Foto: Kai Wiedenhöfer

    Mauerfälle – 1989 und die Folgen

    Mauerreise in Palästina
    Ein Kunstprojekt des Goethe-Instituts

    Das Mauerreise Projekt in Ramallah; Foto: Mira Stobbe © Goethe-Institut e.V.Anlässlich des 20jährigen Jubiläums des Mauerfalls hat das Goethe-Institut die Wanderausstellung „Mauerreise“ konzipiert. Über die Station Ramallah berichtet unser Korrespondent aus Palästina.

    „Mauerreise“ oder „Meine Geschichte ist deine Geschichte: Liebesgrüße aus Palästina…“ – so heißt eine Ausstellung von Installationskunst junger Palästinenser, die sich mit der Sperrmauer in Palästina beschäftigt. Sie wurde diesen Sommer am Goethe-Institut Ramallah organisiert, wird jedoch erst im Herbst ihren krönenden Abschluss finden, genauer gesagt am 9. November 2009, dem 20. Jahrestag des Falls der berühmten Berliner Mauer. Dann werden dominosteinartige Gebilde, die den Teilstücken der Berliner Mauer nachempfunden sind, zu einem erneuten Einsturz gebracht werden, welcher symbolträchtig an den Fall der Berliner Mauer erinnern soll. Unter diesen „Dominosteinen“ werden sich auch die Beiträge aus Palästina befinden, Seite an Seite mit Kunstwerken aus Ländern, die ebenfalls unter Sperrmauern zwischen Bevölkerungsgruppen, oder sogar mitten durch ein und dasselbe Volk hindurch, zu leiden hatten oder noch leiden.

    Der rote Faden bei „Mauerreise“ und „Meine Geschichte ist deine Geschichte: Liebesgrüße aus Palästina…“ ist der Einfluss der Mauer auf das Leben der Menschen hier und dort. Denn diesen ist eines gemeinsam: Sie wollen miteinander in Kontakt treten können, statt voneinander getrennt zu sein! Der vor Ort in Palästina organisierte Teil der Ausstellung steht im Kontext einer großen Zahl von Kunstwerken diverser Formen, Stile und Genres: bildende Kunst, Fotografie, Musik, Gesang, Theater, Film… Diese Ausstellung will den Bau der Sperrmauer in Palästina, welcher im Jahr 2002 begann, kritisch kommentieren und reiht sich ein in das Themenfeld „künstlerischer Widerstand gegen die Mauer“. Zu diesem haben neben den Palästinensern auch Künstlerinnen und Künstler aus verschiedenen Ländern der Welt ihren Beitrag geleistet – sei es, um Solidarität in Form von Kunst zu zeigen, sei es, weil sie sich von dem Thema „Mauer“ als einer künstlerisch attraktiven und lebensnahen Thematik angezogen gefühlt haben. Für einige mag es auch eine Mischung aus beidem gewesen sein.

    Seit 2002 bis heute dauert der Bau der Apartheidsmauer nun schon sieben Jahre an. Sie ist – aufgrund ihrer Länge und der ausgefeilten Technik ihrer Bauweise, die sie in die Lage versetzt, selbst das Geräusch von Vogelgeflatter und den Geruch von wildem Thymian zu detektieren – noch nicht fertig. Sieben Jahre, im Laufe derer sich ein Phänomen von globaler Relevanz herausgebildet hat, welches inzwischen auf eine eigene Geschichte zurückblicken kann: die Geschichte des Mauerbaus und die des künstlerischen Widerstands dagegen!

    Die Ausstellung „Meine Geschichte ist deine Geschichte“, die ihre Inspiration aus der Sperrmauer bezieht, findet also in einem lokalen und in einem internationalen Kontext statt, insofern, als dass sich Künstler auf der ganzen Welt – unter ihnen auch Künstler aus Palästina – an dem Jubiläum zum Fall der Berliner Mauer beteiligen, und zwar in Form einer symbolischen Zerstörung. Die Mauer ist somit überall – in Deutschland, Palästina und anderswo – mit allem, was sie symbolisiert, zu einem Thema der engagierten Kunst geworden.

