Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Von einem Stein, den mir der Postbote brachte

    Berlin, Potsdamer Platz, 1986; Foto: Ute und Bernd EickemeyerDie arabische Welt hat eine andere Perspektive auf die Ereignisse von 1989. Auch für sie gilt dieses Jahr als Einschnitt, aber auf eine ganz andere Weise als für den Westen.

    Ich weiß nicht, wie viele Leute in der arabischen Welt per Post einen der Berliner Mauer entstammenden Erinnerungsstein erhalten haben, und das kurz nach deren Fall. Nun, ich war jedenfalls einer von ihnen. Ich bekam jenen Stein in Anerkennung für Äußerungen, die ich seinerzeit eher nebenbei hatte fallen lassen, und die mir kein Ausdruck von profunder Kenntnis des Zeitgeschehens zu sein schienen.
    Im Frühjahr 1989 hatte ich in der Transithalle des Leonardo da Vinci Flughafens in Rom eine deutsche Studentin getroffen, die an der Universität Hamburg Jura studierte. Wir beide hatten mindestens sieben Stunden auf einen Anschlussflug zu warten. Und wie alle Reisenden zu jeder Zeit an jedem Ort verkürzten wir uns das Warten, indem wir über verschiedene Themen sprachen, unter anderem über Politik. Den Löwenanteil nahm, wie das bei meinen Gesprächen immer der Fall ist, der Nahe Osten ein.
    Der Grund jedoch, weswegen ich dann per Post jenen kleinen Stein bekommen sollte, waren einige Worte von mir über das Regime in der damaligen DDR. Ich verfügte nicht über ausreichende Informationen über jenes Regime, doch äußerte ich Vorbehalte gegenüber dem Regime in der Sowjetunion. Ich sprach darüber, wie enttäuscht ich nach etlichen Besuchen in Moskau war, und dass ein solches Regime (und Regimes wie das in der DDR) meiner Meinung nach nicht mehr lange überleben würde.
    Anscheinend stießen diese Äußerungen bei der Jurastudentin der Universität Hamburg auf Gegenliebe, welche ähnliche Vorbehalte gegenüber totalitären Regimes zu erkennen gab. Sie kritisierte das DDR-Regime sehr leidenschaftlich und emotional. Ob aus tiefen politischen Überzeugungen oder aus schmerzhaften persönlichen (vielleicht familiären) Erfahrungen heraus, kann ich nicht sagen.
    Wenn ich mir diese Begebenheit nach 20 Jahren ins Gedächtnis rufe, versetze ich mich wieder in meine damalige Perspektive an jenem weit zurückliegenden Tag in der Transithalle zurück. Die Rede von einem nahe bevorstehenden Ende des ehemaligen so genannten sozialistischen Lagers war eine Art Gedankenspielerei. Niemand hätte sich, selbst in seinen wildesten Träumen, ausmalen können, dass wir dieses Ende noch vor Ablauf eben jenes Jahres erleben würden. Wichtiger als all dies aber ist die Tatsache, dass seine Vorwegnahme – sei es in der Fantasie oder in beiläufigen Gesprächen wie jenem – nicht dazu beigetragen hat, dem Ereignis seine beeindruckende Wirkung zu nehmen. Denn in der Geschichte hat jede Überraschung von solch gewaltiger Dimension die Auswirkungen eines Erdbebens.

