvoll überzogene Reaktionen zu provozieren? Mir scheint, als spielten Fundamentalismen auf beiden Seiten sich gegenseitig die Bälle zu. Ich gebe zu, dass es mir für einen Moment schwer fiel, von Hoffnung in dieser angeheizten Stimmung zu reden und diesen Text zur Veröffentlichung freizugeben. Dann sagte ich mir: Jetzt erst recht. Nein, ich denke nicht daran, den Traum von einer Umarmung der Meridiane aufzugeben. Wenigstens in meinem Innern. „Finstere Zeiten“, von denen Brecht sprach, gab es und wird es immer wieder geben; nur die Intensität ihrer Finsternis und der Blickwinkel, aus dem der Einzelne sie erlebt, sind unterschiedlich. Und es werden immer wieder Gespräche über Bäume stattfinden, ohne dass dies „fast ein Verbrechen“ wäre.

    „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, ohne Leipzig zu leben, trotz ihrer stinkenden Luft und verfallenen Häuser“, sagte ich einmal. „Das sächsisch Weib mit ihrem blonden Haar, in dem ich mich einst in der Hainstraße verfing, fesselt mich noch wie eh und je an diese Stadt. Aber auch das erfrischende Lächeln unserer Enkelin Lina, die mit ihren acht Jahren schon den Bauchtanz wie eine Urorientalin beherrscht und das Sächsische nicht verleugnen kann, und Freunde und Orte und Erinnerungen ... Und eine Stadt, zu der man eine solche Beziehung hat, ist doch kein Zug, aus dem man an irgendeiner Station aussteigen kann. Diese Stadt bleibt in mir, kehrte ich auch heim. Heim? Was ist das? Solange ich hier bin, ist diese Stadt mein Daheim, sei es auch in einer Fremde. Ich sage immer Daheim, um nicht Heimat zu sagen, obwohl ich nicht genau weiß, was Daheim und was Heimat ist. Häuser, Straßen, Luft, Berge, Täler, Wälder, sind es nicht und sind es doch. Menschen aber und Erinnerungen und Ruhepunkte und vor allem das Gefühl, gebraucht zu werden, machen das aus, was man Heimat oder Daheim oder wie auch immer nennt.“

    Adel Karasholi; Foto: Stefan Hoyer Das war 1992 bei der Verleihung des Chamisso-Preises in der Bayerischen Akademie der schönen Künste. Heute ist die Luft doch ein wenig frischer und der Schnee weißer geworden vor dem Haus. Unsere damals achtjährige Enkelin ist inzwischen 21 Jahre alt. Sie absolviert ein Jahr ihres Jura-Studiums in Frankreich. Ihre Mutter, unsere Salma, arbeitet im Bundestag. Inzwischen kamen drei neue Enkel mit deutsch-arabischen Vornamen hinzu. Mein Urgroßvater, der aus einem kurdischen Dorf im Süden der Türkei nach Damaskus eingewandert war, hat dort eine große syrische Nachkommenschaft hinterlassen. Mein Sohn trägt den Namen seines kurdischstämmigen, in Damaskus geborenen Großvaters: Suleiman – die arabische Variante des biblischen Namens Salomo; sein Sohn Adel Falk trägt die Vornamen seiner beiden Großväter. Welchen Namen einmal seine Tochter oder der Sohn meiner Enkelin tragen wird, steht noch in den Sternen.

    Adel Karasholi,
    1936 in Damaskus geboren, verließ Syrien aus politischen Gründen, kam über den Libanon und die BRD 1961 nach Leipzig, wo er seitdem lebt. Studium der Literatur und Theaterwissenschaft in Leipzig, Promotion über Brecht. Zweisprachiger Lyriker, Essayist und Übersetzer.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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