    Es handelt sich, historisch und gegenwartsbezogen betrachtet, um einen humanitären Ansatz par excellence. Dieser manifestiert sich auf der ganzen Welt im Bemühen der Menschen, Widerstand gegen die sie trennenden Grenzen zu leisten, unter anderem gegen die rassistischen Grenzen, die verabscheuungswürdigsten von allen. Jenes Engagement besteht in physischem Widerstand und anderen Widerstandsformen wie der Kunst, der Literatur und der Philosophie.

    So haben wir es künstlerisch und ideell mit einer Überschneidung der Interessen von Palästinensern und Deutschen zu tun: Erstere setzen die Kunst als Ausdruck des Widerstands gegen die Mauer ein, und letztere gedenken damit an deren Fall vor 20 Jahren.

    Viele Jahre sind zwischen 1989, dem Jahr des Mauerfalls in Berlin, und 2002 vergangen. Jedoch nicht genug, damit Israel seine Lektion aus der Geschichte gelernt hätte. Es hat sich stattdessen eifrig daran gemacht, diejenigen zu imitieren, die das Auseinanderreißen der Bevölkerung vorgemacht haben. So treibt es den Bau der Sperrmauer und die Annexion palästinensischen Territoriums immer noch weiter voran und lässt dabei die Lehren der Geschichte bewusst außen vor. Während die Deutschen heutzutage die positive Bedeutung des Mauerfalls bezeugen können, sind die Palästinenser nun diejenigen, die unter einer solchen Mauer zu leiden haben und auch noch in Zukunft leiden werden. Das Tragische daran ist, dass für sie – angesichts einer dermaßen rassistischen Mentalität ihrer Besatzer – gar nicht abzusehen ist, wie lange sich ihr Leiden hinziehen wird.
    Wir haben es hier also mit vergleichbaren Aspekten zu tun, wie beim „tertium comparationis“ in der Literatur. In diesem Fall ist es die Kunst, über die der Vergleich erfolgt. Ihr kommt eine humanitäre Rolle zu. Nicht indem sie Erfahrungen, die verschiedene Völker (unter anderem das palästinensische Volk) mit diesem Thema gemacht haben, miteinander vergleicht, sondern indem sie sich einreiht in eine idealistische Solidarität im Kampf gegen die Mauern.

    Der Vergleich bringt Unterschiede zu Tage, die nicht gerade zu Gunsten der israelischen Besatzung sprechen: 720 km Länge, sechs bis acht Meter Höhe – das sind die Fakten der Sperrmauer hier. Die gefallene, heute nicht mehr existierende Mauer war hingegen kleiner: 155 km Länge bei 3,5 bis 4,2 Metern Höhe. Sie erreichte eine Lebensdauer von 28 Jahren!

    Eine ist schon gefallen, die anderen sind auf dem besten Weg dazu

    Jörg Schumacher, der Direktor des Goethe-Instituts in Ramallah, weist darauf hin, dass Deutschland am 9. November den 20. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer begehen wird, vor dem berühmten Brandenburger Tor in Berlin. Die Gegend dort zwischen Potsdamer Platz und Reichstag (dem deutschen Parlament) werde Schauplatz von 1000 aneinandergereihten „Dominosteinen“ sein. Junge deutsche Künstler hätten sie nach dem Vorbild jener Betonblöcke gestaltet, die man zum Bau der Berliner Mauer verwendet habe.

    Dann würden Studenten und berühmte Künstler die Umsturzaktion der Dominosteine in die Wege leiten. Alle Kunstwerke würden zertrümmert, um symbolisch den Fall der damaligen Mauer zu feiern, sowie der Vorfreude auf den Fall noch bestehender Mauern Ausdruck zu verleihen.

    Laut Schumacher werde man eine Reihe von Mauerstücken auswählen, die von Künstlern aus verschiedenen Ländern, die unter der Idee der Teilung gelitten haben (oder noch leiden), hergestellt worden seien. Diese würden zu den 1000 Mauerstücken hinzukommen.

    Eine mutige Haltung, die Herr Schumacher da zu erkennen gibt, vor allem wenn er offen von den anderen Mauern spricht, die auch noch fallen würden, und unter denen sich – auch wenn er das aus Rücksicht auf die Diplomatie nicht explizit erwähnt – die Sperrmauer Israels befindet.