    Europa war Ende der achtziger Jahre das Zentrum des Erdbebens. Aber die seismischen Wellen, die es auslöste, erreichten auch die entferntesten Winkel des Planeten. Sein Echo war in der arabischen Welt – ebenso wie an jedem anderen Ort – in Form von diversen Spannungen wahrnehmbar, die Aufruhr und Gewalt mit sich brachten.
    Die Verbündeten der USA innerhalb der arabischen Welt fanden sich über Nacht in den Reihen der Sieger wieder, auch wenn sie zu den Hinterbänklern gehört hatten. Ihr Beitrag im Kalten Krieg war verglichen mit den Hauptakteuren bescheiden gewesen, und so war auch ihr Anteil an der Beute nicht sehr groß. Die Verbündeten der Sowjetunion und des sozialistischen Blocks hingegen fanden sich plötzlich, ihrer Macht beraubt, in der ersten Reihe der Verlierer wieder.
    Es fällt auf, dass die strategischen Überlegungen und Interessen, die die Araber seit Beginn der fünfziger Jahre dazu getrieben haben, sich – in freier Entscheidung oder gezwungenermaßen – diesem oder jenem Lager anzuschließen bzw. von einem zum anderem zu wechseln, sie nicht dazu bewegen konnten, auch die in den beiden Lagern jeweils vorherrschenden kulturellen Werte und politischen Traditionen zu übernehmen.
    Die mit dem westlichen Lager verbündeten arabischen Regimes waren nicht demokratisch. Sie waren sich untereinander einig in ihrer Betrachtung der Demokratie als einem westlichen Import, welcher nicht mit den lokalen Traditionen zu vereinbaren sei. Auf der anderen Seite waren die Verbündeten der Sowjetunion keine Sozialisten im sowjetischen Sinne, mit Ausnahme des marxistischen Regimes in Aden.
    Aufgrund dieser Tatsache ist es besonders wichtig zu erklären, in welcher Form die Wellen des Erdbebens die arabische Welt erreichten. Die mit dem Westen verbündeten arabischen Herrschaftseliten sahen in dem Zusammenbruch der Sowjetunion und seiner Bruderländer keinen Sieg der kulturellen Werte und der politischen Traditionen ihrer Verbündeten. Und die mit den Sowjets verbündeten Herrschaftseliten sahen in demselben Ereignis kein Scheitern des Totalitarismus und des Einparteiensystems.
    Was die kommunistischen Parteien und die Organisationen der neuen Linken in den arabischen Ländern betrifft, so löste das Erdbeben bei ihnen eine Art Schlaganfall aus. Denn sie waren nun kaum mehr in der Lage, auf überzeugende Weise die Überlegenheit des sozialistischen Systems zu verteidigen. Es war auch nicht mehr glaubwürdig, wenn sie kulturelle Werte und politische Traditionen in Zweifel zogen, dank derer das westliche Lager seine Effizienz in der Politik und beim Regieren bewiesen hatte.

    So gesehen orientierte sich im Kalten Krieg die politische Ausrichtung vieler Herrschaftseliten in der arabischen Welt (und zwar unabhängig davon, ob sich deren Vertreter in der Regierung oder in der Opposition befanden) an kurzfristigen und eigennützigen Überlegungen. Das bedeutet also, es mangelte ihnen an fest verankerten kulturellen und ideologischen Leitlinien. Die meisten von ihnen waren fast völlig auf den arabisch-israelischen Konflikt fixiert.
    Vielleicht lässt sich dadurch erklären, dass die Berliner Mauer im Diskurs der arabischen Herrschaftseliten zwar präsent war als eines der politischen Symbole des Kalten Krieges, nicht aber – auf einer allgemein-menschlichen Ebene – als Punkt, an dem zwei Welten aufeinander prallten, die gegensätzlichen kulturellen Werten und politischen Traditionen verpflichtet waren.
    Die großen und geschichtsträchtigen Metropolen ähneln lebenden Organismen. Wenn man sie auseinander reißt, kommen viele ihrer lebenswichtigen Funktionen zum Erliegen. Ich schreibe diese Worte an meinem derzeitigen Aufenthaltsort in Berlin, von dem aus ich nur ein paar Sekunden brauche, um die nur noch in der Vorstellung existierende Grenzlinie zu überschreiten, an den Resten der einst von Wachtürmen und Gewehrmündungen geschützten Mauer vorbei. Dabei wird einem klar, was das Zerschneiden der Gliedmaßen einer lebendigen Stadt an Absurdität mit sich bringt, und welch immensen Preis deren Bewohner dafür zahlen müssen, dass sie zufällig an einem Ort leben, der zu einem Punkt des Aufeinanderpralls geworden ist. Auf jeden Fall ruft die imaginäre Grenzlinie widersprüchliche Empfindungen in einem hervor. Zum einen den Verlust des Vertrauens in die menschliche Intelligenz, zum anderen das Gefühl, dass die Freiheit siegen wird, auch wenn es seine Zeit braucht.
    Vielleicht kamen solche Gefühle auch bei unzähligen Arabern auf, als sie Zeuge wurden, wie die Mauer die Menschenflut nicht mehr zu stoppen vermochte. Das alles unter den Augen der hilflosen Soldaten, denen die Zügel der Macht entglitten waren. Noch bevor sie nach Hause gingen und ihre Dienstuniformen ablegten, hatten sie ihre Arbeit als Bewacher eines mauergeschützten Regimes schon verloren. Dies konnte man alles live miterleben, in einer Zeit, in der das Fernsehen zu einem für beinahe jedermann erschwinglichen Volksmedium geworden war, da es einem gestattete, genau mitzuverfolgen, was auf der Welt passierte.
    Die Ereignisse in Deutschland vermochten ohne weiteres die Fantasie der Zuschauer an verschiedenen Orten der arabischen Welt anzuregen, zumal ähnliche Flutwellen gegen die Mauern (im realen und im übertragenen Sinne) der totalitären Regimes in der Sowjetunion und in Osteuropa brandeten und deren Stützpfeiler schließlich hinwegschwemmten. Was sich da in Bild und Ton am Bildschirm zutrug, war ein neuer Frühling der Völker. Viele in Regierung und Opposition sowie Leute aus anderen Gesellschaftsschichten gelangten schnell zu der Einsicht, dass die Freiheit dabei war, wie eine Epidemie um sich zu greifen, und dass der Frühling der Völker möglicherweise auch bei den Arabern Einzug halten könnte.

