Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Der konsensuale Gott
    Zum 80. Geburtstag von Jürgen Habermas

    Jürgen Habermas; Foto: Isolde OhlbaumDie himmlischen Dinge mögen ihre Bedeutung haben, aber mindestens ebenso wichtig sind die irdischen Angelegenheiten. Wie steht Jürgen Habermas zur Religion?


    Zweifelsfrei lebt der Mensch allein auf Erden. Dass es nach dem Ableben für ihn irgendwo anders weitergeht, mag man hoffen, aber zweifelsfrei sicher ist es nicht. Insofern kommt es darauf an, sich zunächst auf das Naheliegende, also das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Und den Rest, die transzendenten Dinge, kann man getrost über Bord werfen.

    Kann man es wirklich? In seiner Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels im Herbst 2001, kurz nach den Anschlägen des 11. Septembers, ging Jürgen Habermas zu einem allzu forschen Säkularismus auf Distanz. Natürlich, der Säkularismus war und ist eine Erfolgsgeschichte: Er half die Religionen zähmen und stutzte Ansprüche, die zu weit gingen, allen voran den Zugriff auf die politische Macht. Wenn Päpste und Kardinäle, einschließlich der gut gerüsteten Truppen hinter ihnen, keinen Zugriff haben auf das, was landauf, landab gedacht, geschrieben und erforscht wird, dann denkt, schreibt und forscht es sich gleich ungemein besser. Die fromme Denkungsart, die das Tyrannische leider allzu oft streift, schränkt die Köpfe nicht mehr ein, und was diese Köpfe entwickeln, das machte lange Zeit Europas Größe aus. Man nannte es Aufklärung, Moderne, Fortschritt. Und lange Zeit durfte man stolz darauf sein.

    Und zwar solange, bis man merkte, dass die „nachmetaphysisch abgerüstete Welt“ auf ihre Art auch wieder aufrüstete. Diese Lektion musste man im 20. Jahrhundert lernen, der Ära der großen Heilslehren, deren Verwandlung in totalitäre Systeme Theodor W. Adorno und Max Horkheimer nach Ende des Zweiten Weltkriegs als „Dialektik der Aufklärung“ beschrieben. Eines stand fortan fest: Die über sich selbst nicht aufgeklärte Aufklärung ist monströs. In ihrer nationalsozialistischen und sowjetischen Variante wurde sie zu den mörderischsten und kriminellsten Systemen, die die Welt je gesehen hatte. Der Weg zum Heil führte schnurstracks in die Konzentrationslager der Nazis und die Gulags der Kommunisten.

    Habermas, Jahrgang 1929, hat diese Schrecken miterlebt. Und sie haben sein gesamtes Denken geprägt, und nicht nur seines, sondern das seiner Generation überhaupt. Ralf Dahrendorf und Walter Jens, Martin Walser, Günter Grass und Siegfried Lenz: Sie und viele andere verarbeiteten auf je eigene Weise die Dramen der monströs gescheiterten Heilslehren. Und wenn diese Heilslehren ein Gutes hatten, dann dieses: Sie lehrten, auch den eigenen Einflüsterungen nicht allzu leichtfertig Glauben zu schenken.

    Wie also lässt sich die Vernunft politisch zähmen? Oder besser: Wie lässt sich verhindern, dass Argumente zu Selbstläufern werden und darüber zu Ideologien verhärten? Diesen Fragen ging Habermas nach, und die Antworten, die er gab, lieferten die philosophische Variante der demokratischen Selbstfindung, die sich Deutschland in den Jahrzehnten nach dem Sündenfall aufs Programm schrieb. Das Prinzip der „checks and balances“ erhob Habermas zum vornehmsten Grundsatz der diskursiven Ordnung moderner Gesellschaften: Alles – fast alles – kann behauptet und gefordert werden, aber es muss sich Kritik und Einspruch stellen, muss auf den öffentlichen Prüfstand kommen. Alles geht, aber nur, nachdem alle gehört worden sind.

    Die Bürger sollten keine Anweisungen von oben mehr empfangen. Stattdessen sollten sie selbst öffentlich intervenieren, Standpunkte formulieren und in eine umfassende Diskussion einfließen lassen. An deren Ende stünde dann der Kompromiss. „Konsensual“ heißt dieses Verfahren, das wie kein anderes das Selbstverständnis der Bundesrepublik traf und trifft. Fast könnte man meinen, der Konsensualismus sei zur neuen Religion der Bundesrepublik geworden.

    Umso schmerzhafter fiel irgendwann auf, dass die alte Religion, der Glaube an den einen Gott, in Deutschland kaum mehr eine Rolle spielte. Gott hatte Europa verlassen, und auch die Schrecken der menschlichen Alleinherrschaft hatten ihn nicht zur Rückkehr bewegen können. Zu spüren bekamen das vor allem die Christen (die Juden hatte man ja getötet), deren Stimmen in der konsensualen Streitkultur immer weniger zu hören waren. Dass sie womöglich fehlten, bemerkte Habermas, sich selbst mit einem Wort Max Webers als „religiös unmusikalisch“ bezeichnend, recht spät. Erstmals äußerte er den Gedanken im Herbst 2001, nach den Attentaten des 11. Septembers also, anlässlich der Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