    Eine Mauer geht um die Welt!

    Aliya Rayyan vom Goethe-Institut beschreibt die Idee so: „Tatsache ist, dass diese Idee nicht einfach nur gut gemeint ist. Vielmehr steht diese Reise ganz im Zeichen der Hoffnung und der Solidarität zwischen den Völkern über alle Grenzen hinweg. Schließlich wird am Ende der Reise die Mauer zum Einsturz gebracht werden. So jedenfalls empfinden es die an dem Projekt „Mauerreise“ beteiligten Palästinenser, Menschen, deren Alltagsleben durch die Existenz einer ganz realen Betonmauer belastet wird.“

    Die Reise soll wie gesagt darauf aufmerksam machen, dass auf der Welt immer noch andere Mauern existieren. So waren Anfang Mai bereits jeweils 20 symbolische Stücke der Berliner Mauer nach Palästina, Israel, Korea, Zypern, Jemen und an andere Orte geschickt worden, wo Teilung und Grenzziehungen ihre Schatten auf das dortige Alltagsleben werfen. Diese Steine sollen quasi als Leinwände dienen, auf die Künstler, Intellektuelle, Akademiker und junge Leute das projizieren können, was sie im Zuge der direkten Konfrontation mit dem Phänomen „Mauer“ fühlen. Bei der Abschlussveranstaltung im November wird man erleben, wie diese Mauerstücke zu Dominosteinen aufgereiht werden, welche in einem symbolischen Akt einer nach dem anderen umfallen werden, in Erinnerung an den Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren.

    Das Mauerreise Projekt in Ramallah; Foto: Mira Stobbe © Goethe-Institut e.V.Im Rahmen eines von der Künstlerin Vera Tamari und dem Ingenieur Yazid Anani geleiteten Kunst-Workshops haben 30 Studentinnen und Studenten der Architektur an der Universität Birzeit in gemeinsamen Arbeitsgruppen diese Kunstobjekte geschaffen, wobei sie sich der Methode der Installationskunst bedient haben. Mit dieser Arbeit wollen die Studierenden ihre Hoffnung bekräftigen, eines Tages die Mauer zu überwinden, wie sie sagen und wie es ihre Zeichnungen auf den großen Dominosteinen zum Ausdruck bringen: „Wir wollten die Zerbrechlichkeit hervorheben, denn nichts bleibt auf ewig, wie es ist.“

    Aliya Rayyan stellt sich folgende Frage (zu der ich leider auch nichts Klärendes beitragen kann): „Werden die palästinensischen Werke auf ihrer Reise mit den israelischen Werken zusammentreffen? Und welche von beiden werden als erste in Berlin ankommen?“ Denn drei der von Studierenden der Universität Birzeit hergestellten Werke werden – Frau Rayyan vom Goethe-Institut zufolge – ihre Reise nach Berlin über Israel antreten. „Die Ironie des Schicksals will es, dass diese Werke auf ihrer Reise ins Ausland die reale Mauer durchqueren werden!“

    Es ist ein gutes Zeichen, dass sich junge israelische Künstler an einer Kunstausstellung beteiligen, die sich dem Konzept der Mauern und des Rassismus widersetzt; ja es wird wirklich ein bedeutender Schritt sein, wenn es so weit kommt. Denn dadurch wird es noch mehr künstlerische Aktivitäten auf Seiten der Israelis geben, die sich gegen den Bau der Sperrmauer wenden. Diese Ablehnung macht deutlich, dass es selbst innerhalb der israelischen Gesellschaft – der dort vorhandenen Siedlungsideologie zum Trotz – kritische Stimmen gibt. Sie ist das Ergebnis einer richtig verstandenen Interpretation der Geschichte, welche immer wieder gezeigt hat, dass Mauern fallen können, wenn Menschen ihren Verstand einsetzen – was jene, die Mauern gebaut haben und immer noch bauen, bestimmt nicht tun!