    Der Traum von einem baldigen Frühling der Völker in der arabischen Welt sollte jedoch nicht lange anhalten. Denn im Inneren des arabischen Hauses fand, kaum neun Monate nach dem Fall der Berliner Mauer, ein Erdbeben ganz anderer Art statt, dessen Nachwirkungen im Laufe der folgenden 20 Jahre immer wieder zu spüren sein würden. Gemeint ist hier der irakische Einmarsch in Kuwait, welcher einen Versuch darstellte, die Landkarten und Grenzen zu verändern. Ihm folgte ein entgegengerichteter Versuch der USA, die Welt nach den ideologischen Ambitionen und Vorstellungen der Neo-Konservativen aufzuteilen.
    Ein arabischer Intellektueller sah in jenem Ereignis, unmittelbar danach, einen Versuch, der Geschichte eine neue Marschrichtung zu verpassen. Auch wenn es unterschiedliche Lesarten für ein Ereignis von diesem Ausmaß gab, so scheint es doch nicht unangebracht zu sein, es als überstürzte und falsche Übertragung von dem, was in Europa damals an historischer Neuorientierung stattfand, zu betrachten.
    Es stellte sich heraus, dass der Lauf der Geschichte, wie er sich in dem irakischen Einmarsch in Kuwait und den nachfolgenden direkten und indirekten, bis heute andauernden Kriegen manifestierte, den Frühling der Völker auf ungewisse Zeit hinauszögerte. Es wurden neue Tatsachen geschaffen, von denen vielleicht die beiden am deutlichsten hervorstechenden der Aufstieg eines auf Identität ausgerichteten Politikverständnisses und die Fixierung auf das Eigene waren, in einer in der modernen arabischen Geschichte bisher nie da gewesenen Weise.
    Den Herrschaftseliten in der arabischen Welt gelang es, inneren Reformen aus dem Weg zu gehen, und zwar unter dem Vorwand, die herrschende Ordnung vor inneren und äußeren Gefahren – seien es reale oder eingebildete – zu schützen. Die „Massen“ liefen in die Falle extremistischer und fundamentalistischer Ideologien, die sich gegen den Westen richteten, und gegen jedwede Modernität und Modernisierung, welche man im Laufe der Herausbildung des modernen Staates in der arabischen Welt mit dem Westen assoziiert hatte.
    Als erster Anachronismus ist in dieser Hinsicht die Tatsache zu sehen, dass die mit dem Westen verbündeten arabischen Eliten, die sich nach dem Ende des Kalten Kriegs auf der Siegertribüne wiedergefunden hatten, und bei denen es sich um konservative Eliten mit traditionellen Vorstellungen handelte, ihre neue politische Position und ihre ungeheuren finanziellen Ressourcen dazu verwendeten, identitätsfixierte politische Strömungen zu stärken und sich auf fast schon pathologische Weise auf das Eigene zu konzentrieren.
    In diesem Zusammenhang konnte man (und kann man noch heute) von einer Art Ironie der Geschichte sprechen. Denn ebenso wie die auf Identität und auf das Eigene ausgerichtete Politik dazu beiträgt, den ideologischen Einfluss der politisch mit dem Westen verbündeten Eliten in der arabischen Welt zu stärken, trägt sie auch dazu bei, die Kluft zwischen den arabischen „Massen“ und den westlichen Verbündeten zu vertiefen.
    Der zweite Anachronismus hat mit der Tatsache zu tun, dass das auf Identität und Fixierung auf das Eigene ausgerichtete Politikverständnis sowie die dahinter stehenden fundamentalistischen Parteien und Strömungen im Prinzip nicht gegen die Idee eines totalitären Regimes sind, sondern gegen das, was sie als westliches Regierungsmodell betrachten. Folglich werden Gedanken wie die einer Zivilgesellschaft, der Gleichberechtigung und des Prinzips von Wahlen von deren Seite als Importware betrachtet, die nicht ohne weiteres mit lokaler Kultur und Tradition zu vereinbaren sei.