    Habermas verband in seiner Dankesrede zwei Motive: den Schrecken über die Anschläge – und das Unbehagen über die Folgen des verflachenden kulturellen Niveaus in Zeiten medialer Verdichtung, ausgelöst vor allem durch die Einführung des Privatfernsehens. Die Streitkultur früherer Jahre war zu nicht endendem Gefühlsgeplapper und enthemmter Befindlichkeitsduselei verkommen. In einer solchen Situation, befand Habermas, sei es an der Zeit, sich daran zu erinnern, dass es auch andere Themen, Themen einer anderen Gewichtsklasse gebe. Und die Themen der höchsten Klasse, zu denen auch solche moralischen Empfindens gehören, lassen sich Habermas zufolge am besten mithilfe der Restbestände religiöser Sprache artikulieren. Darum sei eben auch eine überwiegend weltlich ausgerichtete Gesellschaft auf das religiöse Erbe angewiesen: „Eine Säkularisierung, die nicht vernichtet, vollzieht sich im Modus der Übersetzung.“

    Jürgen Habermas: Philosophische Texte; Foto: Suhrkamp VerlagIn seiner Rede und in den Schriften der folgenden Jahre deutete Habermas den Niedergang der Religion als Verlust wertvoller Traditionen – und zwar auch und gerade mit Blick auf den so genannten Kampf der Kulturen, den man in weniger aufgeregter Sprache auch als missverständliches Verhältnis hauptsächlich zwischen West und Ost, Okzident und Orient bezeichnen kann. Die Verstimmungen sieht Habermas wesentlich in dem Umstand begründet, dass der Westen der große Nutznießer der Moderne, vor allem ihrer politischen und materiellen Vorteile, sei. Der Osten hingegen findet sich Habermas zufolge auf einem langen Lauf, der bislang noch an kein befriedigendes Ziel geführt hat. Armut, autoritäre Systeme, eine Bildung auf oft niedrigem, bis zum Analphabetismus reichendem Niveau: Wer so drastisch durch die modernen Zeiten getrieben worden ist wie die Länder der arabischen Welt, der kann kaum anders, als enttäuscht zu sein. Die Enttäuschung mag umschlagen in Wut angesichts der Selbstgefälligkeit, die der Westen dem Rest der Welt gegenüber an den Tag legt: Er tritt auf mit „der aufreizend banalisierenden Unwiderstehlichkeit einer martialistisch einebnenden Konsumgüterkultur“ und in „normativ entkernter Gestalt“. Der Westen bleibe unglaubwürdig, „solange er mit Menschenrechten nicht viel mehr als den Export von Marktfreiheiten im Sinn hat und im eigenen Haus der neokonservativen Arbeitsteilung zwischen religiösem Fundamentalismus und entleerender Säkularisierung freien Lauf lässt.“ Man versteht, warum Habermas der Religion, dem weltgrößten Sinnfabrikanten, auch aus nüchtern-säkularer Perspektive nachtrauert: Nicht nur die Welt der Dinge macht die Menschen glücklich. Auch auf die Welt der Worte kommt es an – vor allem der aufrichtig gemeinten Worte.

    Fragt sich nur: Sind Religionen per se Garanten der Aufrichtigkeit? Kann man Behauptungen schon darum trauen, weil sie in transzendent gedachtem Umfeld geäußert werden? Ganz offensichtlich nicht. Die Kriminalgeschichte des Christentums ist schon geschrieben, die anderer Religionen stehen noch aus. Religionen riskieren leicht, indoktrinierend und absolutistisch aufzutreten. Eben damit haben moderne Gesellschaften, auch die moderne Weltgesellschaft, ein Problem. Ihre Aufgabe ist es nämlich, konkurrierende Ideologien und Glaubensrichtungen miteinander in Einklang zu bringen – in dem Sinn, dass sie zwar religiös, aber nicht politisch miteinander konkurrieren. Undenkbar ist das nicht, denn: „Verschiedene Werte schließen sich nicht wie verschiedene Wahrheiten gegenseitig aus.“ Die Vorstellung einer religiösen Konkurrenz, die zwar zum Wort, aber nicht mehr zur Waffe greift, kommt letztlich auch den Religionen selbst zugute. Denn in äußerlich entspannter Atmosphäre haben sie umso größere Gelegenheit, sich um ihre eigentlichen Dinge, die Fragen eines gelingenden, angemessenen Lebens zu kümmern. Uneingeschränkte Traditionspflege also, die nach Habermas allein in der Lage ist, Tradition und Moderne miteinander zu versöhnen. Denn Impulse zur neuen Lesart alter Texte, zur kritischen Durchsicht bisheriger Überzeugungen entstehen erst dann, wenn Religionen sich gegen äußeren Druck nicht mehr verteidigen, um ihre Existenz nicht fürchten müssen – und sich darum weder nach innen noch außen verhärten.

    Die Durchsicht oder Revision der Tradition heißt allerdings nicht, sie über Bord zu werfen. Das will auch der säkulare Rechtsstaat nicht, und noch weniger der postsäkulare – ein Staat also, der seine neutrale Weltanschauung nicht zum Gebot des Laizismus oder Atheismus hochstilisiert. Ein solcher Staat würde seinerseits doktrinär und ideologisch: „Die Gewährung gleicher ethischer Freiheiten erfordert die Säkularisierung der Staatsgewalt, aber sie verbietet die politische Überverallgemeinerung der säkularisierten Weltsicht.“

    Die Dialektik der Aufklärung schlägt bis heute ihre Volten. Sie wird sie wohl für alle Zeiten schlagen. Wie ließe sich ihr zumindest ansatzweise beikommen? Wohl nur durch eine Debatte auf globalem Niveau, eine Debatte, deren Teilnehmer das gleiche Stimmrecht haben. Ganz nebenbei würde so noch etwas anderes sichtbar: die Schönheit des Denkens in seinen regionalen Varianten, den Geistesblitzen aus allen Himmelsrichtungen, nicht zuletzt den Gedankenschüben aus Orient und Okzident.

    Kersten Knipp
    lebt als Kulturjournalist in Köln.

    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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