    Meine Geschichte ist deine Geschichte: Liebesgrüße aus Palästina

    Immer wenn sie die Mauer passieren oder daran entlanggehen, sehen die Studenten zwangsläufig die darauf angebrachten Graffitis und werden natürlich davon beeinflusst. So ist es nicht verwunderlich, dass diese von der Mauer geprägten Künstler Werke geschaffen haben, die sich gegen die Mauer richten und sich ironisch mit ihr auseinandersetzen. Dabei sind fünf Gruppenarbeiten entstanden:

    „Freiheit – Helligkeit – Aufrichtigkeit“

    Entwurf: Jana al Araj, Rana Hannouneh, Rula Zhour, Shadi Hoshieh, Maha Mohtasib und Ru'a Jaber.
    Das Motiv: Ein Olivenbaum, der die Mauer durchbricht. Er besteht aus bunten Vierecken, die von den Werken des Malers Piet Mondrian inspiriert sind. Diese Farben drücken die Hoffnung und die Lebensfreude des palästinensischen Volkes aus. Einige von den Rechtecken wirken, als hätte der Baum sie von sich abgestoßen, so wie Blätter, die beim Aufkommen starker Windböen von den Ästen hoch in die Luft gewirbelt werden. Seit hunderten von Jahren und quer durch unterschiedliche Kulturen symbolisieren zu einem Kranz geformte Olivenbaumblätter den Sieg. Man krönt damit die Sieger von Sportwettkämpfen und von Kriegen.

    „Die Geschichte von Faris“

    Die zweite Gruppe (Rina Abu Ghannam, Riham Saadeh, Hiba Talalweh, Atheer Muhibb, Maliha Mahmud, Dua’ al Baba) hatte sich dazu entschlossen, die Geschichte von Faris im Stil eines Comics zu erzählen, damit sich Jung und Alt mit ihr identifizieren können. Außerdem brachte das einen spielerischen Aspekt in die Sache. Die Geschichte selbst ist von einem Lied des Sängers Marcel Khalife, „Tifl wa tayyara“ („Ein Kind und ein Flugzeug“), inspiriert. Sie beginnt mit einem Jungen, der beim Ballspielen plötzlich ein Flugzeug sieht, woraufhin er seine Freunde ruft, damit sie es sich anschauen kommen. Doch das Flugzeug wirft eine riesige Betonplatte ab, die sich an der Seite tausender weiterer wie Dominosteine aufgereihter Betonplatten einfügt, aus denen die Sperrmauer entstehen soll. Das Kind bemerkt, dass der Ball verschwunden ist, und ärgert sich.

    Der Ball ist hier ein Symbol dafür, welche Folgen es hat, wenn die Mauer uns von den Dingen trennt, die wir lieben – auch wenn es sich um ganz schlichte Habseligkeiten handelt. Faris trommelt seine Freunde zusammen, um gemeinsam die Mauer zum Einsturz zu bringen. Und eben weil die Mauer in Palästina noch nicht gefallen ist, hat die Gruppe beschlossen, eine im Einsturz begriffene Mauer zu malen.

    „Leicht zu löschen“

    Der aus Baha Ghosheh, Sultan Nabil, Abeer Muthafar, Amani Barakat und Ahmad Batieh bestehenden Gruppe ging es mit ihrem Entwurf darum, zu zeigen, dass für die Mauer kein Platz ist – weder hier noch sonst wo auf der Welt. Dazu bediente sich die Gruppe in ihrem Bild des Symbols eines Radiergummis. So soll nicht nur verdeutlicht werden, dass die Mauer leicht zu entfernen ist, sondern auch, wie grotesk sie eigentlich ist!

    Die Mauer wurde mit Lackspray, wie es auch in der Graffiti-Kunst zum Einsatz kommt, bemalt. Dies soll ihre Angreifbarkeit und Absurdität zum Ausdruck bringen. Man braucht keine Bulldozer, um sie zu entfernen, sondern nur einen Bleistift mit einem Radiergummi, und schon hat man mit ein paar Strichen die Zukunft neu gestaltet.

    An den Stellen, wo der Radiergummi die Mauer komplett wegradiert hat, kommt eine ländliche Natur zum Vorschein, die von den Freveltaten des Menschen noch unberührt geblieben ist. Eine friedliche Idylle, die durch nichts getrübt wird. Die Gruppe hatte sich dazu entschlossen, die Landschaftsdarstellung in einem abstrakten, von den Werken Van Goghs inspirierten Stil zu malen, um die Universalität der Mauerproblematik hervorzuheben, welche nicht allein auf Palästina beschränkt ist.
    Der Weg zwischen den Bäumen hindurch soll der Landschaft mehr Tiefe verleihen und jeden, der seine Augen darauf richtet, dazu bringen, ihm gedankenverloren zu folgen, hin zu einer besseren Zukunft fernab dieser ganzen Realität.