    Der irakische Versuch, der Geschichte eine neue Marschrichtung zu verpassen, war eine Fehlinterpretation der globalen Machtbeziehungen nach dem Kalten Krieg. Was dabei an katastrophalen Ergebnissen herauskam, trug dazu bei, die Palästinenser (welche sich nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Blocks auf den vorderen Plätzen der Verlierer wiedergefunden hatten) davon zu überzeugen, dass sie keine andere Wahl hätten, als sich an die im Entstehen begriffene neue Weltordnung anzupassen. Dies manifestierte sich anschließend in dem Versuch, eine Lösung für den palästinensisch-israelischen Konflikt auf dem Wege direkter Verhandlungen mit Israel zu suchen.
    Die weitere Entwicklung hat gezeigt, dass jener Versuch – der zumindest ansatzweise eine richtige Antwort auf das Beben war, von dem auch die arabische Welt nach dem Fall der Berliner Mauer erschüttert wurde – heutzutage viel von seiner ihm innewohnenden Dynamik und seiner Realisierungsmöglichkeit verloren hat. Denn ihm steht eine neue Mauer aus Eisenbeton, Stacheldraht, Wachtürmen und Gewehrläufen gegenüber.
    Wenn man aus der Erfahrung vom Bau und vom Fall der Berliner Mauer eine Lehre ziehen kann, dann die, dass der Mauerfall nur möglich wurde, weil die Bewohner auf beiden Seiten deren Existenz ablehnten, und auf vielfältigste Weise an deren Überwindung mitwirkten. Vielleicht birgt eine Tatsache wie diese ein wenig Trost und Hoffnung für Palästinenser und Israelis, deren Streit sich immer noch gegen die Notwendigkeit – und Möglichkeit – einer Verhandlungslösung sträubt.
    Eigentlich sollte der von palästinensischer Seite unternommene Versuch, die Geschichte in neue Bahnen zu lenken, den Frühling der Völker schneller eintreten lassen. Da aber jener Versuch vor dem Hintergrund einer im Entstehen begriffenen neuen Weltordnung stattfand, waren ihm nicht die verdienten Erfolgschancen beschieden. Denn es handelte sich dabei um eine Weltordnung, die sich durch Chaos und durch einen Zusammenbruch des Gleichgewichts auszeichnete, und die zwischen dem Gefühl von einem „Ende der Geschichte“ und den düsteren Vorboten von einem „Kampf der Kulturen“ hin- und hergeschüttelt wurde.
    Hier zeigt sich wieder: Die am schwierigsten zu beantwortende Frage unserer Zeit ist die Palästina-Frage. Sie wird noch zusätzlich durch die ganz real vor Ort existierende Mauer erschwert, die einen Versuch seitens eines nationalistischen, religiösen und extremistischen Fundamentalismus darstellt, von fremdem Boden Besitz zu ergreifen. Dieser Fundamentalismus ist grenzüberschreitend und speist sich aus einem auf Identität und Fixierung auf das Eigene ausgerichteten Politikverständnis. Wenn ein solcher Versuch Erfolg haben sollte, wird dies zwangsläufig zum Entstehen einer weiteren Mauer, diesmal im übertragenen Sinne, führen, welche sich diesem Versuch entgegenstellt.

    Von Zeit zu Zeit taucht in der arabischen Welt am fernen Horizont das Phantom eines Frühlings der Völker auf, nur um rasch wieder zu verblassen und nichts als Enttäuschung zu hinterlassen. Und dennoch: Eines schönen Tages brachte mir der Postbote einen kleinen Stein, von einer Mauer, die an einem fernen Ort in sich zusammengebrochen war. Er bezeugt mir Tag für Tag, dass die Realität immer wieder erstaunliche Überraschungen hervorbringt, solange die Menschen auf die Idee kommen, die Geschichte selbst in die Hand zu nehmen. Wer hätte geglaubt, dass jene Mauer, deren Erbauer vorhergesagt hatten, sie würde noch 100 Jahre stehen, schon nach weniger als 30 Jahren fallen würde, ohne dass man ihr eine Träne nachweinen würde, und dass sich einige ihrer Splitter auf dem Postwege über die ganze Welt zerstreuen würden?

    Hassan Khader
    ist palästinensischer Schriftsteller und lebt in Berlin.

    Übersetzung: Rafael Sanchez
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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