    „Es ist möglich“
    Hoffnung und Gemeinschaft – Wie kann zwischenmenschliche Solidarität zur Verwirklichung von Träumen führen?

    Dieser Idee verlieh die aus Marwa Tamimi, Aya Qirrish, Riham Marrar, Ayisha Kleibu und Tarek Joudeh bestehende Gruppe Ausdruck. Sie machte sich daran, abstrakte Figuren voller Witz und Ironie zu malen, damit die Betrachter sich mit den abgebildeten Figuren identifizieren und sich in die dargestellte Situation hineinversetzen können. Die aus der Arbeit entstandenen Figuren sind – verglichen mit der Höhe der Mauer – sehr klein, und außerdem fehlt es ihnen an geeigneten Hilfsmitteln zu deren Überwindung. So helfen sich diese Figuren mit Alltagswerkzeugen aus, die zur Überwindung der Mauer dienen. Man sieht, wie sie sich hilfsbereit gegenseitig abstützen, wenn sie mal ins Straucheln geraten, und wie sie sich aneinander festhalten, wenn sie zu fallen drohen. Dies alles in einer Situation, die von einem fragilen Gleichgewicht beherrscht wird – jede falsche Bewegung eines Einzelnen kann zum Einsturz des Ganzen führen. Der erste Kletterer hat es aber schon geschafft, die Mauer zu erklimmen und die andere Seite zu erreichen. Den anderen bleibt die Hoffnung, dass sie, wenn sie es nur beharrlich weiter versuchen, auch früher oder später ihr Ziel erreichen werden.

    „Gewebte Freiheit“

    Die fünfte und letzte, aus Hiba al Souki, Shifa' Salah, Rozan 'Imleh und Rinal Ghoul bestehende Gruppe zeigt eine traditionell gekleidete palästinensische Frau, die damit beschäftigt ist, eine Kufiya zu weben (in Anspielung auf die symbolische Bedeutung der Kufiya innerhalb der weltweiten Solidaritätsbewegung mit dem palästinensischen Volk). Angesprochen auf das nicht Vorhandensein des Gesichts erklären sie, dass sie die Frau bewusst so darstellen wollten, damit sie als Symbol für alle Frauen dienen könne (und vielleicht sogar darüber hinausgehend für den Menschen im Allgemeinen, egal ob Mann oder Frau).

    Die netzartige Kufiya entspricht in ihrer Webart der palästinensischen Gesellschaft. Jede Linie und jedes Tüpfelchen der Kufiya ist – so wie jedes Individuum innerhalb der Gesellschaft – ein Teil des sozialen Netzes, in dem der Einzelne nicht ohne die anderen existieren kann.

    Die Gruppe hatte Gefallen gefunden an dem Bild des Strickens und Webens. Sie sehen darin eine friedliche Aktivität zur Überwindung der Mauer, dem Symbol von Grausamkeit, Trennung und Verlust.

    Inspirationsquellen für Form und Inhalt

    Das Hindurchbrechen der Wurzeln des Olivenbaums durch die Mauer war nicht nur Ausdruck der Hoffnung sowie der Rolle der Kunst und des Wortes, sondern auch der alltäglichen visuellen Wahrnehmung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die einen solchen Anblick aus eigener Erfahrung kennen: Baumwurzeln, die alles, was es um den Baum herum an Erde, Gestein und Mauern gibt, durchbrechen.

    Gleiches gilt für das Bild des an der Mauer Hinaufkletterns, bei dem die Studenten anscheinend die Welt der Akrobatik und des Zirkus im Hinterkopf hatten, und ganz konkret auch bereits erfolgte Versuche, die Mauer zu erklimmen. Der bekannteste davon ereignete sich vor drei Jahren in einer Nacht gegen Ende des Ramadans, als Jugendliche mithilfe einer Pyramidenformation auf die Mauer kletterten.

    Ideologisch tendieren die angehenden Architekten mit ihrer Installationskunst dazu, die Kunst in den Dienst eines Widerstands gegen die Mauer mit friedlichen Mitteln zu stellen, wobei sie sich von physischer Gewalt distanzieren. Es ist schwer zu sagen, ob diese Tendenz bei ihnen wirklich schon ausgeprägt war, oder ob sie sich erst dazu durchringen mussten. Die Zustimmung der 30 Teilnehmer zur Vorstellung der Gewaltfreiheit wirft jedenfalls Fragen auf hinsichtlich der Grenzen der Einmischung seitens der Leiter des Workshops für visuelle Kommunikation, welcher der Ausstellung vorausgegangen war.

    Es geht uns hier nicht um eine Bewertung von Gewalt oder Gewaltlosigkeit, vielmehr besteht unsere Sorge darin, dass die Teilnehmer eine bestimmte ideologische Prägung erfahren. Denn wir bevorzugen eine Sichtweise, die eine Vielzahl ganz unterschiedlicher Vorstellungen ermöglicht, nicht nur eine einzige!

    Auch wenn man beeindruckt ist von der – wie im Falle der ersten Gruppe – von den Werken Piet Mondrians inspirierten Farbenvielfalt, welche Ausdruck von Hoffnung ist, und auch von der Entscheidung der dritten Gruppe, die Landschaft in einem abstrakten, den Werken Van Goghs entlehnten Stil zu malen, so hat man doch das Gefühl, dass die Idee dazu von den Seminarleitern kam.

    Es wäre besser gewesen, die jungen Leute einfach sich selbst zu überlassen. Künstlerischer und ideologischer Zwang schaden der Arbeit, sie sind gewissermaßen als Vereinnahmung des Denkens, des Geschmackssinns und der Erfahrung zu betrachten. Hier hat diese Vereinnahmung zu einer künstlerischen Bevormundung der Jüngeren durch die Älteren geführt. Es ist nicht das erste Mal, dass wir solche künstlerischen Bevormundungen beobachten können, die die jungen Künstler in eine bestimmte Richtung drängen.

    Es wäre besser gewesen, wenn die künstlerische Umsetzung von den Teilnehmern ausgegangen wäre, statt von der Wahrnehmung und den Erfahrungen der Älteren.

    Mauer für immer!

    Am Rande der Ausstellung wurde eine Reihe von deutschen Kurzfilmen gezeigt, darunter der Film, aus dem hier folgende Szene wiedergegeben werden soll:
    Kaum schreibt ein Mann den Slogan „Mauer für immer!“ auf eine Betonmauer, da taucht urplötzlich ein Riss auf, der den Ausdruck unlesbar macht!

    Dieser siebzigjährige Mann hat sich von seinen Nachbarn gestört gefühlt. Also setzt er alles daran, eine Mauer zwischen sich und ihnen zu errichten. Er beginnt tatsächlich mit dem Bau seiner Mauer, die den Blick nach drüben verstellen soll. Die Reaktionen schwanken zwischen Unterstützung, Ablehnung, Neutralität und Spott. Er fährt unbeirrt fort mit seinem Mauerbau, voller Hass gegenüber den Nachbarn, die offenbar erst kürzlich nach Deutschland eingewandert sind.

    Aus den Erfahrungen in Deutschland, Palästina, Korea, Jemen und Zypern lässt sich viel lernen. Wir wollen uns noch einmal den Ausspruch von Jörg Schumacher, dem Direktor des Goethe-Instituts, vergegenwärtigen, der von der Freude über einen bereits erfolgten und der Vorfreude auf einen noch bevorstehenden Mauerfall gesprochen hatte. Damit drückt er viel mehr aus, als es die Worte an sich vermuten lassen, in denen wohl auch ein gewisses Maß an Diplomatie und Rhetorik mitschwingt. Aber wie schon der Volksmund sagt, gelingt es letztendlich niemandem, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen.

    Tahsin Yaqin
    ist palästinensischer Journalist und lebt in Ramallah.

    Übersetzung: Rafael Sanchez
    Copyright: Goethe-Institut e. V., Fikrun wa Fann
    Dezember 2009

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